Die Form hat den Fehler, der Nazi will kicken und Oma bezahlt

Dieser Artikel erschien zunächst im Print-Übersteiger 132 am 06.Mai 2018. Hier veröffentlichen wir ihn erneut, inklusive dem Dankesschreiben des TuS Appen, welches uns kürzlich erreichte.

Nazis raus – auch aus dem dörflichen Fußballverein, ist leicht gefordert und skandiert, aber dann eben doch eine sehr figelinsche Angelegenheit wie der Fall TuS Appen gegen den Hamburger NPD-Vorsitzenden Lennart Schwarzbach zeigt. Und das Recht macht die Sache eben auch nicht immer einfach.

TuS Appen, Einladung zur Mitgliederversammlung – unter Tagesordnungspunkt 14. Satzungsänderungen a,b,c,d – „die Beschlussvorlage mit den vorgesehenen Satzungsänderungen kann beim Verein per E-Mail unter info-tus-appen.de angefordert werden und liegt in der Geschäftsstelle zur Abholung bereit.“ Denn 8000 Euro Gerichts- und Anwaltskosten ärmer, zahlreiche Gerichtsverhandlungen später, eine persönliche Strafanzeige wegen angeblicher Urkundenfälschung noch anhängig, um viel Erfahrung reicher und das eine oder andere Mal desillusioniert, weiß Wilfred Diekert, Vorsitzender des TuS Appen, um die Wichtigkeit dieser Zeilen auf der Einladung. Denn letztlich war es ein Formfehler, der dafür sorgt, dass der Hamburger NPD-Vorsitzende Lennart Schwarzbach (27) nach wie vor Mitglied des TuS und seiner Fußballabteilung ist – gegen den erklärten Willen seiner Mitspieler, seines Abteilungsleiters Sascha Helfenstein und einer Entscheidung der TuS-Mitgliederversammlung aus dem Jahr 2015. Damals wurde die Satzung nämlich zum Zwecke des Ausschlusses des NPD-Funktionärs geändert, aber Zweck der Satzungsänderung nicht vorab in der Einladung „schriftlich ausgeführt“. Das muss laut einem Urteil des BGH seit 1979 so sein. „Kein Ausschluss ohne Rechtsgrundlage“, so Diekert besagt ein Urteil des Reichsgerichts von 1929 – und das hat Bestand.

„Letzlich ist es ja besser, dass wir an einem Formfehler und nicht in der Sache gescheitert sind“, ist Diekert (69, vier Einsätze als Schiri in der 1. Bundesliga) beim Gespräch mit dem Übersteiger und seinem Fußballabteilungsleiter Helfenstein in der Appener Geschäftsstelle einige Wochen nach der höchstrichterlichen Entscheidung der 9. Zivilkammer des Landgerichts Itzehoe schon wieder bei Normalpuls – auch wenn ihn so einige Umstände rund um die rechtliche Auseinandersetzung immer noch sehr aufregen. „Heutzutage muss man als ehrenamtlicher Vorsitzender eigentlich auch ein Volljurist sein“, bemängelt der Vorsitzende des Hamburger Verbandsschiedsrichterausschusses. Und ein PR-Experte obendrein. Denn schafft es der TuS-Appen für gewöhnlich in die lokalen Sportnachrichten, weil die Oberliga-Damen wie derzeit gegen den Abstieg spielen und die 1. Herren in der Kreisliga 7 gegen Cosmos Wedel punkten, sind er und seine Appener in den vergangenen Wochen in TV-Beiträgen wie Panorama 3 und Printmedien vom „Hamburger Abendblatt“ bis zu den „11 Freunden“ im Kampf gegen rechts vertreten.

Wilfred Diekert und Sascha Helfenstein im Büro des TuS Appen mit ÜS-Autorin tati // (c) hog

Rückblick: Schwarzbach, gemeldet in Hamburg mit Oma in Appen (Diekert: „Die zahlt auch seine Vereinsbeiträge“) wechselt vom Hoisbütteler SV in die 1. Herren zum TuS Appen. „Da war uns nichts bekannt über rechte Gesinnung und politischen Werdegang des jungen Mannes“, so Appens Vorsitzender. „Wir haben ja nicht jeden überprüft, der bei uns Sport treiben wollte. Inzwischen gucken wir bei allen nach, ob sich da bei Google etwas findet.“ Ein Muss, wenn man solche Leute wie Schwarzbach gar nicht erst im Verein haben möchte. Den Beitritt kann der Verein nämlich verweigern, aber der nachträgliche Rausschmiss ist kompliziert. Und ob er überhaupt rechtes wäre –  ist in der Sache eben gar nicht vor Gericht entschieden worden. Soweit.

2014 als der junge Rechte erstmals für die Hamburger NPD kandidierte, durfte er allerdings schon bei TSC Wellingsbüttel nicht mehr als C-Jugend-Trainer tätig sein. Als Spieler blieb er beim Hoisbütteler SV wie auch in Appen unauffällig. „Der hat sich innerhalb des Vereins immer ordentlich verhalten, hat keine Politik hier reingetragen“, weiß Diekert zu berichten. Aber Helfenstein ergänzt: „Seine Facebook- Accounts machten dann doch die Runde und durchs Fenster entdeckten Mitspieler verfassungswidrige Symbole an der Zimmerwand.“ You-Tube-Videos des NPD-Funktionärs (Zitat daraus: „Integration ist Völkermord. Deutscher ist nur, wer deutsche Vorfahren hat . . .“) machten die Runde.

Das eben nicht Ende der Geschichte – mit dem nationalistischen Kicker Schwarzbach will keiner mehr spielen. Und schon begann die Geschichte mit den Formfehlern. Satzung geändert, da fehlt noch mal eine Unterschrift, der Notar lässt sich auch Zeit, hat keine Einwände, anstandslose Eintrag der Satzung Anfang 2016, Antrag auf Vereinsausschluss und der Vereinsausschluss dann im April. Anhörung vorm Ehrengericht „Es ist nicht so, dass wir nicht vorher alles versucht haben – Gespräche mit ihm in unterschiedlichen Konstellationen – damit er so geht“, sagt Helfenstein schulterzuckend.

Vor dem Vereinsheim des TuS Appen

Es wird ungemütlicher im beschaulichen Appen: Der Rechtspopulist klagt vor dem Pinneberger Amtsgericht, will an der nächsten MV teilnehmen, wieder mitspielen. Einstweilige Verfügung, Recht für Appen vorm Pinneberger Amtsgericht, Revision ect. pp. Und damit hat Schwarzbach, das ist die Kehrseite der Medaille, eben auch seine Bühne. „Man muss die Kriminellen beim Namen nennen“ und „für Deutschenfeindlichkeit gibt es keine Entschuldigung“ – nach dem Landesgerichtsurteil nichts Unerwartetes vom NPD-Mann, der über seinen Anwalt auch Diekert persönlich anzeigte. Aber „klare Kante“, so die Spieler im Panorama3-Beitrag, wollen sie zeigen. Fußball haben sie für sich erkannt, ist eben nicht unpolitisch. „Bestimmte politische Ansichten, lassen sich nicht mit gesellschaftlichen Werten vereinbaren“, erklären Appens junge Spieler im TV.

In Anbetracht des Umstandes, dass Schwarzbach von Peter Richter, auch Anwalt im NPD-Verbotsverfahren, vertreten wird, lässt sich erahnen, dass es auch beim nächsten Versuch ihn loszuwerden, Gegenwehr und Schwierigkeiten geben könnte. Doch die Mitglieder sind gewillt. Auf der Mitgliederversammlung am 19.April 2018 stimmten fast alle der etwa 100 Anwesenden für die Änderung der Satzung. Nur Schwarzbach nicht, nach dessen Redebeitrag es “etwas hitzig” (Helfenstein) wurde. Zum Training oder Spiel ist der NPD-Mann bislang nicht erschienen“, so die Appener Funktionäre. Lediglich beim Fitness wurde er mal gesichtet. Die Mannschaft hat bereits klar und kantig verkündet, den Rasen zu verlassen, sollte Schwarzbach dort auftauchen und aufs Mitspiel pochen.

Diekert muss jetzt erst einmal klären, ob der TuS Appen überhaupt noch eine gültige Satzung hat und derlei komplizierte Dinge – alles ehrenamtlich versteht sich und ohne Unterstützung vom Landessportverband Schleswig-Holstein oder der Rechtsschutzversicherung über die der Verein „versichert“ ist. „Das Verfahren zum Ausschluss eines Vereinsmitgliedes ist kein Versicherungsgegenstand“, schreibt die ARAG und überwies aber immerhin im Kulanzwege 1000 Euro. Und das Verfahren wegen der Strafanzeige? „Ne auch kein Rechtsschutz. 500 Euro auch Kulanz“, sagt Appens Vorsitzender empört darüber. „Alle quatschen immer, aber dann stehst du als kleiner Verein ganz alleine da.“ Der Landessportbund empfiehlt dem TuS-Appen lediglich „den Abschluss eines entsprechenden Zusatzvertrages“ zur Versicherung. Das ist doch mal recht hilfreich. Diekert: „Die müssten uns dankbar sein, dass wir schon mal für etwas Rechtssicherheit gesorgt haben.“

Aber Diekert und Helfenstein haben in der Sache nicht nur schlechte Erfahrungen machen müssen. Der SV Babelsberg 03 unterstützte die Kreis Pinneberger als ersten Verein mit 500 Euro aus seiner Spendenaktion „Nazis raus aus den Stadien“ und besucht den Club des ehemaligen Bauerndorfes (wie hoffentlich auch eine Mannschaft des FC St. Pauli) zu seinem Fußballturnier Anfang Juli gegen rechts auf dem Platz am Almtweg. Fehlen den Appenern unterm Strich also noch 6500 Euro zur Kostendeckung des bisherigen Verfahrens.

Dafür geben wir hier doch gerne mal die Bankverbindung an:
TuS Appen, Sparkasse Südholstein,
IBAN: DE 49 23051030 0003024445,
BIC: NOLADE21SHO
Stichwort: Appen gegen rechts.

Der Übersteiger dankt fürs Gespräch und wird die Bemühungen des TuS Appen weiter begleiten und beim Turnier im Juli ganz sicher und gerne auf Bratwurst und Bier vorbeischauen. // tati/hog

Ergänzung, 22.Juni 2018:
Inzwischen erreichte uns dieses Schreiben von Wilfred Diekert, dem 1.Vorsitzenden des TuS Appen. Die eben genannte Bankverbindung ist natürlich trotzdem weiterhin gültig und kann für Spenden verwendet werden.

 

Liebe Sportfreunde,

vielen Dank für den Artikel im Übersteiger vom 06. Mai über die Vorgänge in unserem Verein im Zusammenhang mit dem beabsichtigten Ausschluss eines NPD-Funktionärs. Im Nachgang zu diesem Artikel sind mehrere Spenden als Kostenbeitrag für unsere entstandenen Rechtskosten eingegangen, für die wir uns ebenfalls herzlich bedanken.

Wir empfinden dies als großartige Hilfe, weil die Kosten dieses „unsäglichen“ Rechtsstreits mit all seinen Facetten für unseren Verein eine natürlich nicht unbedeutende Größenordnung angenommen haben und belasten. Und wenn man dann bedenkt, dass dieses Verfahren deshalb entstanden ist, weil ein ausgeschlossener Rechtsradikaler den Verein durch alle möglichen Instanzen „gezogen“ hat, ohne dass wir eigentlich die Möglichkeit hatten aus diesem Prozess „auszusteigen“.

Nun werden wir diesen Vorgang wohl wiederholen und dann mal sehen wie es ausgeht.

Wir hoffen auch weiterhin auf eine angenehme Zusammenarbeit.

Mit freundlichen Grüßen

TuS Appen – Vorstand
Wilfred Diekert
(W. Diekert  – 1. Vorsitzender )

 

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Das untere Mittelmaß in Zahlen – Die Saison 2017/2018 in der Statistik-Rückschau

Es ist soweit: Ich habe einmal ganz tief durchgeatmet (vermutlich lag es an der Elternzeit, die ich zwischendurch hatte) und möchte nun die Saison des FCSP aus statistischer Sicht angehen. Wer ab und an mal den MillernTon hört, der hat vielleicht schon mitbekommen, dass ich unter anderem ‚deep in love‘ mit expected Goals bin. Deswegen werde ich diese Daten natürlich bis ins kleinste Detail auswerten. Aber ich nehme auch einige der „üblichen Verdächtigen“ Statistiken mit auf, da das Bild dann etwas runder wird.

Ich möchte vorwegnehmen, dass meine Vorliebe für Statistiken im Fußball leider nicht mit einer Vorliebe für statistische Methoden einhergeht. Ehrlichgesagt rufen Begriffe wie ANOVA, Normalverteilung, RMSE und Akaike information criterion eher Grausen bei mir hervor. Daher kann es durchaus sein, dass die hier präsentierten Statistiken es mit der Signifikanz nicht sonderlich genau nehmen, stattdessen aber mit ganz viel Herzblut gefüllt sind.

Platz 12 von 18 Teams bedeutet unteres Mittelmaß für den FCSP. Nimmt man die Ziele der Vereinsführung als Maßstab, dann müssten wir die Saison im oberen Drittel der Tabelle beendet haben. Warum das nicht passierte, ob wir diese Platzierung verdient haben und woran in der Vorbereitung dringend gearbeitet werden sollte, lässt sich auch ein wenig anhand verschiedener Statistiken zeigen.

Ein Blick auf die 2.Bundesliga

Im tiefen FCSP-Twitter-Kosmos existiert ein „nameless, genderless robot“ namens stpaulistats. Die Tweets sind zwar deutlich nicht so objektiv wie man es von einem Roboter erwarten würde, aber in steter Regelmäßigkeit wird die Internetseite von stpaulistats mit Daten aller Zweitligisten von football-data.co.uk und data.fivethirtyeight.com gefüllt. Da ich die Daten von fivethirtyeight ebenfalls gesammelt habe, möchte ich auf die Daten der sogenannten „shot table“ eingehen. Diese Tabelle beinhaltet alle Torschüsse der Saison 17/18 aber auch weitergehende Statistiken, die sich aus den Torschussverhältnissen errechnen lassen.

(Source: http://stpaulistats.blogspot.com/p/main-table.html)

Ob und wie aussagekräftig die in dieser Tabelle angeführten Statistiken sind, überlasse ich jedem selbst. Aus meiner Sicht wird vor allem eines mehr als deutlich: Der 1. FC Kaiserslautern hat den Abstieg verdient. Denn sowohl bei den eigenen als auch bei den gegnerischen Torschüssen (gesamt und nur Schüsse aufs Tor) belegen sie den letzten Platz. Da hilft dann auch der zweithöchste PDO wenig, da die total shot ratios deutlich die schwächsten der Liga sind (der PDO, auch Glücksfaktor genannt, ist übrigens das Verhältnis von eigener Chancenverwertung (Score %) vs. gegnerischer Chancenvernichtung (Save %) und die total shot ratios geben das Verhältnis eigener Torschüsse zu denen des Gegners an). Folgt man dieser Statistik, so wird ein zentrales Problem des FCSP deutlich: die Chancenverwertung lässt arg zu Wünschen übrig. Weniger als ¼ aller Torschüsse auf das gegnerische Gehäuse führten zu Toren, die zweitschlechteste Quote der Liga.

Für mich überraschend, da ich eigentlich der Meinung bin, dass solche Statistiken wenig Aussagekraft bezüglich des Erfolges eines Teams haben: Die Anzahl der Torschüsse auf des Gegners Tor korrelieren mit der Tabellenposition.

Anhand der Graphen wird deutlich, dass es einen Einfluss auf den Erfolg eines Teams gibt, wie oft man auf des Gegners Tor schießen kann. Ganz grundsätzlich ist das ja auch logisch, denn je häufiger man auf das Tor schießen darf, umso höher ist die Chance, dass man irgendwann auch mal die Kiste trifft. Bemerkenswert ist, dass dieser Einfluss signifikanter ist als die Anzahl der Torschüsse des Gegners auf das eigene Tor. Es ist also wichtiger eigene Torschüsse zu generieren als die des Gegners zu verhindern. Ein flammender Appell meinerseits ist die Folge dieser Feststellung: Spielt mutiger! Spielt offensiver! Dadurch erhöht ihr Eure Chancen erfolgreich zu sein mehr als wenn ihr versucht keine Gegentore zu kassieren.

Ob sich Ähnliches auch aus den expected Goals schließen lässt? Hier jedenfalls die Tabelle für die Saison 2017/2018:

(Source: http://fivethirtyeight.com/)

Nun ja, von den 9 Teams mit den höchsten eigenen xG-Werten befinden sich 7 auch in der oberen Tabellenhälfte und die Korrelation mit dem Tabellenplatz ist auch akzeptabel (R2 = 0.44). Das ist schon mal nicht schlecht. Eine Korrelation dieser Güte ist bei den xG-Werten gegen die Teams nicht zu finden. Der Zusammenhang der Tabellenplatzierung mit eigenen Torschüssen und nicht mit denen des Gegners ist also auch in den xG-Werten zu erkennen. Und das obwohl mit Fortuna Düsseldorf ein Team Meister geworden ist, welches komplett gegen den Strom der expected Goals geschwommen ist. Zeitweise hatte die Fortuna nach xG-Werten sogar den letzten Platz der Liga eingenommen, aber turnte trotzdem bei den Aufstiegsplätzen rum. So wirklich erklären konnten sich das nicht einmal die Fortuna-Anhänger selbst („Wir steigen auf, keiner weiß warum“). Immerhin haben sich die xG-Werte zum Ende der Saison noch etwas angepasst, sodass nach eigenem xG der 10.Platz erreicht wurde. Mit Eintracht Braunschweig und Dynamo Dresden haben sich zwei Teams in den Untiefen der Tabelle eingefunden, die zumindest anhand der xG-Werte nicht dorthin gehören. Im Fall von Braunschweig lässt sich diese Diskrepanz mit der schwächsten Chancenverwertung der Liga erklären (Score = 22,8%). Dynamo Dresden wiederum weist zwar den zweitniedrigsten xG gegen sich auf, hat davon jedoch nicht so viel, da die Quote der Chancenvernichtung (Save %) die drittschwächste der Liga ist (der FCI ist da ein noch krasseres Beispiel). Laut xG-Werten (xG sum) hätten die ersten drei Plätze deutlich an Holstein Kiel, FC Ingolstadt und Union Berlin gehen sollen. Dass Kiel es nicht geschafft hat, liegt vielleicht auch ein wenig an dessen Einzelspielern (später mehr dazu), Ingolstadt wurde die effiziente Chancenverwertung seiner Gegner zum Verhängnis. Bei Union Berlin zeigt sich die leichte Schwäche der Auswertung mit xG-Daten bei ‚nur‘ 34 Spielen: Eigentlich lieferte Union eine eher mittelprächtige Saison ab, die sich auch in den xG-Werten zeigte. Es gab mit den Spielen gegen Fortuna Düsseldorf (xG 3.7 – 0.2) und den VfL Bochum (xG 5.1 (!!!) – 0.8) aber zwei Ausreißer, die sich in erheblichen Maße auf die Gesamtwerte auswirken. Trotzdem: Ersetzt man bei diesen Spielen den eigentlichen xG-Wert mit dem durchschnittlichen xG (1.3), so belegt Union weiterhin den 3.Platz nach xG-Werten. Übrigens konnte nur Holstein Kiel einen ähnlich hohen xG-Wert erreichen (4.2 im Spiel gegen Düsseldorf). Und wo ist der FCSP? Genau da wo er hingehört. Sämtliche xG-Werte dümpeln im unteren Mittelmaß, wo wir ja letztlich auch gelandet sind. Wir haben uns den 12.Platz also redlich verdient.

Noch deutlicher als in der xG-Tabelle wird die Überperformance von Fortuna Düsseldorf, wenn man einen Blick in die Einzelspiele wirft und ausrechnet wie viele Spiele laut xG hätten verloren werden müssen (eigener xG ist um mind. 0.2 niedriger als xG des Gegners) und trotzdem gewonnen wurden und andersherum. Auch hier zeigt sich, dass Fortuna Düsseldorf überperformed hat: Satte 10 Spiele wurden gewonnen, obwohl das Chancenverhältnis eher für den Gegner sprach und nur zwei Spiele wurden nicht gewonnen bei eigener xG-Überlegenheit. Kein anderes Team kann ansatzweise eine solche Quote aufweisen. Teams wie Union, Dresden, Sandhausen, Kiel, Braunschweig und allen voran Ingolstadt haben sogar deutlich negative Quoten. Auch hier: Mittelmaß für den FCSP.

Wie fielen die Tore/Gegentore?

So. Hier wird es nun wirklich interessant. Ich habe einen tiefen Blick in die Daten von Stratabet gewagt. Stratabet listet alle Chancen sämtlicher Spiele u.a. auch die der 2.Bundesliga. Jede Chance wird dabei sowohl subjektiv, als auch objektiv klassifiziert und kategorisiert. So kann man mit Hilfe dieser Daten z.B. zeigen wie die Teams ihre Tore erzielt und Gegentore gefangen haben, also durch eine Ecke, einen Elfmeter, einen Pass, eine Flanke, etc. zum Tor kamen. So kann erkannt werden, wie der FCSP im Vergleich zur restlichen Liga seine Tore erzielt und Gegentore gefangen hat. Ich habe diese Statistik mal auf die wesentlichen Daten heruntergebrochen: Tore nach Standardsituationen (ohne Elfmeter), nach Ballverlusten und aus dem Spiel heraus.

Aus diesen Statistiken werden zwei Probleme des FCSP mehr als deutlich: 1. Der FCSP hat ein Problem mit Standardsituationen. Das war vielen schon vor dem Lesen dieser Zeilen bewusst, aber nun hat man es nochmal Schwarz auf Weiß – Wir haben uns acht Gegentore nach Standards gefangen und nur zwei erzielt, der Liga-Durchschnitt beträgt aber 5.2 Tore nach Standards. Es gibt also sowohl offensiv als auch defensiv Nachholbedarf in diesen Spielsituationen. Viel besorgniserregender finde ich jedoch die Statistik „Tore nach Ballverlusten“. Der FCSP hat sich satte 26 Gegentore (also 54% seiner Gegentore) nach Ballverlusten eingefangen, bei einem Liga-Durchschnitt von 17.3 Toren (38.2% aller Gegentore). Und es wurden nur 11 Tore nach Ballgewinnen erzielt. Für ein Team, das vom Trainer als „Umschaltmannschaft“ betitelt wurde, ist das bedenklich. Es scheint also für den FCSP auch in anderen Bereichen extremen Nachholbedarf zu geben. (Ich muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass „Tore nach Ballverlust“ als „Tore nach weniger als drei aufeinanderfolgenden Pässen“ definiert ist. Viele, aber weit nicht jede Umschaltsituation ist nach drei aufeinanderfolgenden Pässen abgeschlossen, daher sind in dieser Statistik nicht alle Umschaltsituationen erfasst; Zusätzlich sind viele, aber auch nicht jeder Ballverlust gleichbedeutend mit einer Umschaltsituation).

Ein Blick auf einzelne Spieler des FCSP

Ein weiteres Attribut das Stratabet jeder Chance gibt, ist das sogenannte „chance rating“. Hierbei werden die Chancen subjektiv in Kategorien eingeteilt, je nach Größe der Chance, von ‚den muss man machen‘ (1) bis ‚Verzweiflungsschuss‘ (6). Stratabet hat mal zigtausende Chancen analysiert (es müssen in etwa 40.000 gewesen sein) und nachgeschaut, wie viele dieser Chancen aus jeder Kategorie tatsächlich zu Toren werden. Daraus ergab sich, dass Chancen aus der höchsten Kategorie eine conversion rate von 83% haben, während Chancen der niedrigsten Kategorie nur zu 3% in Tore umgemünzt werden. Es handelt sich also um eine Art xG-Modell, wenngleich keinerlei objektive Daten genutzt werden. Es ist also ein sehr einfaches xG-Modell und dient als Orientierungshilfe zur Einordnung der Abschlussqualitäten von einzelnen Spielern. Aus der Anzahl an Chancen und deren Einordnung lässt sich nun die Anzahl der Tore anhand der conversion rate berechnen (conv. Goals) und mit den tatsächlich erzielten Toren vergleichen. Zusätzlich wird von Stratabet jeder Torschuss noch qualitativ bewertet (Shot-Q.; Skala von 1 (schlechter Schuss) bis 5 (guter Schuss)). So ist z.B. ein direkter Freistoß vom „chance rating“ eher schwach, also zwischen 5 und 6, einzuordnen, aber die Schussqualität kann hoch sein. All diese Daten habe ich genutzt, um einen einigermaßen objektiven Vergleich der Torjäger der letzten Saison zu machen.

(Source: https://app.stratabet.com)

Aus der Tabelle wird deutlich, dass es Stürmer gibt, die aus viel wenig machen und andersherum. Marvin Ducksch gehört zur zweiten Kategorie. Der Top-Torjäger der vergangenen Saison hat mächtige 127 Torschüsse abgegeben und dabei beachtliche 18 Tore erzielt, hätte anhand der Klassifizierung aber etwa 22 Tore erzielen müssen. Ähnlich gelagert ist das Verhältnis von Marco Grüttner. Anders sieht es da bei Hanno Behrens und Steven Skrzybski aus, die in Hinblick auf die conversion rate deutlich überperformed haben. Und wie steht es um die Stürmer des FCSP? Nun, man konnte es sich vermutlich schon denken. Aziz Bouhaddouz und Sami Allagui hätten 7 bzw. 6 Tore mehr erzielen müssen, wenn man die conversion rate als Maßstab nimmt. Auch die Schussqualität sämtlicher Torschüsse ist eher unter dem Durchschnitt bei den beiden FCSP-Stürmern. Ganz grundsätzlich muss aber angemerkt werden, dass es bereits ein Qualitätsmerkmal von Stürmern ist, sich Chancen in guten Positionen zu erarbeiten (Hauptargument, warum Mario Gomez zur WM fährt).

Was brachte der Trainerwechsel beim FCSP?

Auf den ersten Blick nicht sonderlich viel. Unter Janßen gab es einen Punkteschnitt von 1.25 pro Spiel, unter Kauczinski wurde dieser Schnitt nur unbedeutend besser mit 1.28. Es gibt aber durchaus Änderungen in den xG-Werten. Unter Kauczinski hat der FCSP seinen eigenen xG um knapp 0.3 erhöht. Aber es erhöhte sich auch der xG des Gegners leicht (von 1.29 unter Janßen auf 1.35 unter Kauczinski, was aber nicht signifikant ist), wodurch die Summe der xG-Werte auch bei Kauczinski negativ blieb. Deutliche Verbesserungen gab bei der Anzahl der Tore und Gegentore (vor allem auf die herben Klatschen und die effektiven 1-0 Siege unter Janßen zurückzuführen). Es blieb also beim unteren Mittelmaß.

Der FCSP hat also waschechtes unteres Mittelmaß abgeliefert, mit schwacher Abschlussquote, auch dank Stürmern, die weniger Tore machen als der Durchschnitt es tut. Hinzu kommen Probleme beim defensiven Umschalten nach Ballverlusten und bei Standards.  So. Jetzt lasse ich Euch mit den Daten allein. Ihr dürft selbst entscheiden, ob und wie brauchbar und aussagekräftig ihr die findet.

//timbo

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Interview mit Uwe Stöver – die Suche nach der eierlegenden Wollmichsau

Dieses Interview erschien, in einer leicht gekürzten Fassung, zuerst im Print-Übersteiger 132, am 06.Mai 2018.
Alle Fotos: (c) Ariane Gramelspacher

Vor dem Spiel gegen Union Berlin hatte der Übersteiger die Gelegenheit, trotz der prekären sportlichen Situation ein Interview mit dem “Geschäftsleiter Sport” Uwe Stöver zu führen. Themen waren die aktuelle Saison, die Entwicklung im Fußball sowie ein Ausblick auf die Zukunft der Mannschaft.

Übersteiger: Oke Göttlich hat sie bei Ihrem Amtsantritt als Geschäftsleiter Sport als jemanden beschrieben, der in seiner Karriere schon alles erlebt hat. Welche Erlebnisse hat er damit wohl gemeint?

Uwe Stöver: Ich glaube er meinte meine Zeit als Spieler, als Trainer einer U-19, U-23, als Co-Trainer einer Mannschaft der 2. Bundesliga, als Leiter eines Nachwuchsleistungszentrums und als Verantwortlicher  Sport im Bereich 2. Bundesliga und Dritte Liga. In der Zeit gab es einen Aufstieg in die Bundesliga, einen DFB-Pokalsieg 1993 mit Bayer Leverkusen sowie Pokalsiege im Bereich U-19 und U-23 und über viele Jahre erfolgreiche Kämpfe um den Klassenerhalt. „Alles“ habe ich sicherlich nicht erlebt, aber sehr, sehr viel.

ÜS: Bevor Sie beim FCSP anfingen, haben Sie die sportlichen Geschicke in verschiedenen Funktionen beim SV Wehen-Wiesbaden, FSV Frankfurt und dem 1. FC Kaiserslautern geleitet. Die momentane Situation, zweigleisig planen zu müssen, sollte Ihnen also bekannt vorkommen…

US: Klar, der Kampf um den Klassenerhalt war sowohl als Spieler, als auch als Verantwortlicher im Bereich Sport ein ständiger Wegbegleiter. Ich kenne diese Situation also sehr gut.

ÜS: Dann stellen wir die These auf: Uwe Stöver in der jetzigen Situation beim FCSP zu haben, war von langer Hand geplant?

US (lacht): Ich denke, das ist nicht vorauszusehen. Wir hatten eine schwierige Phase in der Hinrunde. Nach dieser hat sich die Mannschaft in der unteren Tabellenregion wiedergefunden. Auch, wenn wir momentan eine Punktzahl haben, die in den letzten Jahren zum Klassenerhalt gereicht hat. Die Situation ist klar: wir befinden uns im Abstiegskampf und haben in den letzten Spielen die Dinge so umzusetzen, dass am Ende der Klassenerhalt als Ergebnis stimmt.

ÜS: Bei Ihren bisherigen Stationen ging es wie erwähnt auch häufig gegen den Abstieg. Was funktioniert beim FCSP diesbezüglich besser oder schlechter als bei anderen Vereinen?

US: Wir haben jetzt eine Situation, die sich durch fehlende Ergebnisse in den letzten Spielen konkretisiert hat und wir müssen deswegen im höchsten Maße die Antennen aktivieren. Abstiegskampf ist überall gleich. Es ist nun noch wichtiger in die Köpfe der Spieler zu kommen und sie zu erreichen. Die Spieler müssen sich der Situation auch selbst bewusst werden. Dann hat man eine sehr gute Grundlage, um die nächsten Spiele erfolgreich zu bestreiten.

ÜS: Kann man den Job eines Sportdirektors besser ausführen, wenn man auch vorher als Trainer tätig war, weil man z.B. Spielertypen, die zur Mannschaft passen besser einschätzen kann?

US: Es ist in meiner Position sehr hilfreich zu erkennen, was U-19 und U-23-Trainer sowie der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums in diesem Bereich an Anforderungen und Bedürfnissen haben. Da ist eine solche Basis sicherlich hilfreich. Auch für die Kommunikation mit den Trainern hilft die vorherige Ausbildung zum Fußballlehrer.

ÜS: Nachdem der FCSP relativ glücklich zuhause gegen Holstein Kiel gewann? Mussten Sie bereits schon mal Fragen zur zweigleisigen Planung beantworten. Allerdings bezogen auf den möglichen Aufstieg. Was ist seitdem mit der Mannschaft passiert?

US: Das Ausbleiben von Ergebnissen und das Verkennen der eigenen Situation waren ein Faktor. Sie behaupten, dass man nach oben schauen musste – wir haben immer gesagt, auch im Winter, dass wir die Mannschaft stabilisieren und von den gefährlichen Plätzen fernhalten müssen. Das gelang zwischenzeitlich nur tabellarisch. Das war sehr trügerisch.

ÜS: Nehmen Sie uns mal mit! Welche konkreten Auswirkungen hätte ein Abstieg auf den sportlichen Bereich?

US: Das Bild der Mannschaft würde sich in weiten Teilen verändern. Stand heute haben 15 Spieler sowie zwei Talente laufende Verträge auch für Liga drei. Das Ziel müsste sein, dass die Mannschaft sportlich und qualitativ so ergänzt wird, dass ein direkter Wiederaufstieg erreicht werden kann. Demnach wäre ein personeller Einschnitt die Folge. Dazu käme ein wirtschaftlicher. Eine Reduzierung der Fernsehgelder zum Beispiel. In der dritten Liga bekommt man Fernsehgelder von ca. 750.000€ / 800.000€. Beides wäre ein sehr großer Einschnitt und würde den Verein in der positiven Entwicklung der letzten Jahre zurückwerfen.

ÜS: Wie kommt es dazu, dass so viele Mannschaften in Liga zwei sich auf einem ähnlichen Niveau befinden und nahezu punktgleich sind?

US: Dieses Jahr gab es keine Absteiger aus der 1. Bundesliga, die einen sofortigen Wiederaufstieg realisieren können – so wie Hannover 96 und der VfB Stuttgart in der Vorsaison. Dazu kamen mit Duisburg, Regensburg und Kiel drei Aufsteiger, die diese Liga sehr schnell durch Kaderstärke und Kontinuität adaptiert haben und sehr gut eingespielt sind. Auch ist die Diskrepanz zwischen zweiter und dritter Liga nicht mehr so groß wie früher – was die sehr guten Ergebnisse der Aufsteiger wie gegen Union Berlin, Darmstadt und Braunschweig belegen. Darüber hinaus haben wir viele Mannschaften, die sich auf gleichem Niveau bewegen. Das liegt daran, dass auch „kleine“ Vereine mittlerweile oft die Möglichkeit haben, mit einem vergleichbaren Etat wie die „größeren“ zu arbeiten.

ÜS: Sie erwähnten, dass ein Vorteil von Aufsteigern die „Eingespieltheit“ ist. Das müsste der Kader vom FCSP eigentlich auch sein, schließlich wurde Kader auch zusammengehalten. Hat St. Pauli überperformed in der letzten Rückrunde?

US: Das ist schwierig zu sagen. Ich sage, dass man über einen gewissen Zeitraum immer da steht, wo man es letztendlich auch verdient hat zu stehen. Gleichzeitig muss man aber auch sehen, dass diese Saison nicht reibungslos war. Wir hatten vom ersten Spieltag an außergewöhnliches Verletzungspech. Dies ist aber nicht der alleinige Grund. Wir haben uns durch viele andere Dinge nie in einen Rhythmus spielen können. Wir sind und waren problembehaftet und haben nicht zu einer Konstanz gefunden.

Man hat am Anfang der Saison immer eine Wunschmannschaft. Diese stand bis zum heutigen Tage nicht gleichzeitig auf dem Platz. Das verfolgt uns die gesamte Saison über. Es wäre für mich interessant zu sehen, wenn alle Spieler gesund wären und wir mit der gleichen Mannschaft 5 bis 6 Spiele bestreiten könnten. Diese Situation hatten wir, neben anderen Problemen unterschiedlicher Art, die ganze Saison lang nicht.

ÜS: Mario Gomez hat vor einem Jahr mit seinen Aussagen, dass viele Spiele in der Bundesliga von „Druck, Angst, Nervosität und Einfach-den-Arsch-retten-wollen“ geprägt seien und dass die geringen Punktabstände in der Tabelle keine Qualität darstellen, viel Aufsehen erregt. Wir finden, dass er damit den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Sie auch?

US: Ich glaube, dass der Druck Fußballer zu sein durch das gestiegene Interesse von Fans und Medien gegenüber dem Zustand von vor 15 bis 25 Jahren deutlich zugenommen hat. Ich glaube auch, dass nicht jeder mit dem Druck so umgehen kann, dass ihn das nicht tangiert.

ÜS: Was haben Sie für einen Eindruck von unserer Mannschaft in Bezug auf den Umgang mit Druck?

US: Bisher war es immer so: Wenn die Mannschaft Druck verspürt hat, dann hat sie sich aus diesen Situationen befreien können. Unser Problem ist eher, dass zu schnell gedacht wurde, dass wir etwas erreicht hätten und uns in anderen Regionen der Tabelle bewegen. Es ist wichtig die Situation zu erkennen, anzunehmen, zu verarbeiten und sich den Dingen zu stellen. Darauf wird es in den nächsten Spielen ankommen.

ÜS: Es gibt einige Stimmen die behaupten, dass der Trainerwechsel aus spielerischer Sicht eher einen gegenteiligen Effekt hatte. Während unter Olaf Janßen versucht wurde Ballbesitzfußball zu spielen, wird unter Markus Kauczinski wieder vermehrt auf Umschaltfußball gesetzt (MK: „FCSP ist eine Umschaltmannschaft“), wie es auch unter Ewald Lienen der Fall war. Ist das die eigentliche Idee gewesen, wie Fußball am Millerntor gespielt werden soll?

US: Das, was man gerne spielen möchte, wird man nur sehr selten spielen können. Ballbesitzfußball und kreatives Spiel sind in der Regel Träume und Wunschvorstellungen. Die einzige Mannschaft in Deutschland, die fußballerisch in der Lage ist Mannschaften zu dominieren und auseinander zu nehmen, das ist der FC Bayern München. Es sind schon viele Vereine mit überzogenen Konzepten gescheitert.

In den meisten Spielen des FCSP lässt sich aus der Ballbesitzstatistik in dieser Saison sowieso ein gegenteiliges Muster erkennen. In Dresden haben wir bei 27 % Ballbesitz mit 3:1 gewonnen. Während wir in Darmstadt mit 67 % Ballbesitz spielen und 0:3 verlieren. Dieser Trend lässt sich in vielen weiteren Saisonspielen belegen. Da muss man sich die Frage stellen, was man spielen möchte. Und zwar mit der Mannschaft, die zur Verfügung steht und nicht in Zukunft. Das Ziel ist dabei der Klassenerhalt.

Mir ist wichtig, dass die Grundtugenden auf den Platz gebracht werden. Diese sind beim FCSP mehr denn je gefordert. Einsatz, Fleiß, Laufbereitschaft, Körperhaltung, Gestik, Mimik, Spektakel – das ist für mich wichtig. Liebend gerne kann das mit hohen Ballbesitzzeiten und Dominanz geschehen, wird aber schwierig zu realisieren sein.

ÜS: In der Hinrunde wurden gute Spiele der Mannschaft nicht gewonnen. Gab es unter Olaf Janßen eine fußballerische Krise oder eine Ergebniskrise?

US: Ohne da zu sehr ins Detail zu gehen: Wir hatten unter Olaf eine Situation, die sich über mehrere Spieltage entwickelt hat und in sieben Spielen ohne Sieg mit deutlichen Niederlagen gipfelte. Wir haben die Situation im Hinblick auf die Frage analysiert, ob wir diese Situation mit Olaf Janßen wieder ändern können und haben uns dagegen entschieden.

ÜS: Als Reaktion auf die anhaltende Flaute im Angriff wurde mit Dimitrios Diamantakos ein weiterer Stürmer ans Millerntor geholt. So richtig nachhaltig konnte er sich bisher jedoch nicht für Einsatzzeiten empfehlen. Wieso?

US: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass „Dima“ nach 3 Monaten noch nicht vollständig bewertet werden kann. Ein Spieler muss erstmal ankommen und Einsatzzeiten erhalten. Bei seinen bisherigen Einsätzen konnte er sich noch nicht entscheidend in den Fokus spielen. Der Konkurrenzkampf der vier Stürmer ist groß und wir werden sehen, was Dima noch beitragen kann. Es ist ein enger Wettbewerb.

ÜS: Mit Schneider, Diamantakos und Allagui (und Choi)  ist eine Position im System mit zwei Spitzen ausreichend besetzt. Einen Ersatz für einen Stürmertypen wie Bouhaddouz gibt es jedoch nicht. Klafft da nicht eine gewaltige Lücke im Kader, zumal diese Position im Umschaltspiel von zentraler Bedeutung ist?

US: Es ist ja auch immer eine Frage der Marktsituation. Wir haben für uns festgehalten, dass es Sinn macht aufgrund des Umschaltverhaltens und auch aufgrund des Anlaufens des Gegners mit Dima einen Spieler zu holen, der das Anlaufverhalten gut praktiziert und auch im Umschaltspiel seine Qualitäten hat. Zusätzlich ist er ein sehr variabler Stürmer der sowohl als alleinige Spitze, um die Spitze herum oder ggf. auch als Offensivspieler auf der linken Seite agieren kann. Daher sehe ich Dima schon etwas differenzierter und weniger vergleichbar mit den anderen Stürmern in unserem Kader. Es war bei der Verpflichtung sicherlich von Vorteil, dass Markus ihn sehr gut kannte und ich ihn aufgrund meiner Zugehörigkeit zur 2.Liga auch vom ersten Tag an in Deutschland vor Augen hatte. Dima ist momentan nicht da wo er sein kann. Wir müssen ihm helfen, dass er wieder zu alter Stärke findet.

ÜS: Mal eine etwas allgemeinere Frage zur Entstehung von Transfers: Läuft so ein Transfergeschäft mehr über den Flurfunk, welche Vereine bereit sind Spieler abzugeben oder fällt man bei Vereinen direkt mit der Tür ins Haus?

US: Das ist immer ein Mix aus einem bestehenden Netzwerk, die mich kontaktieren oder von meiner Seite kontaktiert werden. Wir als Verein haben eine Marktkenntnis über bestimmte Bereiche. Wir gehen dabei in die einzelnen Ligen rein, besuchen die Spiele und haben eine entsprechende Datenbank mit einer Vielzahl an Spielern, die in den letzten Jahren ausgearbeitet wurde. Dann schauen wir welche Positionen bei uns vakant sind oder in der nächsten Saison werden. Und natürlich können über Kontakte oder persönliche Angebote Dinge intensiviert und in Augenschein genommen werden.

ÜS: Wie wichtig ist dabei das persönliche Netzwerk das ein Sportchef hat?

US: Es kann natürlich nie von Nachteil sein, wenn man ein gutes Netzwerk hat.

ÜS: Andreas Rettig musste bei seinem Wechsel nach Köln sein Adressbuch bei Rainer Callmund lassen…

US: Das eine ist das Adressbuch, aber die Leute kennt man trotzdem.

ÜS Inwiefern werden denn Tools wie Wyscout oder InStat für das Scouting genutzt?

US: Das sind Tools die bei uns im dauerhaften Einsatz sind. Wir können uns damit sehr schnell einen sehr intensiven Überblick über das Verhalten der Spieler in verschiedenen Situationen verschaffen. Wir können die Spieler im Kopfballspiel, Torabschluss, Anlaufverhalten, Standardsituationen etc. beobachten und erfassen. Dadurch kann man über die Angebote die reinkommen zügig Aussagen treffen, ob der Spieler für uns interessant ist oder nicht.

ÜS: Bereits vor der Winterpause war klar, dass mit Miyaichi, Buchtmann und Möller Daehli  drei zentrale Figuren im Mittelfeld längerfristig ausfallen. Mit Thibaud Verlinden wurde jedoch einzig ein Nachwuchsspieler verpflichtet, der in der Rückrunde noch überhaupt keine Rolle gespielt hat. Wieso wurde auf weitere Verstärkungen im Mittelfeld verzichtet? Wurde dem Kader insoweit vertraut, dass er diese längerfristigen und schwerwiegenden Verletzungen auffangen kann?

US: Ja.

ÜS: Konnte der Kader diese Verletzungen auffangen?

US: Welche Perspektiven hatten wir im Winter? Wir hatten mit Cenk Sahin, Waldemar Sobota und Sami Allagui Spieler, die diese Positionen besetzen können. Wenn wir damals schon gewusst hätten, dass zusätzlich Waldemar Sobota acht Spiele in der Rückrunde nicht zur Verfügung steht, dann hätten wir vielleicht anders entschieden. Grundsätzlich haben wir aber dem Restkader vertraut, auch in dem Wissen, dass wir Diamantakos auch eine Reihe hinter den Spitzen hätten spielen lassen können. Wir sind davon ausgegangen, dass der Kader das auffängt. Mit dem Start in die Rückrunde, dem Sieg in Dresden und den 7 Punkten aus den Spielen gegen die Top Vier kann man sagen, dass wir die Zeit mit den verletzten Spielern ganz ordentlich überbrückt haben. Die schlechtere Phase ist nun in der jüngeren Vergangenheit zu sehen.

ÜS: War es nicht in gewisser Hinsicht zu erwarten, dass wir gegen Teams wie Dresden, Nürnberg und Kiel, die Ballbesitz-Fußball spielen gute Ergebnisse erzielen und uns gegen Teams wie Sandhausen und Aue schwerer tun, da diese auch auf Umschaltfußball setzen und bei solchen Aufeinandertreffen der erste Fehler verliert?

US: Letztendlich spricht das Ergebnis für sich. Sowohl in der Hin- als auch in der Rückrunde. Wir haben z.B. gegen Nürnberg vier Punkte geholt. Wenn wir mit denen ähnlichen Ballbesitzfußball hätten spielen wollen, dann hätte es im Ergebnis wahrscheinlich nicht zu vier Punkten gelangt.

ÜS: Ich meine auch eher die Spiele gegen tiefstehende Mannschaften…

US: …Sandhausen und Aue warten mit ihrem Umschaltspiel nur auf den einen Moment. Da muss man schon sehr vorsichtig sein. Dafür ist die Liga zu eng als dass man sich dort Fehler erlauben darf. Wenn man erstmal gegen Sandhausen oder gegen Aue in Rückstand gerät, dann wird es schwierig, weil die Mannschaften mittlerweile alle defensiv gut organisiert und strukturiert arbeiten. Das Spiel ist inzwischen sehr taktisch geprägt. Gerade wir haben es ja zum Ausdruck gebracht, dass kleinste Fehler genügen – siehe die Spiele gegen Kaiserslautern, Sandhausen oder Aue. Wir sind im Moment einfach zu fehlerbehaftet und das kannst du dir in der Liga nicht erlauben.

ÜS: Wie schaffen es denn dann Teams wie Nürnberg den Gegner in der 2.Liga mit Ballbesitz zu dominieren?

US: Grundsätzlich kann man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Vielleicht würden wir auch einen anderen Fußball spielen, wenn wir immer die Spieler zur Verfügung gehabt hätten, die für gewisse Spielweisen von Nöten gewesen wären. Bei Ballbesitzfußball ist es sicherlich von Vorteil, wenn uns Christopher Buchtmann zur Verfügung steht – und das natürlich über die ganze Saison, da er ein zentraler Verbindungsspieler mit Abschluss- und einleitenden Qualitäten ist. Wenn ich mir anschaue welche Spiele er bestritten hat und wie viele davon ohne Schmerzen, dann kommt man da nicht auf 50% der Spiele. So zieht sich das wie ein roter Faden durch die Saison. Wir hatten in der Spitze bis zu elf oder zwölf verletzte Spieler. Dann passt so ein Puzzle eben auch nicht mehr. Mit einer Kadergröße von 27-28 Spielern muss man so eine Anzahl an Ausfällen erst einmal kompensieren und dass auch noch über einen längeren Zeitraum.

ÜS: Der rote Faden der vielen Verletzungen zieht sich ja auch etwas länger in die Vergangenheit.  Gibt es da Überlegungen mit individuellen Trainingsplänen oder anderem Athletik-Training entgegenwirken kann?

US: Wir sind von den Mitarbeitern im Bereich des Athletik-Trainings komplett überzeugt. Vordergründig kümmern sie sich um Stabilisation und Prävention. Was unsere Verletzungshäufigkeit angeht muss man differenzieren und kann nicht pauschalisieren. Wir hatten bis vor kurzem noch so gut wie keine Muskelverletzungen in dieser Saison, sondern Verletzungen, die über Zweikämpfe oder aufgrund von Rücken- oder Bandscheibenproblematik zustande gekommen sind. Wir haben diese Thematik für uns aufgearbeitet und es ergab sich ein divergentes Bild, ohne Struktur. Wenn wir 25 Muskelverletzungen gehabt hätten, dann wären für mich die Dinge klarer gewesen.

ÜS: Gehen wir mal von einem Verbleib in der zweiten Liga aus: Nachdem der Kader der letzten Saison zusammengehalten werden konnte, stehen die Zeichen dieses Mal auf Umbruch. Zwar wurden die Verträge der „alten Hasen“ verlängert, aber Spieler wie Buchtmann, Sahin, Neudecker und Möller Daehli könnten den Rufen aus der 1.Bundesliga erliegen. Wie stehen die Chancen bei diesen Spielern auf einen Verbleib?

US: Sowohl Buchtmann als auch Neudecker haben einen Vertrag bis 2019, Sahin sogar noch länger. Wir haben uns nicht nur um die 2018 auslaufenden Verträge gekümmert, wir befinden uns mit Teilen der 2019 auslaufenden Verträge schon in intensiven Gesprächen. Man muss abwarten was die Dinge in der Zukunft bringen. Wir wissen um die Situation und um die Entwicklung der Spieler und wollen natürlich mit den Spielern von denen wir überzeugt sind, auch über 2019 hinaus arbeiten.

ÜS: Der Kader besteht momentan aus 30 Spielern, ist also prall gefüllt. Nach dem Verlauf der Saison ist damit zu rechnen, dass es Verstärkungen geben soll. Für Neuzugänge müsste im Kader jedoch erst einmal etwas Platz geschaffen werden.

US: Das ist natürlich richtig. Wir werden sicherlich Ausschau halten nach Spielern, die uns qualitativ anheben und dann werden wir sehen, ob wir aktiv werden können. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass Spieler den Verein, möglicherweise auch über eine Ausleihe, verlassen werden. Ich widerspreche Ihnen aber, denn eine Kadergröße von 27+3 ist im Verhältnis zu den anderen Teams eher eine mittlere Kadergröße. Die anderen Mannschaften bewegen sich eher zwischen 26 und 35 Spielern. Es ist aber nicht unser Ziel mit 27+3 in die Saison zu gehen, da wir die talentierten Nachwuchsspieler, wie z.B. Luis Coordes und Jakob Münzner, in hohem Maße begleiten und unterstützen wollen und daher auch mit diesen Spielern in die Saison gehen wollen.

ÜS: Mit Lasse Sobiech wird ein sehr wichtiger Spieler den FC St.Pauli zum Saisonende verlassen. Wem aus dem aktuellen Kader trauen Sie zu diese Rolle im Defensivverbund  und allgemein die Rolle in der Mannschaft zu übernehmen?

US: Ich glaube, dass Philipp Ziereis jemand ist der das übernehmen kann. Bernd Nehrig als jetziger Kapitän sowieso, Johannes Flum ist sicherlich auch zu erwähnen. Aber die Struktur der Mannschaft ändert sich. Vielleicht gibt es ein Gefüge, das wir heute noch gar nicht absehen können. Fakt ist, dass wir mit den drei Genannten Spieler haben, die die Rolle auf dem Feld ausfüllen können.

ÜS: Das NLZ hat eine klar formulierte Philosphie, die den Jugendspielern beigebracht wird, die auf Grundprinzipien beruht. Gibt es auch eine Uwe-Stöver-Philosophie was die Art des Fußball-Spielens betrifft?

US: Ja, aber das ist ja nicht von Wichtigkeit. Wichtig ist, dass der Verein eine klare Philosophie hat und an der habe ich mich zu orientieren. Es wäre fatal als Zeichen eines Vereins, wenn mit dem Anwerben einer Person eine völlig neue Situation entsteht.

(Markus Kauczinski betritt den Raum)

US: Du kannst ruhig reinkommen, wenn Du willst.

(Begrüßungsrunde)

US: Es ist wichtig, dass ein Verein eine klare Richtung hat, mit Zielen und Visionen.

ÜS: Im Tagesgeschäft kann ja auch durchaus mal der Blick für das große Ganze verloren gehen. In Unternehmen werden Unternehmensberater zur objektiven, weil externen Bewertung herangezogen, damit Trends nicht verpasst und eingefahrene Strukturen aufgelöst werden. Warum ist das in Fußballvereinen nicht so?

US: Ich denke, dass der FC St.Pauli sehr viel Fußballkompetenz in seinen Reihen hat. Das geht über Mitarbeiter im NLZ, die als ehemalige Profis fungiert haben, über regelmäßige Lehrgänge, Fortbildungen und Ausbildungen. Wir haben ein sportliches Beratungsgremium mit der Qualität von mittlerweile fünf Fußballlehrern, mit sechs-sieben ehemaligen Spielern. Auch Andreas Rettig ist als Fußballlehrer unterwegs und hat mittlerweile den einen oder anderen Verein kennengelernt. Ich glaube, das ist schon eine Kompetenz, die man in anderen Vereinen erstmal suchen muss. Und da wir hier im Verein einen sehr intensiven Austausch pflegen, in unserer Konstellation auch ein Stück weit unterschiedlich sind und kontrovers diskutieren, befruchtet das und hält einen immer wach. Ich denke, dass wir da so wissbegierig sind, dass wir auch keine Trends verpassen.

ÜS: Was ist denn der Trend im Fußball der 2.Liga? Ich habe den Eindruck, dass wieder mehr Fokus auf das Fußballspielen gelegt wird, wie es z.B. in der 1.Bundesliga der Fall ist.

US: Ja, aber was heißt mehr Fußball spielen? Welche Art des Fußballs?

ÜS: Ich meine mit mehr Fokus auf eigenen Ballbesitz…

US: Was wir spielen wollen und wie wir das gerne hätten, ist das eine. Das andere ist, das was wir haben. Sowohl was das Personal betrifft, als auch die Situation. Es gab in der Vergangenheit viele, die sehr gute Ideen hatten und diese auch gnadenlos durchziehen wollten, dann aber erfahren haben, dass es eigentlich gar nicht möglich ist. Und viele dieser Leute sind entweder nicht mehr als Trainer, oder eben nicht mehr in dieser Größenordnung auf dem Markt. Ich hätte auch gerne die eierlegende Wollmilchsau auf elf Positionen. Aber das ist leider nicht so. Wir haben einen Kader mit dem wir einen Fußball spielen müssen, der Ergebnisse bringt, gerade zum jetzigen Zeitpunkt. Eine grundlegende Philosophie ist wichtig, aber wenn man sich nur in diesem Tunnel bewegt und nichts von außen zulässt, dann wird es problematisch.

MK: Und egal was ich tue, es ist ja berechenbar. Wenn ich immer dasselbe mache, immer meinen Ballbesitzfußball spiele, hat das gewisse Muster, gewisse Schemen. Der Gegner stellt sich darauf ein und dann merke ich, dass ich an meine Grenzen komme und muss es doch wieder anders machen. Wir fischen alle im gleichen Teich was die Spieler angeht. Auch ist es notwendig, dass die Spieler deine Philosophie umsetzen können. Da musst du sehr stringent sein, das braucht Zeit und ich habe immer wieder Dinge und Ideen ändern müssen, weil man eben irgendwann an eine Grenze kommt. Das bedeutet in diesem Geschäft, dass man dann auch weg ist. Man muss also immer auf der Hut sein und erkennen, wann man was verändern muss. Wenn es jetzt den Trend zum Ballbesitzfußball gibt, dann gibt es in ein paar Monaten wieder etwas Anderes.

ÜS: Vielen Dank für das Interview. // timbo & flippa

 

 

 

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MT055 – 13,12 Torschüsse

Die Fanboys in Teilen unseres gemütlichen Familienpodcasts haben sich gefreut wie bei Boller: Reimer Bustorff von Kettcar war zu Gast!

Mit ihm sprachen wir in Teil 1 über die letzten zwei Saisonspiele, werteten unsere Saisonprognose aus und anschließend widmeten wir uns ihm und Kettcar.
Kleiner Wermutstropfen: Ein “Liebling… ich bin gegen Deutschland”-Shirt scheint noch nicht in der Produktion zu sein, vielleicht konnten wir ihn aber ja von einer etwas subtileren Version überzeugen?

Schöne Sommerpause Euch allen!

Wir kommen dann zurück am Dienstag, dem 7.August – und Ihr dürfte alle dabei sein!
Denn erneut wagen wir den “Live”-Versuch mit Publikum, um 19.10h geht es im Fanräume-Saal los. Und damit Ihr nicht nur unsere Podcast-Gesichter ertragen müsst, haben wir auch wieder einen Stargast dabei: Timo Schultz wird uns mit seiner Anwesenheit erfreuen.
Also: Kalender raus, Termin eintragen!

P.S. Die Tickets für die Kaiser Chiefs sind weg, Ihr braucht nicht mehr zu kommentieren.

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Energie Cottbus: Alles Nazis – oder doch nicht?

Dieser Artikel von Slarti erschien zuerst im Print-Übersteiger #132 am 6.Mai 2018.

Wenn man über die Vorfälle in Babelsberg redet, muss man auch über Cottbus reden. Und zwar anders, als oft am Millerntor der Fall: Differenzierter und mit etwas mehr­… sagen wir mal… Demut. Denn seien wir ehrlich: Wir sitzen hier (zurzeit!) auf der Insel der Seligen. Die ist aber eben eine Insel und kein Olymp, von dem es sich auf andere herabblicken ließe.

Dass die Situation in Cottbus komplexer ist, als sie auf den ersten Blick scheinen mag, sah man zum Beispiel im November 2016 im Heimspiel gegen – Babelsberg. Im Cottbusser Fanblock war folgendes Transparent zu sehen: „Für Zecken sind wir Nazis – für Nazis sind wir Zecken…“. Urheber war Ultima Raka, eine der größten Ultra-Gruppen bei Energie Cottbus. Kein Jahr später stellte die Gruppe ihre „Aktivitäten für unbestimmte Zeit“ ein. Wie kam es dazu und was bedeutet das für die Gegenwart?

Ultima Raka beim Spiel gegen Babelsberg im November 2016 // (c) Dennis Pesch

Nazis, Kampfsportler, Hooligans und Rocker

Es ist kein Geheimnis, dass das Bild der Cottbusser Fanszene durch Inferno Cottbus (IC’99) geprägt ist, die man heute mit Recht als Nazis bezeichnen kann. Bei der Gründung 1999 war IC’99 jedoch ein Dachverband, in dem Rechte zwar von Anfang an dabei waren, der aber zunächst Fans aller Art versammelte, die Stimmung und Ultrakultur wollten. Erst als der Verein 2002 ein „Erscheinungs- und Auftrittsverbot“ gegen IC’99 verhängte, spaltete sich die Szene: Neben IC’99 entstanden das Collettivo Bianco Rosso (CBR’02) und Ultima Raka (UR’02).

IC’99 wurde zum Sammelbecken für organisierte Neonazis, Hooligans und Kampfsportler wie Markus Walzuck, 2011 deutscher Meister im Kickboxen. Wie Robert Claus – Rechtsextremismusexperte und Autor von „Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“ – betont, ist diese „Verzahnung von Kampfsport-, Polit- und Hooliganstrukturen“ vielerorts zu beobachten: „Wir reden nicht nur über ein Fußballproblem, sondern über ein Sport- bzw. Kampfsportproblem, das in die Fanszenen hineinstrahlt.“ In Cottbus komme hinzu, dass „Kampfsport, rechte Szene und Security-Business eng verknüpft und ein echter Wirtschaftsfaktor sind“. Neben über 50 Security-Unternehmen existieren unter anderem das in der rechten Szene beliebte Mode-Label „Label 23“ – als „Boxing Connection“ von Markus Walzuck gegründet – sowie das Rechtsrock-Label Rebel Records, bei dem die Band Frontalkraft unter Vertrag ist, die wiederum Verbindungen zum IC’99 hat. Das IC’99 ist starker Arm und zentraler Teil dieses rechten Netzwerks, das eine „mafiöse Dominanzkultur“ in der Stadt etabliert hat, wie Joschka Fröschner von der Opferspektive formuliert, die Opfer rechter Gewalt und rassistischer Diskriminierung berät. Er weist jedoch zugleich darauf hin, dass es in Cottbus nicht nur Nazis gibt: „Das Gewaltlevel ist auch deshalb so hoch, weil es hier noch eine Gegenkultur gibt, von der sich die rechten Strukturen herausgefordert fühlen.“ Das sollte man zumindest auf dem Schirm haben, wenn man über die Situation in Cottbus redet.

Auch der Nachwuchs des IC’99, die Unbequeme Jugend Cottbus (UJC), und Gruppen wie die WK13 Boys verbinden ein stramm rechtes Weltbild und hohe Gewaltbereitschaft. Vor allem UJC ist in der Fanszene und der Stadt selbst immer mehr zum Problem geworden. CBR’02 und ihr Nachwuchs Frontside sind ebenso rechts bis rechtsoffen und haben Verbindungen in die rechte Szene und ins Rockermilieu, besonders zum mit Neonazis durchsetzten Gremium-Chapter Spremberg. IC’99 wie auch CBR’02 pflegen enge Beziehungen zu den New Society Boys („NS-Boys“) aus Chemnitz – deren Logo mit Hitlerjungen-Konterfei ist auch auswärts häufig zu sehen.

Dazu, dass die Fanszene unter dem rechten Schatten des IC’99 steht, trug auch der lange Zeit beschwichtigende Umgang des Vereins mit dem Problem bei. Trotz eindeutiger Informationen, auch von staatlicher Seite, wiegelte man ab, teils in grotesker Weise – vielleicht auch aufgrund persönlicher Beziehungen und weil einige Mitglieder des IC’99 der eigenen Jugend entstammten. So behielt das IC’99 seine Vormachtstellung, obwohl seit 2002 fast durchgängig mit „Erscheinungs- und Auftrittsverbot“ belegt und trotz teilweise langjähriger Stadionverbote. Wobei es laut Fröschner „nicht so die große Rolle spielt, ob die Stadionverbot haben oder nicht“ – sie kommen auch so rein.

Wo „unpolitisch“ schon gefährlich ist

Das hohe Gewaltpotenzial des IC’99 verschafft der Gruppe „einen Einfluss, der ihrer eigentlichen Größe nicht entspricht“, so Claus, und macht es anderen Fans schwer, ihrer Dominanz etwas entgegenzusetzen. Wie Fröschner bestätigt, gibt es „neben den offenen Nazistrukturen von jeher wenig Platz für Ultras, auch Ultima Raka war immer unter Druck“. Denn UR’02 traten als „unpolitische“ Ultras auf, die „Politik im Stadion“ ablehnten. Das mag vom Millerntor aus als „zu wenig“ erscheinen, das wäre aber zu einfach gedacht – viel mehr war und ist gegen das Gewaltpotenzial der Szene um das IC’99 bisher kaum möglich, erklärt Fröschner: „Eine Gruppe, die sich im Stadion halbwegs offen als ‚links‘ präsentiert, wäre in fünf Minuten aus dem Block raus.“ In diesem Klima boten UR’02 auch politisch linken Energie-Fans – ja, die gibt es! – einen Raum. Vor allem aber waren sie, wie Fröschner herausstellt, „der Rückzugsraum für die vernünftigen Leute“ und wichtig, damit die Masse der Stadionbesucher „die Verbindung von rechtem Gedankengut und Fußball nicht als alleinige Normalität erlebt“.

Den Rechten gefiel dieser Bruch mit ihrer Agenda natürlich überhaupt nicht. Ultima Raka wurde als „UR Antifa“ diffamiert und mehrfach angegriffen. Als 2016/17 einige „alte Größen“ des IC’99 nach längerer Abwesenheit aktiv in die Fanszene zurückkehrten, verschärfte sich die Situation, wie Fröschner berichtet: „Seitdem nahm die Gewalt innerhalb der Fanszene deutlich zu.“ Offenbar hatten andere ihrer Meinung nach „die Zügel schleifen lassen“ – nun nahm das IC’99 sie wieder fester in die Hand. Auch mithilfe der UJC wurden andere Gruppen „verstärkt unter Druck gesetzt und bedroht, um sie auf Linie zu bringen“.

Parallel kam es nach einem Wechsel an der Vereinsspitze 2016 endlich zu „mehr Offenheit dafür, das Problem anzuerkennen und anzugehen“, so Fröschner. Das führte jedoch erstmal zur Zuspitzung. Als einige Vorfälle innerhalb der Fanszene durch Medienberichte öffentlich wurden und Ermittlungen wegen der Gründung einer kriminellen Vereinigung drohten, löste sich IC’99 im Mai 2017 präventiv auf – aber nur auf dem Papier. Ihr neues Ziel: Die Fanszene in einer neuen Struktur zu vereinigen, in der IC’99 den Ton angegeben hätte. „Gespräche“ wurden geführt und wo sie nicht das gewünschte Ergebnis brachten, setzte man teils massive Gewalt ein, lauerte Betroffenen auf oder besuchte sie zuhause. Vor diesem Hintergrund ist die Ankündigung von UR’02 aus dem September 2017 zur „Einstellung der Aktivitäten“ zu lesen, in der es hieß: „So beschissen das auch ist, so sehen wir nach Gesprächen mit anderen Akteuren über die zukünftige Ausrichtung der Cottbuser Fanszene leider keine Möglichkeit, unser Fandasein weiterhin frei nach unseren Vorstellungen auszuleben.
In freier, zugespitzter Übersetzung: Wir machen bei den Plänen des IC’99 nicht mit, aber wir wollen uns auch nicht umbringen lassen.

Energiefans gegen Nazis

Am 2. Oktober 2017 tauchte bei Facebook die Seite „Energiefans gegen Nazis“ auf. Die Aktiven – anfangs etwa zehn, inzwischen deutlich mehr – sind einfache Fans und Vereinsmitglieder, ohne engere Verbindungen zu Ultragruppen. Sie ordnen sich auch keiner politischen Partei oder Struktur zu; was sie vereint, ist das Bestreben, etwas gegen die Nazis im Stadion zu tun. Ihr erstes Statement: „Wir haben diese Seite eröffnet, weil wir es nicht mehr akzeptieren, als Energiefans pauschal stigmatisiert zu werden. Gleichzeitig leugnen wir nicht, dass unser Verein offenbar noch zu viele Nazis anzieht.

Die „Energiefans gegen Nazis“ sind überzeugt, dass „die Mehrheit der Fans die Nazis ablehnt“. Dieser Mehrheit wollen sie Mut machen, sich von den Nazis abzugrenzen und für Vielfalt und Toleranz einzutreten. Dazu betreiben sie auch Aufklärung zu Rechtsextremismus, zu Symbolen, Kleidung und Begriffen der rechten Szene. Der Abstand zur organisierten Fanszene soll es anderen Fans leichter machen, sich an Aktionen zu beteiligen. Im Vordergrund soll die Sache stehen, nicht Personen oder Gruppen. Vor allem deshalb blieben die Aktiven bisher anonym. Zwar spielen Sicherheitsgründe mit hinein, doch sie legen Wert darauf, „das Bedrohungspotenzial nicht größer zu reden als es ist. Die meisten von uns haben noch nie bedrohliche Situationen erlebt.

Bereits nach einer Woche hatte die Seite über 700 Likes, aktuell über 1000. Auch der Verein kommentierte die Initiative positiv. Aus dem Umfeld des IC’99 wurde mit der Seite „FC Energie Cottbus-Fans gegen Zecken“ geantwortet, die es aber nur auf etwa 200 Likes brachte und inzwischen eingestellt wurde. Ihr Ziel, „Diskussionen anzustoßen“, haben die Aktiven jedenfalls erreicht. Es wird kontrovers diskutiert: ob Politik ins Stadion gehört, ob Linksextremismus genauso schlimm ist wie Rechtsextremismus, was man gegen Nazis tun kann und wie weit man dabei gehen darf. Vieles, was am Millerntor sofort Konsens wäre, ist lebhaft umstritten – „das finden wir aber gut, das ist genau das, was wir wollen“. Deutlich wird dabei, dass viele Cottbusser die Nase voll haben von den Nazis – aber eben auch davon, mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden. Ein Problem, das die „Energiefans gegen Nazis“ kennen: „Selbst einige von uns wurden mehrfach als Nazis beschimpft.

Womit wir zu den unbequemen Fragen kommen: Darf man eine Fanszene, die unbestritten ein ernsthaftes Problem mit Nazis hat, „pauschal stigmatisieren“? „Klar“, denken manche. „Beim Fußball, im Stadion – und erst recht unter Ultras – gehören Rivalitäten und Provo dazu und Nazis sind nun mal scheiße.“ Stimmt. Aber: Wenn man meint, dass Politik ins Stadion gehört, dass das Stadion ein politischer Raum ist, wenn man sich als politischer Fan oder gar politischer Verein begreift – dann kommt man nicht drum herum, sich zu fragen, was das eigene Tun politisch bewirkt.

Dann muss man sich auch fragen, wie man auf ein Transparent wie das von Ultima Raka reagiert. Die Babelsberger gaben beim nächsten Spiel diese Antwort: „Für Zecken seid ihr Nazis – Für Nazis seid ihr Zecken… Für uns seid ihr einfach nur Abschaum“.
Kann man unter „alles nur Provo“ abtun, kommt als Argument auch von der Gegenseite. Aber: Unterstützt man damit die, die den Nazis im eigenen Verein etwas entgegensetzen – und sei es „nur“ eine Alternative, in der man nicht rechts sein muss, um Ultra zu sein? Zumindest die Frage, ob man die Gelegenheit besser hätte nutzen können, darf man stellen.

Das war den Babelsbergern durchaus schon gut gelungen. So zeigte man 2015 eine einfache Botschaft: „Nazischweine“. Der Witz: Das I und das C waren rot hervorgehoben – der Adressat war eindeutig. Auch für die „Energiefans gegen Nazis“ war das „richtig, korrekt und schlau, so funktioniert Bannerarbeit im Stadion“. Dass nun aber ausgerechnet wieder gegen Cottbus das „Nazis raus aus den Stadien“-Transparent in der Gästekurve aufgehängt wurde, ging selbst ihnen übel gegen den Strich. Auf Cottbusser Seite empfand man das zumindest teilweise als „Marketing-Masche“, vor allem aber als politisch kontraproduktiv: „Im Grunde natürlich eine Super-Aktion, aber dass das Thema immer wieder ausschließlich auf dem Rücken von Cottbus ausgetragen wird, hilft den Nazis mehr als uns. Letztlich befördert das nur dieses ‚wir‘ und ‚die‘, hinter dem sich die Nazis verstecken können.

Botschaft aus Babelsberg an das IC’99 // (c) Sören Kohlhuber

Was tun?

Es bleibt also schwierig – für Kritiker*innen von außen wie für die, die vor Ort versuchen, etwas zu ändern. Das zeigt auch die Diskussion auf der Seite um einen Song, der im Stadion gespielt werden sollte. Doch der Verein lehnte ab – „Beate Zschäpe hört U2“ war aktuell (noch) nicht durchsetzbar. Nach Robert Claus „muss man sowieso im Maßstab von drei bis fünf und mehr Jahren denken. Das Netzwerk aus Verein, Fanprojekt, engagierten Fans und Stadt braucht eine zielgerichtete Strategie, wo man mit der gesamten Fanszene in fünf bis zehn Jahren stehen will. Welche Rolle sollen Vielfalt und Demokratie darin spielen und welche Maßnahmen braucht es dafür?“ Aktuell sei vor allem wichtig, „was man dafür tun kann, dass die nächste Generation von Cottbus-Fans nicht an die falschen Leute gerät“. Was das angeht, ist es fraglos ein Verlust, dass Ultima Raka zurzeit offiziell aus dem Spiel ist – wobei sie in letzter Zeit wieder aktiver zu werden scheinen.

Wie also kann man den „Energiefans gegen Nazis“ helfen? Claus betont, dass man das vor allem die Aktiven selbst fragen müsse: „Was brauchen und wollen sie überhaupt an Unterstützung? Nicht nur unabgesprochen von außen reinreden.“ Die „Energiefans gegen Nazis“ würden sich, so ihre Aussage, über Ideen zu Aktionen, Merch und „coole Sprüche“ freuen, die sie nutzen können. Als Beitrag auf der Seite – nicht zu offensichtlich aus St. Pauli – oder direkt per Nachricht. Oder über Links zu Artikeln, „die einen klaren, engen Bezug zu Fußball und Nazis im Fußball haben“. Ein kleiner Traum obendrauf: „Wenn namhafte Künstler wie etwa Die Ärzte ganz unvoreingenommen bereit wären, den Verein im Bemühen um Vielfalt und Toleranz zu unterstützen, und im Stadion ein paar Worte an die Leute richten oder gar einen Song spielen, zum Beispiel ‚Schrei nach Liebe‘ – dann wäre eine Barriere gebrochen, dahinter könnte der Verein nicht zurück.“ Ihr nächster Plan ist, mit einer Zaunfahne einen Schritt aus der Anonymität hinaus zu machen. Wie das organisiert werden kann, ob immer jemand anderes sie aufhängt oder eine große Gruppe mehr Sicherheit bietet – darüber wird noch gesprochen. Jedenfalls geht es weiter.

Dabei wäre es wahrscheinlich auch für diejenigen in Cottbus, die keinen Bock auf Nazis haben, die einfachere Lösung, nach Babelsberg oder ans Millerntor abzuwandern: Man müsste sich weniger mit Ambivalenzen und Widersprüchen plagen, riskiert weniger Auseinandersetzungen und erspart es sich, „pauschal stigmatisiert“ und selbst als „Nazi“ angegriffen zu werden. Aber: Auch wenn ich meinen Platz auf der Insel der Seligen genieße – was Leute wie die „Energiefans gegen Nazis“ machen, ist richtig und wichtig und bedarf der Unterstützung. Denn um die Inseln der Seligen herum gibt es noch die raue See. Also, mit den besten Wünschen nach Cottbus: Walk on und viel… Energie! // Slarti

P.S. Es bleibt noch ein langer und schwieriger Weg, offensichtlich. (Frodo)

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Endlich egal

Vergangenheitsbewältigung.

Es gibt Dinge und Themen, die schleppt man seit der Jugend mit sich rum und hat bis ins hohe Alter Schwierigkeiten damit, sie zu verarbeiten.
Der verschossene Kutzop-Elfmeter ist bei mir so ein Trauma gewesen, insbesondere mit der anschließenden Sportschau-Konferenz bzw. dem unfassbaren Verhalten meiner Mutter. Wenn man viel Glück hat, kann man dies irgendwann (zum Beispiel in einem Blogpost) verarbeiten.

Andere Dinge verarbeitet man nie, oder die Situation lässt sich auch gar nicht auflösen.
Stellt Euch vor, Ihr seid Fan des TSV 1860 München und Eure Abneigung gegenüber dem FC Bayern ist immens.
Was wäre ein realistisches Szenario, auf das Ihr in den nächsten 80 Jahren hoffen dürft? Das es mal so richtig furchtbar läuft für die Bayern, sie eine grottige Saison spielen, unfassbar viele Niederlagen kassieren, alles schief geht – und sie sich am Ende nur für die Europa League qualifizieren? Sehr unrealistisch, quasi Fiktion.

Ähnlich erschien es für mich in den letzten Jahren mit dem Nachbarn.
Wie mit obiger Kutzop-Geschichte schon verraten, war meine Kindheit Grün-Weiß.

Ich wuchs auf mit fußballerischer Fan-Sozialisation in den Jahren nach Adrian Maleika. Einem Bremer Fußballfan, der bei einem Auswärtsspiel beim hsv von einem Stein am Kopf getroffen wurde, anschließend wurde er am Boden liegend weiterhin mit Tritten am Kopf traktiert und verstarb schließlich am Folgetag.
Der hsv war mir also schon in meiner Kindheit nicht egal, es war nicht einfach nur ein sportlicher Rivale.

Auch eins meiner ersten Auswärtsspiele ging Jahre später dann in den Volkspark, zusammen mit meiner Mutter. Auf dem Weg zum Stadion versuchte man mir den Schal zu klauen, was bei mir zu zwei Dingen führte:

  • leichte Würgemale am Hals, da der Schal eben locker um diesen herumgelegt war
  • deutlich gestiegener Respekt gegenüber meiner Mutter, die dem Übeltäter kräftig eine schallerte, woraufhin er Reißaus nahm

Ich wiederhole mich: Der hsv war mir also schon in meiner Kindheit nicht egal, es war nicht einfach nur ein sportlicher Rivale.

Als ich dann (erneut Jahre später) Mitte der Neunziger zum FC St.Pauli konvertierte, konnte dies selbstredend diese “Grundskepsis” gegenüber diesem Verein nicht lindern, im Gegenteil.
Und spätestens mit dem Umzug nach Hamburg im Jahr 2001 brach dann auch die letzte eventuell noch vorhandene Neutralität gegenüber dem hsv in sich zusammen.
Wer als Nicht-hsv-Fan in Hamburg wohnt, kommt trotzdem nicht am hsv vorbei.
Damit meine ich gar nicht so sehr die Menschen, denn im Hamburger Stadtgebiet sieht man deutlich mehr Personen mit St.Pauli-Utensilien als Dino-Accessoires (im Umland ist dies umgekehrt), aber die gesamte mediale Betrachtung gilt in erster Linie dem hsv.
Dies ist auch gar nicht verwunderlich und natürlich sportlich auch völlig in Ordnung, schließlich spielte dieser Verein (und später die AG) seit Vereinsgründung immer Erstklassig, gewann diverse nationale Titel, dazu zwei Europapokale, hatte Uwe Seeler, Horst Hrubesch und Kevin Keegan unter Vertrag.
Und der FC St.Pauli? Naja, beim Hallenturnier haben wir ab und an mal gewonnen, später dank unserer Drittklassigkeit auch noch den Oddset-Pokal.

Was aber tatsächlich nervte, war (und ist) die zur Schau gestellte Selbstherrlichkeit, die sich von eben jener medialen Aufmerksamkeit auf (viele) Fans übertrug, gepaart mit einem völligen Unverständnis darüber, dass eine Identifikation im Fußball sich nicht ausschließlich über sportlichen Erfolg definieren muss.
Man ist der große hsv, man hat das größere Stadion, es gehen mehr Leute hin.
Ja… und? Ist doch schön, freut Euch drüber!

Hin zu kamen diverse unangenehme Vorfälle im Stadtteil, Überfälle, etc.
Auch bei uns sind sicher nicht nur Engel unterwegs, keine Frage, aber erneut:
Warum arbeitet man sich in schöner Regelmäßigkeit am Stadtteilverein ab, statt ihn zu ignorieren?
Jede Marketing- oder Merchandise-Aktion wird verteufelt und belächelt, in Zeiten als es tatsächlich mal kurz nach dem Aus für uns aussah wird ein “Bettler”-Shirt als Replik auf die “Retter”-Kampagne kreiert.

Man belächelt unser “Weltpokalsieger”-Gedöns, feiert aber selbst ein 4:4-Unentschieden noch Jahre später?
Kann man alles machen, klar – aber mal ehrlich: Ihr seid der große hsv!
Was stört es Euch als Eiche, wenn sich der kleine Stadtteilverein an Euch schubbert? Und noch mehr, wo ist die Notwendigkeit als Goliath, auch noch auf den am Boden liegenden David einzutreten?

Karma is a bitch – und doch sah es lange nicht danach aus, als würde es je auf den Dino zurückfallen.
Diese unsägliche Uhr, der Dino, das Alleinstellungsmerkmal.
Es schien für alle Zeit fest verankert zu sein.

Und dann? Eine Chronologie der Fassungslosigkeit.

Die Saison 2013/2014
Fünf Niederlagen an den letzten fünf Spieltagen, 27 Punkte – und die Unfähigkeit der Clubs aus Nürnberg und Braunschweig daran noch vorbeizuziehen.
Eine Relegation gegen Fürth, in der man zwei Unentschieden holt (1:1 und 0:0) und dank der Auswärtstorregel drin bleibt.

Noch heute schüttele ich den Kopf, wenn ich nur dran denke. Bis vor kurzem war das Bild vom Fürther Stürmer Azemi, der frei vor dem Tor stehend den Ball nicht trifft, noch sehr präsent bei mir.

Mai 2014: hsv Plus
Alles wird jetzt besser, endlich kommen Fachleute ans Werk.
Wer ein bisschen was auf sich hält verlässt hingegen die AG und wendet sich vom Fußball ab oder geht zum HFC Falke.
Vereinzelte Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Saison 2014/2015
Ein Heimsieg gegen den Europapokalteilnehmer Schalke 04 (no comment) am letzten Spieltag lässt den hsv erneut in die Relegation einziehen, ein “diskutabler” Freistoß im Badener Abendhimmel zu Karlsruhe sorgt für Tränen bei Junior und Fassungslosigkeit bei mir.
Das Vieh ist nicht tot zu kriegen.
Bruno Labbadia wird Hamburger des Jahres.

Die Saison 2015/2016 verläuft eher unspektakulär, auch wenn es am 30.Spieltag mal wieder nur drei Punkte Vorsprung nach unten sind.

Die Saison 2016/2017
Wie schon zwei Jahre zuvor übertrumpfen sich die sozialen Netzwerke schon Wochen vor Saisonende mit mehr oder auch eher weniger lustigen Dingen zum bevorstehenden Tod des Dinos.
Ein Punktgewinn auf Schalke (no comment) am 33.Spieltag und ein Tor vom in der 86.Minute eingewechselten Luca Waldschmidt in der 88.Minute gegen den VfL Wolfsburg sichern dann aber souverän den Klassenerhalt.
Die Uhr tickt weiter.

Die Saison 2017/2018 – oder auch: Happy End, finally
Die sozialen Netzwerke haben gelernt. Weniger Witze, weniger “Abstiegsfeier”- oder “Uhr abbauen”-Einladungen auf Facebook.
Vereinzelt machen es sich Personen sogar zur Aufgabe, jeden dann doch mal in diese Richtung gehenden Kommentar mit einem ironiefreien “Die steigen nicht ab…” zu beantworten.
Leute gibt’s…

Aber: Es hilft.
Zwar bäumt sich der Dino unter Heilsbringer Titz nochmal auf, Holtbyinho zaubert wie ein junger Gott – aber es kommt alles zu spät.
Die bis heute nicht nachvollziehbare Entscheidung, für eine Mannschaft mit fehlender Durchschlagskraft den Defensivexperten und Ex-St.Paulianer Bernd Hollerbach zu verpflichten ist der Sargnagel in die Erstligazugehörigkeit.
Danke, Bernd, für immer einer von uns. Jetzt wieder.

Die hsv-Fans hatten sich größtenteils schon mit dem Abstieg abgefunden als Titz kam – und man muss es schon so sagen: Die Fallhöhe wurde in den letzten Wochen dann eben doch wieder deutlich erhöht. Statt einem emotionslosen Abstieg am 32.Spieltag in Wolfsburg (Einschub: Das würde man wirklich niemandem gönnen – schlimmer wäre nur noch, durch ein 6:2 in Kiel abzusteigen) war die Hoffnung zurück im Volkspark.
Okay, man musste sich ausgerechnet auf den effzeh verlassen – aber die erneute Rettung schien möglich!

Fantastisch, besser hätte es kaum laufen können – es sei denn, man hätte es doch noch in die Relegation geschafft und wäre dann an Kiel gescheitert, aber ich will hier das Glück auch wirklich nicht strapazieren.

Das Ende

Ich gebe es gerne zu: Der Abstieg des hsv bereitet mir eine immense Freude.
Warum? Siehe oben, unter anderem.

Ich habe nie verstanden, wenn St.Pauli-Fans das Abschneiden des hsv als “Egal” bezeichnet haben. Dafür (siehe oben) war seine Präsenz zu mächtig, die vor sich her getragene Arroganz seiner Fans zu präsent. Das beharren auf Tradition und gleichzeitig abschätzige Belächeln von Vereinen wie RaBa Leipzig, während man selbst mit hsv Plus auf die Fresse gefallen ist und am Tropf von Kühne hängt.
Die Uhr, der Dino. Mehr Glück als Verstand, immer wieder.
Verbrennen von Geld, Inkompetenz ohne Ende.

All dies schrie danach, sie endlich ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
Und jetzt ist sie endlich da.

Nie mehr Deutscher Meister.
Nie mehr Pokalsieger.
Endlich zweite Liga – hsv!

Und doch ist damit (endlich!) für mich auch die Geschichte beendet.
Jetzt endlich ist mir der hsv egal. Mit dem Abpfiff am Samstag um 17.35h (den ich übrigens auf der Autobahn in der NDR2-Konferenz erlebte, auf der Rückfahrt meiner Schiedsrichter-Tätigkeit) ist das vorletzte Kapitel geschrieben worden, dieser Blog-Artikel ist das letzte Kapitel.
Ähnlich, wie es damals die Verarbeitung des Kutzop-Elfmeters hier im Blog war. Ich rede ja inzwischen wieder mit meiner Mama.
Der hsv ist mir endlich egal.
Vielleicht muss ich mir das aktuell noch ein bisschen einreden, aber spätestens wenn dann der Zweitliga-Spielplan rauskommt und dieser Artikel dann ja auch schon ein paar Wochen alt ist, werde ich es verinnerlicht haben.

Nicht falsch verstehen: Ich werde mich weiterhin an seinen Niederlagen erfreuen. Ich will nächste Saison in den beiden Derbys mindestens vier Punkte holen und in der Tabelle am Ende vor ihnen stehen (und gleichzeitig besser als Platz 16, bevor der Fußballgott da eine Formulierungslücke sucht).
Aber: Das Abschneiden des hsv beeinträchtigt meine Stimmungslage jetzt auch nicht mehr oder weniger als die Ergebnisse von Braunschweig, Kaiserslautern oder Hansa Rostock.
Die finde ich alle doof, den hsv auch, passt schon.
Wenn “die” nächste Saison tatsächlich wieder aufsteigen sollten (wie es die Facebook-Aufstiegsfeier Termine ja erwarten lassen) – dann ist das so.
Wenn die dann im Verlauf der Jahre in den Europapokal einziehen, die Liga dominieren und die Champions League holen – sollen sie. Vielleicht erfreut sich der ein oder andere 1860-Fan dann daran.

Wer weiß, vielleicht schreibe ich ab nächster Saison dann die Buchstaben sogar mal groß – aber ich will nichts versprechen, was ich dann vielleicht doch nicht halten kann.

Endlich zweite Liga, endlich egal.

Liebe Grüße an Mama, ich weiß wie sehr es auch Dich gefreut hat. // Frodo

P.S. Liebe hsv-Fans, wir wissen alle, dass Ihr ganz tolle Leute seid und Euer Verein der Beste ist und dies alles nur ein großes Missverständnis, verschuldet von allen Anderen. Passt schon, ist okay, ich will Euch gar nicht vom Gegenteil überzeugen.
Beleidigungen in den Kommentaren werden trotzdem auch weiterhin nicht freigeschaltet.
P.P.S. In der Vergangenheit gab es einen eigentlich unverzeihlichen Vorfall mit einer Ticketbestellung eines effzeh-fans, die zu einem Sieg des hsv führte, der nie hätte passieren dürfen. Ich habe diesem effzeh-Fan diesen Faux-Pas lange vorgehalten – und möchte auch diese Geschichte hiermit feierlich und für alle Zeit beerdigen.
Alles wird gut, Axel!

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Weltverbessern rockt! (Gewinne, Gewinne, Gewinne…)

Man kann von Sponsoring im Profifußball genervt sein, es als notwendiges Übel akzeptieren und/oder es natürlich nach Möglichkeit großflächig ignorieren.
Ab und an aber gibt es Aktionen, die das wirtschaftlich Notwendige mit dem angenehm Nützlichen verbinden, so zum Beispiel beim letzten Heimspiel, als es für jeden gespendeten Pfandbecher an Viva con Agua für den Spender ein Ben & Jerry’s-Eis gab.

Einen ähnlichen Weg geht auch die TK mit dem Weltverbesserer-Projekt, in Zusammenarbeit mit Kiezhelden.
Kiezhelden ist (neben vielen kleineren Projekten von Fanszene und Verein) beim FC St.Pauli wohl am ehesten das, was man in der freien Wirtschaft neudeutsch als “CSR” bezeichnen würde. Wir sprachen auch bei einer der ersten MillernTon-Folgen schon mal ausführlicher darüber.

Und einer der “Ermöglicher” von Kiezhelden ist eben die Techniker Krankenkasse (TK), die jetzt mit den Weltverbesserern “die Welt jeden Tag ein kleines bisschen besser machen” will.
Nicht mit dem einen großen Knall, sondern im Kleinen, bei (im Idealfall) jedem Einzelnen.

Über diese Seite kann man aktuell noch Vorschläge einreichen, wer denn nun ein Weltverbesserer ist, und damit diesen Menschen mit zwei Karten für ein exklusives Konzert der Kaiser Chiefs am 29.Mai in der Großen Freiheit belohnen. Allerdings läuft die Nominierungsfrist bald ab.

(c) Kaiser Chiefs

Warum schreibe ich das alles? Weil Ihr jetzt im Kleinen dank der Weltverbesserer-Seite auch hier noch jemanden für diese Karten nominieren könnt.
Karten für das Konzert gibt es nicht zu kaufen, sondern eben nur zu gewinnen.

Die Regeln hier sind die Gleichen wie dort:
Nominiert hier in den Kommentaren denjenigen, der die Welt ab und an ein bisschen besser macht, mit kurzer Schilderung warum und/oder wie er dies konkret tut.
Eine kompetente Jury der ÜS-Redaktion wird die Vorschläge sichten und die Gewinner küren, wir haben 5×2 Karten zur Verfügung gestellt bekommen.
Ob das jetzt die kleine gute Tat in der Nachbarschaft ist, das Ehrenamt im Verein, die Hilfe bei Freunden und Bekannten – Eure Entscheidung.
Es gelten auch hier die dortigen Teilnahmebedingungen, wir haben lediglich einen etwas späteren Teilnahmeschluss: Sonntag, 27.Mai 2018, 19.10h

Die Gewinner werden am Montag, den 28.Mai 2018 darüber informiert, die Tickets kommen dann per e-Ticket zu Euch, gebt also bitte unbedingt eine korrekte e-mail Adresse an.

Viel Erfolg, Welt verbessern. // Frodo

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34.Spieltag (A) – MSV Duisburg

MSV Duisburg – FC St.Pauli 2:0 (1:0)
Tore: 1:0 Moritz Stoppelkamp (45+2), 2:0 Christian Gartner (90+5)
Zuschauer: 25.324 (ca. 4.000 St.Paulianer)

Fertig. Die ganze Kacksaison endlich vorbei.
Ich hatte mir schon sehr früh vorgenommen, dass ein Klassenerhalt diese Saison kein Grund zum Feiern sei und ich daher auch keinerlei Lust verspürte nach Duisburg zu fahren.
Es sollte dann anders kommen, weil: Wettschulden sind Ehrenschulden.

Ein Klassiker aus dem “Ich und meine große Fresse”-Lehrbuch, welcher bekanntlich mit der Einleitung zum Regensburg-Bericht seinen Anfang nahm, falls noch jemand den Bezug zu Katzen sucht.
Andererseits: win/win, denn nach dem Spiel in Regensburg war mir eine rechnerische Rettung vor dem 34.Spieltag diesen Einsatz schon wert.

Um es auch klar zu sagen: Um nichts in der Welt hätte ich ähnliches als Wetteinsatz angeboten, wenn es noch um was gegangen wäre oder wir evtl. sogar schon rechnerisch abgestiegen wären.
Diese ganzen Junggesellen-Abschieds-Schabernack Geschichten gehen allen völlig zurecht auf die Nerven und wenn so ein Dödel mit so einem Kostüm in sportlicher kritischerer Situation durch den Sonderzug gewackelt wäre, dann… ich führe das hier nicht weiter aus.
Daher auch die klare Absprache, dass ich das Kostüm nur hinterm Tresen und nur auf der Hinfahrt tragen muss, da konnte ich dann auch jedem auf Nachfrage die Hintergründe erläutern, bevor es auf’s Maul geben konnte.

Und wenn die Fanszene des FC St.Pauli eins ist, dann geschäftstüchtig sobald es um den guten Zweck geht. Die Aufsichtsratsvorsitzende organisierte wie immer die beiden Partywagen mit und als es sich abzeichnete, dass der ein oder andere gerne ein Foto von oder gar mit mir machen wollen würde, wurde dies gleich in ein Spendenmodell für die Baui am Brunnenhof sowie die Gedenkstättenfahrt des Fanladen umgewandelt.
Danke, Sandra <3

Ansonsten eine Auswärtsfahrt wie so viele:
Hinfahrt super, Organisation von Polizei und gastgebendem Verein ne glatte Sechs, Fußball furchtbar, Rückfahrt super.

Die beiden Partywagen des Sonderzugs boten beste Stimmung, der ein oder andere Song der sich mit einem anderen Hamburger Zweitligisten beschäftigte soll auch gespielt worden sein und angeblich wurde teilweise leise mitgesummt.

Vor Ort dann ein Einsatzkonzept der Extraklasse… wobei, ich muss etwas ausholen.
Die Stadt Duisburg ist durch das Unglück der Love-Parade immer noch sehr ängstlich, was Großveranstaltungen angeht.
So hat auch der MSV lange Zeit keine zusätzlichen Tickets für den FCSP zur Verfügung gestellt, obwohl die Kurve groß genug ist und absehbar war, dass das Stadion nicht ausverkauft sein würde.
Erst, als der Duisburger Klassenerhalt fix war, gab es ein paar Tickets zusätzlich, die dann aber auch nicht mehr an der Tageskasse verkauft werden durften – was umgekehrt natürlich dazu führt, dass sich dann Gästefans vor Ort an der Tageskasse für den Heimbereich eindecken. Kein Kommentar.

Die Polizei hatte den Sonderzug zum Halt in Duisburg-Schlenk verdonnert, was der fußläufig erreichbare Bahnhof ist. Kann man grundsätzlich erst mal verstehen – bis man feststellt, dass dort null Infrastruktur vorhanden ist, keine Klos, keine Getränke- oder Essensversorgung.
Für 900 Leute die seit 08.00h unterwegs sind und erst gegen 19.30h wieder abfahren.
Nebenbei ist das Gleis so kurz, dass nur der halbe Zug dort am Gleis halten kann, aber dies nur als Randnotiz.
Und damit bei diesem Spiel auch absolut nichts passieren kann, fliegt dann schon lange vor Duisburger Stadtgebiet ein Polizeihubschrauber neben dem Sonderzug her. Man möge sich dies auf Wiedervorlage legen, wenn denn das nächste Mal über so viele Einsatzstunden gejammert wird oder die Frage der Finanzierung von Polizeieinsätzen bei Fußballspielen aufkommt.
Gut, für das Wetter kann dann die Polizei nichts, aber komplett durchnässt am Stadion anzukommen ist halt auch nur so halbgeil.

Was für Lappen dann in der Duisburger Kurve standen und hingen, spricht hingegen für sich.

Dahinter tänzelten dann zwei-drei Personen freudig erregt auf und ab, womit das Banner sicher nicht für die gesamte Kurve spricht, welche in der Mehrheit wohl nicht mal was davon mitbekommen haben wird.
Grüße an die Zebras gegen Rechts.
Wenn das Banner dann aber doch für eine längere Zeit hängen bleiben kann, ist oben erwähnte Polizeitaktik natürlich umso lächerlicher, auch vom Ordnungsdienst war offenbar kein Einschreiten als notwendig erachtet worden. Passt schon.

Da der Sonderzug erst zwei Stunden nach Spielende abfahren würde, wurde vielfach auf das Catering in der Arena hingewiesen… dieses war im Sitzplatzbereich zwar einigermaßen zugänglich und zumindest kurz nach Abpfiff auch noch verfügbar, im Stehplatzbereich hingegen war es mit ewigen Wartezeiten verbunden.
In Kombination mit dem Verbot der Polizei, nach dem Spiel den Weg zum Zug frei zu wählen, um evtl. noch andere Lokalitäten aufzusuchen, war das schon “bemerkenswert”.
Immerhin wurde die Polizeikette am Bahnhof dann nach ewigen Diskussionen irgendwann doch noch aufgelöst und die örtliche Pizzeria freute sich über Rekordeinnahmen.

Was außerdem noch auffiel:
Wie gut unser Verein in den letzten Jahren die Verabschiedungen der Spieler hinbekommt. Ich habe selten so eine  lust- und emotionslose Verabschiedung gesehen wie gestern beim MSV.
Wenn Kingsley Onuegbu nicht selbst noch für eine Show gesorgt hätte, wäre das Fremdscham pur gewesen.
Wir wollen hier niemanden hervorheben, deswegen sagen wir zu niemandem was und rufen nur den Namen auf.” (Sinngemäß)
Na, dann kann man es zukünftig vielleicht besser gleich ganz lassen.

In der Nachspielzeit gab es dann wohl noch einen versuchten Bannerklau, der aber jämmerlich scheiterte.

Die Rückfahrt verlief dann ähnlich entspannt wie die Hinfahrt, zumindest habe ich nichts gegenteiliges mitbekommen. Und wenn man dann fast eine Stunde früher als geplant wieder in Hamburg ist, ist dies natürlich auch eine schöne Sache.
Schön auch, dass ein paar Spieler mit zurückgefahren sind. Da es nicht alle waren, gehe ich davon aus, dass diejenigen dies es taten, dies auf eigenen Wunsch machten. Schön, so soll es sein.
Danke an den Fanladen für die Orga des Sonderzugs und an alle Beteiligten für die Orga der Partywagen. Tresen, Musik, Kisten schleppen – vielen Dank!

Sommerpause.

Endlich.

Was ‘ne Kacksaison.

Egal, nächste Saison geht es weiter, wir sehen uns spätestens Anfang August. // Frodo

P.S. Miau!

Links:
– Magischer FC: “Katzen sind besser als Zebras
– halblinksgegengerade: “Ich hätte da mal ne Frage…
– FCSP Athens South End Scum “Matchday 34” (English)

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33.Spieltag (H) – Arminia Bielefeld

FC St.Pauli – Arminia Bielefeld 1:0 (1:0)
Tor: 1:0 Yiyoung Park (39.)
Zuschauer: 29.546 (ausverkauft, ca. 2.900 Bielefelder)

“Einstellung schlägt Aufstellung.”
Sagten auch: Der MillernTon (in persona Sven, Fanladen) und Markus Kauczinski.

Damit ist eigentlich alles gesagt, was man über die beiden Heimspiele am 32. & 33.Spieltag wissen muss.
Eine Saison, die nun wirklich immer wieder mit Verletzungsproblemen aufwartete, nahm doch noch ein gutes Ende. Auch (und vielleicht sogar weil?) es dann eben auf diesem Niveau doch fußballerisch so ausgeglichen ist, dass die Qualität sicher wichtig ist, die emotionale Bereitschaft sich zu zerreißen aber eben doch die entscheidenden Prozentpunkte liefert.
Völlig unabhängig davon, wie die Aufstellung am Ende aussieht.

Choreo auf der Haupt, von Edelfan Nico

Das Stadion war (wie schon letzte Woche) früh gut gefüllt, um 14.45h fand bereits die Verabschiedung von Lasse Sobiech, Mats Møller Dæhli, Joel Keller und Thibaud Verlinden statt.
Bei Lasse bleibt einem nur, ihm alles erdenklich Gute zu wünschen. Danke für Deine Jahre hier, schade das wir es nicht geschafft haben Dir die nächsten Schritte der Karriere zu ermöglichen.
Bei Mats ist es eine ähnliche Situation wie letztes Jahr, als die “Hierbleiben!”-Rufe schlußendlich erhöhrt und die Ausleihe verlängert wurde. Dieses Mal könnte es ähnlich ausgehen, wobei dies sicher auch noch von der nicht ganz feststehenden Ligazugehörigkeit des SC Freiburg abhängt. Eine feste Verpflichtung wäre dann wohl dieses Mal das Mittel der Wahl und aus meiner Sicht ein absolut wichtiges Zeichen für die Ausrichtung der nächsten Saison. Dagegen kann man die Verletzungsanfälligkeit anführen – zum Glück muss ich derartige Entscheidungen nicht treffen und kann ganz emotional beim “Hierbleiben!” laut mitschreien.

Anschließend gab der Gästeblock mit “Scheiß St.Pauli“-Rufen die Stoßrichtung für deren Support am heutigen Tag vor, zumindest bei mir kam sonst nicht viel an.

Auf der Haupttribüne kamen dann eine Blockfahne und selbstgebastelte Schiffchen zum Einsatz, organisiert wurde dies von Edelfan Nico, unterstützt vom Support-Block. Großen Respekt für diesen Einsatz.

By the way: 15.30h!
Geile Anstoßzeit, liebe DFL.
Könnte man ja mal öfter machen…

Das Spiel.
Eine Mannschaftsaufstellung, wie es sie wohl vorher noch nie gab und nun auch kaum ein zweites Mal geben wird, durch den kurzfristigen Ausfall von Ziereis und Nehrig nochmals zugespitzter als ohnehin schon.
Aber, siehe oben: Einstellung schlägt Aufstellung.

Jan-Philipp Kalla-Fußballgott mit dem gewohnten Mentalitätsboost, dem es dann auch entgegen kommt, wenn ausgerechnet sein Gegenspieler von der Gegengeraden als Bad Boy des Spiels ausgemacht wird.
Yiyoung Park auf der Sechs, eine Rolle die er auch bei der U23 schon oft sehr gut ausgefüllt hat.
Und Brian Koglin außen in der Viererkette ebenfalls mit einem sehr souveränen Auftritt.

Als kongeniales Dribbel-Wusel-Duo: Neudecker und Møller Dæhli.
Ein Traum, wenn die beiden doch nur mal konstant fit gewesen wären.

Insgesamt ließ sich auf dem Rasen früh feststellen, dass Bielefeld zurecht einige Plätze höher in der Tabelle angesiedelt ist als Fürth. Da war schon deutlich mehr Gegenwehr als letzte Woche.
Und die theoretische Resthoffnung der Arminen auf Platz 3 ließ auch zu keinem Zeitpunkt den Verdacht aufkommen, dass die hier abschenken würden.
Was aber erneut klar wurde: Wenn es drauf ankommt, können wir uns auf die Defensive verlassen. Während es auf der Alm noch fünf Stück gab, kam die Arminia gestern eigentlich nur zu einem gefährlichen Schuss, den Robin Himmelmann mit dem Fuß entschärfen konnte.
Hier gilt es dann zur neuen Saison Lasse Sobiech zu ersetzen. Die Hoffnung, dass Philipp Ziereis dies kann, ist absolut gegeben. Auch hier wäre aber natürlich wichtig, dass er konstant gesund bleibt.

Vorne arbeitete sich Dimitrios Diamantakos wund, ohne wirklich zu vielen Abschlüssen zu kommen. Der Unterschied in der Einstellung zum später eingewechselten Aziz Bouhaddouz, der nach Ballverlust im Strafraum dann einfach stehen blieb, war trotzdem deutlich erkennbar.
Ich wünsche Aziz eine sehr erfolgreiche WM, dann schauen wir mal wie es kommende Saison weitergeht.

 

Und jetzt? Paadie? Klassenerhalt feiern?
Klar, man kann dann für den Moment mal glücklich sein und die Ehrenrunde des Teams war sicherlich für alle Anwesenden sehr befreiend.
Welcher Druck von jedem Einzelnen abfiel, wurde vielleicht mit dem aufs Feld stürmenden Uwe Stöver am eindrücklichsten deutlich. Auf der einen Seite leicht befremdlich, wie sehr er da eskalierte, auf der anderen Seite eben auch das Zeichen, was sich da alles aufgestaut hatte. Und lieber so, als wenn das dann jemand in der Rolle nur achselzuckend zur Kenntnis nimmt.

Jetzt gilt es die angekündigte kritische Bilanz zu ziehen.
Nach dieser Saison belegen also Nürnberg, Düsseldorf und Kiel die ersten drei Plätze – welche Chance wir als Verein da verpasst haben, wird uns wohl erst deutlich, wenn mit Köln und Wolfsburg nächste Saison zwei Schwergewichte runterkommen, die den Wiederaufstieg quasi bei Saisonbeginn schon gebucht haben dürften.
Wir haben aktuell bereits etwa 30 Spieler für die neue Saison unter Vertrag, aus der Startelf werden (Stand jetzt, Grüße nach Frankfurt) Lasse und Mats fehlen.
Marvin Ducksch’ Transfer sollte einen weitere Kaderplatz freimachen, weitere Abgänge wird es sicherlich geben, vielleicht (Litka, Choi, Koglin?) auch die ein oder andere Ausleihe.
Christopher Buchtmann wird hoffentlich bleiben (tut er!), dann braucht es noch mindestens einen Stürmer – und den natürlich mit eingebauter Torgarantie, die man sich ursprünglich von Sami Allagui erhofft hatte.

Nun denn, auch diese Entscheidungen muss zum Glück nicht ich treffen. Eine kritische Aufarbeitung der Saison wurde aber ja bereits angekündigt, diese ist sicher auch zwingend notwendig und auf die daraus resultierenden Ergebnisse darf man sicher gespannt sein.

Es geht nun nächsten Sonntag zum Glück recht entspannt mit dem Sonderzug nach Duisburg.
Wenn Ihr jemanden im Partywagen hinterm Tresen im Katzenkostüm seht, haut ihm bitte nicht gleich ansatzlos eine rein sondern lasst ihn erst erklären, warum er so bescheuert aussieht. Es ist kein Junggesellenabschied… // Frodo

Links:
– Bilder: Stefan Groenveld, “In die zweite Liga eingeparkt
– Magischer FC Blog: “Jubel, Trubel und anstehende Arbeit
– KleinerTod: “Klassenerhaltsparty…

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Torheit

Gastartikel von Georg E. Moeller

Was haben wir damals gelernt, als wir 1:8 gegen die 8b verloren haben? Zwei Dinge erinnere ich:

Erstens ist immer irgendwer schuld an irgendwas und zweitens, spiele „niemals“ und mit „niemals“ ist „niemals“ gemeint, näher als 25 Meter vor dem eigenen Tor einen Ball diagonal rückwärts Richtung eigenem Keeper. Immer wegkloppen, aufessen, in die Hand nehmen oder vor allem wegkloppen. Niemals Richtung Keeper. Unser Sportlehrer, der ein angefressener Ehrgeizling war, mit einer Halsschlagader, hinter der man sich schon im Ruhezustand verstecken konnte, hatte es uns vor dem Spiel gesagt und während des Spiels geschrien und nach dem Spiel ohne Stimme immer auf mich gezeigt, mit einem wütend zitternden Finger: „Was habe ich Euch gesagt, wahaaas habe ich Euuuuch gesaaaagt…???

Nur, weil ich diese beiden Male, anderthalb Kopf kleiner als die Jungs, die mich mit gebleckten Zähnen über den Haufen zu laufen drohten, den Ball, hinter dem sie her waren, in Richtung Eckehard gespielt habe. Damals gab es noch keinen unerlaubten Rückpass, aber es gab dicke Torhüter, die deshalb im Tor standen, weil keiner sie draußen mitspielen lassen wollte und es gab wieselflinke kleine Arschlöcher, die das ganze Spiel auf Idioten wie mich warteten und die Rückpässe auf den dicken Torwart als Chance zum 3:1 und 6:1 nutzten. Wir hätten auch so verloren, weil wir eine Mannschaft und kein Team waren, weil wir vier selbsternannte „Gute“ hatten und der Rest scheiße war, weil unser Trainer unsere kleinen ramponierten Seelen für seine große ramponierte Seele brauchte und weil die 8b einfach besser war.
So im Verhältnis 8:1.

Egal, es ging damals darum einen Schuldigen zu finden, für was auch immer. Und es gab Auswahl, denn es boten sich gleich zwei an, der unglaublich doofe Georg und der unglaublich bewegungsretardierte Eckehard. Seit dieser Zeit beschäftigt mich das Schuldprinzip. Erst aus eigenem Erleiden und zunehmend auch als gesellschaftliches Bewegungsprinzip. Immer wurde und wird zuerst gefragt wer Schuld hat, obwohl selbst das sichere Wissen darum nichts, aber auch gar nichts an der Krise ändert, nicht den mikrobengroßen Teil einer Lösung birgt, wird daran festgehalten.

Konsequenz: alle suchen, keiner findet. Banales Beispiel?
Gerne: Fragte ich irgendwann mal in den offenen Büroraum „Wo ist denn der verfickte Locher?“, hörte ich dreimal „Hab ich nicht.“ Keinmal „Warte, ich helfe Dir suchen.“

Seitdem interessiert mich Schuld nicht mehr die Bohne, sondern ich kümmere mich im Privaten, wie im öffentlichen Raum, um Lösungen und mache mich über Schuldsucher lustig oder pampe sie an.

So wie den unsäglichen Kommentator eines überregionalen Schuldsucherblattes, jenen Franz Josef Wagner, der sich F.J. Wagner nennen lässt, mit seinem angeblichen Trostbrief an den Torwart einer Mannschaft, die gerade aus dem Großverdienerwettbewerb ausgeschieden war, weil es noch größere Großverdienervereine gab und gibt und die am Ende summarisch gewonnen hatten. Er tröstet in seiner perfiden Technik der Schuldzuschreibung die nur vorgibt Trost zu spenden, in dem er solche Sätze schreibt wie „Sie hatten eine nachtschwarze Sekunde. Jeder Mensch hat nachtschwarze Sekunden.“ Und damit mal eben genau jene Schuld, von der das Sch***blatt lebt, in diesem Falle nicht bezweifelt oder minimiert, sondern „Rumms“ zementiert. Ein Arschlochtrick. Da ist kein Trost drinne und soll es auch gar nicht, das ist Häme.

Auch als er anschließend scheinbar schleimend fragt: „Tröste ich Sie in Ihrer Einsamkeit und Finsternis?
Geht das hämischer? Die Einsamkeit und Finsternis, so es sie denn gibt, die mit Schlagzeilen wie „Ulreich-Unfall – Hier platz der Triple-Traum“ oder „Ulreich-Patzer“ überhaupt erst erzeugt wurde, bereiten den Boden, auf dem menschenverachtende Sätze wie „Es gibt Sternstunden, in den Helden geboren werden. Und es gibt Menschen wie Sie.“ zu Schlachtzeilen werden und es auch sein wollen. Nicht weil F.J. Wagner Ahnung von Fußball hätte, oder von Menschlichkeit, sondern weil er sich verkauft hat und das Schuldsuchersyndrom, von dem sein Arbeitgeber lebt, lebendig halten soll. Sein Abschlußsatz „Sven Ulreich, Sie sind kein Held, aber ein Mensch. Das ist was Besseres.“ macht nach der Enthauptung keinen Sinn, aber schützt die hochgezogenen Schultern des Autoren vor möglichen Kopfschüttlern.

Was war geschehen? Die Mannschaft des Torhüters war in der eigenen Hälfte in das sogenannte hohe Pressing des Mitkonkurrenten geraten und hatte die alte Weisheit „Hinten drin und unter Drück? Klopp’ ihn weg und nicht zurück.“ missachtet und damit den eigenen Torwart auf dem falschen Bein erwischt und ein gegnerischer sogenannter Stoßstürmer hat ihn mit Druck zu einer Pest- oder Choleraentscheidung gezwungen und das gemacht, wofür er da eingesetzt wurde. Mit Schuld hatte das bei Eckehard und bei dem Torwächter aus München nix zu tun. Das Spiel heißt Fußball und wird exakt deshalb gerne und leidenschaftlich gespielt und leidenschaftlich besprochen.

Leidenschaft beinhaltet auch den Stamm „Leiden“, ein Leiden, das man anderen bereitet und oder selbst erleiden muss. Beides wird nur dann zu einer lebensbejahenden Perspektive, wenn man (und gerne auch frau) sich danach in den Arm nehmen kann. Das eigene Team und auch das andere Team. Ohne Schaum. Dann und nur dann macht Fußball einen Sinn, für die kleinen Georgs, die kleinen Eckehard und all die anderen kleinen Arschlöcher, die keine großen werden wollen.

Wagner hatte vermutlich diese Chance nie. // Gastartikel von Georg E. Moeller

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