Es nervt einfach nur noch! Die Kommentarspalten sind extrem demotivierend.
Das gilt auch für uns, denn Themen wie Stürmer, Trainer, Manager etc. werden von allen Seiten bedient – allerdings auf eine Art und Weise, die mich erschreckt. Die Frage ist: Warum? Und insbesondere: Warum machen wir das als Verein in Zeiten, in denen sich Mark Zuckerberg einer faschistischen Regierung anbiedert überhaupt noch mit? Haben wir es so nötig? Wenn wir den Verein X nicht mehr unterstützen, müssen wir dann nicht ähnlich konsequent sein und Meta ins Abseits stellen? Aber von vorne.
Soziale Medien haben den Diskurs über Fußball grundlegend verändert. Während Fans früher vor allem im Stadion, in Fanmagazinen oder im persönlichen Umfeld (beispielsweise am Stammtisch) diskutierten, findet heute ein großer Teil der Kommunikation öffentlich und permanent online statt. Dabei fällt auf, dass Diskussionen über Vereine, Trainer und Manager häufig von Kritik, Vorwürfen und emotional zugespitzten Bewertungen geprägt sind. Dass „Kritik” hier meist eher aus der Kategorie „Ich pöbel mal rum” stammt, wird dann mit dem ewigen Non-Sense-Faktor der Meinungsfreiheit begründet.
Dieses Phänomen lässt sich also auch bei uns beobachten.
Ein zentraler Punkt ist der sogenannte „Negativitätsbias“. Eine vielzitierte sozialpsychologische Übersicht von Roy Baumeister (US-Psychologe) und seinen Kolleg*innen zeigte bereits, dass negative Informationen generell stärker wahrgenommen und verarbeitet werden als positive. Auf soziale Medien übertragen bedeutet das: Kritik, Empörung und Konflikte erzeugen mehr Aufmerksamkeit als Zustimmung.
Eine groß angelegte Analyse von Online-Nachrichteninhalten durch Kommunikationsforscher*innen um Jonah Berger (University of Pennsylvania) kam zu dem Ergebnis, dass emotional aufgeladene Inhalte – insbesondere solche mit negativer Valenz – signifikant häufiger geteilt werden als neutrale Inhalte.
Mit anderen Worten: Negative Kommentare, die besonders viel Traffic auslösen, sind überproportional sichtbar.
Die Computational Social Science hat große Mengen von Fußball-Kommentaren analysiert und festgestellt, dass negative Emotionen wie Wut und Frustration in zeitlichen „Spitzen” auftreten – vor allem nach Niederlagen oder kontroversen Entscheidungen. Gepöbelt wird also nach einer Niederlage oder wenn erneut die Null auf der Anzeigetafel steht.
Fußball ist ein hoch emotionales Thema. Da mittlerweile jeder ein internetfähiges Handy besitzt und dies auch zu nutzen weiß, erleben Nutzer*innen Ergebnisse als persönlich relevant, was die kollektiven Stimmungsschwankungen erklärt. Der Verein verliert nicht nur für sich, sondern greift „mich und mein Umfeld“ damit persönlich an. So zumindest die Theorie.
St. Pauli? Ich will nicht darüber reden, das war gestern. Heute muss ich erst einmal jedem schriftlich meine „freie Meinung“ mitteilen. Und das auf eine Art und Weise, die auf der menschlichen Sachebene nicht passieren würde.
Aus sportpsychologischer Sicht bedeutet dies, dass Fans ihren Verein häufig als Teil ihres Selbstkonzepts betrachten. Wir gewinnen zusammen, aber wir verlieren auch zusammen. Leider kommt der FCSP nicht wie im Rausch durch Europa und ist sportlich eher semierfolgreich. Als Realist muss man das allerdings auch so betrachten, denn wir sind besser als ein Großteil des Traditionspöbels aus den östlichen Landstrichen.
Eine Untersuchung zu Social-Media-Posts deutscher Fußballclubs (Weimar et al., European Sport Management Quarterly) liefert konkrete Einblicke. Dabei wurden mehrere tausend Beiträge analysiert und festgestellt, dass bestimmte Themen – wie etwa sportliche Misserfolge oder wirtschaftliche Entscheidungen –, auffallend häufiger negative Reaktionen hervorrufen. Es wäre ja auch langweilig, wenn immer alles glattliefe. Der FCSP macht es halt nicht so gut wie wir alle in unserem eigenen Leben. Da wissen wir schließlich auch alles besser.
Es ist also bewiesen, dass es mehr Kritik als positive Reaktionen gibt. Durch die Nutzung von Meta und Co. trägt der FC St. Pauli dazu bei, einen Raum für Pöbler und Arschlöcher zu schaffen. Warum eigentlich?
Anna Majewska veröffentlichte 2022 eine Studie mit dem Titel „The Impact of Social Media on the Revenue of Football Clubs“ und kam zu dem Ergebnis, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Social-Media-Reichweite und den Einnahmen von Fußballvereinen gibt.
Blöd für uns, denn: Mehr Follower bedeuten mehr Umsatz, mehr Traffic, mehr Sichtbarkeit. Und der FCSP spielt bei den Merchandising-Artikeln bekanntlich eine führende Rolle, was die Umsatzzahlen angeht. Übrigens: global! Man kann auch festhalten: Weniger digitale Reichweite bedeutet weniger kommerzielles Potenzial und somit auch weniger Werbeeinnahmen aus dem Sponsorenbereich, der sich mit Reichweite natürlich auch gerne die Taschen voll macht. Glaubt wirklich jemand, dass Levis so viele Kollektionen mit uns machen würde, wenn sich diese nicht verkaufen würden?
Ein spanisches Panel (2020–2023, Universität Zaragoza) zu den Top-20-Clubs Europas zeigt:
Der Jahresumsatz der Vereine steht in direktem Zusammenhang mit der Anzahl der Social-Media-Follower, insbesondere bei Facebook. Und dies wiederum steht im Zusammenhang mit dem bereits geschilderten Vorhaben von Mark Zuckerberg, der mittlerweile mit einer nationalistischen Regierung in den USA befreundet ist.
Die Forscher*innen interpretieren das wie folgt: Die Reichweite in den sozialen Medien ist auch für Sponsoring und Werbung relevant. Sponsoren bewerten die Reichweite eines Clubs in den sozialen Medien in der Hoffnung, dass eine große Online-Community auch hohe Werbewerte bedeutet. Mit Congstar oder Levi’s haben wir eher Sponsoren aus dem jungen Sektor. Außerdem stellte man wirtschaftlich fest, dass stark eingebundene „Fans“ (oder auch Kund*innen), die oft oder sehr oft im Algorithmus der Vereine bespielt werden, bis zu sechsmal mehr Geld ausgeben als passive „Fans“.
Bezogen auf den FCSP bedeutet dies, dass wir auf den Einsatz von Social Media gar nicht verzichten können. Aktuell gibt es kein relevantes Gegengewicht zu den Schwergewichten aus den USA. Wer die sportliche Relevanz unseres Vereins will, muss also auch entsprechende Auftritte in den sozialen Medien akzeptieren. Je mehr Zuspruch (negativer Art) der Verein bekommt, desto höher wird der Beitrag in der Timeline angezeigt. Man darf sich bei den ganzen Helmuts und Manfreds (wohlgemerkt ohne Profilbild) also zumindest aus finanzieller Sicht bedanken, dass sie ihren geistigen Dünnsinn unter jeden Post schreiben. Oder bei den Sonntagsfans, die in zigfacher Schleife die Entlassung von Bornemann und Blessin fordern, die gerne mit zehn Stürmern gleichzeitig spielen würden und von der Vorherrschaft des FCSP sowohl national als auch international faseln.
Das Schlimme an der Sache ist allerdings, dass es mich nervt und nach unten zieht. Noch schlimmer ist, dass wir eine US-amerikanische Industrie unterstützen, die sich mit Hass und Hetze eine goldene Nase verdient. All das ist nur ein Mittel zum Zweck. Will ich das? Eigentlich nicht.
Negative Kommunikation und Kommentare sind vielleicht für den Verein, den Sponsor oder die Plattform von Vorteil. Allerdings schüren sie auch Angst, machen depressiv und senken die Zufriedenheit. Vielleicht sollten wir einfach die Kommentarspalten ignorieren, uns bei Facebook abmelden und die anderen machen lassen. Der Fankosmos des FCSP hat es geschafft, die Machenschaften von Elon Musk zu boykottieren – das schaffen wir auch bei Facebook. Hand drauf!
Und auch das möchte ich einmal loswerden: Man mag sicherlich mit der abgelaufenen Saison unzufrieden sein, und das völlig zu Recht. Allerdings hat niemand, egal ob Trainer, Offizieller oder Spieler, es verdient, so feinselig behandelt zu werden.
In einer der letzten „Inside Fußball“-Dokus der ARD sagte ein Investor einen bitteren Satz: „Der Kapitalismus hat schon immer gesiegt.“
Die Frage ist, für wen er „siegreich“ war – für einen großen Teil der Bevölkerung sicherlich nicht.
//Carsten
Ergänzend bliebe zu berichten, dass der FCSP auf der X-Ersatz-Plattform Bluesky vertreten ist, dort ca. 34.000 Follower*innen hat und im Schnitt aber nur sehr wenige Likes pro Post (ganz selten über 100). Einen Mastodon-Account hat der Verein ebenfalls, dort allerdings nur 1600 Follower, was aber nicht verwundert, da der letzte Eintrag von Oktober 2023 ist. Solange die Fans nicht auch umziehen zu Plattformen, die politisch akzeptabel sind, wird auch der Verein bei Facebook und Instagramm bleiben und auch wir können uns davon nicht freimachen. Wir sind ebenfalls auf Bluesky (389 Follower) und Mastodon (129 Follower), auf FB folgen uns aber über 8000 und für FB gibt es noch keinen 1:1 Ersatz wo z.B. Fotogalerien hochgeladen werden können. (Alternativen zu allerlei Plattformen und Diensten lest ihr im aktuellen Übersteiger).
//ari
