Olympia in Hamburg?

Ein Diskussionsabend über das Für und Wider im Hamburger Rathaus.

Nachdem die Stadt Hamburg mit ihrer Bewerbung zu Olympia im Jahr 2015 im Referendum scheiterte und beweinte, dass damit die EINZIGE Chance auf Olympia verschenkt worden sei, hat sie wohl entdeckt, dass die Spiele alle vier Jahre stattfinden und man sich durchaus öfter bewerben kann und versucht es nun wieder. Hamburg möchte sich als deutsche Stadt für die Olympiade wahlweise 2036, 2040 oder 2044 bewerben und braucht dafür die Zustimmung der Bürger*innen. Am 31. Mai findet hierzu das Referendum statt. Die Wahlunterlagen dazu werden zurzeit rausgeschickt. Um mich zu informieren und eine Meinung zu bilden, besuchte ich eine Diskussionsveranstaltung zum Thema.

Am Donnerstag, den 23. April um 18 Uhr fand im altehrwürdigen Kaisersaal des Hamburger Rathauses eine Diskussion zur Olympia-Bewerbung statt, ausgerichtet von der Fraktion der Linken. Aber wer erwartete nur Olympia-Gegner*innen auf Podium und im Publikum anzutreffen, irrte. Eingeladen waren: Christian Holstein, Staatsrat für Sport (und zuständig für die Olympiabewerbung), Daniel Knoblich, Vorsitzender des Hamburger Sportbunds, Polizeioberkommissar und Olympiasieger im Diskuswerfen Christoph Harting und Clara Ihring von der Initiative NOlympia. Die Veranstaltung wurde moderiert von Heike Sudmann der Linksfraktion. Holstein und Knoblich waren klar Pro Olympia, Harting unentschieden (was sein Unentschieden bedeutet wird gleich noch genauer aufgedröselt) und Clara Ihring dagegen. Die Moderatorin war sicherlich auf Parteilinie (also gegen Olympia), hielt sich mit Stimmungsmache indessen zurück. Zu Anfang wurden das anwesende Publikum aufgefordert aufzustehen wenn sie a) für Olympia (ca. ein knappes Viertel), b) gegen Olympia (ca. die Hälfte) oder c) unentschieden (ein gutes Viertel – ich habe aber nicht durchgezählt und kann mich hier bei der groben Einschätzung irren!) waren.

Vorab: Mit großem Abstand erhielt Staatsrat Holstein am meisten Redezeit, was aber an den vielen Publikumsfragen lag, die sich an ihn richteten. Alle Teilnehmenden hielten sich vorbildlich und gewissenhaft an ihre jeweils zwei Minuten Redezeit pro Antwort.

Podiumsgäste im Kaisersaal von links nach rechts: Daniel Knoblich (Vorsitzender des Hamburger Sportbundes), Christoph Holstein (Staatsrat der Behörde für Inneres und Sport), Moderatorin Heike Sudmann, Clara Ihring (NOlympia Hamburg) und Christoph Harting (Olympiasieger & Die Linke Berlin)

Zunächst wurden alle Anwesenden auf dem Podium um ihre Statements gebeten. Hier kamen recht vorhersehbare, routiniert vorgetragene Worte von Holstein und auch Knoblich, wobei letzterer teils nicht sehr gut zu verstehen war. Überraschend war das Statement von Christoph Hartig, von dem man erst einmal erwarten würde, dass er als erfolgreicher Olympionike ein sicherer Befürworter wäre. Doch war er stark zwiegespalten. Er wolle nicht als Spitzensportler vorgeschoben werden für fragwürdige politische Entscheidungen im Zuge Olympias, wie z.B. massive Vertreibung sowohl von Obdachlosen oder gesellschaftlich Ausgegrenzten, als auch von normalen Mieter*innen für Bauten, die hinterher auch nur verfallen. So wie 2016 in Rio, wo Hartig die Goldmedaille holte. Er verstehe auch nicht, dass jede deutsche Stadt erst Millionen ausgibt, um sich innerdeutsch zu bewerben, statt das vorab schon geschaut werde, welche Stadt überhaupt die besten Voraussetzungen mitbringt. Während seiner Meinung nach Berlin und Hamburg diese nicht haben, sieht er sie in München durchaus gegeben. Dort seien die Sportstätten und die sportliche Infrastruktur schon vorhanden, niemand müsste durch Neubauten vertrieben werden. Außerdem würde die Stadt München realistischer mit den Kosten umgehen. Die Kostenrechnung der Stadt Hamburg, dass eine Olympiade der Stadt am Ende 100 Millionen Plus bescheren würde, hält er für komplett utopisch. In den Berechnungen seien beispielsweise die Kosten für die Sicherheit noch gar nicht eingepreist. Hartig, der in Berlin für die Linke kandidiert, ist also nicht grundsätzlich gegen Olympiaden, wäre bei München sogar tendenziell dafür, bei Berlin hingegen – eine Stadt, die gerade alles zusammenspart – strikt dagegen.

Clara Ihring betonte, dass die Idee „Olympia“ durchaus positiv besetzt sei, die angeblichen Benefits für Hamburg die propagiert würden, aber entweder durch Studien nicht untermauert würden oder auch ohne Olympia unterm Strich für weniger Kosten erreicht werden könnten. Zum Beispiel hätten Studien ergeben, dass Olympiaspiele nicht zu mehr sportlicher Betätigung im Breitensport führen würden. Andere Studien zeigten, dass veranschlagte Kosten für die Spiele im Schnitt um 153% überschritten würden und sich bei den meisten Olympiaden ab Zusage die Mietkosten und Immobilienpreise erhöht hätten.

Der imposante Kaisersaal

Darauf antwortete Holstein mit einer erstaunlichen Aussage (es sollte nicht die letzte bleiben): Er wiegelte die Studien ab, meinte, dass man seit Corona ja nun wüsste, dass Studien mit Vorsicht zu genießen seien und 20 Wissenschaftler hätten am Ende 40 verschiedene Interpretationen. Als Gegenbeweis teilte er eine eigene Erfahrung, erzählte, er selber lebe seit 14 Jahren nur wenige hundert Meter von der Marathonstrecke entfernt und das motiviere ihn jährlich auch mal an einem Marathon teilzunehmen. Jedes Jahr nähme er sich vor „beim nächsten mache ich mit“. Spoiler: Die Motivation hat nie für eine Teilnahme gereicht, auch beim Marathon 2026 – kurz nach der Veranstaltung –, war kein Staatsrat Holstein aktiv dabei. Er hat mit seiner anekdotischen Evidenz also die Studie nicht widerlegt, sondern bestätigt.

Holstein hatte zuvor auch etwas vage formuliert, dass er aus wirtschaftlicher Sicht Olympia mit einem Wacken- oder dem Hurricane-Festival vergleichen würde. Auch dort müsse man immer auch auf Einnahmen und Ausgaben schauen (was im Publikum prompt die Erinnerung an den Vergleich G20-Gipfel und Hafengeburtstag von Scholz wachrief). Er unterstrich aber, dass die Investition in Olympia noch immer richtig wäre, auch wenn es sich am Ende wirtschaftlich nicht rechne: man müsse das wie eine Investition in Schulbildung sehen, die ja monetär nichts einbringt, aber für die Zukunft unerlässlich sei.

Knoblich freue sich über die Möglichkeiten, die Olympia dem Breitensport biete. Von den 1400 Sportstätten würden immerhin so um die 100 olympiatauglich gemacht (größtenteils, um als Trainingsorte zu dienen). Zwar würde er sich noch mehr wünschen, aber die veranschlagten 100 Millionen, die dem Breitensport zugute kommen sollen, seien doch auf jeden Fall besser als nichts.

Es folgte die erste Fragerunde aus dem Publikum.

  • Was soll mit dem neuen Volksparkstadion, welches die Stadt bezahlt, nach der Olympiade geschehen und wem gehört es dann? Dem HSV? Die Antwort auf die Frage wem das Stadion dann gehöre, habe ich nicht verstanden. Das neue Stadion soll als Leichtathletikstadion gebaut werden, nach Olympia aber als Fußballstadion umgebaut werden, während das jetzige Volksparkstadion in eine Schwimmhalle umgewandelt werden soll (?). Die Nutzung solle, laut Holstein, ähnlich wie heute schon das Millerntorstadion, nach Olympia multifunktional sein, also nicht nur für Sport sondern für diverse Veranstaltungen. (Die Stadt will übrigens auch ohne Olympia ein neues Volksparstadion bauen, angeblich weil das aktuelle auf absehbare Zeit hohe Sanierungskosten verschlingen würde und wirtschaftlich nicht mehr tragbar sei. Dafür haben aber weder die Stadt noch der HSV Belege vorgezeigt.)
  • Es kam die Frage der Stadt der kurzen Wege für die Olympioniken. Es sollen möglichst viele Stadtteile eingebunden werden, aber so, dass die Trainings- und Sportstätten für die 55.000 Sportler*innen in maximal 30 Minuten erreichbar bleiben. Das sei durchaus eine Herausforderung, räumte Holstein ein, bis 2036 eigentlich nicht mehr machbar, da – wie auch vom Publikum eingeworfen wurde – die U5 bis dahin noch nicht fertig sei. Auf die Frage, ob die Olympiade nicht zu Verkehrschaos führen würde, schon alleine wegen der „Olympic Lanes“ (Straßenspuren auf Hauptverkehrsstraßen, die immer für die „olympische Familie“ blockiert würden, damit diese schnell die Sportstätten erreichen), plus den hunderttausenden Zuschauenden, beschwichtigte Holstein mit einem erneut fragwürdigen Argument: In Paris sei der Verkehr völlig harmlos geblieben, weil die ganzen Pariser die Stadt verlassen hätten, weil sie keinen Bock auf Olympia gehabt hätten. WIE um alles in der Welt ist das ein Argument PRO Olympia für die Einwohner*innen?
  • Ein für den paritätischen Verband tätiger Zuschauer mit Schwerpunkt Straßenkinder ging noch einmal auf das Thema Vertreibung ein und wie die Stadt Hamburg damit verfahren würde. Staatsrat Holstein gab an, dass er geschockt war, wie Paris mit Baggern ganze Zeltstädte weggeräumt hätte, dass das aber in Hamburg ausgeschlossen sei. „Vertreibung wird es bei uns nicht geben, das passt nicht zu unserer Stadt!“. Sofort erntete er aus dem Publikum Gelächter und Widerspruch, und auch die Moderatorin erinnerte ihn an Markus Schreiber, Bezirksamtsleiter für Mitte, der 2011 die Obdachlosen unter der Kersten-Miles-Brücke mittels gut 100.000€ teuren Maßnahmen (strategisch platzierte Wackersteine, ein angelegtes kleines Flussbett und schließlich einen drei Meter hohen Zaun) vertreiben ließ.
  • Eine Frage knüpfte noch an die Aussage, dass Olympia – wie der angesprochene jährliche Marathon – motiviere, sich sportlich zu betätigen. Marathon, Cyclassics und ähnliche Veranstaltungen in Hamburg seien für das Publikum kostenlos. Ob das auch für die Olympischen Spiele gelten würde? Schließlich müsse man die Sportarten ja sehen, um sich von ihnen begeistern zu lassen. Holstein antwortete, dass genau diese Sportarten, wie Marathon oder Triathlon, bei Olympia kostenlos, während andere Sportarten natürlich gegen Eintritt erlebbar würden. Insgesamt sollen aber eine Million verbilligte Tickets angeboten werden, damit möglichst viele Hamburger*innen auf den Zuschauerrängen teilhaben können.
  • Christoph Harting wurde gefragt was eigentlich in den Zuständigkeitsbereich des IOC, der Stadt und des Bundes fallen würde und was man als Olympionik bei den Spielen verdiene. Grob zusammengefasst: Alles was IM Stadion passiere bezahle der IOC, alles drumrum fällt Stadt, Land, Bund zu. Als Olympiasieger*in bekomme man 20.000€. Hochgerechnet auf 4 Jahre Training und harte Arbeit dafür natürlich ein ziemlicher Witz. Zumal man als Sportler*in während der olympischen Phase (Regel 40 der Olympia Charta) keine Werbung machen darf für Firmen, die nicht offiziell Sponsoren Olympias sind. Bedeutet: Man kann nicht einmal abseits der Wettkämpfe ein Shirt des eigenen Sponsors tragen. Staatsrat Holstein warf ein, dass neben dem vom IOC vorgesehenen Sponsoring, auch lokales Sponsoring möglich gemacht werden soll.
  • Es kam die recht allgemeine Frage, warum sich Hamburg überhaupt für Olympia bewerben wolle. Holstein hatte dazu wieder ein etwas irritierendes Argument: Viele Städte, die schon einmal Olympia ausgerichtet hätten, wie z.B. Barcelona und München, würden sich erneut bewerben und das würden die ja nicht machen, wenn die Spiele für ihre Stadt ein Desaster gewesen wären. Ich kann jetzt nicht für Barcelona sprechen, aber dass die Olympischen Spiele 1972 für München KEIN Desaster gewesen sein sollen wage ich doch hart zu bezweifeln, angesichts der Terroranschläge bei denen 11 israelische Sportler*innen ermordet wurden.
  • Ein Architekt warf ein, dass Hamburger Bauprojekte selten im Kosten- und Zeitrahmen fertig würden, und dass beim aktuellen Fachkräftemangel und unter Termindruck ja nur noch schwieriger umzusetzen und sicher zu Kostenexplosionen führen würden. Holstein konterte, dass z.B. die Sanierung der Alsterschwimmhalle durchaus im Zeit- und Kostenrahmen geblieben sei und auch für die Teilnahme an der EM 2024 wäre alles nach Plan gelaufen. Man könne außerdem ja aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.
  • Clara Ihring beantwortete die Frage nach den Erfahrungswerten für steigende Lebenskosten für die Einwohnenden während und nach den Spielen. Die Studien sagen ja, Lebenskosten inkl. Mieten steigen. Sie nennt auch konkrete Beispiele. So habe man in Paris die Preise für ÖPNV-Tickets um einen Euro erhöht, aber nicht wie zuvor angekündigt nach den Spielen wieder gesenkt.
  • Die Frage, warum es Olympia brauche, um Barrierefreiheit (der Senat selbst spricht von „Barriere-Armut“) und Inklusion voranzutreiben, sei das doch von der UN-Menschenrechtskonvention eh vorgeschrieben, MÜSSE also umgesetzt werden, beantwortete Holstein, dass Hamburg das auch ohne Olympia schaffe, aber Olympia halt ein Beschleuniger dafür sei. Was einen etwas hoffnungslos stimmt. Wenn man auf eine Olympiade warten muss, die frühestens in 10 Jahren – wahrscheinlicher aber in 14 oder 18 Jahren –stattfindet, um in Hamburg einigermaßen Barrierefreiheit zu erreichen, dann ist das doch ein Armutszeugnis.
  • Es gab aus dem Publikum aber auch emotionale Statements pro Olympia. So beklagte eine Frau: „Wo bleibt die Begeisterung?“ Wir seien es doch unseren Kindern und Enkeln schuldig, ihnen die Chance auf ein so tolles Event zu ermöglichen. Ohne jedoch darauf einzugehen, warum diese sicher „nice-to-have“ vier Wochen Olympia Milliarden Ausgaben, höhere Lebenshaltungskosten, Baustellenchaos, enorme CO2-Emissionen usw., die das Leben unserer Kinder und Enkel beeinträchtigen werden, rechtfertigen.

Ehrlich gesagt hatte ich von den Befürwortern der Olympiabewerbung deutlich mehr erwartet. Zumindest, dass sie argumentativ aufgerüstet hätten seit dem letzten Versuch einer Bewerbung 2015, wo sie ja schon nicht überzeugen konnten. Statt dessen heute wie damals: „Aber es wird doch ein ganz tolles Erlebnis“ und „wer das nicht will ist gegen Inklusion, gegen Breitensport und sowieso gegen alles“. Der Staatsrat für Sport, der seit 2015 zuständig ist, u.a. eben eine erfolgreiche Bewerbung auf den Weg zu bringen, macht m. E. einen furchtbaren Job. Er ließ an dem Abend kaum ein Fettnäpfchen aus und verpasste ganz sicher die Chance, die Unentschlossenen auf die Pro-Seite zu bringen. Der Vorsitzende des Hamburger Sportbundes saß in einer „Pflichttermin aber eigentlich keine Lust“-Haltung auf dem Podium und nuschelte seine Sätze ohne jeden Enthusiasmus runter.

Für mich entstand der Eindruck, als ob selbst Holstein und Knoblich nicht wirklich überzeugt wären von der Bewerbung, angesichts der immensen Herausforderungen. Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass alle Podiumsgäste etwas müde und nicht übermäßig enthusiastisch wirkten. Wahrscheinlich verliert man einfach an Feuer, wenn man die zigste Veranstaltung mit den immer gleichen Fragen, Antworten, Zahlen hinter sich hat.

Noch ein paar Zahlen zur Einordnung:

Kosten: Der Senat spricht von sechs Milliarden Euro. Nicht darin berücksichtigt sind aber z.B. bislang die Kosten für Sicherheit und Logistik, die zum Vergleich in Paris allein 2,65 Milliarden Euro betrugen. Damit wären die 100 Millionen Gewinn, die der Senat errechnet hat, schon mal futsch und der Schuldenberg riesig. Und die angeblichen 100 Millionen Gewinn konnten nur mit einem hypothetischen Zuschuss des Bundes in Höhe von 200 Millionen errechnet werden. Der Bund hat aber eine solche Summe (oder irgendeine andere festgesetzte Summe) nie zugesagt. Man wolle zwar eine finanzielle Mitverantwortung tragen, doch sei diese abhängig von der Haushaltslage. In Anbetracht der vielen Kürzungen und Sparmaßnahmen des Bundes, ist das Erwarten eines Zuschusses in dieser Höhe mehr als optimistisch, geradezu naiv.

Allein die Bewerbung lässt sich Hamburg rund 11 Millionen kosten. Darunter eine knappe halbe Million für Werbung für ein Ja der Hamburger*innen im Referendum. Das, plus die Milliarden, die Hamburg für eine Olympiade aufbringen müsste, könnte Hamburg für Barrierefreiheit, Sanierung, Inklusion, Breitensport etc. auch ohne Olympia investieren (und würde es ja auch müssen).

Von einer Olympiade gewinnen würde in jedem Fall – ganz egal wo sie stattfindet – der IOC. Er bestimmt nahezu alles, trägt aber fast keine finanzielle Verantwortung und Risiken – und das alles übrigens steuerfrei. Zum Vergleich die Kosten in Paris wurden getragen von:

IOC: 1,2 Milliarden €
Öffentliche Hand: 6,7 Milliarden € (veranschlagt waren übrigens 2,4 Mrd.)
Während der IOC aber von den meisten Einnahmen profitiert, z.B. in Paris 3,13 Mrd. Euro allein an TV-Geldern.

Meine persönliche Meinung: Grundsätzlich verstehe ich den Wunsch, so etwas großes und sensationelles zu schaffen wie z.B. es Paris vorgemacht hat. Allein die Eröffnungsfeierlichkeiten oder auch so vermeintlich nebensächliches, wie zehn neue goldene Statuen von Frauen, die Frankreich geprägt haben (darunter z.B. auch die Anarchistin Louise Michel): Fabelhaft! Wobei Paris da die Messlatte so hoch gelegt hat, dass Hamburg m.E. niemals mithalten kann. Wahrscheinlicher ist, dass wir wieder blaue Neonröhren von Michael Batz bekommen, wie seit der WM 2006 eigentlich zu jedem Großevent in Hamburg. Und klar, wenn man so ein Ziel vor Augen hat, lassen sich andere Ziele, die dafür notwendig sind (und eigentlich sowieso erledigt werden müssten), motivierter angehen. Grundsätzlich ist es auch was positives, Visionen zu haben und mutig und kreativ etwas anpacken zu wollen. Das kann ja auch viele mitreißen und ungeahnte Möglichkeit bieten. Gerade auch für Künstler*innen. Mir gelingt es nur nicht, das Hamburg zuzutrauen, auch wenn Hamburg verglichen mit Berlin noch einigermaßen solide und verantwortungsbewusst geführt wird – aber eben auch unkreativ und dröge, eben nicht visionär. Weswegen mich die „Pro-Werbung“ so gar nicht begeistern kann.
Unsere Hansestadt hat außerdem die große Herausforderung der Klimaneutralität bis 2040 zu meistern. Etwas, was mit einer Durchführung der Spiele im Grunde unmöglich vereinbar ist. Ich sehe auch nicht die Notwendigkeit, dass eine Stadt alleine eine Olympiade wuppen soll. Wenn eine WM in drei Ländern stattfinden kann und eine EM quer durch Deutschland, warum dann nicht eine Olympiade in mehreren Städten Deutschlands? Wieso können sich Berlin, München, Hamburg und Rhein/Ruhr nicht eine Olympiade teilen und jeweils die Sportarten anbieten, für die ihre Städte bereits gut ausgestattet sind? Allein die Millionen, die jede einzelne Bewerbung innerhalb Deutschlands kostet, könnte dann schon sinnvoller ausgegeben werden. Die Städte könnten sich darauf konzentrieren die Infrastrukturen für Breitensport, Inklusion und Barrierefreiheit voranzutreiben ohne unnötige Stadien und Anlagen zu bauen, die im Nachgang wieder zurück gebaut werden müssen oder noch schlimmer, größtenteils leer stehen. Dies würde nicht nur jede Menge Geld sparen, sondern u.a. auch massiv CO2-Emissionen. Zudem wäre die Lebenswelt der Einwohner*innen geschützt, ohne deren Lebenshaltungskosten explodieren zu lassen. Ich verstehe schon lange nicht, warum deutsche Städte sich immerfort in Konkurrenz zueinander stellen, statt einfach enger zu kooperieren. Zwar sehen Hamburgs Pläne für eine Ausrichtung der Spiele auch ausgelagerte Orte vor (bspw. Segeln in Kiel, Kanuslalom bei Leipzig, Schießen in Suhl), dann fragt man sich doch aber, warum nicht gleich eine Gesamtdeutsche Olympiade?

So sieht der Wahlzettel des Referendums aus

Wir geben keine Wahlempfehlung ab, nur die große Bitte sich umfassend zu informieren (dieser Artikel hier ist auch nur ein kleiner Ausschnitt) bevor ihr euer Kreuz setzt. Und abstimmen solltet ihr auf jeden Fall. Skandalöserweise könnt ihr das allerdings nur, wenn ihr die deutsche Staatsbürgerschaft habt – als ob Hamburger mit anderem Pass nicht von den Spielen betroffen wären! Fallt aber bitte nicht auf den Olympi-O-Mat rein (https://dafuer-sein-ist-alles.de/olympi-o-mat), dieser insinuiert durch den Namen, der ähnlich wie der Wahl-O-Mat klingt, Neutralität. Doch schon in der URL („dafür sein ist alles“) wird klar, dass dies ein Portal (des Deutschen Olympischen Sportbunds) mit sehr tendenziös gestellten Fragen ist, die fast unweigerlich dazu führen, dass das Ergebnis Pro Olympia ist. Für eine fundierte Entscheidung werden existenzielle Fragen erst gar nicht gestellt. Hier ist mein Ergebnis, welches überhaupt nicht zu meinen skeptischen Antworten passt oder auch nur annähernd auf meine Bedenken eingeht. Wahrscheinlich kommt egal was man eingibt immer als Ergebnis, man sei Pro Olympia. (Ein erneuter Versuch, diesmal ausschließlich mit „Anti“-Antworten ergab das Ergebnis ich sei „unentschlossen“. Keine Ahnung ob es ein Antwort-Szenario gibt, bei dem als Ergebnis „Du bist gegen Olympia“ möglich ist, aber ich bezweifle es jetzt mal.)

Screenshot der Seite Olympi-O-mat mit meinem angeblichen Antwortergebnis

P.S.: Auch beim FC St. Pauli wurde und wird natürlich die Bewerbung und was das für Verein und Stadtteil bedeuten könnte, diskutiert. Zeitgleich wie die oben beschriebene Diskussion im Rathaus fand auch eine im Clubheim statt. Auf der Homepage des Vereins liest sich der Abend so: https://www.fcstpauli.com/news/differenzierte-debatte-zur-olympia-bewerbung-bei-veranstaltung-im-millerntor-stadion
Und hier noch die Zusammenfassung des Abendblatts: https://www.abendblatt.de/sport/st-pauli/article411796033/hamburg-olympia-paralympics-bewerbung-fc-st-pauli-mitglieder-diskussion.html (Bezahlschranke!)

Also: informiert euch, nehmt am Referendum teil!
//Text und Fotos: arigrafie

Links: Finanzielles Rahmenkonzept der Freien und Hansestadt HamburgBehörde für Inneres und Sport

Report des IOC für 2024: https://stillmed.olympics.com/media/Documents/International-Olympic-Committee/Annual-report/IOC-Annual-Report-2024.pdf

Report zur Olympiade des französischen Rechnungshofs: https://www.ccomptes.fr/sites/default/files/2025-09/20240929-rapport-JOP-2024_0.pdf

Ein Jahr nach Olympia – das zwiespältige Erbe in Paris: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/frankreich-ein-jahr-nach-olympia-100.html

Die Olympische Charta des IOC: https://stillmed.olympics.com/media/Documents/International-Olympic-Committee/IOC-Publications/EN-Olympic-Charter.pdf

Alle Infos zum Olympia Referendum: https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/behoerde-fuer-inneres-und-sport/themen/wahlen/informationen-olympia-referendum-1160924)

Q&A zum Olympia-Referendum auf NDR https://www.ndr.de/sport/mehr_sport/olympia-referendum-in-hamburg-alle-fragen-und-antworten,olympia-526.html

Nächstes offenes Treffen der Initiative Nolympia am 07. Mai: https://www.nolympia-hamburg.de/offenes-treffen-am-07-05-2026/

Die Initiative NOlympia hat freundlicherweise einen Kalender erstellt, mit allen Terminen zum Thema Olympia, sowohl diejenigen die PRO sind als auch diejenigen die dagegen sind: https://www.nolympia-hamburg.de/mitmachen/?r34icsym=202605

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