ÜS 99 erscheint am Sonntag gegen Paderborn, inkl. WM Special

Es ist soweit, der ÜS 99 erscheint am Sonntag zum letzten Heimspiel der Saison gegen den SC Paderborn. Und als kleinen Bonus gibt es, wie alle vier Jahre, auch dieses Mal wieder unser beliebtes (und dieses Mal 36-seitiges!) WM Special. Garantiert anders als das Kicker-Sonderheft, garantiert lesenswert.

Gleiches gilt natürlich auch für die Nr.99 als solche, und um Euch schon mal ein wenig auf den Geschmack zu bringen, hier ein Ausschnitt aus dem Redaktionsartikel zun den Vorfällen zwischen Fans, anderen Fan und dem Präsidium, welcher sich im Heft auf sechs Seiten erstreckt:

[…]
Irgendwas bleibt
Die Frage ist, was nach all diesen Geschehnissen übrig bleiben wird. Auf den ersten Blick ist es simpel: Ein Präsidium, welches sich ums finanzielle und sportliche kümmert, wofür es ja auch gewählt wurde und dem Fanbelange eher egal sind. Außerdem Fans eines Vereins, die in großen Teilen auf beiden Seiten des Schützengrabens hocken um wahlweise den Verein „nur“ als Fußballverein zu sehen oder eben mehr in diesen hineininterpretieren. Schade ist ganz sicher, dass bei vielen der eigentliche Auslöser in Vergessenheit geriet und man nur noch über die Blockade sprach.
Wird der FC St.Pauli sich durch derartige Vorfälle seiner Andersartigkeit berauben? Oder kann er es problemlos verkraften, wenn sich immer mehr frustrierte Ultras, Fanzinemacher, Fanclub-Sprecherräte und viele andere eher aktive Fans abwenden? Weil „irgendwie“ schon neue Leute nachrücken werden? Kann ein Präsidium nicht solide arbeiten und trotzdem auch vertrauensvoll mit Fanvertretern zusammen arbeiten, wie es ja teilweise in der Vergangenheit auch schon der Fall war, wenn man z.B. an den Kongress im letzten Sommer denkt?
Wir holen mal etwas aus und zitieren Nick Hornby: „Seinen Fußballverein sucht man sich nicht aus, er wird einem gegeben!“ Dies mag für viele Vereine zutreffen, denn wer würde sich Greuther Fürth, Paderborn, Altona 93 oder Hoffenheim „aussuchen“? Daher bleibt es bei einer eher übersichtlichen Klientel. Oftmals entscheidet der Wohn- oder Geburtsort oder die Vorliebe der Eltern oder des Freundeskreises, oft auch der bloße Zufall.
Doch gilt dies auch für den FC St.Pauli? Einen Verein, der noch nie etwas gewonnen hat, der nie mit fußballerischem Hochgenuss geglänzt hat, sondern bis Mitte der 80er in der Fanwahrnehmung kaum stattfand? Klar, auch hier finden sich Fans, die ganz einfach keine andere Wahl hatten und schon seit den 70ern oder noch länger ans Millerntor kommen und für die der FC St.Pauli einfach nur „ihr Fußballverein“ ist. Dies ist auch gut und wichtig so und soll keineswegs abwertend klingen oder gar gemeint sein. Doch wohl nirgendwo sonst gibt es derart viele, die irgendwann in ihrer Fanlaufbahn bewusst auf den FC St.Pauli umgeschwenkt sind (vom hsv oder einem beliebigen anderen Verein), als sie in der Lage waren, es sich „auszusuchen“. Fragt doch mal bei den Fanclubs außerhalb Hamburgs nach, warum deren Mitglieder Fans des FC St.Pauli sind. In der Regel werden die Antworten länger als zwei Sätze sein und sie werden viele nachvollziehbare Argumente liefern können, von denen kaum einer was mit „2.Liga“ oder „sportliches Abschneiden“ oder gar „finanzielle Stabilität“ zu tun haben dürfte. Andererseits reicht an der Müllverbrennungsanlage ein hysterisch heraus gezucktes „Nurderhsv!“ schon aus, um keine weiteren Fragen stellen zu wollen.
Nehmt Euch mal fünf Minuten Zeit und überlegt, warum Ihr irgendwann mal zum FC St.Pauli gekommen seid und welchen Anteil daran das sportliche oder wirtschaftliche hatte und welchen Anteil „Die Fans“, in welcher Form auch immer. Und fragt Euch auch, ob diese „Fans“ ohne die momentan so beschimpfte „aktive Fanszene“ und insbesondere den Fanladen die gleichen gewesen wären.
Um es erneut klar zu sagen: Natürlich hat das aktuelle Präsidium immense Verdienste. Das Stadion, die finanzielle Konsolidierung, das Vertrauen auf die richtigen Leute im sportlichen Bereich. Aber warum kann man diese Dinge nicht auch noch um ein vernünftiges Miteinander mit den Fans erweitern, dass schwächt doch die anderen Punkte nicht, im Gegenteil?
Und hier nähern wir uns dem Dilemma:
Wie philosophierte ein Redaktionsmitglied vor kurzem so schön:
„Der FC St.Pauli ist für mich mehr als nur ein Fußballverein. Ich will meinem Sohn, wenn er alt genug ist um mit mir über Fußball zu reden, erklären können, warum ich am Wochenende immer für 90 Minuten nur bedingt zurechnungsfähig bin. Er soll in der Schule gegenüber den Klassenkameraden mit dem hsv-Etui ein mitleidiges Lächeln übrig haben und mit stolz geschwellter Brust erzählen können, dass er St.Pauli Fan ist. Er soll erklären können, dass Ultras beim FC St.Pauli sich für diverse soziale Projekte einsetzen, dass es den „Fanladen“ gibt, der unglaublich viel soziale Arbeit, auch im Stadtteil macht. Er soll von Projekten wie der U18 oder Kiezkick berichten können, von 90 Minuten Gesängen ohne ständige Diffamierung des Gegners oder vollen Schnauzen. Er soll sich bewusst sein, dass diese Fanszene für Antirassismus, Antifaschismus und im allergrößten Teil auch für Antisexismus steht, und der Verein im Rahmen seiner Möglichkeiten dies alles unterstützt. Dass es Gedenktage für die Opfer des 2.Weltkrieges gibt, die vom Fanladen organisiert werden, dass es so viele Fanzines wie bei keinem anderen Verein gibt, dass es eine Abteilung wie die AFM gibt, in der fast ausschließlich ehrenamtlich für diesen Verein gearbeitet wird und Fans direkt die Nachwuchsarbeit fördern. Er soll bei Themen wie Bambule oder Gentrifikation irgendwann nicht mehr ratlos mit der Schulter zucken, sondern ein Bewusstsein für Verantwortung entwickeln, die er auch gerne im und ins Stadion tragen darf. Er soll anführen können, dass der Fanladen zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Gewalt einlädt, wenn es nötig ist; das sich immer wieder Leute finde, die Flugblätter erstellen und verteilen, wenn mal wieder mehr als zwei Deppen gleichzeitig gegen die Stadionordnung verstoßen.Und für all dies steht die „Aktive Fanszene“ des FC St.Pauli und allen voran der Fanladen. Sollte es diesen irgendwann nicht mehr geben und Personen die Oberhand gewinnen, denen ein neues Stadion oder ein Bundesligaaufstieg wichtiger sind als die eben aufgezählten Dinge, so ist dies nicht mehr mein Verein, den ich mir ausgesucht habe. Dann kann ich zurück zu dem Verein, den mir meine Geburtsstadt gegeben hat, da ist der sportliche Erfolg entscheidend und Bums, Aus. Gleichzeitig hätte Corny Littmann gewonnen, er wäre die ungeliebten kritischen Stimmen los… und doch hätte er alles verloren, weil das gleichzeitig der Anfang vom schleichenden Ende des Mythos FC St.Pauli wäre. Dann sind wir auch nur noch ein Verein, der einem gegeben wird.“

Vielen Dank, dem schließen wir uns vollinhaltlich an, auch die bisher kinderlosen unter uns.
Vielleicht ist dies die Gabelung des Weges, an dem sich die mittel- bis langfristige Zukunft des Vereins entscheidet. Vielleicht muss hier auch die aktive Fanszene einsehen, dass sie eine radikale Minderheit ist und von der Masse nicht gewollt ist. Nur, der ÜBERSTEIGER wird dieses Feld nicht kampflos räumen. Nicht nach 17 Jahren Fanarbeit und 99 Ausgaben. Für uns ist dieser Verein immer noch mehr als ein beliebiger Fußballverein und wir wollen es schaffen, dass auch weiterhin „Aktive, Mittlere und Passive“ Fans gleichermaßen gerne den Helden in Braun-Weiß zujubeln, singen, sich freuen, sich ärgern und doch alle irgendwie wissen, warum sie gerade hier stehen. Sollte das auch mit dem aktuellen Präsidium möglich sein, umso besser. // Die Redaktion

10 Responses to “ÜS 99 erscheint am Sonntag gegen Paderborn, inkl. WM Special”

  1. pavel11 Says:

    Gute Güte, als Sohn eines Übersteiger-Redakteur kriegt man ja echt ne Menge an Lebengepäck hinten drauf geladen…

    Aber zum Glück helfen ja auch ne Menge Leute beim schleppen, nech?

    Beste Grüße

    pavel11

  2. Stefan Says:

    Der vorletzte Satz klingt aber fast schon wieder zu sehr nach “nurderfcsp!”

  3. Stemmen Says:

    Man, man, man, du kannst immer nur meckern, meckern, meckern… ;)

  4. Frank Says:

    Kann ich so vollinhaltlich unterschreiben. Geboren an der polnischen Grenze, seit drei Jahrzehnten in Berlin lebend, hab ich mir Anfang der 90er genau diesen Verein so ausgesucht. Im Kreuzberger Buchladen “M99″ den ersten “Millerntor Roar” gelesen und gedacht “Wow, endlich, das könnte es sein, Passion and Brain!”, dann den alten Ford zum ersten Mal nach HH gesteuert, irgendwo im Zentrum in eine Tiefgarage gestellt und mit dem Taxi zum Millerntor fahren lassen…Und dann: “Wow, das ist es!”. Hat nicht lange gedauert bis ich im Fanladen Thadenstraße stand, und so ein Riesenkerl hinterm Tresen unglaublich freundlich “Hallo” sagte. Eine Offenbarung, was für Leute und- was für eine weltoffene Stadt, na ok, vielleicht besser Stadtteil ;-)
    Ohne Fanladen als Anlauf- und Anstoßpunkt absolut undenkbar!
    Freu mich auf die 100! Forza St.Pauli

  5. havana Says:

    danke für deinen text

  6. chefrocker Says:

    Dieser Text spricht mir aus der Seele. So isses.

    Wenn dieser Vibe mal gekillt ist - gibts nur noch kalte muschi…
    dann sind wir Paderborn oder 1860 oder Veronica Ferres oder Lotto…

  7. Stefan Says:

    Da bin ich froh, dass mein Lütter schon jetzt für den FC St.Pauli ist und für Rautenmäppchen seiner Mitschüler nur ein mitleidiges Lächeln übrig hat.

  8. Rico Says:

    Danke….Da kann ich als Auswärtiger nichts mehr hinzufügen!

  9. Gunnar Says:

    wenn einem alles zuviel wird (VIP-Logen, SKY, Merchandising), eben alles was den Profisport ausmacht, kann man ja auch mal die 8te anfeuern gehen. Die würden sich sicher freuen !

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