Energie Cottbus: Alles Nazis – oder doch nicht?

Dieser Artikel von Slarti erschien zuerst im Print-Übersteiger #132 am 6.Mai 2018.

Wenn man über die Vorfälle in Babelsberg redet, muss man auch über Cottbus reden. Und zwar anders, als oft am Millerntor der Fall: Differenzierter und mit etwas mehr­… sagen wir mal… Demut. Denn seien wir ehrlich: Wir sitzen hier (zurzeit!) auf der Insel der Seligen. Die ist aber eben eine Insel und kein Olymp, von dem es sich auf andere herabblicken ließe.

Dass die Situation in Cottbus komplexer ist, als sie auf den ersten Blick scheinen mag, sah man zum Beispiel im November 2016 im Heimspiel gegen – Babelsberg. Im Cottbusser Fanblock war folgendes Transparent zu sehen: „Für Zecken sind wir Nazis – für Nazis sind wir Zecken…“. Urheber war Ultima Raka, eine der größten Ultra-Gruppen bei Energie Cottbus. Kein Jahr später stellte die Gruppe ihre „Aktivitäten für unbestimmte Zeit“ ein. Wie kam es dazu und was bedeutet das für die Gegenwart?

Ultima Raka beim Spiel gegen Babelsberg im November 2016 // (c) Dennis Pesch

Nazis, Kampfsportler, Hooligans und Rocker

Es ist kein Geheimnis, dass das Bild der Cottbusser Fanszene durch Inferno Cottbus (IC’99) geprägt ist, die man heute mit Recht als Nazis bezeichnen kann. Bei der Gründung 1999 war IC’99 jedoch ein Dachverband, in dem Rechte zwar von Anfang an dabei waren, der aber zunächst Fans aller Art versammelte, die Stimmung und Ultrakultur wollten. Erst als der Verein 2002 ein „Erscheinungs- und Auftrittsverbot“ gegen IC’99 verhängte, spaltete sich die Szene: Neben IC’99 entstanden das Collettivo Bianco Rosso (CBR’02) und Ultima Raka (UR’02).

IC’99 wurde zum Sammelbecken für organisierte Neonazis, Hooligans und Kampfsportler wie Markus Walzuck, 2011 deutscher Meister im Kickboxen. Wie Robert Claus – Rechtsextremismusexperte und Autor von „Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“ – betont, ist diese „Verzahnung von Kampfsport-, Polit- und Hooliganstrukturen“ vielerorts zu beobachten: „Wir reden nicht nur über ein Fußballproblem, sondern über ein Sport- bzw. Kampfsportproblem, das in die Fanszenen hineinstrahlt.“ In Cottbus komme hinzu, dass „Kampfsport, rechte Szene und Security-Business eng verknüpft und ein echter Wirtschaftsfaktor sind“. Neben über 50 Security-Unternehmen existieren unter anderem das in der rechten Szene beliebte Mode-Label „Label 23“ – als „Boxing Connection“ von Markus Walzuck gegründet – sowie das Rechtsrock-Label Rebel Records, bei dem die Band Frontalkraft unter Vertrag ist, die wiederum Verbindungen zum IC’99 hat. Das IC’99 ist starker Arm und zentraler Teil dieses rechten Netzwerks, das eine „mafiöse Dominanzkultur“ in der Stadt etabliert hat, wie Joschka Fröschner von der Opferspektive formuliert, die Opfer rechter Gewalt und rassistischer Diskriminierung berät. Er weist jedoch zugleich darauf hin, dass es in Cottbus nicht nur Nazis gibt: „Das Gewaltlevel ist auch deshalb so hoch, weil es hier noch eine Gegenkultur gibt, von der sich die rechten Strukturen herausgefordert fühlen.“ Das sollte man zumindest auf dem Schirm haben, wenn man über die Situation in Cottbus redet.

Auch der Nachwuchs des IC’99, die Unbequeme Jugend Cottbus (UJC), und Gruppen wie die WK13 Boys verbinden ein stramm rechtes Weltbild und hohe Gewaltbereitschaft. Vor allem UJC ist in der Fanszene und der Stadt selbst immer mehr zum Problem geworden. CBR’02 und ihr Nachwuchs Frontside sind ebenso rechts bis rechtsoffen und haben Verbindungen in die rechte Szene und ins Rockermilieu, besonders zum mit Neonazis durchsetzten Gremium-Chapter Spremberg. IC’99 wie auch CBR’02 pflegen enge Beziehungen zu den New Society Boys („NS-Boys“) aus Chemnitz – deren Logo mit Hitlerjungen-Konterfei ist auch auswärts häufig zu sehen.

Dazu, dass die Fanszene unter dem rechten Schatten des IC’99 steht, trug auch der lange Zeit beschwichtigende Umgang des Vereins mit dem Problem bei. Trotz eindeutiger Informationen, auch von staatlicher Seite, wiegelte man ab, teils in grotesker Weise – vielleicht auch aufgrund persönlicher Beziehungen und weil einige Mitglieder des IC’99 der eigenen Jugend entstammten. So behielt das IC’99 seine Vormachtstellung, obwohl seit 2002 fast durchgängig mit „Erscheinungs- und Auftrittsverbot“ belegt und trotz teilweise langjähriger Stadionverbote. Wobei es laut Fröschner „nicht so die große Rolle spielt, ob die Stadionverbot haben oder nicht“ – sie kommen auch so rein.

Wo „unpolitisch“ schon gefährlich ist

Das hohe Gewaltpotenzial des IC’99 verschafft der Gruppe „einen Einfluss, der ihrer eigentlichen Größe nicht entspricht“, so Claus, und macht es anderen Fans schwer, ihrer Dominanz etwas entgegenzusetzen. Wie Fröschner bestätigt, gibt es „neben den offenen Nazistrukturen von jeher wenig Platz für Ultras, auch Ultima Raka war immer unter Druck“. Denn UR’02 traten als „unpolitische“ Ultras auf, die „Politik im Stadion“ ablehnten. Das mag vom Millerntor aus als „zu wenig“ erscheinen, das wäre aber zu einfach gedacht – viel mehr war und ist gegen das Gewaltpotenzial der Szene um das IC’99 bisher kaum möglich, erklärt Fröschner: „Eine Gruppe, die sich im Stadion halbwegs offen als ‚links‘ präsentiert, wäre in fünf Minuten aus dem Block raus.“ In diesem Klima boten UR’02 auch politisch linken Energie-Fans – ja, die gibt es! – einen Raum. Vor allem aber waren sie, wie Fröschner herausstellt, „der Rückzugsraum für die vernünftigen Leute“ und wichtig, damit die Masse der Stadionbesucher „die Verbindung von rechtem Gedankengut und Fußball nicht als alleinige Normalität erlebt“.

Den Rechten gefiel dieser Bruch mit ihrer Agenda natürlich überhaupt nicht. Ultima Raka wurde als „UR Antifa“ diffamiert und mehrfach angegriffen. Als 2016/17 einige „alte Größen“ des IC’99 nach längerer Abwesenheit aktiv in die Fanszene zurückkehrten, verschärfte sich die Situation, wie Fröschner berichtet: „Seitdem nahm die Gewalt innerhalb der Fanszene deutlich zu.“ Offenbar hatten andere ihrer Meinung nach „die Zügel schleifen lassen“ – nun nahm das IC’99 sie wieder fester in die Hand. Auch mithilfe der UJC wurden andere Gruppen „verstärkt unter Druck gesetzt und bedroht, um sie auf Linie zu bringen“.

Parallel kam es nach einem Wechsel an der Vereinsspitze 2016 endlich zu „mehr Offenheit dafür, das Problem anzuerkennen und anzugehen„, so Fröschner. Das führte jedoch erstmal zur Zuspitzung. Als einige Vorfälle innerhalb der Fanszene durch Medienberichte öffentlich wurden und Ermittlungen wegen der Gründung einer kriminellen Vereinigung drohten, löste sich IC’99 im Mai 2017 präventiv auf – aber nur auf dem Papier. Ihr neues Ziel: Die Fanszene in einer neuen Struktur zu vereinigen, in der IC’99 den Ton angegeben hätte. „Gespräche“ wurden geführt und wo sie nicht das gewünschte Ergebnis brachten, setzte man teils massive Gewalt ein, lauerte Betroffenen auf oder besuchte sie zuhause. Vor diesem Hintergrund ist die Ankündigung von UR’02 aus dem September 2017 zur „Einstellung der Aktivitäten“ zu lesen, in der es hieß: „So beschissen das auch ist, so sehen wir nach Gesprächen mit anderen Akteuren über die zukünftige Ausrichtung der Cottbuser Fanszene leider keine Möglichkeit, unser Fandasein weiterhin frei nach unseren Vorstellungen auszuleben.
In freier, zugespitzter Übersetzung: Wir machen bei den Plänen des IC’99 nicht mit, aber wir wollen uns auch nicht umbringen lassen.

Energiefans gegen Nazis

Am 2. Oktober 2017 tauchte bei Facebook die Seite „Energiefans gegen Nazis“ auf. Die Aktiven – anfangs etwa zehn, inzwischen deutlich mehr – sind einfache Fans und Vereinsmitglieder, ohne engere Verbindungen zu Ultragruppen. Sie ordnen sich auch keiner politischen Partei oder Struktur zu; was sie vereint, ist das Bestreben, etwas gegen die Nazis im Stadion zu tun. Ihr erstes Statement: „Wir haben diese Seite eröffnet, weil wir es nicht mehr akzeptieren, als Energiefans pauschal stigmatisiert zu werden. Gleichzeitig leugnen wir nicht, dass unser Verein offenbar noch zu viele Nazis anzieht.

Die „Energiefans gegen Nazis“ sind überzeugt, dass „die Mehrheit der Fans die Nazis ablehnt“. Dieser Mehrheit wollen sie Mut machen, sich von den Nazis abzugrenzen und für Vielfalt und Toleranz einzutreten. Dazu betreiben sie auch Aufklärung zu Rechtsextremismus, zu Symbolen, Kleidung und Begriffen der rechten Szene. Der Abstand zur organisierten Fanszene soll es anderen Fans leichter machen, sich an Aktionen zu beteiligen. Im Vordergrund soll die Sache stehen, nicht Personen oder Gruppen. Vor allem deshalb blieben die Aktiven bisher anonym. Zwar spielen Sicherheitsgründe mit hinein, doch sie legen Wert darauf, „das Bedrohungspotenzial nicht größer zu reden als es ist. Die meisten von uns haben noch nie bedrohliche Situationen erlebt.

Bereits nach einer Woche hatte die Seite über 700 Likes, aktuell über 1000. Auch der Verein kommentierte die Initiative positiv. Aus dem Umfeld des IC’99 wurde mit der Seite „FC Energie Cottbus-Fans gegen Zecken“ geantwortet, die es aber nur auf etwa 200 Likes brachte und inzwischen eingestellt wurde. Ihr Ziel, „Diskussionen anzustoßen“, haben die Aktiven jedenfalls erreicht. Es wird kontrovers diskutiert: ob Politik ins Stadion gehört, ob Linksextremismus genauso schlimm ist wie Rechtsextremismus, was man gegen Nazis tun kann und wie weit man dabei gehen darf. Vieles, was am Millerntor sofort Konsens wäre, ist lebhaft umstritten – „das finden wir aber gut, das ist genau das, was wir wollen“. Deutlich wird dabei, dass viele Cottbusser die Nase voll haben von den Nazis – aber eben auch davon, mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden. Ein Problem, das die „Energiefans gegen Nazis“ kennen: „Selbst einige von uns wurden mehrfach als Nazis beschimpft.

Womit wir zu den unbequemen Fragen kommen: Darf man eine Fanszene, die unbestritten ein ernsthaftes Problem mit Nazis hat, „pauschal stigmatisieren“? „Klar“, denken manche. „Beim Fußball, im Stadion – und erst recht unter Ultras – gehören Rivalitäten und Provo dazu und Nazis sind nun mal scheiße.“ Stimmt. Aber: Wenn man meint, dass Politik ins Stadion gehört, dass das Stadion ein politischer Raum ist, wenn man sich als politischer Fan oder gar politischer Verein begreift – dann kommt man nicht drum herum, sich zu fragen, was das eigene Tun politisch bewirkt.

Dann muss man sich auch fragen, wie man auf ein Transparent wie das von Ultima Raka reagiert. Die Babelsberger gaben beim nächsten Spiel diese Antwort: „Für Zecken seid ihr Nazis – Für Nazis seid ihr Zecken… Für uns seid ihr einfach nur Abschaum“.
Kann man unter „alles nur Provo“ abtun, kommt als Argument auch von der Gegenseite. Aber: Unterstützt man damit die, die den Nazis im eigenen Verein etwas entgegensetzen – und sei es „nur“ eine Alternative, in der man nicht rechts sein muss, um Ultra zu sein? Zumindest die Frage, ob man die Gelegenheit besser hätte nutzen können, darf man stellen.

Das war den Babelsbergern durchaus schon gut gelungen. So zeigte man 2015 eine einfache Botschaft: „Nazischweine“. Der Witz: Das I und das C waren rot hervorgehoben – der Adressat war eindeutig. Auch für die „Energiefans gegen Nazis“ war das „richtig, korrekt und schlau, so funktioniert Bannerarbeit im Stadion“. Dass nun aber ausgerechnet wieder gegen Cottbus das „Nazis raus aus den Stadien“-Transparent in der Gästekurve aufgehängt wurde, ging selbst ihnen übel gegen den Strich. Auf Cottbusser Seite empfand man das zumindest teilweise als „Marketing-Masche“, vor allem aber als politisch kontraproduktiv: „Im Grunde natürlich eine Super-Aktion, aber dass das Thema immer wieder ausschließlich auf dem Rücken von Cottbus ausgetragen wird, hilft den Nazis mehr als uns. Letztlich befördert das nur dieses ‚wir‘ und ‚die‘, hinter dem sich die Nazis verstecken können.

Botschaft aus Babelsberg an das IC’99 // (c) Sören Kohlhuber

Was tun?

Es bleibt also schwierig – für Kritiker*innen von außen wie für die, die vor Ort versuchen, etwas zu ändern. Das zeigt auch die Diskussion auf der Seite um einen Song, der im Stadion gespielt werden sollte. Doch der Verein lehnte ab – „Beate Zschäpe hört U2“ war aktuell (noch) nicht durchsetzbar. Nach Robert Claus „muss man sowieso im Maßstab von drei bis fünf und mehr Jahren denken. Das Netzwerk aus Verein, Fanprojekt, engagierten Fans und Stadt braucht eine zielgerichtete Strategie, wo man mit der gesamten Fanszene in fünf bis zehn Jahren stehen will. Welche Rolle sollen Vielfalt und Demokratie darin spielen und welche Maßnahmen braucht es dafür?“ Aktuell sei vor allem wichtig, „was man dafür tun kann, dass die nächste Generation von Cottbus-Fans nicht an die falschen Leute gerät“. Was das angeht, ist es fraglos ein Verlust, dass Ultima Raka zurzeit offiziell aus dem Spiel ist – wobei sie in letzter Zeit wieder aktiver zu werden scheinen.

Wie also kann man den „Energiefans gegen Nazis“ helfen? Claus betont, dass man das vor allem die Aktiven selbst fragen müsse: „Was brauchen und wollen sie überhaupt an Unterstützung? Nicht nur unabgesprochen von außen reinreden.“ Die „Energiefans gegen Nazis“ würden sich, so ihre Aussage, über Ideen zu Aktionen, Merch und „coole Sprüche“ freuen, die sie nutzen können. Als Beitrag auf der Seite – nicht zu offensichtlich aus St. Pauli – oder direkt per Nachricht. Oder über Links zu Artikeln, „die einen klaren, engen Bezug zu Fußball und Nazis im Fußball haben“. Ein kleiner Traum obendrauf: „Wenn namhafte Künstler wie etwa Die Ärzte ganz unvoreingenommen bereit wären, den Verein im Bemühen um Vielfalt und Toleranz zu unterstützen, und im Stadion ein paar Worte an die Leute richten oder gar einen Song spielen, zum Beispiel ‚Schrei nach Liebe‘ – dann wäre eine Barriere gebrochen, dahinter könnte der Verein nicht zurück.“ Ihr nächster Plan ist, mit einer Zaunfahne einen Schritt aus der Anonymität hinaus zu machen. Wie das organisiert werden kann, ob immer jemand anderes sie aufhängt oder eine große Gruppe mehr Sicherheit bietet – darüber wird noch gesprochen. Jedenfalls geht es weiter.

Dabei wäre es wahrscheinlich auch für diejenigen in Cottbus, die keinen Bock auf Nazis haben, die einfachere Lösung, nach Babelsberg oder ans Millerntor abzuwandern: Man müsste sich weniger mit Ambivalenzen und Widersprüchen plagen, riskiert weniger Auseinandersetzungen und erspart es sich, „pauschal stigmatisiert“ und selbst als „Nazi“ angegriffen zu werden. Aber: Auch wenn ich meinen Platz auf der Insel der Seligen genieße – was Leute wie die „Energiefans gegen Nazis“ machen, ist richtig und wichtig und bedarf der Unterstützung. Denn um die Inseln der Seligen herum gibt es noch die raue See. Also, mit den besten Wünschen nach Cottbus: Walk on und viel… Energie! // Slarti

P.S. Es bleibt noch ein langer und schwieriger Weg, offensichtlich. (Frodo)

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Endlich egal

Vergangenheitsbewältigung.

Es gibt Dinge und Themen, die schleppt man seit der Jugend mit sich rum und hat bis ins hohe Alter Schwierigkeiten damit, sie zu verarbeiten.
Der verschossene Kutzop-Elfmeter ist bei mir so ein Trauma gewesen, insbesondere mit der anschließenden Sportschau-Konferenz bzw. dem unfassbaren Verhalten meiner Mutter. Wenn man viel Glück hat, kann man dies irgendwann (zum Beispiel in einem Blogpost) verarbeiten.

Andere Dinge verarbeitet man nie, oder die Situation lässt sich auch gar nicht auflösen.
Stellt Euch vor, Ihr seid Fan des TSV 1860 München und Eure Abneigung gegenüber dem FC Bayern ist immens.
Was wäre ein realistisches Szenario, auf das Ihr in den nächsten 80 Jahren hoffen dürft? Das es mal so richtig furchtbar läuft für die Bayern, sie eine grottige Saison spielen, unfassbar viele Niederlagen kassieren, alles schief geht – und sie sich am Ende nur für die Europa League qualifizieren? Sehr unrealistisch, quasi Fiktion.

Ähnlich erschien es für mich in den letzten Jahren mit dem Nachbarn.
Wie mit obiger Kutzop-Geschichte schon verraten, war meine Kindheit Grün-Weiß.

Ich wuchs auf mit fußballerischer Fan-Sozialisation in den Jahren nach Adrian Maleika. Einem Bremer Fußballfan, der bei einem Auswärtsspiel beim hsv von einem Stein am Kopf getroffen wurde, anschließend wurde er am Boden liegend weiterhin mit Tritten am Kopf traktiert und verstarb schließlich am Folgetag.
Der hsv war mir also schon in meiner Kindheit nicht egal, es war nicht einfach nur ein sportlicher Rivale.

Auch eins meiner ersten Auswärtsspiele ging Jahre später dann in den Volkspark, zusammen mit meiner Mutter. Auf dem Weg zum Stadion versuchte man mir den Schal zu klauen, was bei mir zu zwei Dingen führte:

  • leichte Würgemale am Hals, da der Schal eben locker um diesen herumgelegt war
  • deutlich gestiegener Respekt gegenüber meiner Mutter, die dem Übeltäter kräftig eine schallerte, woraufhin er Reißaus nahm

Ich wiederhole mich: Der hsv war mir also schon in meiner Kindheit nicht egal, es war nicht einfach nur ein sportlicher Rivale.

Als ich dann (erneut Jahre später) Mitte der Neunziger zum FC St.Pauli konvertierte, konnte dies selbstredend diese „Grundskepsis“ gegenüber diesem Verein nicht lindern, im Gegenteil.
Und spätestens mit dem Umzug nach Hamburg im Jahr 2001 brach dann auch die letzte eventuell noch vorhandene Neutralität gegenüber dem hsv in sich zusammen.
Wer als Nicht-hsv-Fan in Hamburg wohnt, kommt trotzdem nicht am hsv vorbei.
Damit meine ich gar nicht so sehr die Menschen, denn im Hamburger Stadtgebiet sieht man deutlich mehr Personen mit St.Pauli-Utensilien als Dino-Accessoires (im Umland ist dies umgekehrt), aber die gesamte mediale Betrachtung gilt in erster Linie dem hsv.
Dies ist auch gar nicht verwunderlich und natürlich sportlich auch völlig in Ordnung, schließlich spielte dieser Verein (und später die AG) seit Vereinsgründung immer Erstklassig, gewann diverse nationale Titel, dazu zwei Europapokale, hatte Uwe Seeler, Horst Hrubesch und Kevin Keegan unter Vertrag.
Und der FC St.Pauli? Naja, beim Hallenturnier haben wir ab und an mal gewonnen, später dank unserer Drittklassigkeit auch noch den Oddset-Pokal.

Was aber tatsächlich nervte, war (und ist) die zur Schau gestellte Selbstherrlichkeit, die sich von eben jener medialen Aufmerksamkeit auf (viele) Fans übertrug, gepaart mit einem völligen Unverständnis darüber, dass eine Identifikation im Fußball sich nicht ausschließlich über sportlichen Erfolg definieren muss.
Man ist der große hsv, man hat das größere Stadion, es gehen mehr Leute hin.
Ja… und? Ist doch schön, freut Euch drüber!

Hin zu kamen diverse unangenehme Vorfälle im Stadtteil, Überfälle, etc.
Auch bei uns sind sicher nicht nur Engel unterwegs, keine Frage, aber erneut:
Warum arbeitet man sich in schöner Regelmäßigkeit am Stadtteilverein ab, statt ihn zu ignorieren?
Jede Marketing- oder Merchandise-Aktion wird verteufelt und belächelt, in Zeiten als es tatsächlich mal kurz nach dem Aus für uns aussah wird ein „Bettler“-Shirt als Replik auf die „Retter“-Kampagne kreiert.

Man belächelt unser „Weltpokalsieger“-Gedöns, feiert aber selbst ein 4:4-Unentschieden noch Jahre später?
Kann man alles machen, klar – aber mal ehrlich: Ihr seid der große hsv!
Was stört es Euch als Eiche, wenn sich der kleine Stadtteilverein an Euch schubbert? Und noch mehr, wo ist die Notwendigkeit als Goliath, auch noch auf den am Boden liegenden David einzutreten?

Karma is a bitch – und doch sah es lange nicht danach aus, als würde es je auf den Dino zurückfallen.
Diese unsägliche Uhr, der Dino, das Alleinstellungsmerkmal.
Es schien für alle Zeit fest verankert zu sein.

Und dann? Eine Chronologie der Fassungslosigkeit.

Die Saison 2013/2014
Fünf Niederlagen an den letzten fünf Spieltagen, 27 Punkte – und die Unfähigkeit der Clubs aus Nürnberg und Braunschweig daran noch vorbeizuziehen.
Eine Relegation gegen Fürth, in der man zwei Unentschieden holt (1:1 und 0:0) und dank der Auswärtstorregel drin bleibt.

Noch heute schüttele ich den Kopf, wenn ich nur dran denke. Bis vor kurzem war das Bild vom Fürther Stürmer Azemi, der frei vor dem Tor stehend den Ball nicht trifft, noch sehr präsent bei mir.

Mai 2014: hsv Plus
Alles wird jetzt besser, endlich kommen Fachleute ans Werk.
Wer ein bisschen was auf sich hält verlässt hingegen die AG und wendet sich vom Fußball ab oder geht zum HFC Falke.
Vereinzelte Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Saison 2014/2015
Ein Heimsieg gegen den Europapokalteilnehmer Schalke 04 (no comment) am letzten Spieltag lässt den hsv erneut in die Relegation einziehen, ein „diskutabler“ Freistoß im Badener Abendhimmel zu Karlsruhe sorgt für Tränen bei Junior und Fassungslosigkeit bei mir.
Das Vieh ist nicht tot zu kriegen.
Bruno Labbadia wird Hamburger des Jahres.

Die Saison 2015/2016 verläuft eher unspektakulär, auch wenn es am 30.Spieltag mal wieder nur drei Punkte Vorsprung nach unten sind.

Die Saison 2016/2017
Wie schon zwei Jahre zuvor übertrumpfen sich die sozialen Netzwerke schon Wochen vor Saisonende mit mehr oder auch eher weniger lustigen Dingen zum bevorstehenden Tod des Dinos.
Ein Punktgewinn auf Schalke (no comment) am 33.Spieltag und ein Tor vom in der 86.Minute eingewechselten Luca Waldschmidt in der 88.Minute gegen den VfL Wolfsburg sichern dann aber souverän den Klassenerhalt.
Die Uhr tickt weiter.

Die Saison 2017/2018 – oder auch: Happy End, finally
Die sozialen Netzwerke haben gelernt. Weniger Witze, weniger „Abstiegsfeier“- oder „Uhr abbauen“-Einladungen auf Facebook.
Vereinzelt machen es sich Personen sogar zur Aufgabe, jeden dann doch mal in diese Richtung gehenden Kommentar mit einem ironiefreien „Die steigen nicht ab…“ zu beantworten.
Leute gibt’s…

Aber: Es hilft.
Zwar bäumt sich der Dino unter Heilsbringer Titz nochmal auf, Holtbyinho zaubert wie ein junger Gott – aber es kommt alles zu spät.
Die bis heute nicht nachvollziehbare Entscheidung, für eine Mannschaft mit fehlender Durchschlagskraft den Defensivexperten und Ex-St.Paulianer Bernd Hollerbach zu verpflichten ist der Sargnagel in die Erstligazugehörigkeit.
Danke, Bernd, für immer einer von uns. Jetzt wieder.

Die hsv-Fans hatten sich größtenteils schon mit dem Abstieg abgefunden als Titz kam – und man muss es schon so sagen: Die Fallhöhe wurde in den letzten Wochen dann eben doch wieder deutlich erhöht. Statt einem emotionslosen Abstieg am 32.Spieltag in Wolfsburg (Einschub: Das würde man wirklich niemandem gönnen – schlimmer wäre nur noch, durch ein 6:2 in Kiel abzusteigen) war die Hoffnung zurück im Volkspark.
Okay, man musste sich ausgerechnet auf den effzeh verlassen – aber die erneute Rettung schien möglich!

Fantastisch, besser hätte es kaum laufen können – es sei denn, man hätte es doch noch in die Relegation geschafft und wäre dann an Kiel gescheitert, aber ich will hier das Glück auch wirklich nicht strapazieren.

Das Ende

Ich gebe es gerne zu: Der Abstieg des hsv bereitet mir eine immense Freude.
Warum? Siehe oben, unter anderem.

Ich habe nie verstanden, wenn St.Pauli-Fans das Abschneiden des hsv als „Egal“ bezeichnet haben. Dafür (siehe oben) war seine Präsenz zu mächtig, die vor sich her getragene Arroganz seiner Fans zu präsent. Das beharren auf Tradition und gleichzeitig abschätzige Belächeln von Vereinen wie RaBa Leipzig, während man selbst mit hsv Plus auf die Fresse gefallen ist und am Tropf von Kühne hängt.
Die Uhr, der Dino. Mehr Glück als Verstand, immer wieder.
Verbrennen von Geld, Inkompetenz ohne Ende.

All dies schrie danach, sie endlich ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
Und jetzt ist sie endlich da.

Nie mehr Deutscher Meister.
Nie mehr Pokalsieger.
Endlich zweite Liga – hsv!

Und doch ist damit (endlich!) für mich auch die Geschichte beendet.
Jetzt endlich ist mir der hsv egal. Mit dem Abpfiff am Samstag um 17.35h (den ich übrigens auf der Autobahn in der NDR2-Konferenz erlebte, auf der Rückfahrt meiner Schiedsrichter-Tätigkeit) ist das vorletzte Kapitel geschrieben worden, dieser Blog-Artikel ist das letzte Kapitel.
Ähnlich, wie es damals die Verarbeitung des Kutzop-Elfmeters hier im Blog war. Ich rede ja inzwischen wieder mit meiner Mama.
Der hsv ist mir endlich egal.
Vielleicht muss ich mir das aktuell noch ein bisschen einreden, aber spätestens wenn dann der Zweitliga-Spielplan rauskommt und dieser Artikel dann ja auch schon ein paar Wochen alt ist, werde ich es verinnerlicht haben.

Nicht falsch verstehen: Ich werde mich weiterhin an seinen Niederlagen erfreuen. Ich will nächste Saison in den beiden Derbys mindestens vier Punkte holen und in der Tabelle am Ende vor ihnen stehen (und gleichzeitig besser als Platz 16, bevor der Fußballgott da eine Formulierungslücke sucht).
Aber: Das Abschneiden des hsv beeinträchtigt meine Stimmungslage jetzt auch nicht mehr oder weniger als die Ergebnisse von Braunschweig, Kaiserslautern oder Hansa Rostock.
Die finde ich alle doof, den hsv auch, passt schon.
Wenn „die“ nächste Saison tatsächlich wieder aufsteigen sollten (wie es die Facebook-Aufstiegsfeier Termine ja erwarten lassen) – dann ist das so.
Wenn die dann im Verlauf der Jahre in den Europapokal einziehen, die Liga dominieren und die Champions League holen – sollen sie. Vielleicht erfreut sich der ein oder andere 1860-Fan dann daran.

Wer weiß, vielleicht schreibe ich ab nächster Saison dann die Buchstaben sogar mal groß – aber ich will nichts versprechen, was ich dann vielleicht doch nicht halten kann.

Endlich zweite Liga, endlich egal.

Liebe Grüße an Mama, ich weiß wie sehr es auch Dich gefreut hat. // Frodo

P.S. Liebe hsv-Fans, wir wissen alle, dass Ihr ganz tolle Leute seid und Euer Verein der Beste ist und dies alles nur ein großes Missverständnis, verschuldet von allen Anderen. Passt schon, ist okay, ich will Euch gar nicht vom Gegenteil überzeugen.
Beleidigungen in den Kommentaren werden trotzdem auch weiterhin nicht freigeschaltet.
P.P.S. In der Vergangenheit gab es einen eigentlich unverzeihlichen Vorfall mit einer Ticketbestellung eines effzeh-fans, die zu einem Sieg des hsv führte, der nie hätte passieren dürfen. Ich habe diesem effzeh-Fan diesen Faux-Pas lange vorgehalten – und möchte auch diese Geschichte hiermit feierlich und für alle Zeit beerdigen.
Alles wird gut, Axel!

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Weltverbessern rockt! (Gewinne, Gewinne, Gewinne…)

Man kann von Sponsoring im Profifußball genervt sein, es als notwendiges Übel akzeptieren und/oder es natürlich nach Möglichkeit großflächig ignorieren.
Ab und an aber gibt es Aktionen, die das wirtschaftlich Notwendige mit dem angenehm Nützlichen verbinden, so zum Beispiel beim letzten Heimspiel, als es für jeden gespendeten Pfandbecher an Viva con Agua für den Spender ein Ben & Jerry’s-Eis gab.

Einen ähnlichen Weg geht auch die TK mit dem Weltverbesserer-Projekt, in Zusammenarbeit mit Kiezhelden.
Kiezhelden ist (neben vielen kleineren Projekten von Fanszene und Verein) beim FC St.Pauli wohl am ehesten das, was man in der freien Wirtschaft neudeutsch als „CSR“ bezeichnen würde. Wir sprachen auch bei einer der ersten MillernTon-Folgen schon mal ausführlicher darüber.

Und einer der „Ermöglicher“ von Kiezhelden ist eben die Techniker Krankenkasse (TK), die jetzt mit den Weltverbesserern „die Welt jeden Tag ein kleines bisschen besser machen“ will.
Nicht mit dem einen großen Knall, sondern im Kleinen, bei (im Idealfall) jedem Einzelnen.

Über diese Seite kann man aktuell noch Vorschläge einreichen, wer denn nun ein Weltverbesserer ist, und damit diesen Menschen mit zwei Karten für ein exklusives Konzert der Kaiser Chiefs am 29.Mai in der Großen Freiheit belohnen. Allerdings läuft die Nominierungsfrist bald ab.

(c) Kaiser Chiefs

Warum schreibe ich das alles? Weil Ihr jetzt im Kleinen dank der Weltverbesserer-Seite auch hier noch jemanden für diese Karten nominieren könnt.
Karten für das Konzert gibt es nicht zu kaufen, sondern eben nur zu gewinnen.

Die Regeln hier sind die Gleichen wie dort:
Nominiert hier in den Kommentaren denjenigen, der die Welt ab und an ein bisschen besser macht, mit kurzer Schilderung warum und/oder wie er dies konkret tut.
Eine kompetente Jury der ÜS-Redaktion wird die Vorschläge sichten und die Gewinner küren, wir haben 5×2 Karten zur Verfügung gestellt bekommen.
Ob das jetzt die kleine gute Tat in der Nachbarschaft ist, das Ehrenamt im Verein, die Hilfe bei Freunden und Bekannten – Eure Entscheidung.
Es gelten auch hier die dortigen Teilnahmebedingungen, wir haben lediglich einen etwas späteren Teilnahmeschluss: Sonntag, 27.Mai 2018, 19.10h

Die Gewinner werden am Montag, den 28.Mai 2018 darüber informiert, die Tickets kommen dann per e-Ticket zu Euch, gebt also bitte unbedingt eine korrekte e-mail Adresse an.

Viel Erfolg, Welt verbessern. // Frodo

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34.Spieltag (A) – MSV Duisburg

MSV Duisburg – FC St.Pauli 2:0 (1:0)
Tore: 1:0 Moritz Stoppelkamp (45+2), 2:0 Christian Gartner (90+5)
Zuschauer: 25.324 (ca. 4.000 St.Paulianer)

Fertig. Die ganze Kacksaison endlich vorbei.
Ich hatte mir schon sehr früh vorgenommen, dass ein Klassenerhalt diese Saison kein Grund zum Feiern sei und ich daher auch keinerlei Lust verspürte nach Duisburg zu fahren.
Es sollte dann anders kommen, weil: Wettschulden sind Ehrenschulden.

Ein Klassiker aus dem „Ich und meine große Fresse“-Lehrbuch, welcher bekanntlich mit der Einleitung zum Regensburg-Bericht seinen Anfang nahm, falls noch jemand den Bezug zu Katzen sucht.
Andererseits: win/win, denn nach dem Spiel in Regensburg war mir eine rechnerische Rettung vor dem 34.Spieltag diesen Einsatz schon wert.

Um es auch klar zu sagen: Um nichts in der Welt hätte ich ähnliches als Wetteinsatz angeboten, wenn es noch um was gegangen wäre oder wir evtl. sogar schon rechnerisch abgestiegen wären.
Diese ganzen Junggesellen-Abschieds-Schabernack Geschichten gehen allen völlig zurecht auf die Nerven und wenn so ein Dödel mit so einem Kostüm in sportlicher kritischerer Situation durch den Sonderzug gewackelt wäre, dann… ich führe das hier nicht weiter aus.
Daher auch die klare Absprache, dass ich das Kostüm nur hinterm Tresen und nur auf der Hinfahrt tragen muss, da konnte ich dann auch jedem auf Nachfrage die Hintergründe erläutern, bevor es auf’s Maul geben konnte.

Und wenn die Fanszene des FC St.Pauli eins ist, dann geschäftstüchtig sobald es um den guten Zweck geht. Die Aufsichtsratsvorsitzende organisierte wie immer die beiden Partywagen mit und als es sich abzeichnete, dass der ein oder andere gerne ein Foto von oder gar mit mir machen wollen würde, wurde dies gleich in ein Spendenmodell für die Baui am Brunnenhof sowie die Gedenkstättenfahrt des Fanladen umgewandelt.
Danke, Sandra <3

Ansonsten eine Auswärtsfahrt wie so viele:
Hinfahrt super, Organisation von Polizei und gastgebendem Verein ne glatte Sechs, Fußball furchtbar, Rückfahrt super.

Die beiden Partywagen des Sonderzugs boten beste Stimmung, der ein oder andere Song der sich mit einem anderen Hamburger Zweitligisten beschäftigte soll auch gespielt worden sein und angeblich wurde teilweise leise mitgesummt.

Vor Ort dann ein Einsatzkonzept der Extraklasse… wobei, ich muss etwas ausholen.
Die Stadt Duisburg ist durch das Unglück der Love-Parade immer noch sehr ängstlich, was Großveranstaltungen angeht.
So hat auch der MSV lange Zeit keine zusätzlichen Tickets für den FCSP zur Verfügung gestellt, obwohl die Kurve groß genug ist und absehbar war, dass das Stadion nicht ausverkauft sein würde.
Erst, als der Duisburger Klassenerhalt fix war, gab es ein paar Tickets zusätzlich, die dann aber auch nicht mehr an der Tageskasse verkauft werden durften – was umgekehrt natürlich dazu führt, dass sich dann Gästefans vor Ort an der Tageskasse für den Heimbereich eindecken. Kein Kommentar.

Die Polizei hatte den Sonderzug zum Halt in Duisburg-Schlenk verdonnert, was der fußläufig erreichbare Bahnhof ist. Kann man grundsätzlich erst mal verstehen – bis man feststellt, dass dort null Infrastruktur vorhanden ist, keine Klos, keine Getränke- oder Essensversorgung.
Für 900 Leute die seit 08.00h unterwegs sind und erst gegen 19.30h wieder abfahren.
Nebenbei ist das Gleis so kurz, dass nur der halbe Zug dort am Gleis halten kann, aber dies nur als Randnotiz.
Und damit bei diesem Spiel auch absolut nichts passieren kann, fliegt dann schon lange vor Duisburger Stadtgebiet ein Polizeihubschrauber neben dem Sonderzug her. Man möge sich dies auf Wiedervorlage legen, wenn denn das nächste Mal über so viele Einsatzstunden gejammert wird oder die Frage der Finanzierung von Polizeieinsätzen bei Fußballspielen aufkommt.
Gut, für das Wetter kann dann die Polizei nichts, aber komplett durchnässt am Stadion anzukommen ist halt auch nur so halbgeil.

Was für Lappen dann in der Duisburger Kurve standen und hingen, spricht hingegen für sich.

Dahinter tänzelten dann zwei-drei Personen freudig erregt auf und ab, womit das Banner sicher nicht für die gesamte Kurve spricht, welche in der Mehrheit wohl nicht mal was davon mitbekommen haben wird.
Grüße an die Zebras gegen Rechts.
Wenn das Banner dann aber doch für eine längere Zeit hängen bleiben kann, ist oben erwähnte Polizeitaktik natürlich umso lächerlicher, auch vom Ordnungsdienst war offenbar kein Einschreiten als notwendig erachtet worden. Passt schon.

Da der Sonderzug erst zwei Stunden nach Spielende abfahren würde, wurde vielfach auf das Catering in der Arena hingewiesen… dieses war im Sitzplatzbereich zwar einigermaßen zugänglich und zumindest kurz nach Abpfiff auch noch verfügbar, im Stehplatzbereich hingegen war es mit ewigen Wartezeiten verbunden.
In Kombination mit dem Verbot der Polizei, nach dem Spiel den Weg zum Zug frei zu wählen, um evtl. noch andere Lokalitäten aufzusuchen, war das schon „bemerkenswert“.
Immerhin wurde die Polizeikette am Bahnhof dann nach ewigen Diskussionen irgendwann doch noch aufgelöst und die örtliche Pizzeria freute sich über Rekordeinnahmen.

Was außerdem noch auffiel:
Wie gut unser Verein in den letzten Jahren die Verabschiedungen der Spieler hinbekommt. Ich habe selten so eine  lust- und emotionslose Verabschiedung gesehen wie gestern beim MSV.
Wenn Kingsley Onuegbu nicht selbst noch für eine Show gesorgt hätte, wäre das Fremdscham pur gewesen.
Wir wollen hier niemanden hervorheben, deswegen sagen wir zu niemandem was und rufen nur den Namen auf.“ (Sinngemäß)
Na, dann kann man es zukünftig vielleicht besser gleich ganz lassen.

In der Nachspielzeit gab es dann wohl noch einen versuchten Bannerklau, der aber jämmerlich scheiterte.

Die Rückfahrt verlief dann ähnlich entspannt wie die Hinfahrt, zumindest habe ich nichts gegenteiliges mitbekommen. Und wenn man dann fast eine Stunde früher als geplant wieder in Hamburg ist, ist dies natürlich auch eine schöne Sache.
Schön auch, dass ein paar Spieler mit zurückgefahren sind. Da es nicht alle waren, gehe ich davon aus, dass diejenigen dies es taten, dies auf eigenen Wunsch machten. Schön, so soll es sein.
Danke an den Fanladen für die Orga des Sonderzugs und an alle Beteiligten für die Orga der Partywagen. Tresen, Musik, Kisten schleppen – vielen Dank!

Sommerpause.

Endlich.

Was ’ne Kacksaison.

Egal, nächste Saison geht es weiter, wir sehen uns spätestens Anfang August. // Frodo

P.S. Miau!

Links:
– Magischer FC: „Katzen sind besser als Zebras
– halblinksgegengerade: „Ich hätte da mal ne Frage…
– FCSP Athens South End Scum „Matchday 34“ (English)

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33.Spieltag (H) – Arminia Bielefeld

FC St.Pauli – Arminia Bielefeld 1:0 (1:0)
Tor: 1:0 Yiyoung Park (39.)
Zuschauer: 29.546 (ausverkauft, ca. 2.900 Bielefelder)

„Einstellung schlägt Aufstellung.“
Sagten auch: Der MillernTon (in persona Sven, Fanladen) und Markus Kauczinski.

Damit ist eigentlich alles gesagt, was man über die beiden Heimspiele am 32. & 33.Spieltag wissen muss.
Eine Saison, die nun wirklich immer wieder mit Verletzungsproblemen aufwartete, nahm doch noch ein gutes Ende. Auch (und vielleicht sogar weil?) es dann eben auf diesem Niveau doch fußballerisch so ausgeglichen ist, dass die Qualität sicher wichtig ist, die emotionale Bereitschaft sich zu zerreißen aber eben doch die entscheidenden Prozentpunkte liefert.
Völlig unabhängig davon, wie die Aufstellung am Ende aussieht.

Choreo auf der Haupt, von Edelfan Nico

Das Stadion war (wie schon letzte Woche) früh gut gefüllt, um 14.45h fand bereits die Verabschiedung von Lasse Sobiech, Mats Møller Dæhli, Joel Keller und Thibaud Verlinden statt.
Bei Lasse bleibt einem nur, ihm alles erdenklich Gute zu wünschen. Danke für Deine Jahre hier, schade das wir es nicht geschafft haben Dir die nächsten Schritte der Karriere zu ermöglichen.
Bei Mats ist es eine ähnliche Situation wie letztes Jahr, als die „Hierbleiben!“-Rufe schlußendlich erhöhrt und die Ausleihe verlängert wurde. Dieses Mal könnte es ähnlich ausgehen, wobei dies sicher auch noch von der nicht ganz feststehenden Ligazugehörigkeit des SC Freiburg abhängt. Eine feste Verpflichtung wäre dann wohl dieses Mal das Mittel der Wahl und aus meiner Sicht ein absolut wichtiges Zeichen für die Ausrichtung der nächsten Saison. Dagegen kann man die Verletzungsanfälligkeit anführen – zum Glück muss ich derartige Entscheidungen nicht treffen und kann ganz emotional beim „Hierbleiben!“ laut mitschreien.

Anschließend gab der Gästeblock mit „Scheiß St.Pauli„-Rufen die Stoßrichtung für deren Support am heutigen Tag vor, zumindest bei mir kam sonst nicht viel an.

Auf der Haupttribüne kamen dann eine Blockfahne und selbstgebastelte Schiffchen zum Einsatz, organisiert wurde dies von Edelfan Nico, unterstützt vom Support-Block. Großen Respekt für diesen Einsatz.

By the way: 15.30h!
Geile Anstoßzeit, liebe DFL.
Könnte man ja mal öfter machen…

Das Spiel.
Eine Mannschaftsaufstellung, wie es sie wohl vorher noch nie gab und nun auch kaum ein zweites Mal geben wird, durch den kurzfristigen Ausfall von Ziereis und Nehrig nochmals zugespitzter als ohnehin schon.
Aber, siehe oben: Einstellung schlägt Aufstellung.

Jan-Philipp Kalla-Fußballgott mit dem gewohnten Mentalitätsboost, dem es dann auch entgegen kommt, wenn ausgerechnet sein Gegenspieler von der Gegengeraden als Bad Boy des Spiels ausgemacht wird.
Yiyoung Park auf der Sechs, eine Rolle die er auch bei der U23 schon oft sehr gut ausgefüllt hat.
Und Brian Koglin außen in der Viererkette ebenfalls mit einem sehr souveränen Auftritt.

Als kongeniales Dribbel-Wusel-Duo: Neudecker und Møller Dæhli.
Ein Traum, wenn die beiden doch nur mal konstant fit gewesen wären.

Insgesamt ließ sich auf dem Rasen früh feststellen, dass Bielefeld zurecht einige Plätze höher in der Tabelle angesiedelt ist als Fürth. Da war schon deutlich mehr Gegenwehr als letzte Woche.
Und die theoretische Resthoffnung der Arminen auf Platz 3 ließ auch zu keinem Zeitpunkt den Verdacht aufkommen, dass die hier abschenken würden.
Was aber erneut klar wurde: Wenn es drauf ankommt, können wir uns auf die Defensive verlassen. Während es auf der Alm noch fünf Stück gab, kam die Arminia gestern eigentlich nur zu einem gefährlichen Schuss, den Robin Himmelmann mit dem Fuß entschärfen konnte.
Hier gilt es dann zur neuen Saison Lasse Sobiech zu ersetzen. Die Hoffnung, dass Philipp Ziereis dies kann, ist absolut gegeben. Auch hier wäre aber natürlich wichtig, dass er konstant gesund bleibt.

Vorne arbeitete sich Dimitrios Diamantakos wund, ohne wirklich zu vielen Abschlüssen zu kommen. Der Unterschied in der Einstellung zum später eingewechselten Aziz Bouhaddouz, der nach Ballverlust im Strafraum dann einfach stehen blieb, war trotzdem deutlich erkennbar.
Ich wünsche Aziz eine sehr erfolgreiche WM, dann schauen wir mal wie es kommende Saison weitergeht.

 

Und jetzt? Paadie? Klassenerhalt feiern?
Klar, man kann dann für den Moment mal glücklich sein und die Ehrenrunde des Teams war sicherlich für alle Anwesenden sehr befreiend.
Welcher Druck von jedem Einzelnen abfiel, wurde vielleicht mit dem aufs Feld stürmenden Uwe Stöver am eindrücklichsten deutlich. Auf der einen Seite leicht befremdlich, wie sehr er da eskalierte, auf der anderen Seite eben auch das Zeichen, was sich da alles aufgestaut hatte. Und lieber so, als wenn das dann jemand in der Rolle nur achselzuckend zur Kenntnis nimmt.

Jetzt gilt es die angekündigte kritische Bilanz zu ziehen.
Nach dieser Saison belegen also Nürnberg, Düsseldorf und Kiel die ersten drei Plätze – welche Chance wir als Verein da verpasst haben, wird uns wohl erst deutlich, wenn mit Köln und Wolfsburg nächste Saison zwei Schwergewichte runterkommen, die den Wiederaufstieg quasi bei Saisonbeginn schon gebucht haben dürften.
Wir haben aktuell bereits etwa 30 Spieler für die neue Saison unter Vertrag, aus der Startelf werden (Stand jetzt, Grüße nach Frankfurt) Lasse und Mats fehlen.
Marvin Ducksch‘ Transfer sollte einen weitere Kaderplatz freimachen, weitere Abgänge wird es sicherlich geben, vielleicht (Litka, Choi, Koglin?) auch die ein oder andere Ausleihe.
Christopher Buchtmann wird hoffentlich bleiben (tut er!), dann braucht es noch mindestens einen Stürmer – und den natürlich mit eingebauter Torgarantie, die man sich ursprünglich von Sami Allagui erhofft hatte.

Nun denn, auch diese Entscheidungen muss zum Glück nicht ich treffen. Eine kritische Aufarbeitung der Saison wurde aber ja bereits angekündigt, diese ist sicher auch zwingend notwendig und auf die daraus resultierenden Ergebnisse darf man sicher gespannt sein.

Es geht nun nächsten Sonntag zum Glück recht entspannt mit dem Sonderzug nach Duisburg.
Wenn Ihr jemanden im Partywagen hinterm Tresen im Katzenkostüm seht, haut ihm bitte nicht gleich ansatzlos eine rein sondern lasst ihn erst erklären, warum er so bescheuert aussieht. Es ist kein Junggesellenabschied… // Frodo

Links:
– Bilder: Stefan Groenveld, „In die zweite Liga eingeparkt
– Magischer FC Blog: „Jubel, Trubel und anstehende Arbeit
– KleinerTod: „Klassenerhaltsparty…

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Torheit

Gastartikel von Georg E. Moeller

Was haben wir damals gelernt, als wir 1:8 gegen die 8b verloren haben? Zwei Dinge erinnere ich:

Erstens ist immer irgendwer schuld an irgendwas und zweitens, spiele „niemals“ und mit „niemals“ ist „niemals“ gemeint, näher als 25 Meter vor dem eigenen Tor einen Ball diagonal rückwärts Richtung eigenem Keeper. Immer wegkloppen, aufessen, in die Hand nehmen oder vor allem wegkloppen. Niemals Richtung Keeper. Unser Sportlehrer, der ein angefressener Ehrgeizling war, mit einer Halsschlagader, hinter der man sich schon im Ruhezustand verstecken konnte, hatte es uns vor dem Spiel gesagt und während des Spiels geschrien und nach dem Spiel ohne Stimme immer auf mich gezeigt, mit einem wütend zitternden Finger: „Was habe ich Euch gesagt, wahaaas habe ich Euuuuch gesaaaagt…???

Nur, weil ich diese beiden Male, anderthalb Kopf kleiner als die Jungs, die mich mit gebleckten Zähnen über den Haufen zu laufen drohten, den Ball, hinter dem sie her waren, in Richtung Eckehard gespielt habe. Damals gab es noch keinen unerlaubten Rückpass, aber es gab dicke Torhüter, die deshalb im Tor standen, weil keiner sie draußen mitspielen lassen wollte und es gab wieselflinke kleine Arschlöcher, die das ganze Spiel auf Idioten wie mich warteten und die Rückpässe auf den dicken Torwart als Chance zum 3:1 und 6:1 nutzten. Wir hätten auch so verloren, weil wir eine Mannschaft und kein Team waren, weil wir vier selbsternannte „Gute“ hatten und der Rest scheiße war, weil unser Trainer unsere kleinen ramponierten Seelen für seine große ramponierte Seele brauchte und weil die 8b einfach besser war.
So im Verhältnis 8:1.

Egal, es ging damals darum einen Schuldigen zu finden, für was auch immer. Und es gab Auswahl, denn es boten sich gleich zwei an, der unglaublich doofe Georg und der unglaublich bewegungsretardierte Eckehard. Seit dieser Zeit beschäftigt mich das Schuldprinzip. Erst aus eigenem Erleiden und zunehmend auch als gesellschaftliches Bewegungsprinzip. Immer wurde und wird zuerst gefragt wer Schuld hat, obwohl selbst das sichere Wissen darum nichts, aber auch gar nichts an der Krise ändert, nicht den mikrobengroßen Teil einer Lösung birgt, wird daran festgehalten.

Konsequenz: alle suchen, keiner findet. Banales Beispiel?
Gerne: Fragte ich irgendwann mal in den offenen Büroraum „Wo ist denn der verfickte Locher?“, hörte ich dreimal „Hab ich nicht.“ Keinmal „Warte, ich helfe Dir suchen.“

Seitdem interessiert mich Schuld nicht mehr die Bohne, sondern ich kümmere mich im Privaten, wie im öffentlichen Raum, um Lösungen und mache mich über Schuldsucher lustig oder pampe sie an.

So wie den unsäglichen Kommentator eines überregionalen Schuldsucherblattes, jenen Franz Josef Wagner, der sich F.J. Wagner nennen lässt, mit seinem angeblichen Trostbrief an den Torwart einer Mannschaft, die gerade aus dem Großverdienerwettbewerb ausgeschieden war, weil es noch größere Großverdienervereine gab und gibt und die am Ende summarisch gewonnen hatten. Er tröstet in seiner perfiden Technik der Schuldzuschreibung die nur vorgibt Trost zu spenden, in dem er solche Sätze schreibt wie „Sie hatten eine nachtschwarze Sekunde. Jeder Mensch hat nachtschwarze Sekunden.“ Und damit mal eben genau jene Schuld, von der das Sch***blatt lebt, in diesem Falle nicht bezweifelt oder minimiert, sondern „Rumms“ zementiert. Ein Arschlochtrick. Da ist kein Trost drinne und soll es auch gar nicht, das ist Häme.

Auch als er anschließend scheinbar schleimend fragt: „Tröste ich Sie in Ihrer Einsamkeit und Finsternis?
Geht das hämischer? Die Einsamkeit und Finsternis, so es sie denn gibt, die mit Schlagzeilen wie „Ulreich-Unfall – Hier platz der Triple-Traum“ oder „Ulreich-Patzer“ überhaupt erst erzeugt wurde, bereiten den Boden, auf dem menschenverachtende Sätze wie „Es gibt Sternstunden, in den Helden geboren werden. Und es gibt Menschen wie Sie.“ zu Schlachtzeilen werden und es auch sein wollen. Nicht weil F.J. Wagner Ahnung von Fußball hätte, oder von Menschlichkeit, sondern weil er sich verkauft hat und das Schuldsuchersyndrom, von dem sein Arbeitgeber lebt, lebendig halten soll. Sein Abschlußsatz „Sven Ulreich, Sie sind kein Held, aber ein Mensch. Das ist was Besseres.“ macht nach der Enthauptung keinen Sinn, aber schützt die hochgezogenen Schultern des Autoren vor möglichen Kopfschüttlern.

Was war geschehen? Die Mannschaft des Torhüters war in der eigenen Hälfte in das sogenannte hohe Pressing des Mitkonkurrenten geraten und hatte die alte Weisheit „Hinten drin und unter Drück? Klopp‘ ihn weg und nicht zurück.“ missachtet und damit den eigenen Torwart auf dem falschen Bein erwischt und ein gegnerischer sogenannter Stoßstürmer hat ihn mit Druck zu einer Pest- oder Choleraentscheidung gezwungen und das gemacht, wofür er da eingesetzt wurde. Mit Schuld hatte das bei Eckehard und bei dem Torwächter aus München nix zu tun. Das Spiel heißt Fußball und wird exakt deshalb gerne und leidenschaftlich gespielt und leidenschaftlich besprochen.

Leidenschaft beinhaltet auch den Stamm „Leiden“, ein Leiden, das man anderen bereitet und oder selbst erleiden muss. Beides wird nur dann zu einer lebensbejahenden Perspektive, wenn man (und gerne auch frau) sich danach in den Arm nehmen kann. Das eigene Team und auch das andere Team. Ohne Schaum. Dann und nur dann macht Fußball einen Sinn, für die kleinen Georgs, die kleinen Eckehard und all die anderen kleinen Arschlöcher, die keine großen werden wollen.

Wagner hatte vermutlich diese Chance nie. // Gastartikel von Georg E. Moeller

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Übersteiger #132 erscheint am Sonntag gegen Arminia Bielefeld

25 Jahre dagegen!

Cover Übersteiger #132

Seit mittlerweile 25 Jahren wettert euer liebstes Zeckenblatt gegen jegliche Form von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Faschismus und Homophobie. Insbesondere dem Thema Nazis und Fußball widmet sich die neue Ausgabe. Dazu haben wir Berichte aus Cottbus, Babelsberg und Appen.

Außerdem konnten wir trotz sportlich prekärer Lage ein Interview mit Uwe Stöver führen. Auch Andreas Rettig stand uns Rede und Antwort – wir befragten zu den Finanzen des Vereins.

Natürlich findet Ihr auch die bekannten Rubriken im Heft wieder und dazu noch ein besonderes Bonbon: Bei der WM-Umfrage des Übersteigers beweisen wir einmal mehr, wie egal vielen die Fußball-Farce in Russland ist.
Fuck your national identity!

„Moment mal! 25 Jahre?“
Ja genau, Du alte Knackwurst. Und genau das wollen wir mit euch feiern.
Der 1. September 2018 ist ab sofort in Euren Kalendern markiert für die Jubiläums-Sause im Knust. Wer nicht kommt, kriegt gescheuert!

Viel Spaß mit dem neuen Übersteiger! Wie immer für 1,60 € bei eurer/m Lieblingsverkäufer/in! Bis dahin gilt aber erstmal: Fick Dich 3. Liga!

Eure Übersteigers

Weitere Verkaufsstellen:

  • Fanladen
  • Jolly Roger
  • 1910-Museum
  • FCSP Fanshops (Heiligengeistfeld & Reeperbahn)
  • AFM-Büro & Fanräume-Container
  • Kiosk U-Bahn Feldstraße (U-Store)
  • Shebeen
  • Le Kaschemme
  • St.Pauli Office
  • bettertimes
  • Buchladen im Schanzenviertel
  • Café Knallhart
  • St.Pauli-Archiv
  • St.Pauli-Eck
  • Kandie-Shop
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30.Spieltag (A) – SSV Jahn Regensburg

SSV Jahn Regensburg – FC St.Pauli 3:1 (2:0)
Tore: 1:0 Marco Grüttner (10.), 2:0 Sargis Adamyan (21.), 3:0 Joshua Mees (48.), 3:1 Johannes Flum (53.)
Rote Karten: Sami Allgui (45. + 1), Cenk Sahin (75.)
Zuschauer: 15.224 (ausverkauft, ca. 2.000 St.Paulianer)

Aktuelle Gefühlslage:
Ich würde gerne Katzenbabys langsam ertränken, um sie anschließend zu essen. Danach kotzen und mit dem Erbrochenen Dinge an Hauswände malen.
Und ich konnte jetzt schon zwei Nächte drüber schlafen, seid bloß froh das ich diesen Bericht nicht schon am Samstag um 17.30h im ICE begonnen habe.

Ich hatte letzte Saison das Stadion in Aue „gesammelt“ und mir geschworen, nie wieder dorthin zu müssen. Nach dem saublöden Spiel gegen Sandhausen hab ich dann aus irgendeiner Dummheit heraus doch wieder die Fahrt im 9-Sitzer gebucht und… naja, Ergebnis ist bekannt.

Den um 3.30h klingelnden Wecker vom Samstag kann ich nicht einer Schnappslaune zuschreiben, es ging darum das letzte fehlende Stadion der 2.Liga einzusammeln, die Fahrt stand also nun wirklich quasi seit Saisonbeginn fest.
(Wir erinnern uns: Regensburg war durch diese sensationelle Relegation gegen 1860 in die Liga gekommen. Und spätestens hier zuckt es dann doch in mir. Ich habe echt überhaupt keinen Bock nächstes Jahr eventuell gegen die Blauen zu spielen.)

Und wie schon bei der Fahrt nach Aue, so lässt sich auch hier festhalten: Auswärtsfahrten sind einfach unfassbar toll. Man verbringt Zeit mit tollen Leuten, trifft vor Ort lieb gewonnene Bekannte und trifft auf Zugfahrten dann sogar noch andere Personen, die man schon länger aus diesem Internet kennt.
Es stört halt immer nur der Fußball.

Dies ist aber auch nichts Neues, die erste „Lass uns doch mal auswärts fahren, wenn gar kein Spiel ist!„-Idee dürfte in unserem Verein so um und bei 1911 erstmals geäußert worden sein. In meinem Fanclub kann ich mich an Touren zum BVB II erinnern, wo wir das schon ziemlich konkret so planten.

Nun also Regensburg.
Eine wirklich schöne Stadt, die mehr Zeit und Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte, aber nach einem kurzem Abstecher zum Dom ging es dann schnell zum Stadion. Und wenn Einen der Bus-Shuttle an diesem Stadion rauswirft, fehlen einem schon etwas die Worte. Sieht halt aus wie so’n roter Schuhkarton und steht mitten im Nirgendwo, eine Mischung der Dinger in Mainz und Ingolstadt.
Aber: Schöne Stadien schießen eben auch keine Tore, da muss man gar nicht die Nase rümpfen.

Zum Spiel kann ich hier wenig schreiben, die Sicht aus dem Gästeblock verhinderte eine messerscharfe Analyse und zum erneuten Anschauen fehlte mir bisher die mentale Stärke.

Lediglich die roten Karten hab ich mir bisher anschauen können:
Sami Allagui ging nach der Gelben Karte für Kalla, als der Schiedsrichter auf ihn deutete, schon in Richtung Kabine bevor Schiri Jöllenbeck die Rote Karte zückte. Da dürfte es also auch in Ermangelung von TV-Bildern wenig Zweifel an der Berechtigung geben. Und ganz ehrlich, ich habe Sami sowohl hier als auch im Podcast immer verteidigt, aber sowas darf ihm einfach nicht passieren.
Cenk Sahin hätte ich aus Stadionsicht noch verteidigt, da es eben zunächst ein Foul gegen ihn ist, welches Jöllenbeck auch pfeift – und er aus meiner Sicht dann eben dadurch ins Straucheln kommt und die Grätsche nicht richtig timen kann. Nach Ansicht der TV-Bilder muss ich aber hier zurückrudern, da kann man schon Rot zücken.
Insgesamt wäre Gelb hier wohl auch vertretbar gewesen, aber das passte dann auch zum Tag und zur generellen Linie des Schiedsrichters.

(Nachtrag: Zu den Diskussionen nach dem Spiel am Zaun lese man den MagischenFC Blog. Ich war ca. 30 Sekunden nach Abpfiff raus aus dem Block, auf der Suche nach Katzen…)

Und nun?
Wir liegen auf dem Relegationsplatz, haben noch zwei Heimspiele und wenn wir die gewinnen dürfte der Klassenerhalt fix sein.
Eine Ausgangsposition, wie sie sich beispielsweise der 1.FC Kaiserslautern wünschen würde.

Trotzdem ist die Gefühlslage… naja, siehe oben. Katzenbabys töten.

Mein grundsätzlicher Optimismus dürfte bekannt sein, meine innere Ablehnung von Trainerwechseln aller Art ebenfalls – trotzdem war ich tendenziell eher überrascht, als gestern Vormittag eben nicht der Wechsel zu Ewald Lienen kommuniziert wurde, sondern das Festhalten an Markus Kauczinski.
Wahrscheinlich könnte aktuell auch Pep Guardiola hier nichts bewirken, von daher wäre der Motivations-Move zu Ewald die naheliegendste Variante gewesen, um hier nochmal die letzte Verzweiflungs-Rakete zu starten.
Ewald mit seiner Runde vor dem Spiel am Samstag am Millerntor – das Stadion wäre wieder da gewesen.
Mal schauen, vielleicht macht er sie ja trotzdem, irgendeinen Zaubertrick müssen wir uns jetzt noch einfallen lassen.

Und am Ende ist es eh eine Sache, die jetzt im Kopf entschieden wird.

Bevor ich da jetzt irgendwelche Durchhalteparolen runtertippe, verlinke ich einfach den Beitrag von Marco, der es auf der Facebook-Seite des ÜS ähnlich zusammenfasst.
Samstag muss gewonnen werden, es ist nur eine Frage des Willens.

In diesem Sinne:
Samstag, 13.00h, Millerntor.
Fick Dich, 3.Liga.
Welcome to the hell of St.Pauli // Frodo

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Mäßiger Zweitligist trotzt Branchenprimus

Am Donnerstag machte eine Meldung die Runde, die in den meisten Medien mit dem Zusatz „Überraschung“ versehen wurde:
Die DFL-Mitgliederversammlung (= bestehend aus den Vereinen der 1. und 2.Liga) spricht sich für die Beibehaltung der „50+1-Regel“ aus.

Diese Meldung wurde (zurecht) in den sozialen Netzwerken gefeiert und darf ganz sicher als „Schritt in die richtige Richtung“ gesehen werden, wie es der Präsident des FC St.Pauli, Oke Göttlich, formuliert.
Leider ist es in der heutigen Zeit ja oft schwierig, mehr als nur die Überschrift zu vermitteln – und so ging dann oft unter, dass dies natürlich kein Sieg für die Ewigkeit ist, sondern nur der Beginn einer neuen, wohl aber zielgerichteten und hoffentlich konstruktiven Diskussion, wie „50+1“ für die Zukunft sinnvoll und Rechtssicher aufgestellt werden kann. Eine „Grundsatzdebatte“ soll folgen.

„Dennoch müssen wir uns natürlich Gedanken machen, wie wir zukünftig die Regel rechtssicherer machen. Auch dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen und die zukünftige Entwicklung nicht ignorieren.“
Andreas Rettig

Nun wurde diese Meldung eben oft verkürzt, es gab einige gute und auch weniger gute Kommentare dazu, aber eigentlich hätte man nun konstruktiv nach vorne blicken können.
Wäre da nicht… tja, der Branchenprimus aus München, der nun am allerwenigsten Sorgen um die eigene Wettbewerbsfähigkeit haben sollte.
Karl-Heinz Rummenigge gab dem Kicker ein Interview, welches für das erwartbare Echo sorgte:

„Es befremdet mich, dass ein Zweitligist, der nach meinem Kenntnisstand noch nie in einem europäischen Wettbewerb mitgespielt hat (der FC St. Pauli, d. Red.), auf einmal nicht nur eine so prominente, sondern auch dominierende Rolle einnimmt.“
Kicker

Vorab: Auch nach unserem Kenntnisstand spielte der FC St.Pauli noch nie in einem europäischen Wettbewerb. Und wir bedauern dies sehr.

Ansonsten zeigt dieses Zitat ein sehr eigenes Demokratieverständnis, kennt man sonst so fast nur von Horst Seehofer & Co.
Ein Antrag auf einer Mitgliederversammlung, eingebracht von einem Mitglied, angenommen von 18 der 34 Anwesenden, bei nur vier Gegenstimmen.

„Ich habe grundsätzlich kein Problem mit der 2. Liga. Sie ist Bestandteil der DFL. Die Zweitligisten müssen sich nur etwas realistischer einschätzen.“
Süddeutsche Zeitung, 1.Dezember 2015

Wer hat’s gesagt? Der Kalle, natürlich. 2015 schon, seitdem gärt es wohl in ihm.

Warum genau aber ist denn der FC Bayern so hinterher, eine Änderung der bestehenden Regel herbeizuführen? Die nationalen Meisterschaften gibt es im Abo jetzt meist schon im März oder April, in der Champions League läuft es auch (den Titel dort kann man eh nie garantieren) und auch das Verkaufen von Anteilen an Audi, Adidas und die Allianz stellte ja bisher kein großes Problem dar.
Okay, die internationale Wettbewerbsfähigkeit, mal wieder.

Wenn dieses doofe 50+1 endlich weg ist, werden der BVB, Schalke, RaBa und viele andere endlich zu voller Größe aufgehen und sich nicht mehr von Teams aus weniger einflussreichen Ländern aus der Champions League schmeißen lassen?
Und im ausführlicheren Interview im Print-Kicker äußert Rummenigge dann auch noch die Hoffnung, dass es dann auch national endlich wieder spannender werden würde, auch er wünsche sich wieder packende Duelle um die Meisterschaft, so wie es sie früher mit Gladbach, später mit unserm Nachbarn oder Werder und in den letzten Jahren mit dem BVB gab.
Spötter könnten entgegnen, dass dafür das Wegkaufen der besten Spieler der innerdeutschen Konkurrenz wenig zielführend ist, aber einen diesbezüglichen Antrag zu stellen traute sich bisher nicht mal der FC St.Pauli.

Das alles also klappt, wenn man den Markt öffnet? Champions League Titel und spannende Meisterschaftskämpfe?
Eine Garantie dafür gibt es nicht. Einen Beweis dagegen natürlich auch nicht.
Aber die Zeichen aus England sind nun nicht ausschließlich Positiv, insbesondere mit dem Blick abseits der absoluten Topteams. Ein absolut empfehlenswerter Offener Brief dazu aus England erschien kürzlich bei 11Freunde.

Ist es also zielführend, wenn ein Vertreter des unumstritten führenden Deutschen Vorzeigevereins sich in einer Stellungnahme dazu herablässt, einen aktuell über 25 Tabellenplätze schlechter stehenden Verein als „mäßigen Zweitligisten“ zu bezeichnen? Nur, weil man in einer demokratischen Abstimmung (deutlich) unterlegen war?
Es erinnert schon etwas an die Sichtweise der Bayern auf Schiedsrichterfehlentscheidungen. Diese gehören immer dann zum Fußball dazu, wenn sie zugunsten der Bayern ausfallen, sind andererseits aber ein Skandal wenn es mal gegen die Bayern geht.

Wie geht es weiter?

Zielführender wäre es natürlich gewesen, den Blick nach vorne zu richten und sich konstruktiv Gedanken zu machen, wie es denn jetzt konkret mit „50+1“ weitergehen soll.

Welche Maßgaben sind erhaltenswert?
Welche sind davon auch Rechtlich sauber durchzuhalten?
Wo braucht es Absprachen innerhalb der Liga, mit Verbänden (UEFA & FIFA)?
Wo stößt man evtl. mit EU-Recht aneinander?
Wie muss man zukünftig mit aktuellen Ausnahmen (Leverkusen, Hoffenheim, Wolfsburg) umgehen?
Wie kann man de facto vorherrschende kreative Umgehungen (RaBa) vermeiden?
Wie ist der Einfluss von Investoren (Ismaik, Kühne) so zu beschneiden, dass diese nicht alleine schon durch die Drohung vom Ziehen des Steckers über Wohl und Wehe des Vereins entscheiden und dann eben doch direkten Einfluss haben?
Wie geht man mit dem großen Thema „Football Leaks“ um, wie mindert man den Einfluss von Spielerberatern und verhindert so einen viel größeren Schaden pro Verein, als es die Mitgliederführung alleine je könnte?

Alles Fragen, auf die es so schnell keine und wohl erst Recht keine leichte Antwort geben dürfte. Aus diesem Grunde wurde ja auch die Grundsatzdebatte beantragt und jetzt hoffentlich angestoßen.

Bleibt zu hoffen, dass auch Karl-Heinz Rummenigge sich jetzt mal wieder etwas beruhigt und dann zum konstruktiven Teil übergeht.
Für den Anfang könnte er die taz lesen, alles weitere wird sich dann mit der Zeit ergeben, hoffentlich. // Frodo

P.S.: Der Verein hat sich zu Karl-Heinz Rummenigge jetzt auch in einer Stellungnahme umfassend geäußert:

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Timbos kleine Taktikschule – Heute: Big Data

(Dieser Artikel erschien zuerst im Print-Übersteiger 131 am 10.März 2018. Er ist der zweite Teil einer kleinen Taktik/Statistik-Serie hier im Blog, Teil 1 findet Ihr hier.)

Big Data im Fußball – Die Suche nach der Fußball-Matrix

Der Fußball erlebt eine krasse digitale Revolution durch die Aufzeichnung von Positionsdaten der Spieler während der Partien. Konservative Medien und Blogs versuchen aus den Massen an inzwischen zur Verfügung stehenden Daten bessere Kenngrößen für die Spielbeschreibung zu entwickeln. Wettanbieter wollen anhand der Daten ihre Vorhersagemodelle verbessern und Vereine wollen damit ihre Mannschaft so gut es geht auf den Gegner einstellen und bestmögliche Transfers tätigen. Wird die Nutzung dieser Daten den Fußball massiv verändern?

Statistiken sind im Fußball ein gern gebrauchtes Mittel um die Stärken und Schwächen von Mannschaften und Spielern zu ermitteln. Doch welche Statistiken sind aussagekräftig genug, um die wirkliche Stärke eines Teams zu beschreiben? Vor wenigen Jahren wurde in der Bundesliga begonnen, die Möglichkeiten der digitalen Revolution zu nutzen: Inzwischen werden hochaufgelöst Positionsdaten aller Spieler erfasst. Bei 25 Kamerabildern pro Sekunde, 5400 Sekunden pro Spiel und 22 Fußballern inklusive Spielgerät ergibt das satte 3,1 Millionen Positionsdaten pro Spiel. Zusätzlich werden über die gesamte Saison etwa 500.000 Pässe, 150.000 Zweikämpfe und 17.000 Torschüsse und 6.000 Ecken und viele weitere Parameter in beiden Bundesligen erfasst. Diese Daten werden den Bundesligisten von der DFL zur Verfügung gestellt. Viele Daten werden komplett automatisch erhoben, allerdings basieren einige Parameter auf subjektiven Einschätzungen. Die Auswertung solcher massigen Datensätze ist ohne Informatik-Hintergrund kaum zu bewältigen. Doch welche Aussagen lassen sich aus solchen Daten überhaupt ableiten?

Fußball – ein hochkomplexer Sport

Andere Sportarten haben es auf dem Gebiet der Spielanalyse leichter. Vor allem wenn sich, wie im American Football oder Baseball, Standardsituation an Standardsituation reiht. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der erste große Erfolg mit statistik-basierten Spielertransfers im Baseball stattfand. Die Oakland Athletics wurden unter der Leitung von Billy Beane Anfang des Jahrtausends trotz geringem Budget vom Underdog zu einem der Top-Teams der Liga geformt. Und es gibt auch Versuche, Transfer- und Taktikentscheidungen bei Fußballklubs alleine auf Grundlage von Daten zu tätigen. Der Physiker Matthew Benham machte einst ein Vermögen mit modell-basierten Sportwetten. Nun versucht er den FC Brentford in die englische Premier League zu führen. Nebenbei feierte er mit dem FC Midtjylland, quasi sein Nebenprojekt, 2015 den dänischen Meistertitel. Transfer- und Taktikentscheidungen werden bei beiden Klubs maßgeblich von KPIs, sogenannten Key Performance Indikatoren bestimmt. Welche KPIs das genau sind, lassen sich die Verantwortlichen beider Klubs nicht entlocken, der vermeintliche Wettbewerbsvorteil soll erhalten werden. Allerdings: Seit der erfolglosen Teilnahme an der Aufstiegsrunde 2015 dümpelt der FC Brentford im grauen Mittelfeld der zweiten englischen Liga herum. Auch der FC Midtjylland zeigte nach der Meisterschaft, dass die Kurve nicht nur steil nach oben zeigt, ist aber inzwischen wieder dick im Rennen um die dänische Fußballkrone vertreten. Der Erfolg von rein modell-basierten Entscheidungen im Fußball scheint also mindestens schwieriger als in anderen Sportarten zu sein. Zu dynamisch und komplex sind die Spielsituationen, zu situativ und daher wenig planbar die Entscheidungen der 22 Akteure auf dem Spielfeld. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass eine datengetriebene Verbesserung des FC Midtjylland vor allem in Standards deutlich wurde, da diese Situationen im Spiel am besten planbar sind.

Bisherige Statistiken nahezu unbrauchbar

Wo kein einfacher Weg ist, bleibt viel Raum zur Entfaltung: Die Blog-Landschaft zu Fußball-Statistiken, aber auch die Sportwissenschaft können momentan als „El Dorado“ für neu entwickelte Kenngrößen bezeichnet werden. Die Positionsdaten sind je nach Anbieter um verschiedene Parameter ergänzt. Nahezu wöchentlich werden neue Kenngrößen für die Beschreibung der Qualität von Mannschaften und Spielern in den Ring geworfen. Es werden verschiedene Datensätze miteinander kombiniert, modelliert, gewichtet und interpretiert. Interessenten für Kenngrößen, die die Qualität von Spielern oder Mannschaften beschreiben, gibt es viele. Zum einen möchten die Wettanbieter ihre Vorhersagemodelle präzisieren. Die Vereine haben großes Interesse an der Weiterentwicklung der Spielanalyse mittels Positionsdaten und weiterer Parameter. Ganz grundsätzlich sind die deutlichsten Veränderungen durch die Analyse großer Datensätze in den Klubs im Scouting zu erkennen. Dank der Datenanalyse können tausende von Spielern in kurzer Zeit miteinander verglichen werden ohne dass die Scouts rund um den Globus reisen und unzählige Spiele im Video anschauen müssen. Das spart enorme Kosten in den Klubs und führt zu einer viel höheren Effektivität. Die Menge der Daten muss nur erst einmal verarbeitet werden. Manchester City, besser bekannt als König Protz des Fußballs, machte die Positionsdaten seinen Fans zugänglich um aus den Unmengen an Daten die relevantesten herauszufiltern. Kaum eine Rolle spielen hingegen die von vielen Medien geliebten Statistiken wie die reinen Laufstrecken, die Ballbesitzverhältnisse, Passquoten und Zweikampfwerte. Selbst das reine Torschussverhältnis ist ohne die Nutzung weiterer Parameter nur bedingt aussagekräftig. Viel mehr Aussagekraft können diese Daten aber dann liefern, wenn sie gekonnt mit den Positionsdaten kombiniert werden.

Es gibt erfolgreiche Pässe und erfolgreichere Pässe

Passgraphiken des Spiels FCSP vs. FCN im Februar 2018 von 11tegen11. Je größer die Punkte des Spielers, umso mehr Pässe hat dieser gespielt. Die Anordnung erfolgt aus der durchschnittlichen Position des Spielers während der Pässe. Die Dicke der Pfeile zeigt an, wie oft die Spieler die Pässe zueinander gespielt haben.

Klar, ein Pass ist dann gut, wenn er beim Mitspieler ankommt. Aber es ist einleuchtend, dass ein erfolgreicher Pass qualitativ höher bewertet, wenn er tief in der gegnerischen Hälfte an den Mitspieler gebracht wird im Vergleich zu erfolgreichen Quer- oder Rückpassen. Als Beispiel dient das ehemalige Duo in der Innenverteidigung des BVB, Mats Hummels und Neven Subotic. Hummels ist bekannt für seine Weltklasse im Aufbauspiel, Subotic eher wegen seines guten Stellungsspiels und Zweikampfverhaltens. Die bessere Passquote wies jedoch meist Subotic auf. Eine Auswertung der gespielten Pässe ergab, dass Hummels eher risikoreiche tiefe, Subotic eher risikoarme Quer- und Rückpässe spielte. Durch das höhere Risiko ergab sich eine schlechtere Passquote bei Hummels, wenn er die tiefen Pässe aber an den Mitspieler brachte, sorgte diese Spieleröffnung meist für Torgefahr. Ein erfolgreich gespielter Pass ist daher unterschiedlich zu bewerten, je nachdem wo auf dem Spielfeld und unter welchem Gegnerdruck er gespielt wurde. Der ehemalige Fußballer Stefan Reinartz hat mit seinem Kollegen Jens Hegeler den „Packing“-Ansatz entwickelt. Hierbei wird anhand der Positionsdaten berücksichtigt, wie viele Gegner mit Pässen erfolgreich überspielt werden. Ungekrönter König dieser Statistik ist Toni Kroos, der deshalb unlängst gehaltsmäßig mit Flügelflitzer Gareth Bale und Real-Größe Sergio Ramos auf eine Ebene gehievt wurde, obwohl es seinem Spiel an spektakulären Elementen mangelt.

Für Vereine ebenfalls interessant sind Visualisierungen der gespielten Pässe, die in Kombination mit den Positionsdaten erstellt werden können. Diese Pass-Graphiken zeigen selbst in vereinfachter Form die wichtigsten Passwege von Teams an. Eine Analyse also, die im Videostudium Stunden und Tage frisst. Die zentralen Passwege des Gegners können so recht schnell analysiert und je nach Matchplan zugestellt oder als Pressingsignal genutzt werden. Besonderes Augenmerk legen Spielanalysten auch auf die Abstände zwischen den Ketten oder zwischen Abwehr und Mittelfeld. Lässt sich aus der Analyse erkennen, dass ein Außenverteidiger immer länger braucht bis er beim Verschieben mit ins Zentrum einrückt, so ist eine potenzielle Lücke im massiven Abwehrverbund aufgedeckt, die bespielt werden kann. Auch hierbei kann die Analyse aufgrund der Positionsdaten wesentlich schneller durchgeführt werden.

In Zukunft „expected Goals“ statt einfacher Torschussverhältnisse?

Graphische Darstellung des xG-Modells des niederländischen Fußball-Blogs 11tegen11 am Beispiel des Spiels FCSP vs. FCN im Februar 2018 am Millerntor. Die Qualität der Chancen ist auf der Zeitskala für beide Teams dargestellt. Es zeigt sich, dass teilweise große Chancen nur einen geringen xG-Wert haben aufgrund der schlechten Position des Schützen.

Der „Poster-Boy“ der modernen Fußball-Statistik sind zweifelsohne expected Goals, auf Deutsch auch verdiente Tore genannt (kurz xG). Während in die übliche Torschuss-Statistik alle abgegebenen Torschüsse gleichermaßen eingehen, werden hier die einzelnen Torschüsse mit Zahlen zwischen 0.01 und 1 gewichtet, mit niedrigen Zahlen bei Torschüssen die statistisch selten und hohen Zahlen bei Torschüssen, die häufig zu Toren führen. Ein Elfmeter wird z.B. mit 0.75 bewertet, da 75% aller Elfmeter zum Torerfolg führen. Um die Wahrscheinlichkeit eines Tores durch einen Torschuss zu berechnen, werden eine Menge Daten benötigt. Zum einen die Positionsdaten, um zu erkennen aus welcher Position geschossen wurde. Zum anderen werden Daten zu anderen Torschüssen benötigt, um die Wahrscheinlichkeit des Torerfolgs von Torschüssen aus bestimmten Positionen zu berechnen. Aus einem Torschussverhältnis von 25:13 ergibt sich so ein xG-Verhältnis von 1.5:1.7 (wie beim 3:1 Auswärtssieg des FCSP bei der SGD). Wenn also ein Team aus allen Rohren feuert, sich aber auf Fernschüsse beschränkt, so wird die konservative Torschuss-Statistik in die Höhe schnellen. Der xG des Teams bleibt jedoch gering im Vergleich zu einem Team, das sich wenige, aber dafür „100-Prozentige“ herausspielt. Die expected Goals stellen daher ein aussagekräftiges Tool zur Beschreibung der Tore dar, die ein Team anhand seiner Torschüsse verdient hätte und daher ein Indikator für die Stärke eines Teams. Es gibt aber einen Nachteil bei der Datenaufzeichnung: xG-Modelle kommen nicht ohne menschlichen Input aus. Für die Beurteilung der Qualität einer Torchance ist nämlich mehr als die Position der Spieler notwendig. Es müssen auch die Qualität der Vorlage und der Gegnerdruck während des Torschusses bewertet werden, denn ein halbhoch und scharf gespielter Ball ist sehr viel schwerer zu verwerten als ein perfekt getimter Flachpass und umzingelt von mehreren Gegenspielern ist ein Abschluss ungleich schwieriger als wenn man allein vor dem Tor steht. Besonders aussagekräftig bezüglich der Stärke eines Teams werden die xG-Werte, wenn diese mit erfolgreichen Pässen im gegnerischen Drittel kombiniert werden, wie es die Pioniere der xG-Modelle vom Fußball-Blog 11tegen11 machen. Hierbei werden angekommene Pässe tief in der Hälfte des Gegners gezählt. Diese nicht-schuss-basierte Kenngröße fließt bei einigen anderen xG-Modellen (es gibt inzwischen unzählige) bereits mit in die Ermittlung des Wertes ein.

Da mit xG-Werten eine Kenngröße entwickelt wurde, die die Qualität der Torchancen zueinander vergleicht, kann auch die Qualität der Protagonisten zueinander verglichen werden. Es kann bestimmt werden, wie viele Tore ein Stürmer anhand seines individuellen xG-Wertes hätte erzielen müssen, wie viele Tore mehr oder weniger man sich dank des eigenen Torhüters fängt und zu welcher Chancenqualität die Torschussvorlagen einzelner Spieler führen. Es ist zu erwarten, dass, sobald es einen haltbaren Konsens über die Eingangsvariablen der xG-Modelle gibt, die xG-Werte die bisherigen Torschussstatistiken in der medialen Berichterstattung ersetzen, vorausgesetzt, die Dateneingabe wird weiter automatisiert.

Tabelle der 2.Liga nach Spieltag 27 und Platzierungen der Teams anhand ihrer bei eigenen Torschüssen erzielten xG-Werte, der xG-Werte der zugelassenen Torschüsse, sowie der Summe dieser xG-Werte. Zusätzlich wurden aus den xG-Werten der einzelnen Partien die erzielten Punkte errechnet. Eine bessere Platzierung trotz niedriger xG-Werte deutet auf die effektivere Nutzung eigener Torchancen hin, aber auch die Ineffektivität der Gegner bei der Nutzung ihrer Torchancen. Zusätzlich spielen auch die Faktoren Zufall und Glück/Pech eine Rolle bei Unterschieden zwischen möglichen Toren nach xG-Werte und real erzielten und gefangenen Toren.

Tore nach Ecken fallen statistisch je Team nur alle 15,4 Spiele

Die Positionsdaten können aber noch viel mehr als mit ihrer Hilfe die Qualität von Pässen und Torschüssen zu beurteilen. Die Forscher Jürgen Perl aus Mainz und Daniel Memmert aus Köln haben mit ihrer Firma „soccer“ verschiedene Algorithmen entwickelt um aus den Positionsdaten die taktischen Muster der Angreifer und Verteidiger automatisch zu erkennen. Hierbei kann unter Hinzunahme anderer Parameter wie Ballgewinn oder Torschuss ermittelt werden, welche taktischen Muster gegen welche Formationen effektiv sind. Die Kenntnis darüber ist elementar, da die Teams inzwischen ihre Formationen mehrmals während eines Spiels je nach Spielsituation und Spielstand anpassen. Ein weiterer Ansatz der beiden Forscher basiert auf Voronoi-Zellen, einem Analyseansatz zur Unterteilung von Räumen in Sektoren. Hiermit kann sekündlich auf dem Spielfeld die Raumkontrolle beider Teams errechnet werden, also die Bereiche, in denen ein Spieler schneller als die Gegenspieler einen Pass erreicht. Die Raumkontrolle in Kombination mit Ballkontrolle ergibt dann die Spielkontrolle. Diese Art der Spielanalyse stellt die Schnittstelle zwischen Fußballverstand und Informatik dar. Der Bedarf an solch speziell ausgebildeten Spielanalysten ist so groß, dass das Fach „Spielanalyse“ inzwischen in Köln studiert werden kann.
Fernab der großen Datenmengen sind mit verschiedenen Analyse-Werkzeugen viele weitere Erkenntnisse möglich. Beispiele? Es wurde z.B. errechnet, wann bei eigenem Rückstand Einwechslungen am sinnvollsten sind (1.Wechsel vor der 58.Minute; 2.Wechsel vor der 73.Minute und letzter Wechsel vor der 79.Minute) und dass Ecken vollkommen überbewertet werden (im Schnitt erzielen Teams nur alle 15,4 Spiele ein Tor nach einer Ecke). Der AC Mailand erlangte mit seinem „Milan Lab“ bereits vor etwa 10 Jahren Berühmtheit. Unter anderem mittels neuronaler Netze wurde versucht, die Verletzungen der eigenen Spieler zu minimieren und es konnten so im Jahre 2008 etwa 90% der Verletzungen ohne Fremdeinwirkung verhindert werden.
Die Diskussion um die Nutzung dieser Datensätze für taktische Zwecke ist hochemotional. Kürzlich sorgte Ex-Kicker und Ex-TV-Experte Mehmet Scholl mit heftiger Kritik an der Generation „Laptop-Trainer“ für Aufsehen. Er monierte, dass Jugendspieler keine Hinweise mehr bekämen, warum Pässe oder Dribblings nicht gelingen, stattdessen aber „18 Systeme rückwärts furzen“ könnten. Eine ganze Reihe von Experten und Spielern äußert sich daraufhin in die entgegengesetzte Richtung. Allerdings können diese Experten nicht leugnen, dass alle Analyse eben nur dann sinnvoll ist, wenn es letztlich zum Erfolg, also zu Toren führt. Doch gerade hier gibt es einen gewaltigen Haken, wie Martin Lames von der TU München herausgefunden hat: Etwa 45% aller Tore kommen eher glücklich zustande. Glücklich bedeutet in diesem Fall, dass der Ball entweder abgefälscht wurde oder unter Zuhilfenahme von Latte oder Pfosten oder aus großer Entfernung den Weg ins Tor gefunden hat. Das Toreschießen selbst kann also getrost mit dem Würfeln verglichen werden. Ziel von Analysten, Trainern und Sportdirektoren sollte es also sein, die großen Datensätze so zu nutzen, dass man häufiger würfeln darf als der Gegner. // timbo

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