Verein am Wochenende (17/2016)

FC St.Pauli – TSV 1860 München 0:2 (0:1)
Tore: 0:1 Daylon Claasen (8.), 0:2 Levent Aycicek (88.)
Zuschauer: 29.546 (ausverkauft, ca. 3.000 Gäste)

Es dürfte bekannt sein: Ich mag die Löwen nicht.
Und dies ist eine ziemliche Untertreibung, denn tatsächlich sind auf der nach unten offenen Sympathieskala nur noch zwei Vereine vorhanden, denen ich einen Abstieg noch mehr gönnen würde, nämlich unser Nachbar und “die Region”.
Und wie schon im Mai 2008 hatten wir an einem 32.Spieltag mal wieder die Gelegenheit, einen dieser drei Klubs mit gewaltigem Schwung in Liga 3 zu schubsen… und vergaben diese mehr als kläglich.

Es brodelte in mir, schon die gesamte zweite Halbzeit pöbelte ich wie nur selten. Und wenn ich dann sehe, wie Sebastian Maier bei seiner Auswechslung (elf Minuten vor Schluß, ein Tor Rückstand) in aller Seelenruhe zur Seitenlinie schlendert, als würden wir führen und ablaufende Zeit unser bester Freund sein, dann… dann… argh!

Dieser Tweet wurde übrigens aus dem Umlauf der Gegengeraden geschrieben. Mit dem 0:2 platzte mir dann tatsächlich der Hals und ich musste weg. Zum zweiten Mal in meinem Leben verließ ich also meinen Platz auf den Rängen vorzeitig und in voller Absicht, bis zum Abpfiff nicht zurückzukehren.
Nicht, wie es oft in anderen Stadien schon frühzeitig passiert, um auf dem “Hamburger Weg” eine günstige Abfahrtmöglichkeit zu erwischen, natürlich blieb ich bis zum Abpfiff im Stadion, aber eben nicht mit Sicht auf das Feld, dazu war ich zu sauer. Immerhin lief dann draußen (gefühlt) der halbe Block 1 an mir vorbei.
Und drinnen wäre ich wohl auch ausfallend gegenüber dem eigenen Team geworden, dies wollte ich mir dann doch ersparen.
(Funfact: Das bisher einzige Mal (zumindest in meiner Erinnerung) vor Abpfiff ein Stadion verlassen, hatte ich im September 1998, als der ruhmreiche FCSP zur Halbzeit in Hannover durch einen Hattrick(!) von Dieter Hecking(!!) 3:0 zurücklag. Da machte ich mich in jener Halbzeit zurück per Wochenendticket nach Bremen.
Ich meine… ernsthaft: Dieter Hecking!?)

Und im Zweifel ist mir dieser stille Protest dann lieber, als ein Bepöbeln der eigenen Spieler. Ähnlichkeiten zu Vorkommnissen am Wochenende auf gelben Wänden sind natürlich rein zufällig.
Was natürlich umgekehrt nichts daran ändert, dass man das Stadion nicht vor Abpfiff verlassen sollte, schon gar nicht aus Langeweile oder Bequemlichkeit. Hier war dies lediglich eine Selbstschutzmaßnahme und aus dem Stadion ging ich dann natürlich auch erst nach Abpfiff.

All dieses Gesabbel vor dem Spiel, von wegen man sei den anderen Teams im Abstiegskampf die gleiche Einstellung schuldig wie sie beispielsweise Heidenheim letzte Saison gezeigt und uns damit gerettet hat – und dann erspielt man sich in einem Spiel gegen ein Team welches bisher sage und schreiben einen(!) Auswärtssieg errungen hat mal grade so ne halbe bis eine Torchance in 88 Minuten?

Nee, ich mecker echt selten gegen den eigenen Verein, auch in der letzten Saison wird man hier im Blog kaum bis keinen Text finden der in die Richtung geht… aber dieses Spiel am Freitag hat mich persönlich getroffen und verletzt.
Und Sebastian Maier wünsche ich alles Gute bei Hannover 96 oder zu welchem Weltverein auch immer er hingeht, man kann nur hoffen das er dies schneller tut als bei jener Auswechslung am Freitag.

Genug gemotzt, jetzt in den zwei Spielen sich noch irgendwie vernünftig verabschieden, insbesondere bitte mit einem Heimsieg am 34.Spieltag, Danke.

Links:
Bilder Stefan Groenveld: “All colours are beautiful”
Bericht und Bilder Beebleblox: “Die Luft ist raus”

U23:
Die Elf von Coach Ehlert machte sich zu einem ziemlich ungewöhnlichen Anstoßtermin (Samstag, 18.00h) auf nach Meppen, wo es eine saftige 0:5-Klatsche gab.
Umso wichtiger die beiden Siege in den Derbies zuvor gegen den Nachbarn und in Norderstedt, trotzdem ist das jetzt alles noch furchtbar eng da unten.
Die Plätze 9 (38 Pkt) bis 16 (34) spielen noch einen Absteiger aus, durch ein paar Nachholspiele ist das Tabellenbild auch noch leicht unrund.
Hinzu kam gestern dann auch noch die Absage des Spiel von Hannovers U23 in Hildesheim, nachdem in der Nacht zuvor ein Spieler der Hannoveraner bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.
Dies ordnet Empörungen wie meine oben geschilderte dann auch wieder etwas ein, es gibt natürlich immer noch wichtigere Dinge im Leben als die Tabelle.

Für unsere U23 gilt es natürlich trotzdem, in den letzten drei Spielen gegen Braunschweig (H, So., 8.5., 14.00h, Hoheluft), Hannover 96 (A) und TSV Havelse (H) den Vorsprung zumindest auf Goslar zu verteidigen, um auch nächste Saison in der Regionalliga spielen zu können.
Vor kurzem aufgetretene Gerüchte seitens des Abendblatts, der Etat der U23 würde gekürzt oder die Mannschaft gar abgemeldet werden, verwies der Verein in Person von Präsidium und sportlicher Leitung im persönlichen Gespräch übrigens ins Reich der Märchen, beides ist nicht der Fall.

U19:
Nach einem überragenden Saisonstart hatte die U19 zwischendurch etwas geschwächelt und eine mögliche bessere Platzierung daher verspielt.
Unterm Strich ist aber der Klassenerhalt eh jede Saison das Hauptziel und dieses wurde absolut souverän erreicht und wenn am Ende irgendwas um Platz 8 in der Nordstaffel dabei herausspringt, ist dies absolut im Soll.
Außerdem wurde in der vergangenen Woche im Derby das Pokalviertelfinale beim Nachbarn gewonnen, so dass der Weg in den DFB-Pokal vermeintlich frei ist. Tatsächlich geht es erst mal am 10.Mai zum Sieger der Partie Sperber – Buchholz, im anderen Halbfinale treffen der Harburger TB und Nienstedten aufeinander.

Am letzten Spieltag geht es zum Tabellendritten, der Hertha, am Tabellenplatz 8 wird dies aber Ergebnisunabhängig nichts mehr ändern.

Daher, abschließend: Gute Besserung, Joachim Philipkowski, komm schnell wieder auf die Beine!

1.Frauen:

Ein unterm Strich verdientes 2:1 beim Tabellenzweiten aus Wellingsbüttel sicherte gestern unter dem Jubel der zahlreich Mitgereisten Fans den Titel in Hamburgs höchster Liga.
Und bei einem etwas souveräner leitenden Schiedsrichtergespann wäre es vielleicht auch noch deutlicher geworden, denn das 3:0 pfiff man erst nach zahlreichen Diskussionen zurück, weil beim Zeitpunkt der Torerzielung ein Ball irgendwo auf dem Spielfeld war – ohne jemanden irritiert zu haben, ohne das die Schiedsrichterin das Spiel vorher unterbrochen hatte.
Klarer Fehler oder sogar Regelverstoß in meinen Augen, aber ich bin ja auch kein Verbandsliga-Schiri.

War am Ende aber ja auch egal, der Rest war Freude und viele sehenswerte Fotos dazu gibt es bei Stefan Groenveld und beim Torknipser.

Am kommenden Donnerstag geht es nun um 15.00h an der Hagenbeckstraße gegen den Regionalligisten (und Favoriten) Bergedorf 85 ins Pokalfinale, der Sieger darf am DFB-Pokal teilnehmen. Alle hin da!

Ende Mai / Anfang Juni geht es dann in einer Dreierrunde noch gegen die Vertreter aus Bremen und Schleswig-Holstein um den Aufstieg in die Regionalliga, die Saison ist also noch lange nicht vorbei.

Handball:
Die 1.Herren verlor zwar das letzte Saisonspiel mit 30:33 gegen die SG Hamburg-Nord, hat mit Platz 4 aber trotzdem die beste Platzierung der (mindestens jüngeren) Vereinsgeschichte geholt.
Danke, Jungs, auf ein Neues in der nächsten Saison. Und dann bitte auch mal den Pokal holen…

Die 1.Frauen machte es in der Oberliga “etwas” spannender, um nicht zu sagen dramatisch: Denn am letzten Spieltag brauchte es gegen den Sechsten, SC Alstertal-Langenhorn schon einen Heimsieg.
Dieser gelang dann mit 32:25 auch überraschend deutlich, so dass alle Rechenspiele um das Parallelspiel zwischen der SG Altona und der HG Owschlag/Kropp/Tetenhusen II (ich liebe Handball-Spielgemeinschafts-Namen) kreisten.
Hätte Altona gewonnen, wären alle drei Teams punktgleich gewesen und im Handball entscheidet dann der direkte Vergleich. Bei diesem hätten bei einem Sieg von Altona ebenfalls für alle Teams 4:4 Punkte gestanden.
Und wenn Altona dann mit elf Toren gewonnen hätte… haben sie aber nicht, sondern es ging 19:19 aus, so dass es auch für die Handball-Frauen in der Oberliga HH/SH nächste Saison weiterhin heisst:

“Schleswig-Holstein, Schleswig-Holstein,
Wir fahren jedes Jahr – nach Schleswig Holstein!

Und dann war da noch:
– Die Vertragsverlängerung mit Ewald Lienen bis 2018
– ProFans, die ich eigentlich super finde, die mich aber mit einer Pressemitteilung etwas verärgert haben:

Das bundesweite Bündnis ProFans ruft die aktiven Fußballfans des Landes dazu auf, gegen die nun beschlossene Einführung von Montagsspielen zu protestieren.

Ist sicher nicht so gemeint, klingt aber eben danach, als seien die plötzlich vom Himmel gefallen. Ähnlich wie es die aktuellen Proteste in Bremen, Stuttgart oder Dortmund erscheinen lassen.
Dabei wird nur leider vernachlässigt, dass nahezu sämtlichen Erstligakurven in den letzten 23 Jahren(!!!) die Montagsspiele in Liga 2 ziemlich scheißegal waren.

In diesem Sinne: Schönes Spiel, heute Abend.

"Montags gehört Vati mir!" - Übersteiger Cover Nr.29, Oktober 1997

“Montags gehört Vati mir!” – Übersteiger Cover Nr.29, Oktober 1997

// Frodo

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Infoveranstaltung: 4.Mai, Fanräume – Naziaufmarsch in Dortmund am 4.Juni

Mobi-Veranstaltung am 4.5.2016, 19 Uhr, St.-Pauli-Fanräume

Schon im letzten September konnte ein groß angekündigter Neonazisaufmarsch in Hamburg durch breiten antifaschistischen Protest und ein daraus resultierendes Verbot verhindert werden. Jetzt gilt es, diesen Protest auch nach Dortmund zu tragen, denn immer wieder wollen Neonazis in Dortmund aufmarschieren. Der „Nationale Widerstand Dortmund“ bzw. die gleichen Protagonisten unter dem Partei-Mantel „Die Rechte“ haben in der Vergangenheit bereits mehrere bundesweite Neonaziaufmärsche angemeldet.

Es ist ein unerträglicher Zustand, wenn es Neonazis immer wieder möglich ist, ihre menschenverachtende Ideologie ungestört zu artikulieren; wenn sie dort, wo sich Menschen begegnen, ihre ausgrenzende Volksgemeinschaft propagieren können. Wir werden das nicht weiter zulassen. Wir rufen dazu auf, diese Naziaufmärsche zu blockieren.

Bereits in der Vergangenheit hat es Versuche gegeben, die Demonstrationen der Neonazis zu stören oder zu verhindern. Seit diesem Jahr soll es mit neuer Kraft in einem großen, spektrenübergreifenden Bündnis gelingen, die Demonstrationen der Neonazis durch Sitzblockaden zu verhindern. Die einzelnen Teile des Bündnisses haben ganz unterschiedliche gesellschaftspolitische Hintergründe, doch alle am Bündnis Beteiligten eint ein Ziel:
Wir wollen Naziaufmärsche effektiv blockieren!

Aus Hamburg wird es eine gemeinsame Anreise geben. Auf einer Info-Veranstaltung am 4.5.2016 um 19 Uhr in den St. Pauli Fanräumen klären wir über die geplanten Naziaktivitäten am 4.6.2016 in Dortmund auf, stellen die Gegenproteste vor und sprechen über die gemeinsame Anreise.
Wir freuen uns, wenn viele St.Paulianer sich dem Protest anschließen! //

Gastartikel von Hamburger Bündnis gegen Rechts, www.keine-stimme-den-nazis.org

Ein Teil dieser Mobilisierung ist auch der Lauf gegen Rechts, den die FCSP-Marathonabteilung dieses Jahr am 29.5.2016 an der Außenalster veranstaltet. Sämtliche Startgelder gehen abzüglich geringer Unkosten als Spende an das Hamburger Bündnis gegen Rechts, unter anderem als Beitrag zur Mobilisierung gegen den „Tag der deutschen Zukunft“ der Neonazis in Dortmund am 4.6.2016.
Infos und Anmeldung: www.fcstpauli-marathon.de/gegenrechts

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Was macht eigentlich… Dieter Schiller

Auf der Seite Hamburg ist Braun-Weiß begann diese Serie von Gastautor “Scheissegal St.Pauli”, die wir jetzt hier mit Teil 3 wiederholen und dann auch fortführen werden. Vielen Dank an hhibw.
(Teil 1 mit Marcel Eger findet Ihr hier, Teil 2 mit Dirk Zander hier.)

Moin Dieter, dich werden jetzt nicht viele jüngere Leute kennen, du aber bist seit 1974 im Verein. Wie bist du damals zu St. Pauli gekommen? Warum geht man 1974 zum FC St. Pauli? 😉

 Mein damaliger Trainer Jockel Krause, der mich von Polizei Bremen (damalige Regionalliga Nord, zweithöchste Klasse in Deutschland) zu Arminia Hannover (Regionalliga Nord) geholt hat, hat mich nach zwei Jahren Hannover mit zum FC St. Pauli genommen.

Ab Juli 1974 wurde die 2. Bundesliga eingeführt, da war es für mich doch klar, mit nach Hamburg zu gehen und dann noch St.Pauli. Da brauchte ich nicht zu überlegen.

Nach dem Aufstieg 1976/77 verliert sich dein Werdegang etwas. Warum bist du nicht mit in die Bundesliga gegangen?

Ich war bei St.Pauli einer der wenigen Spieler (Rietzke, Box, Rosenfeld, Marsollek und ich), die neben dem Fußball 40 Stunden die Woche gearbeitet haben. Ich bei der Agentur für Arbeit, wie auch Reinhard Rietzke!

Unser damaliger Trainer Diethelm Ferner wollte mich auch mit in die 1. Bundesliga nehmen, jedoch hätte ich meinen Job beim Arbeitsamt aufgeben müssen.

Da ich bereits 27 Jahre alt war, bei meiner Frau das 1.Kind unterwegs war und ich beim Arbeitsamt noch einmal auf die Schulbank gehen wollte, um in den gehobenen Dienst zu kommen, habe ich schweren Herzens die Entscheidung gegen die 1. Bundesliga getroffen.

Im Nachgang eine “goldene” Entscheidung für mich, da ich erstens die Schulbank erfolgreich absolviert habe und dann am 31.10.2013 nach 47 Jahren Arbeitsagentur in Rente gegangen bin. Außerdem ist St.Pauli 1978 sang- und klanglos abgestiegen und dann 1979 sogar der Lizenzentzug und Abstieg in die Oberliga Nord, also habe ich, ohne es natürlich vorher zu wissen, alles richtig gemacht!

Erinnerst du dich noch an den Aufstieg? Wie war das?

 Klar erinnere ich mich an den Aufstieg 1977! Wir haben am Samstag, den 07.05.1977 in Herford mit 1:0 gewonnen, Torschütze Nils Tune Hansen, Vorlage Dieter Schiller, ich wurde in diesem Spiel bereits in der 9. Minute für den verletzten Gino Ferrin eingewechselt.
Am Sonntag, den 08.05.1977, verlor Arminia Bielefeld bei Bonner SC mit 2:1, so dass wir in die 1. Bundesliga aufgestiegen waren, wie kann ich so etwas vergessen!?

Zwei Stunden später hat sich die gesamte Mannschaft in der Diskothek Nänü in Eimsbüttel, die es heute nicht mehr gibt, getroffen und den Aufstieg bis zum nächsten Morgen durchgefeiert, was wir alle drei Tage wiederholt haben.

Es war einfach nur toll, hat Riesenspaß gemacht, in dieser Mannschaft zu spielen und mitgeholfen zu haben, in die 1. Bundesliga aufgestiegen zu sein.
Ein Ereignis, dass man natürlich sein Leben lang nicht vergisst.

Mit einem Großteil dieser damaligen Mannschaft (Rynio, Rietzke, Ferrin, Oswald, Kulka, Tune-Hansen, Demuth, Höfert, Rosenfeld, Gerber, Neumann, Marsollek, Box, und Skov treffen wir uns immer noch seit nunmehr fast 40 Jahren, immer kurz vor Weihnachten (Organisator Dieter Schiller), etwas was es meines Erachtens nicht so häufig gibt im deutschen Fußball, oder?
Mannebach, Frosch und Mutapcia gehörten auch dazu, sind aber leider bereits verstorben.

Was hast du danach gemacht?

Ab Juli 1977 bis 1985 war ich Spieler, Spielertrainer u. Trainer bei Victoria Hamburg, später Trainer beim SV Blankenese, Meiendorf, Glashütte, HEBC, alles immer in der höchsten Amateurklasse in Hamburg.

As time goes by - Dieter Schiller

As time goes by – Dieter Schiller

Wie siehst du St. Pauli heute? Es hat sich ja viel verändert seit damals.

St.Pauli ist heute meines Erachtens gut aufgestellt, schreibt schwarze Zahlen, hat ein sehr gutes Nachwuchsleistungszentrum, dort war ich von 07/2010 bis 06/2015 Co-Trainer unter Hansi Bargfrede, in der U17 Bundesliga des FC St. Pauli. Heute bin ich dort weiterhin als Teamassistent in der U17 tätig.

Ich meine das auch politisch. Wie hast den Wandel erlebt? Also auch mal anders gefragt: wie links war St. Pauli 1974?

Ganz ehrlich, um politisch links oder rechts haben wir uns damals gar nicht gekümmert, es ging uns eigentlich nur um Fußball!

Aber du hast doch diesen Wandel in den 80ern bewusst mitbekommen. Wie war das für dich als “Aufstiegsheld” der 70er?

 Der FC St. Pauli, in den 80ern, laut, unangepasst, Hafenszene, Fanszene, der Fan-Mythos – das habe ich natürlich mitbekommen, fand und finde es bis heute gut, wenn es ohne Gewalt stattfindet!

Wie war das damals im alten Vereinsheim? Ende der 80er, als ich jung war, war das sehr wild und lustig. Wie war das zu deiner aktiven Zeit?

 Ja, auch in meiner Zeit, von 1974 bis 1977 ging es im Clubheim eigentlich nach Spielen immer hoch her, nach dem offiziellen Essen nach dem Spiel im Besprechungsraum hielten wir Spieler uns in der Regel noch einige Stunden an der Theke oder in der Küche des Clubhauses auf und verzehrten das ein und andere Bier, auch zusammen mit den Fans, heute unvorstellbar!

Eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte und, wie bereits gesagt, heute auch leider nicht mehr möglich, auch weil mittlerweile viel zu viel Geld im Spiel ist. Leider geht es doch heute um nichts anderes mehr im Profi-Fußball, sehr, sehr schade ist diese Entwicklung, die auch wohl leider nicht aufzuhalten ist.

Warum bist gerade Du Trainer der Altligamannschaft? 😉

 Zum Kreis Traditionsmannschaft des FC St Pauli gehöre ich als Gründungsmitglied seit 1990 und durch meine jahrelange Trainertätigkeit hat mich Werner Pokropp (Anm.d.Red; einer der Führungsmitglieder der Altliga, leider bereits verstorben), nachdem mein Vorgänger Edu Preuß aus Altersgründen dieses Amt niedergelegt hat, vor ca. 10 Jahren gefragt, ob ich dazu Lust hätte; hatte ich, so bin ich das sehr gerne bis heute.

Du warst 5 Jahre Co-Trainer unter Hansi Bargfrede, in der aktuellen Bundesliga U17 Mannschaft bist du jetzt als Teamassistent weiterhin unter dem Cheftrainer Timo Schultz tätig. Ich frage mich schon lange, wann endlich Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum des FC St. Pauli, tatsächlich und leibhaftig, im eigenen Profi-Bereich ankommen, also auch spielen?

Der ganze Aufwand der dort betrieben wird, auch die hohen Kosten im NLZ lohnen sich auf Dauer doch nur, wenn auch eigene Nachwuchsspieler oben ankommen, sonst können wir das Geld gleich in die “Tonne” treten.

Die entscheidende Frage ist natürlich: haben die jungen Nachwuchsspieler auch die Qualität in der 2. Bundesliga zu spielen?
Meine persönliche Meinung ist ganz klar: ja.

Wenn aber die zuständigen Herren im Profi – Bereich das nicht so sehen und so schaut es ja schon seit Jahren aus, kann das NLZ machen was es will, dann reicht es eben leider nicht und das ist sehr, sehr schade.

Thomas Meggle hat in seiner Zeit als Chef-Trainer ja Gott sei Dank damit begonnen, talentierte eigene Jungens in den Profi -Bereich zu integrieren, jetzt stagniert es schon wieder, verstehe es wer will, ich nicht!?

Wo hakt es dann da zwischen Jugend- und Profibereich? Wer ist denn dafür zuständig? Also wer bestimmt eigentlich, wer in die U23 darf und wer nicht?
Und mal deine Meinung: In England werden die jungen Spieler ins Haifischbecken Premier League geworfen und das klappt ganz gut. Warum geht das in Deutschland nicht?

 Ja, wo hakt es, ich glaube ausschließlich an dem jeweiligen Profi –Trainer und am Gesamtpaket, wenn man für sich entscheidet:. Die Jungs aus dem NLZ, zurzeit sind das Dennis Rosin, Andrej Startsev, Okan Kurt, Maurice Litka, Nico Empen und Svend Brodersen, sind qualitativ derzeit nicht gut genug um in der 2. Bundesliga zu bestehen. Außerdem fehlt den jeweiligen Trainern (bisherige Ausnahme Thomas Meggle), meines Erachtens, der Mut und die entsprechende Ausdauer, diese Jungs an den Profi – Fußball heranzuführen, wie beispielsweise in England oder auch in anderen Bundesligamannschaften!

Bereits 1977 wurden mit Jens-Peter Box, Buttje Rosenfeld u. Dietmar Demuth eigene Nachwuchsspieler in die St.Pauli – Profi – Mannschaft integriert, von 1988 ganz zu schweigen, da waren fast nur Nachwuchsspieler aus Hamburg u. Umgebung (Ippig, Thomforde, Bargfrede, Golke, Zander, Studer, Gronau, Philipkowski, Kock, Duve, Großkopf und Ulbricht) in die damalige Aufstiegsmannschaft von 1988 in die 1. Bundesliga integriert, das muss meines Erachtens auch heute noch möglich sein!?

Warum machst du dann immer noch weiter? Was bedeutet St.Pauli in deinem Herzen für dich?

 St.Pauli ist für mich immer noch eine Herzensangelegenheit, ich organisiere seit fast 40 Jahren das Treffen der “Aufstiegshelden” von 1977, ich bin seit1990 Gründungsmitglied der Traditionsmannschaft des FC St. Pauli, seit mehr als 10 Jahren dort für den sportlichen Teil zuständig, war 5 Jahre Co – Trainer der Bundesliga von Pauli unter Hansi Bargfrede als Cheftrainer, aktuell bin ich Teamassistent der U17 Bundesliga von St.Pauli, dass alles mache ich aus vollem Herzen, fühle mich dort sehr, sehr wohl, auch wenn ich leider nicht dafür sorgen kann, dass aktuell auch Jugendspieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) von St.Pauli in die 1. Mannschaft integriert werden. Das Zeug dazu haben sie meines Erachtens!

Was noch nicht ist, kann ja noch werden, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Abschließend: ein paar Worte zu Sam Schreck und seinem Wechsel zu Leverkusen…. Man sagt ja er ist ein “St. Pauli Jahrhunderttalent”.

 Sam Schreck, ein sehr guter Junge, ein sehr guter Fußballer, U17-Nationalspieler, ich hatte ihn 2014/2015 als Co Trainer und habe ihn 2015/2016 als Teammanager der U17.
Ob er ein Jahrhunderttalent von St.Pauli ist, weiß ich nicht, ich bin ja erst seit 1974 hier, also keine “100 Jahre”!

Ich weiß von Sam persönlich, dass St.Pauli alles versucht hat ihn zu halten, aber wenn ein Erstligist wie Bayer Leverkusen ruft, dann hat St.Pauli keine Chance solch einen talentierten Spieler zu halten.

Wenn Sam Schreck ohne Verletzungen bis zum Ablauf der U19 durchkommt und nicht im Herren Bundesliga-Geschäft ankommt, weiß auch nicht, wer es sonst noch schaffen soll.

Danke, Dieter, für das Gespräch // Scheissegal St.Pauli

 

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Was macht eigentlich… Dirk Zander

Auf der Seite Hamburg ist Braun-Weiß begann diese Serie von Gastautor “Scheissegal St.Pauli”, die wir jetzt hier mit Teil 2 wiederholen und dann auch fortführen werden. Vielen Dank an hhibw.
(Teil 1 mit Marcel Eger findet Ihr hier.)

Hallo Dirk, du bist gerade in Florida. Was machst du da und was machst du überhaupt so nach deinem Karriereende?

 Wir wohnen zurzeit in Florida. Unsere drei erwachsenen Kinder Lisa, Philipp und Alexander sind in Deutschland.
Meine Frau Conny, unsere Tochter Antonella und ich genießen das Klima hier.
Vielleicht werde ich in Florida etwas im Trainerbereich machen, aber zurzeit sitze ich am Beach und trinke Bier.

Wie bist du damals zum FC St. Pauli gekommen?

Willi Reimann hat mich damals zu St.Pauli geholt, 1986. Ich habe bei Viktoria Wilhelmsburg in der Verbandsliga gespielt.
Ich bin in Wilhelmsburg aufgewachsen und habe schon immer für Viktoria gespielt, bin also waschechter Wilhelmsburger.

Den Rekord für die schnellsten zwei Tore in der Bundesligageschichte hast du ja immer noch. Aber nicht mehr für das Schnellste. Was hast du damals gedacht, als deine zwölf Sekunden unterboten wurden?

Der Rekord mit den beiden schnellsten Toren wird wohl noch länger Bestand haben.
Alleine schon deswegen weil die Mannschaften erst mal nach der Führung Ballkontrolle über alles stellen. Wir haben früher mit mehr Herz und weniger taktischen Zwängen gespielt.

Das schnellste Tor kann ich mir leider nicht wiederholen, ich würde es nicht in 12 Sekunden von der Mittellinie in den Strafraum schaffen….

Erinnere dich an dein Tor gegen Ulm. Was hast du da gefühlt und was fühlst du heute, wenn du daran denkst?

In Ulm wollte ich gewinnen um in die Bundesliga aufzusteigen – dass ich so ein Tor schieße und dann noch das Entscheidende zum Aufstieg ist natürlich im Rückblick gesehen eine Sache auf die man immer wieder angesprochen wird.

Und damals gab es ja schon Farbfernsehen!

Danach habe ich mich riesig über den Aufstieg gefreut und die Wochen danach dann auf die neue Aufgabe: Bundesliga.

As time goes by - Dirk Zander

As time goes by – Dirk Zander

Ich kenne einige Leute, die dir deinen Wechsel nach Dresden bis heute übelnehmen. Was war der Grund zu Dynamo zu gehen?

Ganz wichtig: ich ging zu Dresden, weil mich die beiden Experten Wohlers und Liedtke (Trainer und Manager) nicht mehr haben wollten und mir nicht mal ein Vertragsangebot gemacht haben. Ich wollte nie weg – ich habe mich dann aber gefreut das ich weiterhin 1. Liga spielen konnte.

Ich war damals halt sehr ehrgeizig und wollte immer das Bestmögliche erreichen.

Was hat den Charme bei uns damals ausgemacht und was hat sich verändert? Wie siehst du St.Pauli heute?

Damals war es ehrlicher Fußball von Spielern und Funktionären, weil wir alles Hamburger waren.
Die sprichwörtliche „eine große Familie“, damit meine ich natürlich auch die Fans, stimmte wirklich und wurde nicht nur kommerziell ausgeschlachtet.

Heute ist St.Pauli ein Verein wie jeder andere auch – was ich nicht schlimm finde. Natürlich sind die Fans etwas Besonderes, aber auch da laufen leider mittlerweile ein paar Idioten rum.

Also Idioten gab es bei St. Pauli immer. Ich erinnere da nur an den tollen Fanclub United mit der Reichskriegsflagge. Aber worauf ich hinaus will: hat diese linke Szene damals in den 80ern auch dein politisches Denken beeinflusst?
Und wen meinst du mit den “Idioten mittlerweile”?

Ich meine keine Fans speziell. Ich mag keinen Krawall, Schlägereien usw. und ich mag keine Modefans, die erzählen: „Ich gehe schon seit 30 Jahren zu Pauli!“.
Das erzählen alle – aber 1986, als ich anfing, waren immer nur 9.000 Leute da.
Oder, um genau zu sein: 9.987 – ab 10.000 hätten wir 200,- DM mehr Siegprämie gekriegt. Aber handgezählt waren es immer nur 9.987, das hat der Schatzmeister clever gezählt.

Und nein, ich habe mich in meinem politischen Denken nicht beeinflussen lassen – allerdings lasse ich mich auch auf allen anderen Gebieten nicht beeinflussen.
Für mich ist und war wichtig das ich morgens nach dem Aufstehen in den Spiegel gucken kann – und das liegt nicht an meiner tollen Frisur…

Was ist dein wildestes, intensivstes, schönstes Erlebnis im alten Klubheim?

Ich habe kein besonderes Erlebnis im Klubheim. Wir haben uns den Weg zur Küche freigekämpft und Bier getrunken bis wir keinen Durst mehr hatten – die Küche war der schönste Platz im Clubheim…

Es gab wohl etwas Dissonanzen mit dir und dem Verein in der Zeit als Jugendtrainer. Magst du da was erzählen und hat deine Liebe darunter gelitten?

Ich habe 11 Jahre als Jugendtrainer bzw. dann als Jugend-Koordinator im Verein gearbeitet.
Irgendwann wollte man mich loswerden….
Da wurde dann wissentlich vorm Arbeitsgericht gelogen. Kündigungsgrund war, dass ich nicht den Fußballlehrer in Köln machen wollte. Das ging gar nicht , da ich der einzige Angestellte in der Jugend war, natürlich kann ich nicht die ganze Woche in Köln sein, ohne Vertretung.
Wenn man dann mitbekommt wie der Verein wissentlich lügt um jemanden loszuwerden und sich damit rühmt der etwas andere Verein zu sein – das passt nicht.

Das ist für mich aber nur eine Momentaufnahme des damaligen Präsidiums und Aufsichtsrates, ich glaube Schulz und Pröpper waren damals dabei.
Witzfigur Pröpper war damals beim Arbeitsgericht und hat gelogen – wenn ich jetzt noch erzähle das er die Gardinen im Plaza Hotel geklaut hat vorm Heimspiel – aber das hat nichts mit meinem Verein St. Pauli zu tun.

Das waren keine St.Paulianer von unserer Zeit damals, allerdings stören mich die Leute, die sich ständig selbst auf die Schulter klopfen.
Solch ein Umgang mit Ex-Spielern, und ich bin da kein Einzelfall wie man weiß, hätte es z.B. bei Bayern nicht gegeben.

Du warst dann mit 30 Sportinvalide, weil deine Knie im Arsch waren. Mit 30 ist das recht früh. Was war der Grund? Wie kam das?

Ich hatte 1990 meinen ersten Kreuzbandriss, linkes Knie. Im Volksparkstadion gegen den HSV, ich glaube so in der 65 Minute. Ich habe dann allerdings weitergespielt, war ja Derby.
Ich hätte vielleicht rausgehen sollen aber es stand Unentschieden und ging glaube ich auch so aus.
Dann 1992 den zweiten, diesmal rechts, mit Dresden in Saarbrücken.
1994 den dritten, wieder links mit St.Pauli in Mainz.

Ich habe danach versucht ohne OP mit kaputtem Kreuzband die Saison weiter zu spielen, wir hatten 6 Punkte Vorsprung (damals noch zwei Punkte bei Sieg).
Das ging trotz guter Muskulatur nur noch ein weiteres Spiel, ich habe mir immer wieder das Knie verdreht und wir sind dann nicht aufgestiegen, letztes Spiel ging in Wolfsburg verloren.

Ich habe mir dann ein drittes Mal das Kreuzband neu machen lassen, dann habe ich den Entschluss gefasst, dass ich aufhöre.

Ich habe Kinder und mit denen wollte ich noch im Garten Fußball spielen können.

Du hast danach noch bei Maschen gespielt und spielst auch ab und an in der Traditionsmannschaft. Als Laie gefragt: Inwiefern ging das noch mit dem Fußball als Sportinvalider?

Ich war berufsunfähig als Fußballprofi. Natürlich konnte ich noch auf unterem Level spielen, aber halt nicht mehr Leistungssport bzw. Bundesliga.

Aber halt noch ein wenig just for fun und etwas mit der Familie und den Kindern.

Unvergessen: Die Zanderstruck Gesänge. Ich hatte da immer Tränen in den Augen. Wie hast du das empfunden?

Thunderstruck war und ist geil – da würde ich am liebsten nochmal auflaufen.
Vielen Dank nochmal an alle Fans die damals mitgesungen haben…

Danke Dir, Dirk, alles Gute! // Scheissegal St.Pauli

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Abschied vom Boleyn Ground – Frühjahrstour in London

Die Haupttribüne des Boleyn Ground

West Ham United – Tottenham Hotspur 1:0, 02.März 2016

In diesem Jahr gilt es mal wieder Abschied von einem traditionsreichen Stadion zu nehmen. Diesmal ist der alt ehrwürdige Boleyn Ground, so der eigentliche, richtige Name des Stadions von West Ham United dran. Manche nennen ihn aber auch Upton Park. Einfach abgerissen wird das inmitten eines Wohnviertels im Londoner East End liegende 1904 erbaute Stadion. Ein Jammer! Entstehen werden dort bis zum Jahre 2018 ein neues Wohngebiet mit rund 800 Wohnungen, Geschäften und Freizeiteinrichtungen. Angeblich sollen von den 800 Wohnungen sogar fünfundzwanzig Prozent „bezahlbar“ werden. Auch gibt es Initiativen im Stadtteil, die für eine Bereitstellung von sozialen Einrichtungen und Projekten kämpfen.

West Ham United, seit rund sechs Jahren im Mehrheitsbesitz der beiden schwerreichen Eigentümer David Sullivan und David Gold (der Waliser Sullivan kam vor allen Dingen in der Pornobranche zu seinem Reichtum und ist seit jeher West Ham Fan), möchte expandieren. Anders kann man das nicht nennen. Sie bewarben sich erfolgreich um die Nachnutzung des neu erbauten Olympiastadions in im Stadtteil Stratford gelegenen Queen Elisabeth Olympiapark, welches zur neuen Saison 2016/17 nach umfangreichen Umbaumaßnahmen als Heimstätte der Hammers eröffnet wird. Rund 60.000 Zuschauer wird die neue Heimstätte dann fassen und damit jede Menge neue und mehr Besucher als bisher im lediglich knapp 36.000 Personen fassenden Boleyn Ground anziehen. Ob und wie West Ham United als ein Stadtteilverein das ganze verkraftet und welche Auswirkungen die Größe der Schüssel auf die schon oft eher maue Stimmung im alten Ground hat, kann man sich ja ausmalen. Ich bin auf jeden Fall gespannt. Was garantiert fehlt, ist die traditionelle Umgebung des, sagen wir mal, nicht ganz so hübschen aber charakteristischen Londoner East End. Jeder an England interessierte Fußballfan kennt den Namen Green Street mit seinen Pubs und Flächen aus zahlreichen Publikationen, die über diesen Traditionsverein veröffentlicht wurden. Alles ist dort wie früher: Halb verfallene Reihenhäuser direkt gegenüber dem Stadion. Der samstägliche, pakistanisch / indische Markt auf der Freifläche des hässlichen sechziger Jahre Gebäudeensembles. Das Queens, der an für Raufereien strategisch günstiger Stelle gelegene Pub. Immer wieder erwähnt in allen einschlägigen Hooligan Büchern und wo man bis vor kurzem auch mal ein Bierchen mit Hooligan Legende Cass Pennant trinken konnte. Hinter dem Stadion auf der linken Seite der große Boleyn Pub, in dem auch mal bei guter Laune mit Bier gesudelt wird. Wenn Millwall kam, wurden die Fenster mit Brettern gesichert. Am Ende der Straße auf der Insel des Kreisverkehrs die Statue, die Bobby Moore in Jubelpose mit den Mannschaftskollegen Hurst, Peters und Wilson zeigt. Eines DER Fotomotive für Groundhopper am Boleyn Ground aus aller Welt. Die Green Street selbst, die durch die zahlreichen Besucher vor und nach dem Spiel heillos verstopft ist und auf dem schmalen Gehweg von den vielen typischen Fanartikelständen gesäumt wird.

Im Gegensatz dazu führt demnächst der Weg von der Stratford Bahnstation durch eine leblose Betonwüste zum Stadion. Das Boleyn versucht zu retten, was zu retten ist und bietet seinen Stammgästen für rund 170 Pfund eine Jahreskarte für einen Busshuttle zwischen dem Pub und dem ca. 4 Kilometer entfernt gelegenen Stadion.

Ich esse ein letztes Mal direkt an der erst besten „working class“ Fischbude traditionelle Fish and Chips und warte im Dunkeln auf die Ankunft der Tottenham Fans, die an dieser Kreuzung zum Gästeblock geleitet werden. Bei Derbys auch aufgrund der Enge dort immer ein mehr oder weniger großes Spektakel, denn die beiden Fangruppen mögen sich natürlich nicht. Heute bleibt das Spektakel eher unspektakulär, es sorgen vielleicht Einhundert Personen für etwas Unruhe und Schiebereien. Da ich keine Gästekarte bekommen konnte, mache ich mich mit den Hammers auf den Weg zum Bobby Moore Stand und lasse in Mitten der Heimfans all die Schmähungen und Songs gegen die Spurs kommentarlos über mich ergehen. Was mir bei den Hammers aber nicht allzu schwer fällt, war es doch bisher ein ziemlich cooler Verein. Die Stimmung war für den „Verein der drei Lieder“, wie ihn Cass Pennant in seinem Buch mal benannte, ziemlich gut. Das intensive Spiel und die frühe Führung gab das her. West Ham hat mit enormer Willenskraft und intensiven Tacklings dem normalerweise spielerisch überlegenden Team aus Tottenham komplett den Schneid abgekauft. Somit ließ Tottenham drei wichtige Punkte liegen, denn sie hätten an diesem Spieltag mit dem Tabellenführer Leicester gleichziehen können. So blieb mir nichts anderes übrig, als die aufsteigenden Seifenblasen zum Club- Evergreen „I`m forever blowing bubbles“ zu genießen.

(Hier eine Version aus Wembley, Anm. d. Layouters)

Als ich als einer der Letzten die Tribüne verlasse spricht ein einzelner Hammers Fan verklärt mit schweifendem Blick in das Rund: „What a great evening!“ Dem war bis auf das Ergebnis (aus meiner Sicht) nichts hinzuzufügen. Zwei Pints Lager mit zwei Hammers aus Oberschwaben im Boleyn nebenan rundeten den emotionalen Abend ab. Insgesamt ein recht würdiger Rahmen für einen persönlichen Abschied.

Tottenham Hotspur- Arsenal FC 2:2, 05.03.2016

Weil es der Spielplan diesmal sehr gut mit mir meinte, konnten ich auch noch das Nord London Derby drei Tage später „mitnehmen“. Die Ausgangsposition im Rennen um die Verfolgung des Spitzenreiters Leicester hätte für das Spiel des Jahres der Lillywhites nicht besser sein können: Zweiter und Dritter Tabellenplatz, die Gunners drei Punkte hinter den Spurs. Dementsprechend groß war die Euphorie vor dem Spiel. Schließlich könnte Tottenham – als in den letzten Jahrzehnten gemessen an ihren Ansprüchen eher erfolgloser Club – nach 55 Jahren erstmals wieder die englische Meisterschaft gewinnen. Als Nebeneffekt  hätte dann endlich mal die immer wieder von den Arsenal Fans in der Kurve vorgetragene Frage „Have you ever won the Premier League?“ sein Ende gefunden.

Wie immer warteten vor der White Hart Lane (von der man sich übrigens nächstes Jahr um diese Zeit ebenfalls verabschieden muss) eine Menge Fans der Heimmannschaft, um die auf der High Road ankommenden Rot-Weißen standesgemäß mindestens zu bepöbeln oder handfeste Meinungen auszusprechen. Die berittene Polizei hatte tatsächlich etwas mehr zu tun und sperrte nach dem Spiel sogar die Straße in Richtung Gästeblock. Wer sich dort ein wenig auskennt, weiß aber, dass die High Road bis zur U-Bahn Station ganz schön lang ist.

Das schnelle Kurzpassspiel beider Mannschaften verläuft rasant mit klaren Vorteilen der Spurs, aber Arsenal macht das erste Tor. Erst nach der Halbzeit gelingt es dem Team um den argentinischen Trainer Pochettino das Spiel zu drehen und innerhalb von zwei Minuten zwei Treffer durch Alderweireld und Harry Kane zu erzielen. Die White Hart Lane platzte förmlich. Leider gelang es den Gunners trotz Unterzahl durch einen sehenswerten Konter noch den Ausgleich zu erzielen. Die Spurs wurden wieder auf den Boden der Tatsachen geholt: 2:2 Unentschieden, der Abstand auf die Überraschung des Jahres aus Leicester wuchs auf fünf Punkte an.

Heidenheim – FC St. Pauli 2:0 06.03.2016

Nicht das hier jetzt einer glaubt, wir seien von London direkt zum Auswärtsspiel unseres magischen FC`s geflogen. In London gibt es dafür eine gute Alternative: Den Pub „Zeitgeist“ in der Black Prince Road, in der Nähe des Bahnhofs Vauxhall südlich der Themse. Das Zeitgeist ist der Treffpunkt der Londoner St. Pauli Fans. Ein großer Laden, zwar mit deutschem Bier und Essen, aber mit Sky Deutschland im Angebot. Eine Ecke gehört bei Spielen unserer Braun-Weißen den St. Paulianern, andere können sich, wie der einsame Bielefelder an jenem Tag, in der anderen Hälfte des Pubs die Zweite Liga Konferenz oder wahlweise guten englischen Fußball anschauen. Wir wurden gut aufgenommen  (Danke dafür!) und können den Laden als Treffpunkt zum „St.Pauli gucken in London“ nur empfehlen. Ich hätte zwar in Heidenheim in diesem Jahr endlich die Zweite Liga „vollmachen“ können, aber London war diesmal die eindeutig bessere Alternative. Wer mit den Londonern mal Kontakt aufnehmen möchte kann das am besten über Twitter. Übrigens bringen alle Besucher, soweit sie Anhänger von St. Pauli sind, zu jedem Spiel eine kleine Essensspende mit, die dann von der Küche des Pubs für Homeless people gekocht werden. Eine gute Idee!

 Bahnradweltmeisterschaft 2016 vom 02.03. bis 06.03.2016

Die war auch noch und der eigentliche Ursprung dieser Reise. Einmal jenseits vom 6-Tage-Rennen hochklassigen Bahnradsport und Sir Bradley Wiggins (mehrfacher Olympiasieger, Weltmeister und Gewinner der Tour de France 2012) live auf der Bahn sehen, war das Ziel. Es waren insgesamt spannende und kurzweilige Sessions während dieser ich sogar zu einem Patrioten wurde und den deutschen Fahrer und Fahrerinnen in Mitten der britischen Fangemeinde ungeniert zujubelte: Kristina Vogel (1 x Gold im Keirin, 1x Bronze im Teamsprint), Roger Kluge (holte als erster Deutscher überhaupt eine Medaille im Omnium, nämlich Silber) und Domenic Weinstein (Silber in der Einzelverfolgung) seien hier stellvertretend genannt. Eines der Highlights waren die Vierer-Mannschaftsverfolgung der Männer, als die Platzhirsche aus Großbritannien (mit Bradley Wiggins) und Australien im Finale gegeneinander antraten sowie das abschließende Punkte Fahren des Omnium Wettbewerbs, bei denen namhafte Fahrer wie Viviani, Gaviria, Cavendish & Co gegeneinander antraten. Die Goldmedaille des Bahn- Vierers war hart umkämpft. Mal führten die Australier, mal die Briten ein paar Zehntelsekunden. Gold holten schlussendlich ganz knapp die Jungs aus Down Under, weil der Dritte Fahrer der Briten (von ihm wird die Zeit genommen) dem Tempo von Wiggins in der Schlussrunde nicht ganz folgen konnte. Auch sonst gab es besonders bei den Sprintwettbewerben bei Geschwindigkeiten bis zu 70 Stundenkilometern Bahn typische Fotofinish Entscheidungen, wenn Millimeter auf der Ziellinie den Unterschied machen.

Die Stimmung beim überwiegenden Fachpublikum aus Großbritannien war großartig, die Wettbewerbe hochklassig.

Der zu Olympia erbaute Velopark fasst 6.400 Zuschauer, kann für viele Veranstaltungen und Trainingseinheiten auch von Hobbyfahrer und –fahrerinnen genutzt bzw. gebucht werden und besitzt natürlich eine erstklassige Holzbahn. Da würde man ja gerne mal mit einem glänzenden und sündhaft teuren Look Bahnrad seine Runden drehen.

// Christoph

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Was macht eigentlich… Marcel Eger

Auf der Seite Hamburg ist Braun-Weiß begann diese Serie von Gastautor “Scheissegal St.Pauli”, die wir jetzt hier mit Teil 1 nochmal neu beginnen lassen und dann auch fortführen werden. Vielen Dank an hhibw.

Moin Marcel, wie bist du überhaupt zum FCSP gekommen?

Nach meinem ersten “Profijahr” beim SC Feucht der Regionalliga Süd gab es mehrere Optionen. Lübeck, Union Berlin, HSV Amateure… Und über den Kontakt meines Beraters Henry Hennig zu Stani eben auch zum FC St. Pauli. Dann fiel mir die Entscheidung recht leicht, da ich als Jugendspieler beim 1. FC Nürnberg damals den Aufstieg unseres Vereins in 2001 miterlebt habe und mir schon immer das Umfeld auf St. Pauli spannend erschien.

Warum wurde dein Vertrag 2011 nicht verlängert?

Weil die sportliche Leitung des Vereins damals wohl meine sportliche Leistung für nicht mehr gut genug beurteilte.
(Anm.d.Red: Ein Interview mit Marcel von damals findet Ihr hier.)

Das klingt so, als wenn das vom Verein aus nicht so toll kommuniziert wurde? Ich erinnere mich an das Abschiedsspiel mit Lele….

Zu der Zeit war sehr vieles im Umbruch. Stani weg, Schubert wird kommen… Da kam evtl. das ein oder andere durcheinander. Herr Schulte hat Lele und mir dann in der Woche vor dem letzten Spiel in Mainz mitgeteilt, dass die Verträge nicht verlängert werden. Deswegen gab es dann eben keinen Blumenstrauß beim letzten Heimspiel, sondern das Abschiedsspiel in Altona. Insofern lief das alles sehr gut.

Warum hat das in Brentford nicht funktioniert und warum hast du danach mit dem Profifußball aufgehört?

Im Nachhinein war die Zeit in London, bei Brentford FC und mit allen Zusammenhängen, die sich daraus ergeben haben, sehr wertvoll. Dass mein Trainer und Manager, Uwe Rösler, andere Vorstellungen hatte und ich deswegen nicht zu seinem Stamm gehörte, konnte ich nicht ändern. Meine Statistik in der Saison ist nicht schlecht. Viele Spiele “zu null”, kein Training verpasst und so weiter. Als mir dann mal gesagt wurde, dass Fußball wichtiger sei als Familie, habe ich gemerkt, dass es Zeit wäre, mein Leben freier zu gestalten. Es war wirklich fast das Gegenteil von der Zeit beim FCSP. Es ging dort in England nur um Fußball. Neben dem Platz sollten wir Spieler uns gar nicht mir anderen Dingen beschäftigen. Und das war mir eben immer sehr wichtig. Die Entscheidung, aufzuhören, hat sich dann immer mehr ergeben. Ich wollte nie meinen Körper “herunterwirtschaften”, nicht immer noch eine Liga tiefer für das Geld und etwas Ruhm bis ins hohe Fußballeralter…

Was ist deine schönste Erinnerung beim FC St. Pauli?

Als Fan: Das letzte Mal im Stadion auf meinem Platz in Block 1.
Als Spieler: Aufstiegsspiel und -feier gegen Dynamo Dresden 2007.
Und natürlich das Abschiedsspiel in Altona.

Eger_astimegoesby

Wann war denn dein letztes Spiel im Stadion?

 Jetzt am letzten Spieltag vor der Winterpause. Nicht wegen des Ergebnisses natürlich, sondern einfach so, weil es immer schön ist am Millerntor. Ich treffe viele gute Menschen dort!

 Inwieweit hat St. Pauli dein politisches Bewußtsein verändert?

Mein soziales und politisches Verständnis hat sich durch den Umgang mit Leuten in dem und um den Verein natürlich weiterentwickelt – verändern musste es sich nicht. Meine Jugend habe ich viel auf dem Skateplatz verbracht, mein Gymnasium war eher so alternativ und meine Familie und Freunde sind glücklicherweise weltoffen. Ich durfte tolle Menschen aus dem Viertel kennenlernen, die mich inspirieren und klare Meinungen vertreten, zu denen meine Einstellung passt und/oder es sich gut diskutieren lässt.

Du bist ja bei Viva con Agua ziemlich involviert. Wie kam es dazu und was ziehst du aus deinen vielen Reisen für dich persönlich raus?

Es fing alles an, als ich im Juni 2004 beim Kaffee vor dem Training laut aus der Mopo von einem Konzert im Wagenbau vorlas und ein neuer Mannschaftskollege darauf reagiert hat: Benny Adrion. Seitdem verbindet uns eine großartige Freundschaft, hat sich und er so viel entwickelt… Die Idee, etwas Soziales zu machen und die Synergien des Vereins aufzunehmen, verfestigte sich bei Benny dann immer mehr. Was jetzt daraus geworden ist, kann ich nur als fantastisch beschreiben. Ein solch großes Netzwerk an Ehrenamtlichen, entstanden aus einer Idee mit der Unterstützung des FCSP, konnte man damals noch nicht ahnen. Als Person bin ich Stifter und “Projektbezogener Edelassistent”. Zweites bedeutet, dass mir immer wieder Projekte vorgestellt werden, bei denen ich mitwirken kann – zum Beispiel die “Millerntor Gallery” – und ich kann entscheiden, ob ich mitmache. Natürlich sind die Reisen in die Projektgebiete am bedeutendsten. Zu sehen, wie beispielsweise mehrere gespendete Pfandbecher zu einer Toilette werden im Feld, ist wunderbar. Irgendwie bin ich seit Beginn an dabei, fühle mich ständig verbunden und bleibe es – durch die materielle Stiftungseinlage – sogar noch über meinen eigenen Tod hinaus. Nur das Schöne ist, dass es auch bei VcA keinen Personenkult gibt.

Was machst du jetzt so?

Durch ein “Bedingungsloses Grundeinkommen” – die Folge meines Arbeitsunfalles (Kreuzbandriss 2005) – habe ich das große Glück, erst mal eine schöne Freiheit zu haben, die ich allen Menschen in diesem System gönnen würde. Ich kann arbeiten, wenn ich mehr Mittel brauche. Im Moment kümmere ich mich um meine Familie und das Haus auf Teneriffa. Die Möglichkeit, viel unterwegs zu sein, weiß ich sehr zu schätzen. Ich lebe irgendwie von Tag zu Tag, mit ein paar Aufgaben und viel Zeit zu lesen und zu schreiben.

Wie fühlt es sich 2016 an, wenn man drüber nachdenkt, sein einziges Bundesligator bei einer 1:8 Klatsche erzielt zu haben? 😉

Diese Ironie meines letzten Spiels am Millerntor nach sieben Jahren, Papa und viele Freunde anwesend, als Franke gegen die Bayern ein Tor, als Abwehrspieler acht Gegentore zu kriegen… Das lässt sich schwer vorher in einem Drehbuch einbinden. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich daran zurückdenke.

Wann gibt es endlich wieder ein Pub Quiz in der Amphore, wo ich mit Ariane meinen Titel verteidigen kann? Das ist ja etwas eingeschlafen….

Mit den Veranstaltungen und dem Tagesgeschäft der Amphore beschäftige ich mich gerade nicht. Wenn ich in Hamburg bin, schaue ich da immer gerne vorbei. Ein toller Ort im Süden St. Paulis!

Liebe Grüße an alle Leser!
Marcel Ralph Günter Eger // Scheissegal St.Pauli

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MT029 – Frauenfußball beim FC St.Pauli

In unserer 29.Folge widmen wir uns dem Team der 1.Frauen beim FC St.Pauli.
Spielführerin Inga Schlegel war zu Gast und sprach mit uns in Teil 1 über die letzten drei Spiele der Profimannschaft des FCSP (inkl. den Aprilscherzen um Zecki und die Blutsbrüder beim Union-Spiel), ehe wir uns in Teil 2 dann ausführlich mit ihr und dem Team der St.Pauli-Frauen in der Verbandsliga sowie dem Frauenfußball allgemein widmeten.
Zu besprechen gab es genug: Neben der sportlichen Situation in der Liga, in der das Team vor dem Aufstieg in die Regionalliga steht, fand ja letzte Woche das Pokalhalbfinale gegen den hsv statt, welches bekanntlich gewonnen wurde.

Vielen Dank an Inga für den sehr unterhaltsamen und interessanten Abend, viel Glück für den Saisonendpurt.

Und natürlich an alle: Kalender raus!
5.Mai, Himmelfahrt, 15.00h: Pokalfinale!

Viel Spaß!

Links zur Episode:
Facebook-Seite der 1.Frauen
Homepage der 1.Frauen
Textilvergehen-Podcast inkl. Aprilscherz-Diskussion
Vorbericht zum Derby
Nachbericht zum Derby
Persönliche Assistenz für Jonas gesucht
Auch St.Pauli Blindenfußball sucht Hilfe bei der Trainingsbegleitung, Kontakt hier.

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28.Spieltag (H) – 1.FC Union Berlin

FC St.Pauli – 1.FC Union Berlin 0:0
Tore: Möööp
Zuschauer: 29.546 (ausverkauft, ca. 3.500 Unioner)

Geburtstag haben, an einem Heimspieltag.
Klingt ganz cool? Naja… ist es auch, immerhin kann man sich die Party sparen und später trotzdem behaupten, man habe mit 30.000 Leute gefeiert.
Leidglich die “Happy Birthday – und das Geschenk gibts ja später vom Team!“-Grüße lassen mich immer etwas zusammenzucken, denn erfahrungsgemäß geht das meist schief.

Meine persönliche Bilanz am 1.April bisher:

  • 1.4.2013: SC Paderborn, 2:2 (das Tschauner-Tor)
  • 1.4.2011: FC Schalke 04 (Spielabbruch)
  • 1.4.2006: Chemnitzer FC, 3:2 nach Halbzeitrückstand, Shubititze und 2x Meggle.
  • 1.4.2005: Borussia Dortmund II, 0:0

Hinzu kommt ein 1:2 in Unterhaching 1999, bei dem ich allerdings nicht vor Ort war, weitere Spiele waren dann vor meiner Zeit.
Außer bei der “Premiere” gegen Dortmunds Nachwuchs also immer irgendwie was los, aber eben auch nur ein Sieg aus vier Heimspielen bzw. ein Sieg aus fünf Spielen wenn man das Spiel in Unterhaching mitzählt.

FC St.Pauli - Union Berlin, 1.4.2016

FC St.Pauli – Union Berlin, 1.4.2016

Nun also Union, pauschal ja eins der Heimspiele auf die man sich mehr freut als auf andere, insbesondere bei Flutlicht.
Irgendwie aber schon weit im Vorfeld dieses “Naja, es geht halt um nichts mehr.“-Gefühl, welches sich vor einem 28.Spieltag ja bei uns auch nicht allzu häufig einstellt, denn in aller Regel geht es da meist für uns noch um das Fahrstuhlticket nach oben oder unten.

Trotzdem natürlich bei bestem Fußballwetter allgemeine (entspannte) Vorfreude, ein voller Gästeblock, der DOM im Hintergrund, Nina Hagen in den Lautsprechern.

Und danach eigentlich nur noch drei Situationen, die sich lohnen hier erwähnt zu werden, denn über das Spiel sollte man möglichst schnell den Nebel des Vergessens schweben lassen, typisches 0:0 eben, mit leichten Vorteilen für Union.

Zum Einen war da das Abseitstor für Union, welches laut Zeitlupe wohl zurecht nicht gegeben wurde. Allerdings wollte St.Pauli dies schnell in einen Konter ummünzen, Himmelmann wollte den Freistoß schnell Richtung gegnerische Hälfte ausführen und ein St.Paulianer wäre dann wohl alleine auf das Tor zu gelaufen. Dies verhinderte Christopher Quiring ebenso unsportlich wie geistesgegenwärtig.
Und hier zeigte sich wieder die Kehrseite des Schiedsrichterwissens, denn während Junior völlig außer sich war und “Mindestens Rot!” für “Klares Tor verhindert!” forderte und die Tränen  nur mühsam zurückhalten konnte, musste ich ihm sanft beibringen, dass Bibiana Steinhaus hier mit Gelb durchaus die korrekte Farbe aus der rechten Hosentasche gezogen hatte.

Der zweite Aufreger ging an den meisten Besuchern wohl eher vorbei:
Irgendwann in Hälfte zwei präsentierte die Unioner Ultrafraktion ein “St.Pauli & Union: Blutsbrüder“-Banner… so weit, so unverständlich. Denn insbesondere in Ultra-Kreisen ist eine “gewisse” Abneigung beider Klubs nicht gerade ein Geheimnis und es kam hier in der jüngeren Vergangenheit auch zu Vorfällen auf beiden Seiten, die dies absolut erklärlich erscheinen lassen. Das Tischtuch ist zerschnitten, fertig.
Während ich also noch stutzte, kam dann Sekunden später auch schon die Aufklärung: Die 2-3 Reihen Ultras unten am Zaun gingen dann steil und freuten sich wie Bolle über 10-15 “erkämpfte” braun-weiße Fanutensilien, die stolz präsentiert wurden.
Den Blutsbrüder-Spruch verstehe ich dann zwar immer noch nicht, insgesamt ist dieser Teil von “Fankultur” einer der wenigen, der mir komplett fremd ist und den ich einfach nur affig und bescheuert finde. Insbesondere, wenn man sich die Geschichten von St.Paulianern anhört, denen in Berlin die Sachen abgezogen wurden, wo es in den allermeisten Fällen nämlich einfach nur normale Fans traf, die in ca. zehnfacher Unterzahl um ihre Utensilien gebracht wurden. Chapeau.
Pimmelfechten auf RTL2-Niveau.
Immerhin ignorierte das restliche Stadion diesen Kindergarten, völlig zurecht.
(P.S.: Danke für die Hinweise, es folgte nach “Blutsbrüder” noch ein “April, April!”-Banner. Genau mein Humor… wenn man es denn dabei belassen hätte.)

Schließen möchte ich dann aber mit dem emotionalen Highlight des Spiels, welches wohl die Minute 76 war. Zunächst wurde Benjamin Köhler eingewechselt, welches bereits am vorigen Spieltag an der Alten Försterei für Gänsehaut sorgte und nun auch am Millerntor von beiden Seiten mit viel Applaus bedacht wurde. Weiterhin alles Gute!
Und aus St.Paulianer-Sicht gab es dann unmittelbar darauf mit Ryo Miyaichi auch eine sehr lange ersehnte Einwechslung, denn bekanntlich hatte sich die Neuverpflichtung noch vor Saisonbeginn in einem Testspiel einen Kreuzbandriss zugezogen und lief damit jetzt zum ersten Mal in einem Pflichtspiel für Braun-Weiß auf.

Ansonsten gibt es, wie eingangs erwähnt, nicht viel zu berichten und ich schließe daher mit der Hoffnung, dass wir die Saison anständig zuende spielen und am Ende auch Platz 4 oder 5 dabei herausspringt.

Verein am Wochenende

Das Wochenende stand unter dem Motto “Derbysieger” und begann bereits am Donnerstag, mit dem Pokalhalbfinale im Oddset-Pokal der Frauen.
Verbandligaspitzenreiter FCSP empfing den in der Regionalliga im Abstiegskampf befindlichen hsv, einige lesenswerte Hintergründe zur Historie dieses Vergleichs findet Ihr hier.
Die “Feldarena” war schon seit Wochen “ausverschenkt”, die Stimmung dem Rahmen durchaus angemessen.St.Pauli begann energischer, der hsv zeigte sich spielerisch reifer und technisch etwas versierter, konnte dies aber nicht wirklich in eine Überlegenheit ummünzen, so dass es bei einer Feldüberlegenheit des FCSP blieb.
Als man dann langsam erwarten konnte, das sehr junge Team des Gastes würde nun langsam die Nervosität abschütteln, traf St.Pauli zwei Mal und ließ sich dann auch vom Gegentreffer kurz vor der Pause nicht mehr aus dem Konzept bringen.
Am Ende stand ein verdientes 4:1, welches wohl auch im Vorgriff auf die nächste Saison, bei der man dann ja hoffentlich in der Regionalliga antreten darf, einiges an Selbstbewusstsein gegeben haben dürfte.
Szenen vom Spiel gibt es bei elbkick.tv, einen ausführlichen Bericht mit Bildern beim Torknipser und Kapitänin Inga wird am Mittwoch zu Gast beim MillernTon sein.
P.S.: Auch bei Stefan Groenveld gibt es Text und (wie immer: großartige) Bilder, wie konnte mir das entgehen.
Das Finale gegen Regionalligist Bergedorf 85 findet wohl am 5.Mai in der Hagenbeckstraße (Wolfgang-Meyer-Sportanlage) statt.

Das nächste Derby stand bei der U19 an, die den Stellinger Nachwuchs heute am Königskinderweg empfing.
Insgesamt ein sehr ansehnliches Spiel mit viel Tempo, welches auch gut 2:2 oder ähnlich hätte enden können. Eine Unachtsamkeit nach wenigen Sekunden brachte unsere Jungs allerdings auf die Verliererstraße und Torschütze Bibie Njie konnte in der 63.Minute nochmal nachlegen und den 0:2-Endstand herstellen.
St.Pauli hingegen vergab auch beste Einschußmöglichkeiten und scheiterte wahlweise an Keeper Behrens oder dem Aluminium.
Beste Spieler auf unserer Seite waren aus meiner Sicht Marcell Sobotta und Irwin Pfeiffer.

Am Abend gab es dann im Handball Derby 3 und 4, beides in der “Hölle Budapester Straße”, wo sich zunächst die 2.Damen des FCSP und die 1.Damen des Nachbarn gegenüberstanden.
Der Tabellensituation entsprechend ging Braun-Weiß als krasser Außenseiter ins Rennen und aller Willen konnte dann auch nichts daran ändern, dass das Spiel mit 14:27 verloren ging.
Anschließend trafen die jeweils 1.Herren beider Vereine aufeinander, wobei es sich beim hsv genauer gesagt ja um die 2.Mannschaft jenes gescheiterten Konstrukts namens hsv Handball handelt und nicht um den eigentlichen Verein.
Da deren Lizenzspielerteam ja aber inzwischen erfolgreich abgewickelt wurde, soll mit diesem Team jetzt der Neuanfang beginnen, der Aufstieg in die 3.Liga ist so gut wie sicher und bisher gab es für den Spitzenreiter auch erst eine Saisonniederlage.
Da konnte der Tabellenvierte aus St.Pauli eigentlich kein Stolperstein sein… doch am Ende machte die “Buda” mal wieder den Unterschied und nach einem 7:12-Halbzeitrückstand gab es einen umjubelten 24:23-Sieg. Derbysieger, again!  // Frodo

Links:
– Fotos Stefan Groenveld
– Fotos UNVEU
– Vor dem Spiel-Gespräch mit Sebastian vom Textilvergehen
Nach dem Spiel-Gespräch mit Daniel von “Eiserne Ketten”
– Taktik-Blog “Eiserne Ketten
– Bericht MagischerFC: “Aufwachen, Loide!
– Bericht BREITSEITE: “こんばんは
– Bericht und Bilder Zaphod Beebleblox: “Aprilscherze
– Bericht Fangirl1910: “Ro(a)hrkrepierer
– Bericht Nice Guys St.Pauli: “Senfdazu#18
– Podcast zum Spiel beim Textilvergehen: “Der invertierte Tuschekreisel
– Grenzenlos 1910: “Kein Gold auf dem Weg zum Silber

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The great Vereinshymnen swindle

Der Ein oder Andere wird es auf Twitter bereits mal bemerkt haben: Ich habe eine kaum versteckte Vorliebe für Fußballlieder.
Und so war ich auch etwas irritiert, als der lokale Dorfverein bereits vor einiger Zeit einen neuen Vereins-Song veröffentlichte, der gar nicht so furchtbar peinlich war, wie man es von einem Oberligisten erwarten würde, sondern sogar melodisch einigermaßen ansprechend.
Okay, etwas viel Pathos für die Ligazugehörigkeit und Zuschauerzahl, aber was solls.

Leider gibt die Vereinshomepage das Lied aktuell nicht mehr als Audiodatei her, aber in Textform ist es kaum weniger schön:

SV Henstedt-Ulzburg (Schleswig-Holstein-Liga)

Nun poste ich ja zu Spielen der Profimannschaft des FCSP schon länger am Spieltag die jeweilige Hymne oder ein “besonders schönes” Lied des jeweiligen Gegners, so wie unser Verein dankenswerterweise einer der ganz wenigen ist, die vor Heimspielen immer das Lied des jeweiligen Gastes spielen.
Und als die Profis mal spielfrei hatten, stolperte ich so über den Song des Gegners der U23 in der Regionalliga, Aufsteiger VfV 06 Hildesheim.

Gleiche Melodie, gleicher Sänger, nahezu identischer Text, nur eben leicht angepasst bei Vereinsnamen und -farben sowie ggfs. geographischen Besonderheiten.

Aber “vor jedem Spiel pure Gänsehaut“, “eine lange [Ortsname]-Tradition“, “wir feiern [Vereinsfarbe]-Siege“, “unser Leben ist ein Fest, in [Ortsname]“.
Vereine, die den Swag voll audrehen.

Nun war ich neugierig geworden und fand schnell weitere Beispiele, wie zum Beispiel den SV Barver aus der 2.Kreisklasse Diepholz Süd:

Besonders Inbrünstig aber schmetterte dieser Vereinsvertreter des Friedenauer TSC (Landesliga Berlin) schon 2011 dem sichtlich bewegten Auditorium die Textzeilen um die Ohren, Ekstase war selten greifbarer:

Wenn Ihr noch weitere Versionen dieses wunderbaren Liedguts entdeckt, schreibt es gerne in die Kommentare.

Aber es gibt auch andere Doppelungen:

Wir sind der [Kürzel] (künstlerische Pause) [Ortsname]!

“[Farbe 1] und [Farbe 2] sind unsere Farben – wir sind so froh das wir Dich habe!”
“Wir [Vereinsfarben] Krieger aus [Ortsname] – für immer und immer!”
“Bei den [Kürzel]-Kriegern / Ja hier in [Ortsname] wird zuletzt gelacht!”

TSV Schöllbronn (Kreisklasse A2, Karlsruhe]

VfB St.Leon (bfv Landesliga Rhein-Neckar]

Auch beim SV Reher/Puls in der Schleswig-Holstein-Liga erklingt dieser Song, ich habe ihn nur leider bisher nicht online gefunden.

Und dann ist da noch folgende Reihe:

Wir wollen kämpfen, feiern siegen – Wir werden Dich immer lieben…

SC Ahle (Kreisliga B, Ahaus)

SpVgg Germania Ebing (Bezirksliga Oberfranken West)

Und wer es noch ein bißchen pathetischer mag, schaltet natürlich noch ein kurzes “You’ll never walk alone” davor:

Bis ans Ende der Welt:

ASV Undorf (Kreisliga Regensburg)

Spvgg Trier (Kreisliga C, Trier)

Und dann gibt es noch einige weitere Versionen, von denen ich bisher keine Duplikate entdecken konnte, die aber ebenso aus der Feder des “Dieter Bohlen der Fußballsongs” zu stammen scheinen:

TSV Heiligenhafen (Kreisklasse A, Ostholstein)

SC Peckeloh (Landesliga Westfalen)
(Schönster YouTube-Ankündigungstext:
Den Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufdrehen, Play drücken und der Gänsehaut dabei zusehen, wie sieht wächst!“)

Bevor jetzt jemand denkt, ich mache mich über diese Vereine lustig: Im Gegenteil.
Ich finde es super, wenn ein Verein sich über einen Vereinssong versucht, eine Identität zu geben.
Und bevor das in irgendwelche furchtbaren Entblößungen von Mitgliedern an der Heimorgel endet, beauftragt man damit dann wohl lieber jemanden, der sich damit auskennt, wie z.B. www.vereinshymnen.de, aus deren Portfolio wohl die meisten dieser Songs stammen.

Zum Abschluß dann noch zwei Beispiele dafür, wie es enden kann wenn man sowas dann eben nicht professionell machen lässt.
Jeweils ein positives und ein negatives Beispiel.
Welches in welche Gattung gehört, könnt Ihr für Euch entscheiden:

Gano – Mein hsv
(hierzu gibt es übrigens auch die empfehlenswerte Antwort: “Dein hsv“)


(Und wem die Ohren jetzt noch nicht vollends bluten, dem sei als nächster Schritt Level 2 empfohlen, mit der besonderen Fähigkeit zwischen gesungenem Refrain und eingenommener Körperhaltung zu unterscheiden.)

Und dann das eben erwähnte Gegenbeispiel, als krönender Abschluß:
ESV Blau-Weiß Bremen, 5.Herren
(Und bevor Ihr Euch später ärgert es verpasst zu haben: gebt dem Lied mindestens bis 2m10s, denn erst dann entfaltet es seine ganze Magie).

Ihr habt andere Perlen an Fußballliedern (außer Klassikern wie dem Wattenscheid-Song) und wollt sie der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stellen?
Dann ab damit in die Kommentare, vielleicht verfasse ich ja irgendwann einen zweiten Teil, mit den schönsten Fußballsongs. // Frodo

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“Als ob wir von einem anderen Planeten kommen…” – Interview mit Deniz Naki

Gastartikel von Jan van Aken

Dieses Interview erschien im Print-ÜBERSTEIGER Nr. 123 am 11.März 2016

Diyarbakir, 21. Januar 2016

Deniz, du spielst jetzt bei Amedspor. Erzähl mal, was ist das für ein Verein?

Amed SK ist vergleichbar mit St. Pauli. Also, St. Pauli hat vielleicht mehr Zuschauer, aber ist auch mehr links ausgerichtet. Amed SK ist ein kurdischer Verein, deswegen auch der Name Amed (Anm.: der kurdische Name für Diyarbakir). Da spielen zu 90 % Kurden, aber natürlich auch türkische Spieler. Wir sind in der 3. Liga der Türkei – die nennt sich zwar 2. Liga, ist aber die 3. Liga. Der Verein ist verbunden mit der Partei HDP und der Stadtverwaltung. Guter Verein.

Ich habe mich gewundert, dass das Amed SK heißt. Denn ihr seid ja offiziell in der türkischen Liga, aber der türkische Name für Amed ist ja Diyarbakir. Wieso haben die das überhaupt erlaubt, dass ihr Amed SK heißt?

Letztes Jahr hieß der Verein noch Diyarbakır Büyükşehir Belediyespor, und dann haben die sich dafür eingesetzt, dass der Name geändert wird, und haben beim türkischen Verband eine Anfrage gestellt und es dann irgendwie hinbekommen. Seit dieser Saison heißt der Verein Amed SK.

Und was ist, wenn ihr jetzt auswärts spielt, bei türkischen Vereinen, wie gehen die damit um? Die wissen doch gar nicht, was Amed ist, oder?

Doch, das wissen schon die meisten. Die meisten wissen auch, dass das ein Verein aus Diyarbakir ist. Aber meistens ist das so, wenn wir Auswärtsspiele haben, sind die Spiele, als ob wir gegen eine türkische Nationalmannschaft spielen. Dann sehen wir nur türkische Fahnen – als ob wir von einem anderen Planeten kommen, so werden wir immer empfangen.

Dann bekommen wir halt Zurufe wie „PKK raus!“, „Terroristen raus!“, so werden wir dann meistens empfangen. Ist halt schon ein bisschen schwierig.

Das ist ja hart. Wie geht es denn euren türkischen Mitspielern bei Amed SK, wie stehen die dazu?

Die türkischen Spieler, die bei uns sind, die sind in der Sache cooler drauf. Bevor die den Wechsel hierhin gemacht haben, wussten die ja schon, worauf die sich einstellen mussten, das ist nicht so ein Problem.

Deniz Naki - ©JanVanAken

Deniz Naki – ©JanVanAken

Um auf deine Tätowierung zu kommen. Was heißt das, Azadî?

Azadî ist kurdisch, das heißt Freiheit. Deswegen habe ich auch in den letzten Wochen ein bisschen Probleme gehabt, was auch in den Medien war. Ich wurde jetzt von dem türkischen Volk teilweise als Terrorist abgestempelt, weil das angeblich eine Propaganda für die PKK ist. Aber ich sag mal, das Problem, was die haben, ist, dass das da auf kurdisch steht. Wenn da jetzt „Freedom“ oder „Freiheit“ stehen würde, dann hätten die kein Problem damit gehabt. Aber da es da auf kurdisch steht, heißt es jetzt, dass ich ein Terrorist bin und ich Propaganda für die PKK mache.

Liest du das in Zeitungen, oder merkst du das im Stadion, dass du dann extra ausgepfiffen wirst?

Ja, wenn wir Auswärtsspiele haben, ist es so, dass ich meist bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen werde. Aber man bekommt das auch durch Internetseiten mit, dass die Fans außerhalb ein bisschen Probleme mit mir haben in der Türkei.

Und hast du zu Hause Stress mit deinem Verein bekommen, weil die meinten, das ist jetzt echt eine Provokation? Ich meine, du hattest damals ja auch Stress mit deinem Verein bekommen, wegen der Handbewegung in Rostock …

Also, wenn ich wegen meinem Tattoo Stress mit meinem Verein bekommen würde, dann wäre ich beim falschen Verein. Ich glaube, die Bedeutung ist was Schönes: Freiheit – für alle Völker! Das heißt ja nicht, dass das nur für das kurdische Volk ist. Es soll ein Symbol für alle unterdrückten Völker sein. Wenn das als Terrorpropaganda gesehen wird, dann kann ich den Menschen auch nicht weiterhelfen.

Das ist ja eine ziemlich klare Ansage, sich so zu tätowieren. Machst du denn außerhalb vom Fußballplatz noch was für die kurdische Sache, bist du politisch aktiv?

 Auf jeden Fall. Wenn man das politisch nennen darf, ich weiß nicht. Ich war in Cizre, da wo jetzt auch richtig was los ist – ich war vor knapp ein bis zwei Monaten da. Wir haben eine Kampagne gestartet und ich habe da 16 Familien besucht und denen geholfen, finanziell. Jetzt sind wir dabei für Sur, aber leider können wir halt nicht rein. Wir versuchen jetzt, bis die Ausgangssperre zu Ende ist, so viel zu sammeln wie möglich, damit wir den Familien dann helfen können, denen es nicht so gut geht.

Wo wohnst du eigentlich hier in Diyarbakir, so ungefähr?

 Ich wohne so 7 bis 8 km von hier.

Wenn du da draußen wohnst, kriegst du oder deine Nachbarn das überhaupt mit, was hier in Sur los ist, oder ist da draußen völlig normales Leben?

Es ist so, wenn man 10 km weiter draußen wohnt, dann sieht man vielleicht normales Leben, aber abends, wenn dann die Schüsse losgehen, dann bekommt man das schon mit. Und um acht, neun Uhr kann man sagen, dass Diyarbakir tot ist, weil die Menschen alle nach Hause gehen, weil die Angst haben, dass jeden Moment so eine Bombe platzen kann.

Und das ist eine Millionenstadt, eine echte Metropole, das ist unsere Hauptstadt in Kurdistan, sagen wir. Und für eine Hauptstadt, die so viele Einwohner hat, dass ab acht, neun Uhr nix mehr los ist, das ist schon schlimm. Letztes Jahr, wo ich mit den Leuten hier gesprochen hatte, war bis zwölf, eins, zwei Uhr nachts immer noch die Hölle los hier.

Noch mal zum Fußball: Wo steht Amed SK, wo wollt ihr hin?

Wir wollen auf jeden Fall aufsteigen, wir sind auf dem fünften Platz, die ersten fünf kommen in die Playoffs. Der erste steigt sofort auf. Zurzeit sieht es gut aus, wir wollen so hoch spielen wie wir können. Wir wollen den Verein in den oberen Ligen sehen. Das will auch unser Volk, die wollen einen Verein haben, aus Kurdistan, der was erreicht, wo die Menschen dann auch ein Lächeln bekommen, wo sie drauf stolz sein können. Unsere Aufgabe ist es, dass wir da unser Bestes geben und so hoch kommen wie möglich.

Deniz Naki

©JanVanAken

 

Wer steigt zuerst auf, Amed SK oder St. Pauli?

Ich hoffe beide (lacht) – beide gleichzeitig!

Und für dich – wo siehst du deine fußballerische Zukunft? Bei Amed SK? Könntest du bei einem anderen Verein in der Türkei überhaupt noch spielen?

 Also, in der Türkei, glaube ich, eher schwierig. Dadurch, dass ich jetzt immer in den Medien war aus politischen Gründen, haben es auch die Vereine schwer, mich zu verpflichten, weil viele Menschen sagen, dass ich ein Terrorist bin. Wenn mich dann ein Verein verpflichtet, dann muss der Mann, der mich verpflichtet, schon ein Harter sein, der damit auch umgehen kann. Deswegen sehe ich in der Türkei eher weniger die Chance, dass ich einen großen Transfer mache.

Das ist mir aber, ehrlich gesagt, auch gar nicht so wichtig. Ich hätte auch in der Zweiten Liga in Deutschland spielen können, in anderen Ländern, aber ich habe mich für mein Volk entschieden, ich habe mich dafür entschieden, dass ich hier spiele, weil ich mir gedacht habe, vielleicht kann ich mit dem Wechsel ein paar Menschen glücklich machen und denen ein Lächeln schenken. Das Lächeln für mein Volk ist mir viel mehr Wert als Ruhm und Geld und alles andere.

Den Ruhm hast du auf St. Pauli auf immer und ewig. Und – wann bist du mal wieder in St. Pauli?

 Also, die Saison geht bis zum fünften Monat, ich denke, dann haben wir zwei Monate frei, dann werde ich auf jeden Fall mal wieder nach St. Pauli kommen.

Super. Sag auf jeden Fall Bescheid. Hast du noch Kontakt zu Kollegen?

Ja, Fabian Boll. Er ist wie mein großer Bruder, ich liebe ihn über alles. Wir schreiben alle zwei, drei Wochen, ab und zu telefonieren wir auch. Ja, und Morike Sako und die alten Kollegen, Charles Takyi. Aber mit Fabian Boll habe ich noch richtig engen Kontakt.

Und mit denen, die jetzt noch spielen?

Hmm, das sind jetzt sehr viele neue Spieler. Ich glaube, mittlerweile ist nur noch Schnecke da. Und Drobo-Ampem ist jetzt wieder bei Pauli. Aber ich glaube, alle anderen sind jetzt neu dazu gekommen.

Was hältst du von Lienen?

Cooler Typ. Ich finde den cool. Er macht einen guten Eindruck.

Und letzte Frage: In der ganzen St. Pauli-Zeit, was war da der wichtigste Moment für dich?

 Aufstieg 2009, auf jeden Fall. Und die Fahnenaktion gegen Rostock. Mein Torjubel nicht, aber die Fahnenaktion!

// Gastartikel/-interview von Jan van Aken

Nachtrag:

Nach dem Pokalsieg von Amed SK bei Bursaspor am 31. Januar, bei dem Naki das entscheidende Tor zum 2:1 schoss, widmete er den Sieg auf seiner Facebook-Seite den Unterdrückten in den umkämpften Gebieten. Dafür wurde er vom Türkischen Fußballverband mit einer Sperre von 12 Spielen belegt.

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