Carsten war in Hoffenheim
Aber von Anfang an: Das Spiel und der Stadionbesuch standen zumindest für mich am Donnerstag noch extrem auf der Kippe. Krankheitsbedingt stand sogar eine stationäre Aufnahme im Krankenhaus zur Debatte, allerdings entschied sich das medizinische Fachpersonal vorerst dagegen.
Übrigens: Wusstet ihr, dass man in der Notaufnahme nicht nur zu den Krankheitssymptomen befragt wird? Es wird — kein Witz — schriftlich festgehalten: Patient mit leicht adipösem Körperbau. Äh, bitte? Falls du vorher noch nie Selbstzweifel hattest: jetzt schon. Da fällt mir übrigens ein Wort über mich selbst ein: Ich würde auf dem Platz vermutlich keine gute Figur mehr abgeben.
Auch bis Samstag früh war mein eigenes Empfinden nicht wirklich im Plusbereich. Die Tatsache, dass ich die Karten für die Jungs in der Geldbörse hatte, ließ mich dann aber doch in den Zug steigen.
Im vergangenen Jahr reisten wir noch mit dem Auto an, dieses Jahr wagte ich die Anreise selbstständig per Zug. Mein Vorname und das Wort „Gefahr“ beinhalten beide ein „a“ — wird schon was dran sein. Irgendwie kommt man dann auch mit Umsteigen als Blinder an, und ehrlicherweise ist der Bahnhof in Sinsheim überschaubar — wobei das schon geschmeichelt wäre. Aber, und da können sich andere Städte gern etwas abschauen: Er ist komplett barrierefrei. Ist ja auch nur das eine Gleis.

Bereits knapp drei Stunden vor Anpfiff lernte die interessierte Wendy-Zeitungsleserschaft noch die badische Reiterstaffel kennen, die den Fanmarsch der Hoffenheimer „Szene“ Richtung Stadion über die Straße begleitete. Warum auch immer — Geld muss ja raus. Der Weg zum Stadion führt einen dann über das Außengelände des Technikmuseums. Wer dort das Stück der Wuppertaler Schwebebahn sieht und sich fragt, wie der Elefant hieß, der damals herausfiel: Nein, ich war es nicht. Tuffi war’s.
Am Stadion angekommen ging es direkt hinein. Rund ums Stadion gibt es bekanntlich maximal noch die Autobahn, danach wird es kulturell eher dünn. Wir hatten uns über die TSG-Seite im Vorverkauf eigenständig Karten für Block J, mittig, Reihe 2 besorgt — ungefähr identische Plätze wie beim Sieg im letzten Jahr, nur mit deutlich angenehmeren Temperaturen.
Typisch Sankt Pauli wäre übrigens gewesen, nach der Euphorie gegen Bremen am darauffolgenden Wochenende wieder ordentlich unter die Räder zu geraten. Ein Blick ins weite Rund vor Anpfiff: Von den rund 6000 Auswärtssupportern, die im letzten Jahr dabei waren, war diesmal nicht allzu viel zu sehen oder zu hören. Und bis auf den gut gelaunten Stehblock unsererseits war auch während des Spiels nicht durchgehend viel los — dazu gleich mehr.
Der ältere Herr neben uns versuchte, ein Gespräch zu beginnen. Panisch suchte ich die Toilette auf und tauschte danach den Platz. Zwickt mich, aber ich hasse oberflächliche Gespräche, in denen man aus Höflichkeit Dinge sagt, die einen innerlich erstarren lassen. „Du sollst nicht lügen“, wusste bekanntlich schon ein anderer Typ. Und ja, Hoffenheim und wir — sagen wir mal — liegen nicht ganz auf einer Linie.
Übrigens: Auf der Welt ballern sich seit Samstag wieder Verrückte ins Jenseits, und wir laufen uns in Tarnshirts warm. Fehlt nur noch die A-Team-Musik zum Einlaufen. Hört doch bitte auf mit dem Quatsch. Über die Hoffenheimer PR-Abteilung wird (zu Recht) gemeckert, aber in solchen Zeiten in Camouflage aufzulaufen — schwierig.
Kurz vor Beginn kam das Hoffe-Maskottchen mit dem Kinderclub an uns vorbei. Auf die Aufforderung, mit mir den bereits feststehenden Sieger Sankt Pauli zu huldigen, rückte der blau-weiße Nachwuchs streng zusammen und rief vereint „Hoffenheim, Hoffenheim“. Übrigens: Welches Tier soll das Maskottchen eigentlich darstellen? Von hinten ein bisschen wie ein Esel. Und warum heißt es nicht einfach Dietmar?
Ein Spiel gab es auch: In den ersten 20 Minuten gab überraschend die Heimkurve den Ton an. Erst im weiteren Verlauf, spätestens mit dem 0:1, kippte das Pendel auf unsere Seite. Was ich allerdings nicht verstehe — und sorry für die klaren Worte: Warum schaffen es der HSV, Köln oder Gladbach mit 10.000 Leuten, ein Stadion komplett einzunehmen, wir aber nicht? Seit zwei Jahren lese ich, dass es keine Karten gibt, und in der Crunch-Time ist die Motivation dann doch überschaubar. Klar, es gibt attraktivere Fahrten als Hoffenheim. Aber wer von Mannschaft, Trainer und Verantwortlichen ständig erwartet, dass sie alles raushauen und gleichzeitig alles kritisiert — wo ist denn dann diese „große Masse“ auswärts? Oder ist sie vielleicht doch kleiner als gedacht? Ein Phänomen der sozialen Meckerkultur.

Der Rest ist schnell erzählt: Pereira-Lage hat einen geheimen Pakt, laut dem er nur gegen Hoffenheim treffen kann. Vasilj hat eine Bilanz von 1:9 (ein Patzer zu neun Glanzparaden). Außerdem: Nur noch zehn Siege, dann fahren wir nächstes Jahr nach Europa — und dann gibt’s auswärts wie zu Hause keine Karten mehr. Mir bluten jetzt schon die Ohren von dem Gerede.
Der nette Herr neben uns war während des Spiels übrigens gar nicht mehr so nett, irgendwas mit „scheiß Sankt Pauli“ … Ich hab da Tinnitus.
Übernachtet wurde anschließend in Heidelberg. Schöne Stadt — die schaue ich mir nächstes Jahr mal richtig an. Also mehr als Pub und Bahnhof.
