Timbos kleine Taktikschule – Heute: Big Data

(Dieser Artikel erschien zuerst im Print-Übersteiger 131 am 10.März 2018. Er ist der zweite Teil einer kleinen Taktik/Statistik-Serie hier im Blog, Teil 1 findet Ihr hier.)

Big Data im Fußball – Die Suche nach der Fußball-Matrix

Der Fußball erlebt eine krasse digitale Revolution durch die Aufzeichnung von Positionsdaten der Spieler während der Partien. Konservative Medien und Blogs versuchen aus den Massen an inzwischen zur Verfügung stehenden Daten bessere Kenngrößen für die Spielbeschreibung zu entwickeln. Wettanbieter wollen anhand der Daten ihre Vorhersagemodelle verbessern und Vereine wollen damit ihre Mannschaft so gut es geht auf den Gegner einstellen und bestmögliche Transfers tätigen. Wird die Nutzung dieser Daten den Fußball massiv verändern?

Statistiken sind im Fußball ein gern gebrauchtes Mittel um die Stärken und Schwächen von Mannschaften und Spielern zu ermitteln. Doch welche Statistiken sind aussagekräftig genug, um die wirkliche Stärke eines Teams zu beschreiben? Vor wenigen Jahren wurde in der Bundesliga begonnen, die Möglichkeiten der digitalen Revolution zu nutzen: Inzwischen werden hochaufgelöst Positionsdaten aller Spieler erfasst. Bei 25 Kamerabildern pro Sekunde, 5400 Sekunden pro Spiel und 22 Fußballern inklusive Spielgerät ergibt das satte 3,1 Millionen Positionsdaten pro Spiel. Zusätzlich werden über die gesamte Saison etwa 500.000 Pässe, 150.000 Zweikämpfe und 17.000 Torschüsse und 6.000 Ecken und viele weitere Parameter in beiden Bundesligen erfasst. Diese Daten werden den Bundesligisten von der DFL zur Verfügung gestellt. Viele Daten werden komplett automatisch erhoben, allerdings basieren einige Parameter auf subjektiven Einschätzungen. Die Auswertung solcher massigen Datensätze ist ohne Informatik-Hintergrund kaum zu bewältigen. Doch welche Aussagen lassen sich aus solchen Daten überhaupt ableiten?

Fußball – ein hochkomplexer Sport

Andere Sportarten haben es auf dem Gebiet der Spielanalyse leichter. Vor allem wenn sich, wie im American Football oder Baseball, Standardsituation an Standardsituation reiht. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der erste große Erfolg mit statistik-basierten Spielertransfers im Baseball stattfand. Die Oakland Athletics wurden unter der Leitung von Billy Beane Anfang des Jahrtausends trotz geringem Budget vom Underdog zu einem der Top-Teams der Liga geformt. Und es gibt auch Versuche, Transfer- und Taktikentscheidungen bei Fußballklubs alleine auf Grundlage von Daten zu tätigen. Der Physiker Matthew Benham machte einst ein Vermögen mit modell-basierten Sportwetten. Nun versucht er den FC Brentford in die englische Premier League zu führen. Nebenbei feierte er mit dem FC Midtjylland, quasi sein Nebenprojekt, 2015 den dänischen Meistertitel. Transfer- und Taktikentscheidungen werden bei beiden Klubs maßgeblich von KPIs, sogenannten Key Performance Indikatoren bestimmt. Welche KPIs das genau sind, lassen sich die Verantwortlichen beider Klubs nicht entlocken, der vermeintliche Wettbewerbsvorteil soll erhalten werden. Allerdings: Seit der erfolglosen Teilnahme an der Aufstiegsrunde 2015 dümpelt der FC Brentford im grauen Mittelfeld der zweiten englischen Liga herum. Auch der FC Midtjylland zeigte nach der Meisterschaft, dass die Kurve nicht nur steil nach oben zeigt, ist aber inzwischen wieder dick im Rennen um die dänische Fußballkrone vertreten. Der Erfolg von rein modell-basierten Entscheidungen im Fußball scheint also mindestens schwieriger als in anderen Sportarten zu sein. Zu dynamisch und komplex sind die Spielsituationen, zu situativ und daher wenig planbar die Entscheidungen der 22 Akteure auf dem Spielfeld. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass eine datengetriebene Verbesserung des FC Midtjylland vor allem in Standards deutlich wurde, da diese Situationen im Spiel am besten planbar sind.

Bisherige Statistiken nahezu unbrauchbar

Wo kein einfacher Weg ist, bleibt viel Raum zur Entfaltung: Die Blog-Landschaft zu Fußball-Statistiken, aber auch die Sportwissenschaft können momentan als „El Dorado“ für neu entwickelte Kenngrößen bezeichnet werden. Die Positionsdaten sind je nach Anbieter um verschiedene Parameter ergänzt. Nahezu wöchentlich werden neue Kenngrößen für die Beschreibung der Qualität von Mannschaften und Spielern in den Ring geworfen. Es werden verschiedene Datensätze miteinander kombiniert, modelliert, gewichtet und interpretiert. Interessenten für Kenngrößen, die die Qualität von Spielern oder Mannschaften beschreiben, gibt es viele. Zum einen möchten die Wettanbieter ihre Vorhersagemodelle präzisieren. Die Vereine haben großes Interesse an der Weiterentwicklung der Spielanalyse mittels Positionsdaten und weiterer Parameter. Ganz grundsätzlich sind die deutlichsten Veränderungen durch die Analyse großer Datensätze in den Klubs im Scouting zu erkennen. Dank der Datenanalyse können tausende von Spielern in kurzer Zeit miteinander verglichen werden ohne dass die Scouts rund um den Globus reisen und unzählige Spiele im Video anschauen müssen. Das spart enorme Kosten in den Klubs und führt zu einer viel höheren Effektivität. Die Menge der Daten muss nur erst einmal verarbeitet werden. Manchester City, besser bekannt als König Protz des Fußballs, machte die Positionsdaten seinen Fans zugänglich um aus den Unmengen an Daten die relevantesten herauszufiltern. Kaum eine Rolle spielen hingegen die von vielen Medien geliebten Statistiken wie die reinen Laufstrecken, die Ballbesitzverhältnisse, Passquoten und Zweikampfwerte. Selbst das reine Torschussverhältnis ist ohne die Nutzung weiterer Parameter nur bedingt aussagekräftig. Viel mehr Aussagekraft können diese Daten aber dann liefern, wenn sie gekonnt mit den Positionsdaten kombiniert werden.

Es gibt erfolgreiche Pässe und erfolgreichere Pässe

Passgraphiken des Spiels FCSP vs. FCN im Februar 2018 von 11tegen11. Je größer die Punkte des Spielers, umso mehr Pässe hat dieser gespielt. Die Anordnung erfolgt aus der durchschnittlichen Position des Spielers während der Pässe. Die Dicke der Pfeile zeigt an, wie oft die Spieler die Pässe zueinander gespielt haben.

Klar, ein Pass ist dann gut, wenn er beim Mitspieler ankommt. Aber es ist einleuchtend, dass ein erfolgreicher Pass qualitativ höher bewertet, wenn er tief in der gegnerischen Hälfte an den Mitspieler gebracht wird im Vergleich zu erfolgreichen Quer- oder Rückpassen. Als Beispiel dient das ehemalige Duo in der Innenverteidigung des BVB, Mats Hummels und Neven Subotic. Hummels ist bekannt für seine Weltklasse im Aufbauspiel, Subotic eher wegen seines guten Stellungsspiels und Zweikampfverhaltens. Die bessere Passquote wies jedoch meist Subotic auf. Eine Auswertung der gespielten Pässe ergab, dass Hummels eher risikoreiche tiefe, Subotic eher risikoarme Quer- und Rückpässe spielte. Durch das höhere Risiko ergab sich eine schlechtere Passquote bei Hummels, wenn er die tiefen Pässe aber an den Mitspieler brachte, sorgte diese Spieleröffnung meist für Torgefahr. Ein erfolgreich gespielter Pass ist daher unterschiedlich zu bewerten, je nachdem wo auf dem Spielfeld und unter welchem Gegnerdruck er gespielt wurde. Der ehemalige Fußballer Stefan Reinartz hat mit seinem Kollegen Jens Hegeler den „Packing“-Ansatz entwickelt. Hierbei wird anhand der Positionsdaten berücksichtigt, wie viele Gegner mit Pässen erfolgreich überspielt werden. Ungekrönter König dieser Statistik ist Toni Kroos, der deshalb unlängst gehaltsmäßig mit Flügelflitzer Gareth Bale und Real-Größe Sergio Ramos auf eine Ebene gehievt wurde, obwohl es seinem Spiel an spektakulären Elementen mangelt.

Für Vereine ebenfalls interessant sind Visualisierungen der gespielten Pässe, die in Kombination mit den Positionsdaten erstellt werden können. Diese Pass-Graphiken zeigen selbst in vereinfachter Form die wichtigsten Passwege von Teams an. Eine Analyse also, die im Videostudium Stunden und Tage frisst. Die zentralen Passwege des Gegners können so recht schnell analysiert und je nach Matchplan zugestellt oder als Pressingsignal genutzt werden. Besonderes Augenmerk legen Spielanalysten auch auf die Abstände zwischen den Ketten oder zwischen Abwehr und Mittelfeld. Lässt sich aus der Analyse erkennen, dass ein Außenverteidiger immer länger braucht bis er beim Verschieben mit ins Zentrum einrückt, so ist eine potenzielle Lücke im massiven Abwehrverbund aufgedeckt, die bespielt werden kann. Auch hierbei kann die Analyse aufgrund der Positionsdaten wesentlich schneller durchgeführt werden.

In Zukunft „expected Goals“ statt einfacher Torschussverhältnisse?

Graphische Darstellung des xG-Modells des niederländischen Fußball-Blogs 11tegen11 am Beispiel des Spiels FCSP vs. FCN im Februar 2018 am Millerntor. Die Qualität der Chancen ist auf der Zeitskala für beide Teams dargestellt. Es zeigt sich, dass teilweise große Chancen nur einen geringen xG-Wert haben aufgrund der schlechten Position des Schützen.

Der „Poster-Boy“ der modernen Fußball-Statistik sind zweifelsohne expected Goals, auf Deutsch auch verdiente Tore genannt (kurz xG). Während in die übliche Torschuss-Statistik alle abgegebenen Torschüsse gleichermaßen eingehen, werden hier die einzelnen Torschüsse mit Zahlen zwischen 0.01 und 1 gewichtet, mit niedrigen Zahlen bei Torschüssen die statistisch selten und hohen Zahlen bei Torschüssen, die häufig zu Toren führen. Ein Elfmeter wird z.B. mit 0.75 bewertet, da 75% aller Elfmeter zum Torerfolg führen. Um die Wahrscheinlichkeit eines Tores durch einen Torschuss zu berechnen, werden eine Menge Daten benötigt. Zum einen die Positionsdaten, um zu erkennen aus welcher Position geschossen wurde. Zum anderen werden Daten zu anderen Torschüssen benötigt, um die Wahrscheinlichkeit des Torerfolgs von Torschüssen aus bestimmten Positionen zu berechnen. Aus einem Torschussverhältnis von 25:13 ergibt sich so ein xG-Verhältnis von 1.5:1.7 (wie beim 3:1 Auswärtssieg des FCSP bei der SGD). Wenn also ein Team aus allen Rohren feuert, sich aber auf Fernschüsse beschränkt, so wird die konservative Torschuss-Statistik in die Höhe schnellen. Der xG des Teams bleibt jedoch gering im Vergleich zu einem Team, das sich wenige, aber dafür „100-Prozentige“ herausspielt. Die expected Goals stellen daher ein aussagekräftiges Tool zur Beschreibung der Tore dar, die ein Team anhand seiner Torschüsse verdient hätte und daher ein Indikator für die Stärke eines Teams. Es gibt aber einen Nachteil bei der Datenaufzeichnung: xG-Modelle kommen nicht ohne menschlichen Input aus. Für die Beurteilung der Qualität einer Torchance ist nämlich mehr als die Position der Spieler notwendig. Es müssen auch die Qualität der Vorlage und der Gegnerdruck während des Torschusses bewertet werden, denn ein halbhoch und scharf gespielter Ball ist sehr viel schwerer zu verwerten als ein perfekt getimter Flachpass und umzingelt von mehreren Gegenspielern ist ein Abschluss ungleich schwieriger als wenn man allein vor dem Tor steht. Besonders aussagekräftig bezüglich der Stärke eines Teams werden die xG-Werte, wenn diese mit erfolgreichen Pässen im gegnerischen Drittel kombiniert werden, wie es die Pioniere der xG-Modelle vom Fußball-Blog 11tegen11 machen. Hierbei werden angekommene Pässe tief in der Hälfte des Gegners gezählt. Diese nicht-schuss-basierte Kenngröße fließt bei einigen anderen xG-Modellen (es gibt inzwischen unzählige) bereits mit in die Ermittlung des Wertes ein.

Da mit xG-Werten eine Kenngröße entwickelt wurde, die die Qualität der Torchancen zueinander vergleicht, kann auch die Qualität der Protagonisten zueinander verglichen werden. Es kann bestimmt werden, wie viele Tore ein Stürmer anhand seines individuellen xG-Wertes hätte erzielen müssen, wie viele Tore mehr oder weniger man sich dank des eigenen Torhüters fängt und zu welcher Chancenqualität die Torschussvorlagen einzelner Spieler führen. Es ist zu erwarten, dass, sobald es einen haltbaren Konsens über die Eingangsvariablen der xG-Modelle gibt, die xG-Werte die bisherigen Torschussstatistiken in der medialen Berichterstattung ersetzen, vorausgesetzt, die Dateneingabe wird weiter automatisiert.

Tabelle der 2.Liga nach Spieltag 27 und Platzierungen der Teams anhand ihrer bei eigenen Torschüssen erzielten xG-Werte, der xG-Werte der zugelassenen Torschüsse, sowie der Summe dieser xG-Werte. Zusätzlich wurden aus den xG-Werten der einzelnen Partien die erzielten Punkte errechnet. Eine bessere Platzierung trotz niedriger xG-Werte deutet auf die effektivere Nutzung eigener Torchancen hin, aber auch die Ineffektivität der Gegner bei der Nutzung ihrer Torchancen. Zusätzlich spielen auch die Faktoren Zufall und Glück/Pech eine Rolle bei Unterschieden zwischen möglichen Toren nach xG-Werte und real erzielten und gefangenen Toren.

Tore nach Ecken fallen statistisch je Team nur alle 15,4 Spiele

Die Positionsdaten können aber noch viel mehr als mit ihrer Hilfe die Qualität von Pässen und Torschüssen zu beurteilen. Die Forscher Jürgen Perl aus Mainz und Daniel Memmert aus Köln haben mit ihrer Firma „soccer“ verschiedene Algorithmen entwickelt um aus den Positionsdaten die taktischen Muster der Angreifer und Verteidiger automatisch zu erkennen. Hierbei kann unter Hinzunahme anderer Parameter wie Ballgewinn oder Torschuss ermittelt werden, welche taktischen Muster gegen welche Formationen effektiv sind. Die Kenntnis darüber ist elementar, da die Teams inzwischen ihre Formationen mehrmals während eines Spiels je nach Spielsituation und Spielstand anpassen. Ein weiterer Ansatz der beiden Forscher basiert auf Voronoi-Zellen, einem Analyseansatz zur Unterteilung von Räumen in Sektoren. Hiermit kann sekündlich auf dem Spielfeld die Raumkontrolle beider Teams errechnet werden, also die Bereiche, in denen ein Spieler schneller als die Gegenspieler einen Pass erreicht. Die Raumkontrolle in Kombination mit Ballkontrolle ergibt dann die Spielkontrolle. Diese Art der Spielanalyse stellt die Schnittstelle zwischen Fußballverstand und Informatik dar. Der Bedarf an solch speziell ausgebildeten Spielanalysten ist so groß, dass das Fach „Spielanalyse“ inzwischen in Köln studiert werden kann.
Fernab der großen Datenmengen sind mit verschiedenen Analyse-Werkzeugen viele weitere Erkenntnisse möglich. Beispiele? Es wurde z.B. errechnet, wann bei eigenem Rückstand Einwechslungen am sinnvollsten sind (1.Wechsel vor der 58.Minute; 2.Wechsel vor der 73.Minute und letzter Wechsel vor der 79.Minute) und dass Ecken vollkommen überbewertet werden (im Schnitt erzielen Teams nur alle 15,4 Spiele ein Tor nach einer Ecke). Der AC Mailand erlangte mit seinem „Milan Lab“ bereits vor etwa 10 Jahren Berühmtheit. Unter anderem mittels neuronaler Netze wurde versucht, die Verletzungen der eigenen Spieler zu minimieren und es konnten so im Jahre 2008 etwa 90% der Verletzungen ohne Fremdeinwirkung verhindert werden.
Die Diskussion um die Nutzung dieser Datensätze für taktische Zwecke ist hochemotional. Kürzlich sorgte Ex-Kicker und Ex-TV-Experte Mehmet Scholl mit heftiger Kritik an der Generation „Laptop-Trainer“ für Aufsehen. Er monierte, dass Jugendspieler keine Hinweise mehr bekämen, warum Pässe oder Dribblings nicht gelingen, stattdessen aber „18 Systeme rückwärts furzen“ könnten. Eine ganze Reihe von Experten und Spielern äußert sich daraufhin in die entgegengesetzte Richtung. Allerdings können diese Experten nicht leugnen, dass alle Analyse eben nur dann sinnvoll ist, wenn es letztlich zum Erfolg, also zu Toren führt. Doch gerade hier gibt es einen gewaltigen Haken, wie Martin Lames von der TU München herausgefunden hat: Etwa 45% aller Tore kommen eher glücklich zustande. Glücklich bedeutet in diesem Fall, dass der Ball entweder abgefälscht wurde oder unter Zuhilfenahme von Latte oder Pfosten oder aus großer Entfernung den Weg ins Tor gefunden hat. Das Toreschießen selbst kann also getrost mit dem Würfeln verglichen werden. Ziel von Analysten, Trainern und Sportdirektoren sollte es also sein, die großen Datensätze so zu nutzen, dass man häufiger würfeln darf als der Gegner. // timbo

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Timbos kleine Taktikschule – Heute: Goalimpact

Dieser Text erschien zunächst im Print-Übersteiger 130 (10.Dezember 2017) und ist Teil 1 einer kleinen Serie über Fußballstatistiken. Teil 2 befasst sich mit “Big Data” und erschien bereits im Print-Übersteiger 131, hier dann voraussichtlich am Donnerstag.

Die Anzahl statistischer Analysen von Fußballspielen und –spielern hat in den letzten Jahren rasant zugenommen. Und diese Analysen gehen weit über das obligatorische Zweikampfverhältnis und die Laufleistung hinaus, da sich nahezu alle Experten einig sind, dass diese Werte rein gar nichts über die Qualität von Spielern aussagen. Eine Firma aus Hamburg hat einen Wert entwickelt, der die Stärke von Spielern angeben soll. In ihrer Datenbank befinden sich über 500.000 Fußballer und natürlich auch die Spieler des FCSP. Ein Interview mit Thorsten Wittmütz von Goalimpact.

Goalimpact basiert auf einem Algorithmus, der die Stärken von Spielern ermittelt. Grundlage für die Ermittlung sind übliche Spielberichte mit den Inhalten Aufstellung, Tore, Ein- und Auswechslungen, sowie Karten. Goalimpact setzt alle Spieler zueinander in Vergleich, daraus ergibt sich eine Erwartungshaltung an ein Spiel bzw. an einen Spieler. Der Goalimpact wird in verschiedenen Werten dargestellt: dem aktuellen Goalimpact, dem maximalen Goalimpact und dem Goalimpact berechnet über die letzten zwei Jahre.

Übersteiger (ÜS): Wie wurde der Goalimpact entwickelt?

Thorsten Wittmütz (TW): Im Jahr 2004 hat Jörg, der Gründer und Erfinder von Goalimpact, bei einem EM-Tippspiel teilgenommen und hierfür einen kleinen Algorithmus entwickelt, der ihm Griechenland als Geheimfavoriten ausspuckte. Eigentlich kommt er aus dem Bereich Risiko-Controlling und er hat einfach die Sichtweisen aus dem Bereich angewendet.

ÜS: Und was sind die Sichtweisen aus dem Bereich Risiko-Controlling auf den Fußball?

TW: Es ging darum herauszufinden, was beim Fußball relevant ist. Das sind natürlich Tore. Also schaut man, wer auf dem Platz steht, wenn die Tore fallen. Goalimpact setzt daher alle Spieler zueinander in Vergleich, also die Spieler die miteinander auf dem Platz stehen, aber auch welche Spieler auf der anderen Seite stehen. Da wurde dann irgendwann festgestellt, dass das Alter eines Spielers entscheidend ist. Der Karriere-Höhepunkt liegt rein statistisch gesehen bei 26 Jahren. Da gibt es natürlich Ausnahmen wie Ibrahimovic oder Ronaldo, aber über alle Spieler in unserer Datenbank ist das der Höhepunkt. Im Regelfall ist danach der Einfluss eines einzelnen Spielers auf einen Spielausgang nicht mehr so hoch. Allerdings nimmt dieser Karriere-Höhepunkt langsamer ab als er steigt.

ÜS: Im Eishockey gibt es ja eine ähnliche Statistik, die Spieler mit einer +/- Bilanz bewertet, je nachdem ob sie bei Toren oder Gegentoren auf dem Eis waren. Ist diese Art der Bilanzierung bei Goalimpact ähnlich?

TW: Das kann man schon machen, aber man bekommt aus unserer Sicht verfälschte Ergebnisse. Wir machen es etwas anders: Wir stellen an jede Partie und an jeden Spieler für jedes Spiel eine Erwartungshaltung. Dann schauen wir inwiefern diese Prognose eintrifft. Das passiert in den seltensten Fällen und wir arbeiten da auch im Nachkomma-Bereich. Wenn unsere Prognose einen deutlichen Sieg von Mannschaft A ergibt und das Spiel letztendlich nur 1-0 endet, dann wirkt sich das positiv auf den GI der unterlegenen Mannschaft bzw. deren Spieler aus.

ÜS: Welche weiteren Parameter machen den GI der Spieler aus?

TW: Als Daten-Input nutzen wir den klassischen Spielberichtsbogen. Datenpunkte sind für uns dabei die gefallenen Tore, Ein- und Auswechslungen und rote Karten. Anhand dieser Datenpunkte bewerten wir die Spieler. Dadurch, dass wir nur den Spielberichtsbogen benötigen können wir enorme Mengen an Daten produzieren und bereits zu Jugendspielern Prognosen abgeben. Und dadurch können wir auch von Spielern außerhalb Europas, wie zum Beispiel in China, dem arabischen Raum und den USA, den GI ermitteln.

ÜS: Wer nutzt diese Daten?

TW: Wir haben 2016 begonnen, Goalimpact zu kommerzialisieren. Wir bieten unsere Leistungen in zweifacher Form Vereinen an: Erstens auf Management- und auf Scouting-Ebene. Uns nutzen Vereine aus der Premier League, Vereine aus der Chinese Super League, in Ost-Europa, aber auch Teams aus den 2. Ligen in Europa. Zweitens bieten wir unsere Leistungen Spieler-Beratern an. Die können dann z. B. eine Portfolio-Betrachtung ihrer Spieler machen und anhand dessen entscheiden, was die logischen nächsten Karriere-Schritte sind.

ÜS: Was liefert ihr den Vereinen?

TW: Die Vereine fragen uns an, wenn sie Spieler für gewisse Positionen brauchen. In der Winter-Transferperiode sind das dann eher Transfers, die den Verein direkt verstärken, also Spieler, die meist einen höheren Goalimpact haben als der Rest der Mannschaft. Wir schmeißen anhand der gewünschten Daten, da gehört auch der Marktwert dazu, unsere Datenbank an und liefern den Vereinen dann eine Liste mit potenziellen Spielern.

ÜS: Kommen wir mal zum Wert selbst. Ab wann ist ein Spieler denn in der Weltklasse einzuordnen?

TW: Wir zählen Spieler mit einem Goalimpact von mehr als 160 zur Weltklasse. Da gibt es weltweit etwa noch 200 Spieler, die solch einen hohen Wert haben. Der Durchschnitt in der 1.Bundesliga liegt bei 135.

ÜS: Und welcher Spieler hat momentan den höchsten Goalimpact?

TW: Paul Pogba mit 200. In der 1. Liga ist es Thomas Müller mit einem Goalimpact von 196.

ÜS: Das sind ja bekannte Weltklasse-Spieler. Gibt es auch Spieler, die einen hohen Goalimpact haben, aber vielleicht nicht die Wertschätzung erhalten, die ihnen nach ihrem Goalimpact zustehen müsste?

TW: Ja, hierfür sind Stefan Ilsanker von RB Leipzig und Tony Jantschke von Borussia Mönchengladbach gute Beispiele. Das sind beides Spieler, die in der Weltklasse zu verordnen sind, aber dies spiegelt sich weder im Marktwert noch medial wider. Aus unserer Sicht machen beide Spieler einen entscheidenden Unterschied, wenn sie auf dem Platz stehen.

ÜS: Anhand der Werte für die einzelnen Spieler gebt ihr auch Tabellen-Prognosen ab. Für die 2. Liga hattet ihr hier, im Gegensatz zu allen anderen Vorhersagen, Holstein Kiel ganz vorne und Ingolstadt weit hinten gesehen. Wie kam es dazu?

TW: Zunächst einmal muss man festhalten, dass der Unterschied zwischen 2. und 3. Liga nicht sonderlich groß sind. Kiel hat eine herausragende erste Elf mit absoluten Top-Spielern, wenn man ihren Goalimpact berücksichtigt. Im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen hat Kiel es geschafft, die Mannschaft nach dem Aufstieg zusammen zu halten. Gerade der Aufsteiger aus der 3.Liga verliert häufig seine besten Spieler, trotz Aufstieg. Bei Ingolstadt ist das Gegenteil der Fall. Hier gab es einige namenhafte Abgänge, sodass der Goalimpact eben stark runterging. Wir haben da eine reine Kader-Betrachtung gemacht. In der letzten Saison haben wir z.B. Hannover und Stuttgart nicht so schlecht bewertet, weil die eben ihren Kader gut zusammengehalten haben.

ÜS: Ich möchte gerne einen Tipp abgeben, wer der beste Spieler der 2.Liga ist.

TW: Gerne.

ÜS: Ich tippe auf Dominic Drexler von Holstein Kiel.

TW: Tut mir leid, er ist es nicht. Es ist (projiziert ein Spielerbild auf die Leinwand)…

ÜS: …Fabian Klos hat einen Goalimpact von 175?!

TW: Ja, der ist zwar statistisch gesehen über dem Zenit, aber zählt momentan zu den besten 100 Spielern der Welt und hat den höchsten Goalimpact der 2.Liga.

ÜS: Wie steht es um den FCSP? Wer ist da historisch der Spieler mit dem höchsten Goalimpact?

TW: (projiziert eine Tabelle auf die Leinwand) Lasse Sobiech. Mit einem Goalimpact von 163. Damit ist er der beste FCSP-Spieler aller Zeiten, wenn man die Torhüter von der Wertung mal ausnimmt, da diese etwas anders bewertet werden. Zweitbester Feldspieler aller Zeiten ist übrigens Jens Duve, dicht gefolgt von Johannes Flum und Florian Kringe. Von den aktuellen Spielern befinden sich auch Bernd Nehrig und Marc Hornschuh unter den Besten.

ÜS: Timo Schultz hat ja nen Goalimpact von 147!

TW: Ja, bemerkenswert. Damit gehört er zu den Top 10 der FCSP-Feldspieler.

ÜS: Und wie steht es um den aktuellen Kader?

TW: (projiziert weitere Tabelle auf die Leinwand)

ÜS: Sami Allagui hat einen Goalimpact von nur 96?!

TW: Ja, der fällt tatsächlich weit ab. Und wenn man das im Vergleich zu den 141 von Aziz Bouhaddouz betrachtet, dann hat der FCSP ein Stürmer-Problem, sobald Aziz ausfällt. Zumal Marvin Ducksch mit einem Goalimpact von aktuell 154 verliehen ist. Nico Empen hat übrigens einen Goalimpact von 121.

ÜS: Was würdest Du dem FCSP jetzt anhand dieser Daten empfehlen?

TW: In der 2.Liga haben wir momentan einen durchschnittlichen Goalimpact von 116 bis 118. Wenn man ganz strikt vorgehen würde, dann müsste man bei diesem Wert eine Linie ziehen und alle Spieler, die sich unterhalb der Linie befinden und älter als 26 Jahre sind, noch einmal genau betrachten. Da müsste man dann überlegen, inwiefern einen diese Spieler noch weiterbringen. Auf einer reinen datengetriebenen Goalimpact-Analyse müsste man sich dann sicherlich über die Weiterbeschäftigung von Sobota, Kalla und Allagui Gedanken machen, da diese drei Spieler ihren Zenit überschritten haben und das Level der 2.Liga nicht erreichen. Auch Maurice Litka, Mats Møller Dæhli und Philipp Ziereis werden nach jetzigem Stand dieses Level nicht erreichen.

ÜS: Gerade bei Litka war ich mir sicher, dass der sich entwickeln würde.

TW: Das kann ja durchaus noch der Fall sein. Die Prognose von Paul Pogba musste zum Beispiel immer wieder nach oben korrigiert werden. Allerdings haben wir bereits über 100 Spiele von ihm in die Datenbank aufgenommen. Die Daten sind also relativ verlässlich.

ÜS: Welche Spieler im aktuellen Kader haben denn das höchste Entwicklungspotenzial?

TW: Das sind auf jeden Fall Richard Neudecker, Luca Zander und Jeremy Dudziak. Diese Drei haben das Potenzial einen Goalimpact von mehr als 130 zu erreichen, welches dann fast der Durchschnitt in der 1.Liga ist.

ÜS: Wie bewertet man diesen Kader denn nun im Vergleich zu anderen Teams aus der 2.Liga?

TW: Der Goalimpact fällt sehr schnell nach unten ab beim FCSP. Im Team befinden sich einige Leistungsträger. Ob diese gehalten werden können, wenn man nicht aufsteigt ist mindestens unsicher. Es geht eben darum sich um den Nachbau zu sorgen. Aus unserer Sicht macht der Verein das momentan mit Spielern wie Neudecker und Zander.

ÜS: Beim Nachbau fällt mir unsere U23 ein. Wie steht es um die?

TW: Die U23 hat momentan einen Goalimpact von 91. Das ist zwar der niedrigste Wert in der Regionalliga Nord, aber liegt vor allem daran, dass der Altersdurchschnitt der Mannschaft sehr niedrig ist und wir den aktuellen Goalimpact und nicht den Peak nehmen. Der Peak der aktuellen Mannschaft liegt bei 118 – das ist guter Durchschnitt. Es ist einigen Spielern aus der U23 zuzutrauen, dass sie gehobenes Zweitliga-Niveau erreichen. Allen voran sind hier Keisef, Sobotta, Carstens, Conteh, Keller und Tanovic zu nennen. Besonders gut ist der FCSP auf der Torhüter-Position aufgestellt. Die Arbeit beim FCSP ist also insgesamt als gut zu bewerten.

ÜS: Vielen Dank für das Interview! // timbo

Der aktuelle und Peak-Goalimpact der ersten Mannschaft des FCSP.

Der aktuelle und Peak-Goalimpact der U23 des FCSP.

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MT052 – Nachwuchsleistungszentrum (NLZ)

Ein völliger Personalnotstand bei uns, wird allmählich zur Gewohnheit. Nachdem letztes Mal Johnny und Tim alleine unsere Gäste empfangen mussten, schlugen sich dieses Mal Sebastian und Maik ganz tapfer. Soll nicht zur Gewohnheit werden, also gute Besserung und weniger Arbeitsaufkommen für alle!
Immerhin gesellte sich Stefan später noch dazu.

Zu Gast hatten wir Roger Stilz, seines Zeichens seit Mai 2016 Leiter des Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des FC St.Pauli. Uns war schnell klar, dass dieses Thema ausufernd und sehr interessant ist, daher hielten wir ausnahmsweise die Besprechung der letzten drei Spiele extrem kurz.

Wir sprachen also über die Förderung von jugendlichen Fußballern im Allgemeinen, die Situation beim FCSP im Besonderen und natürlich auch über die durchaus facettenreiche Karriere von Roger bevor er die Leitung beim NLZ übernahm.

Viel Spaß!

P.S.: Bei der genannten Zahl der Internatsplätze von RaBa Leipzig scheint es sich um ein Missverständnis zu handeln. Der genannte Wert (Ausbau von 170 auf 240) ist wohl eher die Zahl inkl. Plätzen bei Gastfamilien. Die Zahl der Plätze im Internat ist eher im mittleren zweistelligen Bereich anzusiedeln. Danke an @rotebrauseblog.

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– Ausstellung im 1910.eV.-Museum: “FC St.Pauli – visuell

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MT051 – St.Depri

Die Tödliche Männergrippe hat zugeschlagen, die stolze MillernTon-Gruppe war auf zwei Personen zusammengeschrumpft. Zum Glück waren unsere Gäste zu zweit erschienen, so dass es doch insgesamt vier Personen waren, die über unsere Themen sprachen, als da waren:

  • 1.FC Heidenheim – FCSP
  • FCSP – 1.FC Nürnberg
  • FC Ingolstadt – FCSP
  • St.Depri

St.Depri ist dann auch das Stichwort, zu welchem die Gäste zugegen waren, namentlich Verena und Flo.

Außerdem haben wir unser Gewinnspiel ausgelost, die Gewinner benachrichtigen wir natürlich auch nochmal per e-mail. Danke nochmals an die FC St.Pauli Merchandise und den Fanladen für das Stiften der Preise.

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Peter Fischer, Sky, Babelsberg 03 und Hausdurchsuchungen

Ich schreibe zuletzt zu selten, sagen Einige.
Ja, aber im MillernTon lässt sich das doch alles viel besser aufarbeiten als im Geschriebenen!” antworte ich dann oft – zum Einen: weil es stimmt. Zum Anderen aber auch als Ausrede, weil mir zum Schreiben oft die Motivation fehlt – und auf Twitter oder Facebook eh schon meist alles gesagt wurde, nur eben noch nicht von Jedem.

Aber manchmal muss es dann doch raus – und sei es nur, um sich solidarisch zu erklären und Diskussionen (oder auch vermeintliche Selbstverständlichkeiten) nochmal zusammenzufassen.

Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt

Peter Fischer hat zuletzt deutlich Stellung bezogen. Als Präsident eines Erstligisten, auf der Mitgliederversammlung, gegen die AfD. Leider ist dies nach wie vor einzigartig, öffentliche Solidaritätsbekundungen oder gar gleichlautende Statements sucht man im Oberhaus bisher vergeblich. Auf der Mitgliederversammlung der Eintracht wurde er (trotzdem oder gerade deshalb?) mit 99% der Stimmen im Amt bestätigt.

Immerhin unser Nachbar in Stellingen tut sich positiv hervor, auf der kommenden Mitgliederversammlung wird es einen Antrag geben, dass “AFD-Mitglieder oder gleichgesinnte Personen nicht Mitglied im Hamburger-Sport-Verein e.V. werden oder der HSV Fußball AG angehören” (hsv Live, Seite 113, pdf).
Die AfD schreit natürlich (gewohnt Öffentlichkeitswirksam) in beiden Fällen “Verrat!” und zieht die abstrusesten Vergleiche, denen hier sicher kein Platz eingeräumt wird.

Die Diskussion, ob Vereinsausschlüsse von Mitgliedern einer “demokratisch in den Bundestag gewählten Partei” denn so erstrebenswert ist, erspare ich mir an der Stelle mal, ohne sie deswegen für irrelevant zu halten. Darum geht es hier aber gerade nicht.
Die Toleranzkeule können sich zumindest AfD-Wähler und Sympathisanten mal gepflegt selbst über den Kopf ziehen, entsprechende Kommentare dazu hier werde ich entsprechend auch absolut intolerant nicht freischalten, spart Euch die Mühe.

Nun aber zum Punkt: Peter Fischer war am Samstag zu Gast im ZDF-Sportstudio. Grundsätzlich immer noch eines der angenehmsten Sportformate im Deutschen Fernsehen, leider durch den neuen TV-Vertrag der Bundesliga (durch vorgeschriebene Mindestsendezeiten der Bundesligaspiele, insbesondere des Abendspiels) und die späte Sendezeit sicher mit weniger Aufmerksamkeit ausgestattet als früher. Aber auch dies soll hier nicht Thema sein.
Thema hingegen soll sein, wie Moderator Sven Voss dieses Interview geführt hat. Ausführliche Kommentare dazu kann man von Ben in seinem Blog sowie von Philipp Köster im Stern nachlesen.
Von mir nur in Kürze: In einer Zeit, in der den öffentlich-rechtlichen Medien (zurecht) vorgeworfen wird für den Aufschwung der AfD (mit)verantwortlich zu sein, weil man ihr in Talkshows übermäßig viel Platz zur Verbreitung gegeben hat, wäre es hier mal möglich gewesen einen Menschen mit Haltung zu präsentieren und ihm entsprechenden Platz einzuräumen. Stattdessen versucht man, mit fast schon beeindruckender Hartnäckigkeit, ihn von Anfang an in eine Verteidigungshaltung zu zwängen.
Chance verpasst, sehr schade.

Womit wir dann endlich beim eigentlichen Grund für diesen Artikel sind:
Ewald Lienen äußerte sich in seiner Funktion als Sky-Experte Am Montag auch zum Thema:

Klare Kante, deutliche Worte.
Wenn man Ewalds Auftreten bei Sky auch insgesamt eher kritisch sehen mag, so sind doch eben solche Statements das, warum man ihn

  1. als TV-Sender Sky dorthin eingeladen hat (oder haben sollte) und
  2. als St.Pauli-Fan zähneknirschend dort gewähren lässt, ohne die ganz große “Sky macht unsern Fußball kaputt, warum sitzt Du da?!“-Keule rauszuholen.

Und dann greift eben Patrick Wasserziehr ein, schneidet ihm das Wort ab und macht sich selbst zum Löffel.
Denn natürlich darf Ewald Lienen als Einzelperson Journalisten kritisieren – und die “Ich hab es nicht in Gänze gesehen!“-Aussage von Wasserziehr ist eben entweder ein Armutszeugnis für seine Vorbereitung oder eine Schutzbehauptung, um das Thema abzuwürgen.
Möge jeder selbst entscheiden, was zutrifft und was es jeweils über die Beteiligten aussagt.

Ewald Lienen möchte man zurufen: “Schmeiß hin, den Scheiß!
Ein Platz am Tisch beim MillernTon-Podcast ist jedenfalls immer für ihn frei, er darf dann auch gerne wieder den Stone Island-Pulli tragen und “schelten” wen immer er will.

Babelsberg 03

Wir haben wohl grad “Lasst uns beweisen, dass Fußball und Politik sehr wohl zusammengehören“-Wochen.
Die Geschichte von Babelsberg 03 und dem NOFV spielt sich ja nun schon ein paar Monate ab – und wer dachte, Sportverbände hätten aktuell ein Imageproblem und müssten sich daher mal ein bisschen ins Zeug legen… nun ja, dem zeigt der NOFV, dass es immer noch etwas weiter gehen kann.
Oder auch: “Hold my beer!”, wie es im Internetsprech heissen würde.

Ob man jetzt bis August 2017 zurückgeht oder nur die aktuellen Geschehnisse versucht zu verstehen – es hinterlässt einen ziemlich ratlos.

Der Verein hat in den letzten Wochen und Monaten diverse Male seine Position sehr nachvollziehbar in der Öffentlichkeit dargestellt (aktuell nur mal die letzte Stellungnahme, mehr auf der Babelsberg Homepage) und zusätzlich jetzt auch um Unterstützung gebeten.
Spenden, Soli-Shirts, Soli-Mitgliedschaften – die Spanne ist sehr weit und für jeden Geldbeutel dürfte eine Möglichkeit dabei sein.
Tatsächlich steht weiterhin ein Ausschluss vom Spielbetrieb als Möglichkeit im Raum, ob ein entsprechender Antrag gestellt wird, will der Verband am Donnerstag bekannt geben.

Im Aufruf zur Unterstützung äußert der Verein die Hoffnung, ein Benefizspiel im KarLi gegen einen Erst- oder Zweitligisten austragen zu können.
Ich denke, da muss man auf den FC St.Pauli nicht sonderlich Druck aufbauen, die Gespräche hinter den Kulissen sind da sicher längst angelaufen. Wünschenswert wäre es aber natürlich auch, wenn hier ein “größeres Kaliber” wie der FC Bayern oder der BVB seine Bereitschaft erklären würde.
Dann spräche sicher nichts dagegen, selbst ein weiteres Spiel (zum Beispiel in der Sommervorbereitung) zusätzlich zu vereinbaren.

Hausdurchsuchungen

Kurz vorm Absenden dieses Artikels kam dann noch ein Hinweis der Braun-Weißen Hilfe zum Thema Hausdurchsuchungen, den sich jeder gerne durchlesen sollte.

So… und wenn ich mal noch mehr Zeit haben sollte, schreib ich auch noch was zu Hannover 96 und Martin Kind – muss aber auch nicht unbedingt sein. // Frodo

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MT050 – Kniet nieder, Ihr Bauern! Schach beim FCSP

Wir hatten Jörn Kreuzer zu Gast, seines Zeichens aktives Mitglied der Schachabteilung beim FC St.Pauli – der uns (neben Insiderinfos über seine zweite Liebe, den KSC) somit allerlei Wissenswertes über diesen Sport und die im Sommer stattfindenden St.Pauli-Open erzählen konnte.

Zuvor jedoch sprachen wir über die Spiele in Dresden und gegen Darmstadt sowie natürlich den Holocaust-Gedenktag.

Da dies unsere 50.Sendung war, gab es von Klaas Reese (Collinas Erben) und Max-Jacob Ost (Rasenfunk) zwischendurch auch noch ein paar Glückwünsche – uuuuuuuund:
EIN GEWINNSPIEL!
Dank der freundlichen Unterstützung durch die FC St.Pauli Merchandise GmbH und den Fanladen können wir Euch folgende Preise präsentieren:

  1. Ein aktuelles Trikot des FCSP
    (Heim- oder Auswärts- oder Sondertrikot und Größe nach Wahl, auf Wunsch auch mit Name und Nummer nach Wahl)
  2. Black Flag Mütze
  3. “Kein Fußball den Faschisten”-Beutel

Was Ihr dafür tun müsst ist sehr einfach:
Hört die Sendung, beantwortet möglichst viele der sechs(!) Fragen korrekt und schon könnt Ihr auf die Auslosung hinfiebern, die wir während der nächsten Sendung (wohl auch wieder live auf Facebook) durchführen werden.
Voraussetzung: Ihr habt die Antworten (formlos) an blog(at)uebersteiger.de geschickt. Betreff: MillernTon Gewinnspiel
(Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, Einsendeschluss ist der 20.Februar 2018.)

Und jetzt viel Spaß!

Links:
Bilder von Stefan Groenveld: Lautes Schweigen am Millerntor
FC St.Pauli Schachabteilung
FC St.Pauli Open

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20.Spieltag (H): SV Darmstadt 98

FC St.Pauli – SV Darmstadt 98 0:1 (0:1)
Tore: 0:1 Loevin Jones (7.)
Zuschauer: 29.005
(ca. 1.500 Gästefans)

Jo, ich schreibe Montag was über das Darmstadt-Spiel. Mach ich gerne!
Das waren die unbedachten Worte, die ich Frodo auf digitalem Wege zukommen ließ. Ebenso wie sich die Heimspiele des FCSP manchmal anfühlen, so begeben sich nun die Buchstaben eher schleppend auf den weißen Grund. Der Start der gestrigen Partie fühlte sich an wie eine Hommage an unsere Heimspiele der Hinrunde: Guter Start, verpasste Chancen, aus dem Nichts das frühe Gegentor und danach planloses Anrennen. War was? Winterpause? Trainerwechsel?

Vor dem Spiel

Viel wichtiger als jedes Fußballspiel auf der Welt war das Geschehen vor dem Anpfiff. Hier wurde ganz leise ein eindrucksvolles Zeichen gesetzt. Ich empfehle jedem, der es noch nicht getan hat das Interview mit Esther Bejarano auf der FCSP-Homepage zu lesen. Für die, die nicht im Stadion waren hat u.a. Edel Fan Nico dankenswerterweise ein Video vom Einlaufen der Mannschaften hochgeladen.

(c) @amhass on twitter

Sportliches

Das Spiel selbst ist schnell erzählt. Wir verpassen die frühe Führung und Darmstadt macht im Gegenzug das Tor. In dieser Situation hat die Übergabe der Spieler von Mittelfeld auf Abwehr mal so überhaupt nicht funktioniert. Danach laufen wir gegen eine Wand.

Meine persönliche Erwartung an ein Fußballspiel sinkt immer massiv, wenn Darmstadt 98 beteiligt ist. Das war vor allem unter Dirk Schuster im Aufstiegsjahr und dem ersten Jahr in der 1.Liga so. Norbert Meier und Thorsten Frings haben der Truppe aber auch den Teufel nicht austreiben können. Und nun ist Dirk Schuster sogar wieder Trainer. Noch bevor wir weiter darüber diskutieren, ob uns der schleichende Zerfall von 50+1 oder die zunehmende Kommerzialisierung den Fußball kaputt macht, müssen wir uns über den Fußball den Darmstadt 98 salonfähig gemacht hat, unterhalten. Das mag recht drastisch formuliert sein, aber das Interesse an dem Spiel Fußball als solches hat in der 2.Liga in den letzten Jahren massiv abgenommen. Es geht nur noch um Fehlervermeidung in der Liga und Darmstadt war ein Vorreiter dieser Entwicklung, die, nachdem sie einmal in Gang gebracht wurde, nicht mehr aufzuhalten war und ist. Inzwischen gibt es eigentlich kein Team mehr, das primär ein Offensivkonzept hat. Sämtliche Offensivkonzepte sind unterwandert von defensivem Denken. Es gilt meist immer in guter Position für das Gegenpressing und die Rückverteidigung zu sein. Dabei wird weniger riskiert, da ein Gegentor dazu führt, dass die mit diesen Konzepten ohnehin nur schwer bespielbaren Räume vom Gegner komplett verschlossen werden. So ist auch zu verstehen was Ewald Lienen damit meinte, als er im MillernTon sagte, dass ein Tor das Spiel viel mehr als früher beeinflusst. Darmstadt hat uns im Grunde einen Spiegel vorgehalten und uns aufgezeigt, wie destruktiv wir in Dresden nach der frühen Führung spielten. Da haben wir nach der Führung teilweise in einer 46-Formation gestanden.

Wirklich gefährlich wurde es gestern nur, wenn wir es schafften schnell und über die Außen zu spielen. Diese Räume waren vor allem dann vorhanden, wenn Darmstadt hoch presste, also im 433. Dann allerdings musste die erste Reihe erst einmal überspielt werden. Schoppenhauer versuchte das meist mit langen Bällen. Ich finde es immer beeindruckend, was auf dem Platz passiert, wenn es mal geschafft wird die erste Reihe zu überspielen und einen eigenen Spieler im Zentrum in Ballbesitz zu bringen. Die Dynamik die dann kurzzeitig, im Vergleich zum eher langsamen Ballgeschiebe vorher, einsetzt, ist bemerkenswert. Die verteidigende Mannschaft versucht so schnell wie möglich auf Mittelfeld- oder Abwehrpressing umzustellen und alle Spieler hinter den Ball zu bekommen. Meist bewegen sich die Spieler dazu im Vollsprint zurück. Der angreifenden Mannschaft bleibt also nur wenig Zeit um die freien Räume zu bespielen. Das führt natürlich zu Fehlern, seien es falsche Laufwege oder Fehlpässe. Gerade in der zweiten Liga ist in diesen Situationen die Fehlerquote sehr hoch. Jeder Offensiv-Spieler der in solchen Situationen unter höchstem Druck den Ball sinnvoll weiterleiten kann, landet früher oder später in einer höheren Liga. In Liga Zwei befinden sich also entweder Offensiv-Spieler, die unter diesem Druck (noch) nicht oder zu selten richtige Entscheidungen treffen und technisch umsetzen können.

Das Darmstädter 433. Viele Optionen im Aufbau blieben dem FCSP nicht. Es endete meist im langen Ball.

Darmstadt spielte dann ein absolut kompaktes Pressing im Zentrum, teilweise mit einer interessanten 424-Formation. Bemerkenswert war, dass hierbei die Außenbahnen teilweise nicht besetzt waren. Diese freien Räume wurden von uns aber eher selten bespielt. Warum? Hier kommt wieder die Rückverteidigung ins Spiel. Sollte man den Aufbau über die Außenbahn forcieren und versuchen dort eine Überzahl zu erschaffen (was unter Ewald Lienen häufig der Fall war), dann sieht man bei Ballverlust meist ganz alt aus, da die Raumaufteilung bei einem Konter absolut ungünstig ist. Somit wurde nur sehr selten über die Außen gespielt und das meist bei eigenen Umschaltsituationen. Und trotz einer Menge Ballverluste und mangelnder Passgenauigkeit gab es einige Chancen für uns. Dass Darmstadt mit einer Führung in die Pause ging lag vor allem an mangelnder Chancenverwertung lag und nicht an fehlenden Chancen.

Die zweite Hälfte kann durchweg als enttäuschend beschrieben werden. Symptomatisch für die Planlosigkeit, mit der angerannt wurde, ist die Einwechslung von Diamantakos. Ich bin mir sicher, dass wir an diesem Spieler noch viel Spaß haben werden. Allerdings frage ich mich, wie er uns gestern hätte helfen können, außer dass er als Stürmer eine Option mehr in vorderster Reihe darstellte. Die fehlende Abstimmung des Sturm-Trios war bis in den obersten Rang des Stadions zu spüren. Wenn solch eine Einwechslung möglich ist, dann stelle ich mir die Frage, ob es überhaupt einen ausgereiften Plan gab, wie man in der zweiten Halbzeit ein Tor gegen Darmstadt erzielen wollte. 15 Minuten nach Diamantakos‘ Einwechslung stellte der Wechsel von Allagui auf Neudecker dann wieder das vorher gespielte 442 her, welches mich dann komplett ratlos machte, was die Einwechslung von Diamantakos für Sahin bezwecken sollte. Die Phase zwischen den beiden Wechseln war auch deutlich unsere schwächste. Für mich kam die Einwechslung von Neudecker, für viele im Stadion die Auswechslung von Allagui zu spät. Selbst wenn man mal von den Ballverlusten und Fehlpässen absieht (zumal auch immer einige gute Aktionen dabei sind und ich bereits ausführte, wie hoch der Druck und die Geschwindigkeit sind), so ist auf jeden Fall die Körpersprache von Sami Allagui absolut ungenügend. Das spiegelt sich auch im Defensivverhalten wieder. Sorry, aber da helfen dann auch die paar Tore nicht viel. Hier muss was passieren!

Es bleibt festzuhalten, dass besonders bei Umschaltsituationen Darmstadt in der ersten Hälfte ziemlich schlecht aussah. Und das kann man auch andersrum betrachten: Markus Kauczinski sagte bereits bei Amtsantritt, dass der Kader des FCSP sich besonders gut im Umschaltspiel machen würde. Ich habe das durchaus als kleinen Seitenhieb gegen Olaf Janßen verstanden, da dieser versuchte spielerische Elemente wie Kombinationsfußball wieder mehr in den Vordergrund zu stellen. Der Fokus auf das Umschaltspiel ist aber keine Neuheit. Auch unter Lienen war das unser größter Trumpf. Bei diesem Fokus handelt es sich ganz klar um eine reine Fehlervermeidungs-Strategie. Damit werden wir die nötigen Punkte holen, um nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Mehr aber auch nicht. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ möchte man meinen. In der 2.Liga ist es eher „Wer am wenigsten wagt, gewinnt“.

Und sonst so?

Nur kurz, weil es so lächerlich ist: Unser “Sicherheitsbeauftragter” hatte Kontakt mit der GdP. Anscheinend ist es nicht bis in die letzte Gehirnwindung durchgedrungen, dass man nicht auf jeder Party willkommen ist. Und man wundert sich noch, dass man an der Tür abgewiesen wird, wenn man vieles dafür tut, um mit den anderen Partygästen nicht befreundet zu sein…

//timbo

Links:
– Nice Guys St.Pauli: #senfdazu48
– Stefan Groenveld: Lautes Schweigen am Millerntor

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MT049 – Handball in Ruanda

Die letzte Folge unseres Podcasts für dieses Jahr beschäftigt sich im ersten Teil mit den zurückliegenden Spielen in Bielefeld, gegen Duisburg und Bochum sowie dem Trainerwechsel.

Nachdem Wilko aus Übersteiger Nr.29 vorgelesen hat, wie ein spanischer Fanclub damals auf den FCSP blickte, unterhalten wir uns mit unseren Gästen Arne und Ben, die beide für die 1.Mannschaft des FCSP in der Oberliga HH/SH Handball spielen. Wäre sicher alleine auch schon eine Einladung wert gewesen, allerdings gibt es aktuell noch ein besonderes Thema, welches es hervorzuheben lohnt:
Das Team war im Sommer in Ruanda und hat dort das Projekt “We’ll never play alone” ins Leben gerufen. (Reisebericht: Hier!)

(c) FC St.Pauli Handball

Wie es dazu kam, was für Eindrücke man vor Ort bekommen hat und wie es weitergehen soll: Hört es Euch an, ganz tolles Projekt.
Oder, wie Sebastian es auf Twitter formulierte:

Noch ein Wort zu unserem Test, die Sendung bei Facebook live zu streamen: Grundsätzlich ist dies gelungen, die Technik spielt mit. Die Audioqualität war grausam, wir wissen aber woran dies liegt und werden das schon beim nächsten Mal behoben haben, glaube wir. Die Bildqualität war zwar ab und an etwas pixelig, bei einer einzigen Kameraeinstellung für circa drei Stunden ist dies aber vielleicht auch vernachlässigenswert… aber auch da werden wir versuchen, dies noch zu verbessern.
Wenn das also beim nächsten Mal wie geplant klappt, werden wir das auch in der Zukunft etwas besser bewerben und dann endlich auch Eure Kommentare direkt in der Sendung einbinden.

Nachtrag, 3.April 2018:
Es hat etwas gedauert, aber jetzt ist der Film auch öffentlich frei verfügbar:


Links:
Facebook-Seite “We’ll never play alone” (inkl. Teasern zum Film)
Reisebericht aus Ruanda
Lesung “Wir Wochenendrebellen” am 13.1.2018 (Fanräume)

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18.Spieltag (H): VfL Bochum

FC St.Pauli – VfL Bochum 2:1 (1:0)
Tore: 1:0 Lasse Sobiech (34.), 2:0 Jan-Marc Schneider (49.), 2:1 Lukas Hinterseer (75.)
Gelb-Rot: Anthony Losilla (90.)
Zuschauer: 29.005
(ca. 1.500 Gästefans)

Puh… Erleichterung, Winterpause, Akku aufladen.
[Artikel Ende]

(Halb)Jahresfazit

Das letzte Spiel im Kalenderjahr gibt ja auch immer die Möglichkeit, ein kleines Fazit zu ziehen und auf das Jahr zurückzuschauen – oder zumindest auf die abgelaufene Halbserie.
Im konkreten Fall des ruhmreichen FCSP lohnt sich natürlich mal der Blick auf das Große Ganze, denn letztes Jahr Weihnachten hatten wir auch gerade ein Heimspiel gegen den VfL Bochum zum Jahresabschluß hinter uns.

Es war der 17.Spieltag. Nach katastrophalem Beginn der Saison hatten wir durch einen 2:0-Sieg in Fürth (“Cenk ein das Ding!”) doch noch einen Funken Hoffnung und wollten mit einem Heimsieg diesen weiter glimmen lassen.
Bouhaddouz mit einem sehenswerten Heber an die Latte verpasste die frühe Führung, stattdessen musste Daniel Buballa mit einer Kopfverletzung schon nach einer guten Viertelstunde ausgewechselt werden. Mlapa erzielte dann in der 20.Minute das 0:1, ehe Bochums Perthel nach einem Tritt an den Kopf von Miyaichi nach einer knappen halben Stunde vom Feld musste.
Anrennen, Verzweiflung – und mehr als den Ausgleich durch Bouhaddouz in der 76.Minute gab es nicht mehr.
Elf Punkte nach 17 Spielen, damit exakt so viele wie “Die Region” sie nach 17 Spielen in dieser Saison hatte.

Der Rest ist bekannt: Dank der besten Rückrunde der Vereinsgeschichte konnten wir das Ruder noch herumreißen und die Saison auf Platz 7 beenden. Ewald Lienen wurde vom Trainer zum Technischen Direktor, Olaf Janßen übernahm den Cheftrainerposten und nach einem Sieg in Braunschweig am 11.Spieltag hielt man mit Platz 5 durchaus Anschluß an die Aufstiegsplätze.
Schon da hatte man sicher den ein oder anderen Punkt mehr, als es dem Spielverlauf nach angemessen gewesen wäre (Nürnberg und Braunschweig).
Doch dies sollte sich dann recht schnell umkehren, der unglückliche Niederlage gegen Düsseldorf folgten (nach dem Zwischenhoch in Braunschweig) unglückliche Unentschieden in Sandhausen, gegen Aue, die vielleicht beste Saisonleistung bei Union Berlin ohne Punkte und nach einem erneut eher unglücklichen Unentschieden gegen Regensburg die krachenden Pleiten in Fürth und Bielefeld – sowie die Entlassung von Olaf Janßen.

Ich tue mich bekanntlich schwer mit Trainerentlassungen, da dies auch immer das Eingestehen eines schweren Fehlers (des Vereins, des Präsidiums, der Mannschaft, whoever) ist. Im konkreten Fall aber war es wohl die richtige Entscheidung, da die Spiele in Fürth und Bielefeld die Entwicklung der bisherige Saison nur auf die Spitze trieben.
Vielleicht ist Olaf Janßen einfach der geborene Co-Trainer, so wie Michael Henke? Dass er sein Fach versteht, hat er in der letzten Saison bewiesen, wo er (meiner Meinung nach) einen erheblichen Anteil am Klassenerhalt hatte.
Ich wünsche ihm jedenfalls alles Gute, auf das er bald einen neuen Verein findet.

Nun also Markus Kauczinski.
Für eine fundierte Einschätzung ist es natürlich noch viel zu früh, wenn man so etwas (ohne täglich beim Training und in allen Besprechungen zu sein) überhaupt jemals kann. (Diese Einschätzung gilt natürlich auch für mein oben Geschriebenes zu Olaf Janßen.) Direkt nach der Verpflichtung kam von “Unsympath” bis “Sympathisch” in den sozialen Netzwerken auch gleich die ganze Bandbreite an Meinungen, ich persönlich fand seine Arbeit in Karlsruhe aus der Ferne betrachtet mehr als beachtlich.
Die Punkteausbeute ist mit vier Punkten aus zwei Heimspielen absolut im Soll, zumal beim aktuellen Verletzungspech.

Vor dem Spiel

Die Bochumer Fanszene macht bekanntlich seit der erfolgten Ausgliederung einen Supportboykott, was auch gestern deutlich zu merken war, leider.
Derjenige, den man (u.a.?) als Verantwortlichen ausgemacht hat, ist Christian Hochstätter, an den daher das “Verpiss Dich!”-Banner gerichtet war, bei dem das “CH” am Ende farblich hervorgehoben war.

Kaum hing dieses, marschierte die Hamburger Polizei auf und entfernte es, bzw. zumindest den “Dich”-Part. “Verpiss” durfte hängen bleiben…
Begründung? Keine Ahnung, dürfte rechtsstaatlich aber auch schwer fallen eine zu finden.
Ist ja auch nicht so, dass unverstädnliches Verhalten der Exekutive in Hamburg aktuell eine Ausnahme wäre.
Für das #G20Fahndung-Thema fehlt mir hier die Zeit, aber da gibt es auch deutlich qualifiziertere Seiten, die sich bereits fundiert geäußert haben, beispielsweise Patrick Gensing oder die Süddeutsche.

Dabei könnte man über die Polizei aktuell auch einfach nur permanent lachen, wenn das Ganze nicht so traurig wäre:

Oder auch: Der gut getarnte Undercover-Einsatz…

Ohne Worte…
Zum Glück kommt sie nicht mit allem durch. Die hier im Tweet gesendeten Grüße bzw. die diese nötig machenden Hintergründe sollte aber jeder im Hinterkopf behalten.

Und da hab ich jetzt noch nicht mal angefangen, die Ereignisse aus Bremen vom Samstag aufzuarbeiten…

Sportliches

Ach, wo ich grad so eifrig Tweets einbette, einen hab ich noch:


Ich muss aber schon zugeben, dass mir etwas mulmig wurde, als dann auch noch der Ausfall von Lasse Sobiech drohte.
Womit wir beim “Spieler des Spieltags” wären, völlig verdient. Ein Tor gemacht, zwei weitere wurden nur knapp vom Torwart und der Latte verhindert, hinten alles weggeschädelt – bärenstarker Auftritt.
Was man vom gesamten Team in der ersten Viertelstunde nicht behaupten konnte, da standen wir eher vogelwild und hatten Glück, dass Bochum uns nicht früh in Rückstand brachte.

Hervorheben muss man hier natürlich auch Yi-Young Park, der schon mit seinem ersten Pass einen rabenschwarzen Abend einleitete und über das gesamte Spiel nicht zu der souveränen Rolle fand, die er in der U23 ausfüllt.
Da hätte ihn mancher Trainer wohl spätestens zur Halbzeit “erlöst”, Kauczinski ließ ihn aber auf dem Feld und hatte damit auch Erfolg.
Park muss da jetzt schnell für sich das Positive draus ziehen und lernen.
Er kann das zweifellos deutlich besser und wird dies auch noch zeigen. Es gibt sicher auch dankbarere Aufgaben, als als junger Spieler in dieser Saisonpahse sein erstes Spiel in einer verunsicherten Mannschaft bestreiten zu dürfen.

Ansonsten war es ein Sieg des Willens.
Anfangs ins Spiel reingebissen, später dann auch spielerisch nach vorne Akzente gesetzt. Auch Sami Allagui gefällt mir immer besser… ja, das mag erstaunen, allerdings arbeitet er da vorne immens viel, erarbeitet sich die Chancen, holt sich auch mal Bälle – und hat einfach momentan die Seuche im Abschluß.
Auch da: Ich bleibe Optimist, das wird noch.

Weniger Optimismus ist bei der Bewertung der Torhüterleistung nötig: Starkes Spiel von Robin Himmelmann, in der 3. und 48.Minute jeweils einen Distanzschuß aus dem Winkel gefischt.
Und dann natürlich noch Cenk Sahin, der manches Mal eher abspielen müsste, andererseits dann einen Traumpass auf Jan-Marc Schneider zum 2:0 spielt, nachdem er sich vorher super durchgesetzt hat.

Winterpause

Bitter nötig. Wunden lecken, Trainerteam und Mannschaft müssen sich beschnuppern, hoffentlich viele Verletzte zurückkehren.
Und dann spielt man die Saison vernünftig zuende und schaut mal, ob man sich noch der Relegation nach oben oder unten annähert, denn eine Saison im Mittelmaß kennen wir bekanntlich seit Ewigkeiten nicht mehr.

Hier im Blog wird am Donnerstag noch die letzte Episode des MillernTon-Podcasts veröffentlicht. Zu Gast haben wir Arne und Ben von den St.Pauli-Handballern, die von ihrer Reise nach Ruanda berichten werden.

Hört rein, habt ansonsten ein paar ruhige Tage dann schauen wir mal, was uns 2018 alles so passiert. // Frodo

Links:
– Stefan Groenveld: “Langweiliger Heimsieg
– Magischer FC: “Lasse und Jan hoch 2
– Zaphod BeebleBlox: “Der Untergang findet nicht statt

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Buchrezension: “Wir Wochenendrebellen”

(Diese Rezension erschien in einer gekürzten Version im Print-Übersteiger 130.
Fotocredits: Sabrina Nagel, www.siesah.de)

Wir Wochenendrebellen: Ein ganz besonderer Junge und sein Vater auf Stadiontour durch Europa

Wir Wochenendrebellen

Wenn man mal annimmt, dass der ÜS seit Erscheinen ca. fünf Bücher pro Ausgabe rezensiert, hat die geneigte Leserschaft alleine bei uns schon Empfehlungen für knapp 800 Fußballbücher erhalten. Da sollte man meinen, die Thematik sei abgegrast und zum größten Teil auserzählt. Auch das subjektive Schildern des eigenen Fan-Daseins ist nichts, was 2017 auch nur annähernd als „Alleinstellungsmerkmal“ durchgehen würde, im Gegenteil. Eine Schwemme dieses Genres in den letzten Jahren sorgte leider auch nicht immer für Qualität.

Ab und an aber gibt es Bücher, die einen neuen Blickwinkel auf unser aller Hobby bieten. Der Titel „Wir Wochenendrebellen“ erfüllt beides und ist trotzdem irgendwie kein Fußballbuch. Oder auch doch, aber anders. Oder vielleicht besser: Besonders.

Es geht um die reale Geschichte von Vater und Sohn, die gemeinsam Stadien abklappern, um den einen Verein zu finden, dem der Sohn sein Herz schenken will. Klingt merkwürdig, ist es auch. Allerdings liegt hier eine besondere Ausgangslage vor, denn besagter Sohn hat das Asperger-Syndrom – eine Form des Autismus – und eben deswegen eine besondere Sicht auf Herangehensweisen.
Diese Sicht auf die Welt im Allgemeinen und die Vereinssuche im Besonderen wird zwar eingangs beschrieben, gerät bei der absolut lesenswerten Schilderung der verschiedenen Touren beim Leser aber immer wieder in Vergessenheit – bis sie einem mit voller Wucht wieder vor Augen gehalten wird.

In den allermeisten Fällen ist dies einfach nur amüsant zu lesen, beispielsweise wenn die strikte Einhaltung von Regeln, die Teil dieser Sichtweise ist, dazu führt das sich der Vater im Pinkel-Container der alten Nordkurve am Millerntor in das Schlamm & Urin-Gemisch auf den Boden hocken muss, weil der Sohn sich sonst in die Hose machen würde. Warum genau? Lest selbst.

An anderen Stellen hingegen bleibt einem das Lachen im Halse stecken, weil man realisiert das diese besondere Sichtweise im Alltag eben keine Aneinanderreihung von lustigen Anekdoten ist, sondern Menschen an ihre Grenzen bringt und das Familienleben vor Herausforderungen stellt. Das Buch erscheint somit, wie auch die Touren generell, eine Art Therapie zu sein, an der man von außen teilhaben darf.

Wer ab und an meinen Twitter-Account verfolgt, dürfte über Mircos Account sicher schon mal gestolpert sein, auch sein Sohn twittert inzwischen selbst.
Darüberhinaus sei Euch noch der Facebook-Auftritt empfohlen, wo auch die regelmäßig erscheinenden Podcasts (Radiorebell) der beiden zu finden sind.

Ich lese wirklich viele Fußballblogs und -bücher. Und es stellt sich doch schnell heraus, ob der Blog oder das Buch etwas “besonderes” ist, und damit nicht im Sinne des Buchtitels. Es ist eben eine Qualität, erlebtes in geschriebenen Worten so zu vermitteln, dass man das Gefühl hat direkt dabei zu sein. Die hat nicht jeder, ist aber bei so banalen Themen wie Fußball und Fandasein wichtiger als alles andere (wie zum Beispiel Rechtschreibung). Wir reden hier ja nicht über das politische Weltgeschehen, wo fundierte Recherche nötig ist, sondern um den Alltag. Und der ist eben in den allermeisten Fällen furchtbar langweilig und banal, wie es auch viele Auswärtsberichte im Fußballkosmos sind.
Die Texte der Wochenendrebellen leben natürlich zum Einen von der speziellen Story dieser Touren, zum Anderen aber von eben dieser Qualität, das Erlebte erlebbar zu schildern und den Leser mitzunehmen. Im Guten, wie im Schlechten.
Und wer sich auch nur annähernd für unser aller Hobby interessiert, sollte dieses Buch gelesen haben und am besten gleich auch noch zusätzlich verschenken. Meine wenig fußballaffinen Kollegen haben mir nach einem anfänglichen Nasenrümpfen über ein “Fußballbuch” jedenfalls nachträglich versichert, dass sie es sehr gerne gelesen haben.

Während sich das Buch sicher gut unterm Geschenkbaum macht, kann man den Autoren am 13.Januar 2017 um 19.10 Uhr in den Fanräumen treffen, wo er aus seinem Buch vorlesen wird. Der Eintritt ist frei, präsentiert von Fanräume und MillernTon.
Am letzten Wochenende waren die beiden bereits zu einer Lesung in Berlin, Eindrücke davon bekommt Ihr hier.
Wer mehr über die Touren und die Hintergründe erfahren will, kann dies generell unter www.wochenendrebell.de. Wer das Buch dort bestellt, unterstützt gleichzeitig auch noch die Neven-Subotic-Stiftung.

Mirco von Juterczenka: Wir Wochenendrebellen, Ein ganz besonderer Junge und sein Vater auf Stadiontour durch Europa, Gebundene Ausgabe, Benevento, ISBN 978-3710900174, 244 Seiten, 20,00€ / e-Book 15,99€ // Frodo

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