Übersteiger 103

Vorwort

Klassenerhalt mit Waffengewalt!

„Und klaro spielt der FC St.Pauli von 1910 auch in seinem 102. Jahr in der 1. Fußball-Bundesliga! Obwohl es eigentlich auch verlockend wäre, wenn man die Bauern mit der „Schmach vom 16. Februar“ erst mal ein paar Jährchen alleine in der Liga zurück lassen würde…“

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere Stammleser ja noch? Mit diesen weisen Worten endete unser letztes Vorwort, welches wir damals ausnahmsweise ans Ende des Heftes packten und es, crazy wie wir sind, Nachwort betitelten. Verrückte Paulis. Zum damaligen Zeitpunkt, nach dem historischen Derbysieg, schimpfte sich die Profimannschaft des FC St.Pauli sogar noch „bestes Rückrundenteam“ und die DFL schickte unsere Helden mit satten 28 Punkten im Gepäck zum Topspiel an den westlichen Rand des Sauerlandes. Das war Mitte Februar.

Nur 80 Tage danach steht die Trümmertruppe mit jetzt 29 Punkten knietief in der Zweitliga-Scheiße. Sie hatten die Seuche mitgebracht… 

Ach verdammt, eigentlich ist das Allerschlimmste an diesem höchst wahrscheinlichen 5. Bundesliga-Abstieg, dass er so grausam schleichend kam. Jede_r von uns hat zwar einen persönlichen Moment, aber irgendwie fehlte dann doch der ganz große, tragische Augenblick des Scheiterns. Die Gefühlsexplosion blieb aus, man resignierte wochenlang einfach so vor sich hin. Vielleicht hat das aber auch nur mit den vielen sportlichen Höhepunkten der vergangenen Jahre zu tun. Einfach mal so absteigen können die meisten anscheinend nicht mehr. Von Wollen ganz zu schweigen. Verfluchtes Eventpublikum! 

Ach, wo wir gerade bei Krawalltouristen und ähnlichen, von der Presse erfundenen Märchenfiguren sind, um das „Wutbürgertum“ im Land zu diffamieren: Der Übersteiger solidarisiert sich in diesen Tagen mit den Aktivistinnen und Aktivisten der Roten Flora. 
Flora bleibt erstklassig!

Kommen wir aber zum 103. Ausdruck unserer Gefühlswelt, welche abwechslungsreicher nicht sein könnte. Uns wurden einige sozial-romantische Ideen für die Zukunft zugespielt, die wir natürlich herzlich gerne veröffentlichen. Viva con Aqua bezieht Stellung, zu der hauseigenst versauten PR-Aktion. Leicht angepisst von der eigenen Situation geht nun auch der Ständige Fan-Ausschuss an die Öffentlichkeit. Wobei wir vorweg schon mal darauf hinweisen möchten, dass es erst im nächsten Heft mehr zum Aktionstag gibt. Hat gute Gründe, versprochen. Heute stellen wir aber erst einmal St.Paulis neue Dart-Abteilung, Liverpool und speziell den Stadtteil Everton vor. Wir interviewen den Historiker Gregor Backes, die Förde Bande und den Macher von taktikguru.net. Zudem lassen wir die ereignisreiche Jahr 100-Saison noch einmal Revue passieren, berichten wie immer ausführlich von ehemaligen Spielerlegenden und anderen Ex-Knalltüten. Wir feiern unsere meisterlichen Handballer und fiebern natürlich weiterhin mit unserer 4. Mannschaft, die kurz vor dem Saisonshowdown steht. Wie ihr unten seht hat Tresenthesen-Olli derweil mehr mit sich selbst kämpfen, als irgendetwas zu dieser Ausgabe beizutragen. Nachdem er das Model seiner Zigarettenmarke kennen und lieben gelernt hat, versucht er nun gerade krampfhaft sich das Rauchen ab zu gewöhnen. Wir wissen ja alle was mit dem Marlboro-Man geschehen ist. 

So, um das eigene Elend hier schlussendlich abzurunden (und weil sich die Überschrift da oben zwar derbe gut liest, aber irgendwie auch keinen tieferen Sinn mehr ergibt), beenden wir diese Erstliga-Saison ebenfalls mit der Überschrift des Nachwortes aus dem letzten Heft. Schönen Kurzurlaub euch allen, wir sehen uns Mitte Juli…

Das war’s! (wahrscheinlich dann ja wohl)

Eure Übersteiger

P.S.: Stani und Truller, wir wünschen Euch eine schöne Sommerpause.


Von der Romantik

Von der Romantik

Es war wohl das vereinspolitische Thema der Rückrunde: Die Sozialromantiker und der Jolly Rouge seit dem Heimspiel zum Rück-rundenauftakt gegen Freiburg ist viel passiert, wirklich greifbares aber auch eben nicht. Ein Rückblick, eine Bestandsaufnahme und ein Ausblick in diesem Gastartikel.

Auf die Beschaffenheit des Tages selbst einzuwirken, 
das ist die höchste aller Künste. 

Henry David Thoreau

In meinem Hinterhof weht seit ein paar Monaten an Spieltagen der Jolly Rouge. Den haben meine Töchter und ich selbst gebastelt, aus rotem Tuch und schwarzer Textilfarbe. Wir haben uns im Freundeskreis beraten, welches Motiv man gut oder auch besser findet, den Jolly Rouge nach DIN-Norm oder das Modell Grunge. Haben uns Tipps gegeben, wie man das hämische Lachen herausarbeitet und was die anderen St. Paulianer denn so machen, basteln, malen und bestellen zum ersten Heimspiel der Rückrunde. Er ist uns ganz gut gelungen, wie ich finde, meine Tochter hat da ein Händchen für. Wir haben viel zu viel Farbe verwendet, sodass der Totenkopf im Regen nach dem Spiel verlaufen ist und nun dreckig und schmuddelig aussieht. Passt zu St. Pauli, das Schmuddelige und Dreckige. Ich nehme meinen Jolly Rouge seit dem Freiburg-Spiel zu jedem Bundesliga-Spiel der Boys in Brown mit, zuhause oder auswärts.

Es war eine beeindruckende Demonstration von Liebe und Leidenschaft gegen den SC Freiburg, und es hat mir selten so viel Spaß gemacht zu demonstrieren wie beim “Bring Back St. Pauli”-Singen am Millerntor. Es war der vorübergehende Höhepunkt einer Protestbewegung, die sich nach der Niederlage gegen Mainz kurz vor Weihnachten über Blogs und Foren in der Sozialromantiker-Ini kumulierte, dann online an Dynamik gewann und sich real in tausenden roten Jolly Rouges, in Form von Flaggen, Pappen, Mützen und T-Shirts am Millerntor manifestierte. Alle Kurven rot. Die Süd, die Gegengerade, die Nord und große Teile der Haupttribüne, wir waren rot-schwarz – was übrigens schon Stunden vor dem Anpfiff fein anzusehen war und zu lustigen Verblüffungen bei den Freiburger Fans führte.

Ich hatte das erleben dürfen, was ich ersehnt hatte: Einen Nachmittag im Stadion des FC St. Pauli, der zeigte, dass er lebt, wie er lebt, dass er nicht bereit ist, sich vom Kommerz weg formalisieren und allmählich nieder meucheln zu lassen. Es war zu genießen, zu was diese so wundervolle, heterogene, heiß geliebte Crowd in der Lage ist, wenn es darum geht, sich dagegen zu wehren, dass man ihr das Herz aus St. Pauli heraus reißen und ausverkaufen will auf diesem gnadenlosen Fleischmarkt namens „Profifußball“.

Jetzt ist das Präsidium am Zug. Wir haben gezeigt, dass wir mehr sind als ein paar tausend Spinner aus dem Internet. Und machen weiter. Das Herz von St. Pauli hatte Herzblut durchzupumpen begonnen, dessen Wucht Herrn Stenger und Konsorten die Sprache verschlug. Flugs wurde Respekt gezollt, der Willensäußerung von Tausenden. Wieviel der Wert ist? Ich weiß es nicht genau, befürchte aber, dass unser Präsidium fundamentale Schwierigkeiten hat, den emotionalen Kern des sozialromantischen Protestes zu verstehen. Ich möchte versuchen, mich diesem Kern zu nähern und die Romantik für Herren wie Gernot Stenger und Bernd-Georg Spies zu übersetzen.

Vereinsmeierei

Der FC St. Pauli ist ein Fußballverein. Das ist wichtig, dass sich das Menschen, wie ich einer bin, immer wieder vergegenwärtigen. Da sind Strukturen, die sind erst einmal dafür da, dass anständig Fußball gespielt werden kann. Der FC St. Pauli, den ich seit Jahren begleite, der ist auch einer, nur dass in seinem Umfeld, seinem Kiez etwas ist, was nicht Verein ist, keinem Zweck folgt, keiner Struktur, sondern einer Idee, einem Gefühl, vielleicht sogar einem Zeitgeist, ihm jedenfalls entsprungen ist. Die aktive Fankultur – wobei ich den Begriff “aktiv” inzwischen für falsch halte, nicht, weil sie weniger aktiv wäre, sondern weil es um sie herum andere Fans gibt, die eben auch aktiv sind, nur weniger organisiert. Diese Fanszene also, von außen wahrgenommen, ein wirres Gewühle von Initiativen, Räten, Läden und Ausschüssen hat sich über viele offene Schnittstellen, oder Wege, die beschwerlich erst zu Schnittstellen wurden, in das Konstrukt Verein herein gearbeitet. So, dass Vereinsgremien, und Funktionsträger nun Ansprechpartner haben. Böse Zungen behaupten, dass ginge gar nicht, Funktionsträger und “Aktiver Fan” zu sein. Irgendwie geht es aber doch und das Ziselierte der Organisation scheint den Zauber, der vom Jolly Roger, dem Fanladen oder Stadtteil-Inis in den Verein transportiert wird, weitestgehend zu beschützen.

Wichtig ist wohl, zu verstehen, dass dieser Zauber, diese Kraft nur in eine Richtung funktioniert. Von den Fans, vom Jolly Roger in den Verein. Nicht umgekehrt.

Präsidenten und Gremien haben das lange erkannt und in einer inzwischen jahrzehntelangen, manchmal zögerlichen, manchmal energischen Umarmung diese Fanschaft inkorporiert. So nehme ich das von außen wahr. Der Vorteil liegt auf der Hand. Der Verein hat klare Ansprechpartner, die er adressieren, einbeziehen oder beschimpfen kann. Inzwischen scheint es, als habe man sich so aneinander gewöhnt, dass man mit Anspruchsgruppen außerhalb dieser Symbiose nicht mehr kommunizieren mag oder kann. Das gilt übrigens auch für Teile der “aktiven Fanschaft”.

Sankt Pauli ist keine Ini

Richtig ist, die Fanschaft von St. Pauli ist größer, als ihre Organisation. Der Aufstieg in die erste Bundesliga, die Vermarktungsansprüche aus dieser sportlichen Entwicklung, die baulichen und strukturellen Veränderungen im Stadtteil und am Stadion, die Dinge, die letztlich zur sozialromantischen Bewegung, dem Schlachtruf “Bring Back St. Pauli” führten, sind Ausdruck dieser Zweiteilung, formulierte Rückbesinnung auf das Nicht-formale, das diesen Stadtteil einmal ausmachte.

Die Sozialromantiker konnten in ihrer Kumulation der Ärgernisse nur so viele St. Paulianer erreichen, weil sie eben nicht als strukturkonforme Gremien agierten, sondern als Fans, als die Handvoll offen unorganisierter und anonymer Fans, die in einer emotionalen Notlage nach dem richtigen Weg fragen.

Und dieses Suchen stieß auf fruchtbaren Boden. Und zwar bei denen, die man als unorganisierte Fan-Öffentlichkeit bezeichnen kann. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Sozialromantiker-Ini sich im Internet manifestierte und nicht (nur) in Ini-Abenden und im Fanladen. Hier, in den sozialen Netzen des viel gescholtenen Web 2.0, findet man sie, die 4.000 und mehr St. Paulianer, die nach der Fremdbezeichnung das Gegenteil von “aktiv” sind. Die Selbstorganisation der Nichtorganisierten ist meiner Meinung nach der Grund für die schnelle Verbreitung des sozialromantischen Gedanken, hin zu einer Bewegung, die Gernot und das Präsidium gar nicht haben kommen sehen, weil ihre Synapsen, ihre Strukturen nicht darauf ausgelegt sind, auf digitale Öffentlichkeiten zu reagieren.

Ich spitze zu, aber das ist doch eine sehr kommode Situation, dass man alles Vereinsrelevante in Gremien, Fanausschüssen und ansonsten über die BILD/Mopo kommunizieren kann. Da bleiben die Dinge im Haus und man hat über alles Gesagte halbwegs die Kontrolle. Das geht seit den Sozialromantikern nicht mehr. Dessen Initiatoren sind nämlich, wie Originale von Ärzte-Songs nur die Ausgangsgeneration. Wie jede gute MP3-Datei eines Songs auf Tauschbörsen, tausendfach als Master kopiert, haben sich Menschen, die sich dieselben Fragen stellen, sich über dieselben Ärgernisse den Kopf zerbrechen oder denen deswegen dieselbe und doch eigene schwarze Galle überkocht, zu Sozialromantikern entwickelt. Jeder von ihnen ein Original. Da mutet das hilflos an, Ansprechpartner zu fordern, um den tatsächlichen Kontrollverlust zu kompensieren.

Der FC St. Pauli wird sich, und das ist ein erster Erfolg der Sozialromantiker, überlegen müssen, wie er mit Nicht-organisierten Fans kommuniziert. Damit sind nicht die paar Blogger gemeint, die sich im Orbit um den Verein tummeln. Glücklicherweise immer mehr, sodass man die Trolle im Forum langsam sich selbst überlassen kann. Damit meine ich alle diejenigen, die ihr Leben inzwischen online organisieren, die sich im Freundeskreis zusammensetzen, um Pappen und Flaggen zu basteln, nachdem sie auf Facebook gemerkt haben, dass sie nicht allein sind. Weil viele ihrer Kontakte den Jolly Rouge auf ihr Profil gehoben und ihn damit erst zum Symbol gemacht haben.

Jolly Rouge

Das Zeichen, mit dem sich Sozialromantiker erkennen ist der Jolly Rouge, der nicht-lizensierbare Totenkopf auf rotem Grund. Im Grunde eine Wiederaneignung eines Symbols, das uns der Verein, genauer sein Vermarkter Upsolut, einst abgeluchst haben.

Deswegen ist er ein so wichtiges Symbol, und eine viel größere Bedrohung für die Vermarktung des Mythos St. Pauli, als irgendwelche Boykott-Aufrufe es sein könnten. Bei jedem Spiel nach dem initialen Lebendigwerden gegen Freiburg im Januar, habe ich dieses neue Symbol kritischer und sozialromantischer Fans gesehen. Auswärts in Dortmund, zu hause am Millerntor in der Gegengerade und auf der Haupttribüne. Im Norden und der Gegengeraden. Beim letzten Heimspiel haben mich im Ballsaal des Südens mehrere Menschen angesprochen, wo es denn diese tollen neuen St. Pauli-Schals zu kaufen gäbe und selbst die Nörgler im Norden, die meckernd sich einem vorstellen, jedes zweite Wochenende erneut, haben verstanden: Der Jolly Rouge geht nicht mehr weg.

Und er entwickelt sich zum Ersatz für den gestylten, den markenrechtlich geschützten Jolly Roger. Dann, wenn die Münchner Glockenbach-Schickeria merkt, dass ihre Werberärsche dem Kult von gestern hinterherrennen, dann wird der Jolly Rouge auch monetär relevant und die Ausfälle an Logenmiete, die durch eine Abfindung von Susis Showbar flöten gingen beispielsweise, zu Peanuts.

Der Jolly Rouge verbindet das, was Grundlage ist für eine Vermarktung eines Profiklubs, erst zu echtem Wert, eben weil er nicht vermarktbar ist. Klingt
komisch, ist aber so. Er gehört niemandem und doch allen. Auch eine Analogie zu dem, was sich in digitalen Welten vollzieht.

René Martens hat das einmal so zusammengefasst, dass wir Romantiker auf St. Pauli uns der unmöglichen Idee verschrieben haben, “den richtigen Fußball im Falschen” zu finden. Einen Weg, der Vermarktung zulässt, soweit sie sich den emotionalen Grundsätzen unterwirft.

St. Pauli mischt sich ein

Auf einer Auswärtsfahrt kann man mit ein wenig Glück Dinge erleben, die dieses Grundgefühl “Sankt Pauli” ausmachen (und schreckliche Beispiele dafür, was schief gehen kann, wenn nur noch der Kult regiert). Augsburg 2009, die Stadt in der wir lange nicht mehr werden gewinnen können (ja, mir graut es vor einem Relegationsspiel dort), St.Pauli-Fans aus ganz Bayern reisen an, ich bin darunter. Zwei ältere Herren aus Hamburg auch. Wir unterhalten uns über die erstaunliche Vielfalt an Dialekten, die unsere Lieder singen – und die Schattenseiten dieses Booms. Von München aus kommend, haben die beiden plötzlich im gleichen Wagon das U-Bahn-Lied vernehmen müssen – und der Sänger, der lallend da sich einschrie, trug unsere Farben. Da haben die beiden rüstigen St.Paulianer ihn rausgeschmissen am nächsten Bahnhof, unter Aufbringen all ihrer Autorität. Das Totenkopf-T-Shirt musste er auch ausziehen. Er hat es nicht verstanden, wahrscheinlich bis heute nicht, wie sie mutmaßen, als wir gemeinsam dasitzen und immer noch fassungslos sind. “Kultig und rebellisch sein zu wollen, ist da ein häufiger Antrieb”, sagt der ältere von uns – darauf einigen wir uns auch küchenpsychologisch – irgendwie anders sein, um den Preis, dass der Grund verschwindet hinter dem Krawall. “Wir waren anders, weil wir” – damals noch Punker, ergänzt er grinsend – “die fremde Gästekurve sauber gemacht haben nach dem Auswärtsspiel, Müll aufgesammelt haben in selbst mitgebrachten Mülltüten.” Das machte Eindruck, das war anders.

Eine gelassene aber bestimmte Fröhlichkeit, die aus einem Selbstverständnis entspringt, das klar ist, sich nicht zu ernst nimmt und anders sein als vielfältige Möglichkeit ansieht, Utopien ein wenig in Bereiche zu tragen, die sie nicht gewohnt sind.

St. Pauli ist vielfältig

Reminder an mich selbst: der FC St. Pauli ist ein Fußball-Verein. Er hat Kurven und Geraden, die alle etwas vereint. Und doch trennt sie vieles, die Nord und die Südkurve, die Gegengerade und die Haupttribüne. Mir wird das Geklüngel, das Abgrenzen langsam zuviel. Die Alteingesessenen an den Rändern der Haupt wollen den VIP-Klotz in ihrer Mitte loswerden, die Steher im Süden die in ihrem Rücken. So wird das nix. Und es verstärkt die Separierung von Fangruppen. Vielfalt muss man aber fördern – und dazu gehört, imho, das farbenfrohe Mischen aller Eigenschaften über alle Kurven hinweg.

Ein wichtiger erster Schritt wäre, die Vielfalt auf die Tribünen zu tragen, also auch auf der Haupt herzustellen. Dann braucht man auch keine Benimm-Fibeln mehr, wenn Migrantenkids mit rückenkranken Hartz IV-Empfängern und beschwipsten Sparkassenangestellten zusammenstehen oder sitzen. Die Verteilung von nicht verkauften Business Seats an ermäßigungsberechtigte Mitglieder wäre dazu vielleicht geeignet “Kontextualisierung im Rahmen der Viertelkultur und deren Geschichte (herzustellen) – vielleicht ist das Know How des Herrn Dr. Spies ja dazu angetan, da andere Akzente zu setzen, als sie in den weichgewaschenen Neujahrserklärungen des Präsidiums zu lesen waren”, wie Blogger Momorulez mir aus dem Herzen schreibt.

Vielfalt als Konzept bedeutet für mich Ideen, wie Frauen-Quoten offen gegenüber zu sein, sie immer wieder zu diskutieren, auch wenn die weiße und männliche Heterofraktion sich daran schon einmal abgearbeitet hat. Na und? Dann diskutieren wir das eben noch einmal. Vielfalt auf St. Pauli bedeutet auch, über das “Vergreisen” der Gegengerade, nicht nur in Sachen Alter Stamm und Support nachzudenken. Wieso finden sich dort so wenig Migranten aus St. Pauli, die Homies von Nate57 und Konsorten?

Revolvierende Stehplatz-Kontingente, drei Heimspiele Nord, dann Gegengerade und schließlich Süd – eine Hinrunde um das Stadion – das würde Borniertheit, wie ich sie auf der Nord manchmal finde, entgegenwirken. Die Grünen haben das mal Rotationsprinzip genannt, bevor sie sich der Struktur der politischen Bundesliga unterwarfen.

USP*

Und nun Gernot, will ich Dir erklären, wieso das alles besser zu verkaufen geht, als der Schrott, den ihr als Business-Pakete anbietet. Weil es sowas bei Bayer 04 Leverkusen oder Bayern München, bei Chelsea und selbst bei Union Berlin nicht gibt. Derselbe Grund, der Manager nach Alaska lockt, um sich dort zu erden und aufzuladen mit Sinn und Magie, der zieht auch Sponsoren an, wie Licht die Motten. Wenn ich höre, dass sogar Sponsoren von anderen Vereinen, wie Hannover 96 sich mit Auswärtskarten für den FCSP brüsten, dann erscheint mir das Potenzial hier enorm.

Die meisten Romantiker, die sich da Spieltag für Spieltag, Saison für Saison auf die Ränge stellen und setzen, kommen nicht wegen des schmackhaften Fußballs. Manchmal kommen sie wegen des Biers und der Stadionwurst, ehrlich, das ist ok. Aber viele kommen wegen des Versprechens, hier ein paar Stunden Utopien zu leben, aus sich herauszukommen und Magie am Werke zu sehen, die man selbst mit verursacht. Auf die Beschaffenheit des Tages selbst einzuwirken. Und deswegen kommen die Sponsoren auch.

Bottom-up

Lebt Vermarktung von unten nach oben. Lasst jeden Sponsor spüren, dass er etwas Besonderes beizutragen hat, damit die Magie stärker wird und nicht erstickt wird, wie Pommes in Majonäse. Ein paar unsortierte Ideen:

– Keine Fußball-Übertragung in den Ballsälen während der Spiele – Stattdessen ein Hinweis, dass das echte Leben draußen stattfindet.

– Jeder Sponsor gibt 10% seines Engagements in eine Stiftung, die Projekte im Stadtteil oder Verein unterstützt.

Das Sankt Pauli, das ich mir vorstelle, positioniert sich deutlich gegen Gentrifizierung im Stadtteil, ist bewusst kein einfacher Fußballverein. Hat während meiner Lebensspanne keine ausgelagerte Profi-GmbH. Und mindestens erlebe ich einen Spieltag, an dem ich als weißer Heteromann die Minderheit stelle.

Gestern geht in meinem Hinterhof ein kleiner Junge mit seinem Vater an meinem schmuddeligen Jolly Rouge vorbei und sagt “guck mal Papa, Sankt Pauli”. Die Magie wirkt schon – und wenn wir uns anstrengen, kommt sie wieder zurück.

Sankt Pauli zieht die Herzen an
Egal woher sie kommen
Sankt Pauli bietet Freundschaft an
Hier wird man aufgenommen

Günter Peine

Der Autor veröffentlicht unter dem Pseudonym Arik Heuth im Internet. Er ist Sozialromantiker der 2. Generation. – http://stpauli.nu


Die »Investition« aus Sicht des Ständigen Fanausschuss

»Wir haben unglaublich viel investiert in die Diskussion 
mit der aktiven Fanszene.«
Bernd-Georg Spies im Hamburger Abendblatt, 22.04.2011

Es gibt viele Themen, die Fans des FC St. Pauli bewegen. Dazu gehören nicht nur die Trainersuche, der Abstieg und die Zusammensetzung des Kaders in der kommenden Saison. Auch viele andere Aspekte sind für die Fans des FC St. Pauli relevant, auch wenn einige Fans von diesen Themen kaum etwas mitbekommen. Der Ständige Fanausschuss als Zusammenschluss verschiedener Gruppierungen aus der Fanszene trifft sich daher regelmäßig mit dem Präsidium, um Themen abseits des Rasens zu besprechen. Das letzte Treffen zwischen Vertretern des Ständigen Fanausschusses und dem Präsidium sowie der Geschäftsführung fand am 30. März statt. Hier wurden verschiedene relevante Themen angesprochen und diskutiert, die zum Teil seit langer Zeit auf dem Tisch liegen. Zum einen ging es um vermehrte Polizeipräsenz und -einsätze im Millerntorstadion. So taucht die Polizei verstärkt während der Spiele in der Südkurve auf, und auch unsere Gästefans machen zunehmend Bekanntschaft mit den Hamburger Ordnungshütern. Auch die verschiedenen Vorfälle rund ums Jolly Roger haben wir wiederholt thematisiert. Seitens der Vereinsführung wurde zugesagt, die Bedenken an die zuständigen Ansprechpartner bei den Hamburger Behörden weiterzutragen.

Ein weiteres Dauerthema waren beim letzten Treffen die Eintrittskarten. Die Verteilung bestimmter Kartenkontingente, z.B. eine Verlängerung der 500 Saisontickets, soll geprüft werden. Den Rückbau von Business Seats zur kommenden Saison schlossen Präsidium und Geschäftsführung aus. Gleiches gilt für eine Kündigung des noch bis 2012 laufenden Vertrages mit den Logenmietern aus Susis Showbar.

Es gibt klare Absagen von Seiten des Präsidiums und der Geschäftsführung und auch Zusagen. Leider müssen wir aber feststellen, dass eine Umsetzung der Zusagen meist nicht zeitnah und wenn dann erst auf Nachfrage erfolgt. Verschiedene Fanclubs und der Fanladen nutzen Container auf dem Stadiongelände, die schon seit langer Zeit umgestellt werden sollten. Tatsächlich geschah dieses nur bei einem der beiden Container, und auch dies erst nach Monaten und etlichen Nachfragen. Auch eine Änderung der Stadionordnung wurde Anfang des Jahres zugesagt, bisher ist dies nicht geschehen. Dies zeigt, dass die Kommunikation zwischen Präsidium und aktiven Fans keineswegs so hervorragend ist wie oftmals in Interviews dargestellt. Dies gilt umso mehr, da eine Kommunikation zwischen den Treffen kaum stattfindet. Emails und Nachfragen werden, wenn überhaupt, ebenfalls erst mit deutlichem zeit lichen Abstand beantwortet. Eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit besteht auch insofern, als dass bei dem letzten Treffen lediglich ein Vertreter des Präsidiums anwesend war. Einziges eigenes Thema des Präsidiums war, wie auch schon beim Treffen zuvor, das Thema Pyrotechnik.

Wir erwarten von dem Präsidium des FC St. Pauli, dass künftige Gespräche mit Fanvertretern mit der Ernsthaftigkeit geführt werden, wie sie gegenüber den Medien dargestellt wird. Als nächster Gesprächstermin wurde der 31. Mai vereinbart. 

// Ständiger Fanausschuss


Der FC St. Pauli im Nationalsozialismus

Bereits im Übersteiger Nummer 101 hatten wir das hervorragende und gut lesbare Wissenschaftsbuch „Mit deutschem Sportgruss, Heil Hitler! Der FC St. Pauli im Nationalsozialismus“ rezensiert. Nun trafen wir uns mit dem Autor Gregor Backes in der Gaststätte „Backbord“ zu einem Hintergrundgespräch…

Übersteiger: Kannst du kurz erläutern, wie es zur Zusammenarbeit zwischen dir und dem FC St. Pauli gekommen ist und wann das war?
Gregor Backes: Die Idee ist in der Vorbereitungsgruppe zum Vereinsjubiläum entstanden, die sich aus dem damals noch existierenden Ständigen Ausschuss heraus gegründet hat. Das muss 2007 gewesen sein. Hier kam sehr schnell die Idee auf, sich auch sehr intensiv der Vereinsgeschichte zu widmen – und gerade auch der Geschichte im Nationalsozialismus. Der eigentliche Plan war, diese Stelle auszuschreiben – das war so Mitte 2008 – und es gab einen Entwurf für diese Ausschreibung, die auch vom Präsidium abgesegnet wurde. Seitdem ist dann aber bis Anfang 2009 nichts passiert. Dann wurde ich gefragt, ob ich das nicht machen wolle – ich war ja auch selbst in der Vorbereitungsgruppe dabei. Eigentlich hatte ich anfangs gar kein Interesse, habe mich dann aber nach einigem Überlegen im Februar 2009 initiativ auf die Stelle beworben.

ÜS: Warum wolltest du das zunächst gar nicht machen? Das bietet sich doch als Historiker und Fan des Vereins geradezu an.
GB: Das kann ja möglicherweise auch ein bisschen schwierig werden bei seinem eigenen Club. Klar, dass der wissenschaftliche Anspruch gegenüber dem Fansein überwiegen muss. Aber man weiß ja nicht, was bei den Recherchen herauskommt.

ÜS: Bist du denn in gewissen Momenten in Gewissensnöte gekommen?
GB: Nee, gar nicht. Erstens habe ich keine neuen ganz großen schwarzen Flecken in der Vereinsgeschichte entdeckt und zweitens ist das, wie schon erwähnt, wissenschaftliches Arbeiten und keine Schönfärberei von Vereinshistorie.

ÜS: Wie sahen die Vorgaben vereinsseitig aus?
GB: Es gab ein Vorstellungsgespräch mit dem Präsidium, und es hat dann wieder drei Monate gedauert, bis sich der FC zu etwas durchgerungen hat. Das lief dann aber fortan alles über Jubiläumskoordinator Andreas Kahrs. Direkten Kontakt zum Präsidium hatte ich also fast gar nicht mehr. Erinnern kann ich mich noch an den Satz von Corny Littmann, der meinte: „Egal was dabei heraus kommt, wir können nichts in der Schublade verschwinden lassen.“ Das war von meiner Seite aus natürlich auch eine grundlegende Voraussetzung, um das zu machen. Ich habe dann quasi für eineinhalb Jahre Arbeit ein festes Honorar für eine halbe Stelle bekommen. Irgendwelche Vorgaben gab es also nicht.

Bild

ÜS: Hast du noch grundsätzlich andere Quellen auftun können, als die, die beispielweise René Martens oder auch Michael Pahl und Christoph Nagel für ihre Bücher haben nutzen können?
GB: René hat ja nicht besonders quellennah gearbeitet. Mit Michael habe ich recht eng zusammengearbeitet, weil er ja auch in deren Buch den Abschnitt über den Nationalsozialismus bearbeitet hat. Aber glücklicherweise habe ich auch noch andere Quellen aufgetan. Zur Reichsnährstandausstellung gibt es ja zum Beispiel einen umfangreichen Briefwechsel zwischen Verein und Rathaus, der im Staatsarchiv im Aktenkeller verstaubte. Hierauf habe ich wohl als erster zugegriffen. Die Suche nach solchen Quellen gestaltet sich äußerst schwierig und ist auch enorm zeitaufwändig, weil solche Dinge nicht unter dem Stichwort FC St. Pauli archiviert sind, sondern unter Rathaus, Korrespondenz des Bürgermeisters und so weiter. Dann muss man sich natürlich auch noch überlegen: Guck ich mir das an oder nicht…

ÜS: Kannst du dir denn vorstellen, dass es noch irgendwo Quellen gibt, die noch nicht beackert wurden und gänzlich neue Erkenntnisse über den Verein bringen könnten?
GB: Ausschließen kann ich das nicht, weil ich mir selbstverständlich nicht alle Akten im Staatsarchiv angeschaut habe. Dass aber die Historie des FC St. Pauli neu geschrieben werden müsste, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Das grobe Bild steht meines Erachtens. Man sieht aber auch in meinem Buch, dass bestimmte Dinge nur kurz angesprochen werden. Das betrifft zum Beispiel den Umgang mit jüdischen Vereinsmitgliedern innerhalb des FC. Dazu weiß man einfach nichts Genaues. Theoretisch kann es noch irgendwo bislang unentdeckte und aussagekräftige Unterlagen geben, doch bleibt die Frage, wo die lagern und welchen Aufwand man betreiben will oder kann um vielleicht ein neues Dokument zu finden.

ÜS: Dass jetzt noch neue Zeitzeugen auftauchen, kannst du dir nicht vorstellen, oder?
GB: Man hatte oder hat ja noch den einen oder anderen Zeitzeugen. Vor zehn Jahren hätten wirklich noch einige Zeitzeugen mehr gelebt, die bestimmt auch interessante Details hätten beisteuern können. Die beiden Brüder Lang (Anm. der Redaktion: die jüdischen Bürger Otto und Paul Lang zählten zu den Gründungsmitgliedern der Rugbyabteilung 1933) hätten da zum Beispiel noch gelebt. Schade ist halt, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Vereinszeitungen verschollen sind. Bis in die 1990er Jahre hinein gab es einen kompletten Satz beim damaligen Autor der Vereinszeitung. Der ist dann gestorben und mit ihm verschwand diese Kostbarkeit. Der Sohn und auch die Mitautorin sagten später, sie hätten diese Hefte nie gesehen. Scheinbar hat die einfach jemand weggeworfen.

ÜS: Wie viele Zeitzeugen hast du noch befragen können?
GB: Wenige. Mit Günter Peine habe ich einige Gespräche geführt. Aber er konnte sich auch an viele Dinge damals einfach nicht mehr erinnern.

ÜS: Wie lange hat die Arbeit am Buch inkl. der Recherchen und des Schreibens gedauert?
GB: Ungefähr zwei Jahre.

ÜS: Wilhelm Koch hat seinerzeit behauptet, dass im 2. Weltkrieg nahezu alles an vereinsinternen Unterlagen zerstört worden sei. Wie glaubhaft ist diese Aussage?
GB: Nachweisen kann das natürlich niemand. Aber egal, wen du fragst, alle sagen, die Unterlagen seien im Krieg verschwunden. Und weil die Hälfte Hamburgs zerstört war, ist so eine Aussage ja durchaus nicht unglaubwürdig.

ÜS: Welches waren die für dich überraschendsten neuen Erkenntnisse?
GB: Wirklich überraschend war eigentlich nichts. Das Gesamtbild war auch vor meiner Arbeit schon grob abzusehen. Die ganz großen Knaller, wie beispielsweise die Sache mit Otto Wolff (Anm. der Redaktion: Vereinsmitglied und komm. Gauwirtschaftsberater Hamburg) waren ja schon bekannt, und von daher hatte ich mit den ganz großen Enthüllungen auch nicht mehr gerechnet. Am interessantesten fand ich die Erkenntnisse zur Swingjugend. Auch im Verein gab es solche Jugendliche, die sich so weit wie möglich dem System entzogen haben.

ÜS: Interessant ist meines Erachtens der von dir im Buch beschriebene Disput mit NSDAP-Mann Walter Koehler, der als Jugendwart im Verein fungierte. Wilhelm Koch konnte den Intriganten mit Rückendeckung der Hamburger Sportführung sogar kurzweilig aus dem Amt drängen. Kannst du das kurz umschreiben, was da damals passiert ist…
GB: Koehler hatte interne Vereinsinformationen an die Behörden weitergegeben und das in einer Sitzung des Vereinsvorstands auch noch bestritten. Und in der Tat ist es Koch anschließend gelungen, Koehler deswegen abzusägen.

ÜS: Gibt es durch deine Recherchen speziell neue Erkenntnisgewinne über Wilhelm Koch oder belegen diese lediglich die vom Historiker Frank Bajohr seinerzeit in einem Gutachten gemachten Aussagen über den Ex-Präsidenten?
GB: Ich kann in Bezug auf Koch bestätigen, was bislang bekannt wurde. Über seine Firmengeschäfte habe ich nicht weiter geforscht, aber es gibt nach wie vor keinerlei Unterlagen über irgendwelche politischen Aktivitäten. Was ich gefunden habe ist die Aussage von ihm selbst: „Nur dem Sport zuliebe bin ich in die NSDAP eingetreten.“

ÜS: Wo hast du das speziell entdeckt?
GB: Das ist aus einem Sitzungsprotokoll des Hamburger Sportbundes, wo er mit im Vorstand war. Nach dem Krieg war Koch beim Wiederaufbau des Sports in Hamburg einer der treibenden Kräfte. Und dort im Sportbund musste er auch wegen seiner Parteimitgliedschaft die Ämter niederlegen. Der genannte Satz ist sozusagen aus seiner Abschiedsrede.

ÜS: Kommen wir zu den in deinem Buch dokumentierten Ergebnissen: Du schreibst, dass 1933 die Sportvereine in Deutschland massenhaft damit begannen, jüdische Mitglieder rauszuschmeißen. Der FC St. Pauli hingegen nahm zu jener Zeit aber sogar noch neue Mitglieder jüdischen Glaubens auf – z.B. die Brüder Lang in der Rugbyabteilung. Wie erklärst du dir das? Und hast du auch herausbekommen, ab wann auch St. Pauli keine Juden mehr aufgenommen hat?
GB: Die mündlichen Überlieferungen sagen ja: Das war uns egal. Wir haben Sport getrieben und Politik hat uns nicht interessiert. Das wäre natürlich eine Erklärung. Und ich glaube auch nicht, dass das nun ein Akt zivilen Ungehorsams war. Der große Schnitt waren dann die Olympischen Spiele 1936 und die damit einhergehende Rücksichtnahme, um einen Boykott durch die Weltgemeinschaft zu verhindern. Danach war auch schnell Schluss mit jüdischem Sport.

ÜS: 1934 war, trotz gegenteiliger Forderungen der Nazis, im elfköpfigen Vereinsvorstand des FC mit Walter Koehler lediglich ein SA- bzw. NSDAP-Mitglied in der Vereinsführung. Auf einem Foto von 1935 trägt keiner der 29 Funktionäre das Parteiabzeichen. Das bedeutet für mich, dass außer Koehler kein Vereinsfunktionär freiwillig vor 1933, als die NSDAP ein Aufnahmestopp verfügte, in die Partei eingetreten war. Wie siehst du das?
GB: Für einen Teil der Vereinsfunktionäre lässt sich ja nachweisen, dass sie 1935 noch nicht in der NSDAP waren. Ich hatte versucht, es für alle Funktionäre von damals herauszubekommen. Der einzige, für den es wirklich nachweisbar war, ist Koehler, der schon als Jugendlicher und später als Schiedsrichter im Verein aktiv war.

ÜS: Der so genannte „Arierparagraf“, der jüdische Mitgliedschaften in den Vereinen untersagte, wurde seit 1935, quasi als „Empfehlung“ von oben, verstärkt in die Clubsatzungen aufgenommen. Beim FC St. Pauli wurde der Paragraph erst 1940 eingeführt. Was sagt uns das?
GB: Das sagt zumindest, dass der Verein den neuen Paragrafen nicht freiwillig aufgenommen hat, sondern erst als er gezwungen beziehungsweise angewiesen wurde, den Passus aufzunehmen. Das sagt natürlich nicht zwingend etwas über den Umgang mit jüdischen Mitgliedern beim FC St. Pauli aus. Und nur weil der Arierparagraf nicht in der Satzung stand, heißt dies ja im Umkehrschluss auch nicht, dass bis 1940 noch jüdische Sportler im Verein aktiv waren. Das wird definitiv nicht so gewesen sein.

ÜS: Als die NSDAP 1937 ihren Aufnahmestopp beendete, traten neben Wilhelm Koch auch die Funktionäre Richard Sump, Willy Kröger und Fritz Bergemann in die Partei ein. Was veränderte sich dadurch im Verein?
GB: Das war wahrscheinlich lediglich eine Schön-Wetter-Maßnahme gegenüber den Machthabern. Notwendig war es für niemanden, auch nicht für Wilhelm Koch. Vorgeschrieben war das nämlich nur für Personen, die das Amt des Vereinsführers neu übernahmen.

ÜS: Es gab im Verein auch einen Ableger der rebellischen Swingjugend, der auch Harald Stender angehört haben soll. Die Jungs verstanden sich damals ausdrücklich als Gegenpart zur Hitlerjugend. Was kannst du dazu in Bezug auf den FC St. Pauli sagen?
GB: Es gab auf jeden Fall im FC St. Pauli eine Gruppe Jugendlicher, welche sich dem NS-System soweit wie möglich entzogen und dies auch öffentlich demonstrierten. So sind diese z.B. bewusst in provokanter Aufmachung am Rande von HJ-Veranstaltungen aufgetaucht. Eine Beschwerde von Walter Koehler über das Verhalten dieser Jugendlichen war übrigens letztlich auch der Grund für dessen Entlassung. Das Verhalten der Swing-Jugendlichen scheint also auch unter den Erwachsenen im Verein nicht nur auf Ablehnung gestoßen zu sein.

ÜS: Zum Thema Otto Wolff, dessen Wirken in der Nazizeit und dem späteren unreflektierten Umgang seitens des Vereins mit der Causa: Hast du hier neue Dinge herausfinden können?
GB: Die Geschichte von und um Otto Wolff hat ja René Martens schon im Wesentlichen veröffentlicht. Immerhin konnte ich diese ergänzen und bspw. nachweisen, dass er vom Vereine für seine Verdienste mit der Goldenen Ehrennadel ausgezeichnet wurde und nicht für seine langjährige Mitgliedschaft.

ÜS: Du kritisierst, dass der ehemalige linke GAL-Politiker Rainer Trampert in der Festschrift zum 75-jährigen Vereinsjubiläum 1985 geschrieben hat, dass er unter anderem auch deswegen Fan des FC St. Pauli geworden sei, weil „sich der Verein in der Nazi-Zeit anständig gegenüber Verfolgten des Regimes verhalten hat, weil er Leute versteckte, hinter denen die Nazis her waren.“ Belege gäbe es für diese Behauptung auch nach deinen Recherchen nicht, schreibst du weiter. Hast du Trampert selbst mal hierzu befragt?
GB: Diese Frage ist ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit mit den Autoren des Jubiläumsbuches, denn Michael Pahl hatte Trampert diese Frage bereits gestellt. Die Antwort war wohl sinngemäß, das sei ihm, also Trampert, irgendwo so erzählt worden. Ziemlich dürftig…

ÜS: In einem Fazit kommst du zu dem Schluss, dass das Verhalten des Vereins während der Nazi-Terrorherrschaft ambivalent sei und nennst dies „einerseits – andererseits“. Magst du dies bitte noch mal in wenigen Worten erklären.
GB: Der FC St. Pauli hat sich nicht wie andere Vereine ab 1933 politisch besonders hervorgetan oder versucht, sich gut mit dem NS-Regime zu stellen. Auf der anderen Seite sind die Vorgaben aus Politik und Sportverbänden aber auch ohne größeren Widerstand umgesetzt worden.

ÜS: Gibt es irgendwelche interessanten Nebenerkenntnisse, die den Weg nicht ins Buch gefunden haben? In einer Fußnote habe ich bspw. den Hinweis gefunden, dass auf einer Mitgliederversammlung 1932 der Trainer – das müsste Richard Sump gewesen sein – von den anwesenden Mitgliedern gewählt wurde. Oder an anderer Stelle der Verweis auf ein Schreiben der HSV-Führung (sic!) aus dem Herbst 1945, wo noch mit „Heil Hitler“ unterschrieben wurde…
GB: Mir sind bei der Forschung immer mal wieder Anekdoten begegnet, die entweder für Schmunzeln oder für Kopfschütteln gesorgt haben. Beispiele aus beiden Kategorien hast du ja gerade genannt. Vielleicht stöbere ich für die Döntjes-Ecke des Übersteigers nochmal in meinen Unterlagen… Eine Nebenerkenntnis ist aber auch, dass sich manches auch in der inzwischen 101jährigen Vereinsgeschichte nicht geändert hat, wie z.B. der Zusammenhalt innerhalb des Vereins. Früher wurde die Kameradschaft im Verein immer wieder gelobt, heute gibt es dafür den Begriff der „St. Pauli-Familie“.

ÜS: Gregor, herzlichen Dank für das interessante Interview. 

// Ronny

Gregor Backes (43) hat an der Hamburger Universität Geschichte, Politik und Psychologie studiert und arbeitet zur Zeit in der dortigen Fakultät für Geisteswissenschaften im Arbeitsbereich für Europäische Geschichte.


Übersteiger Blogschau: taktikguru.net

Beim herumsurfen im Internet stößt man auch außerhalb des St. Pauli-Kosmos immer mal wieder auf kleine Fußballblogperlen. Meistens frage ich mich dann, warum der der etablierte Sportjournalismus zu solch lesenswerten Einzelstücken nicht mehr in der Lage ist. Deswegen hat die Übersteigerredaktion beschlossen, die digitalen Fundstücke in seinem Holzmedium zu würdigen und stellt die Menschen hinter den Blogs ab sofort in einer mehr oder weniger regelmäßigen reihe vor. Los geht es mit taktikguru.net. Dort macht sich ein Mensch die Mühe, relativ emotionslos und analytisch Fußballspiele streng nach taktischen Gesichtspunkten zu bewerten. Also schnell den Macher Tobias angeschrieben, dumme Fragen gestellt und kluge Antworten bekommen. Lest selbst.

ÜS: Hallo, Tobias. Danke, dass du dir Zeit für den Übersteiger genommen hast. Dann lass uns mal loslegen: Wie alt bist du, wo wohnst du, was machst du beruflich?
Ich bin ein 23jähriger Student aus Hannover. Passenderweise studiere ich Sport, aber mein Fußballwissen habe ich mir außerhalb der Uni angeeignet. 

ÜS: Für welchen Verein schlägt dein Herz?
Früher war ich ein sehr großer Fan des BVBs, mit allem, was dazu gehört. Dann kam die Ära Meyer, die am Ende den Verein sehr weit von den Fans und auch von mir weg gebracht hat. Seitdem habe ich beschlossen, dass ich meine Laune unter der Woche nicht von elf Kickern abhängig machen will, die zu meinem Verein weniger Bezug haben als ich. Natürlich freue ich mich über die großartige Saison des BVB, das kann man nicht von heute auf morgen abstellen. Aber ich würde mich nicht als zur Fanszene zugehörig sehen.

ÜS: Hast du einen zweiten Lieblingsverein?
Ich bin ein großer Fan von Teams, die in ihrer Spielweise flexibel sind. Chelsea und Inter unter Mourinho wären hierfür ein Beispiel – die haben in einer Halbzeit mit vier Stürmern gespielt, um dann in der nächsten Hälfte mit zehn Mannen am eigenen Strafraum zu verteidigen. So etwas imponiert mir.

ÜS: Bist du regelmäßiger Stadiongänger oder gar Dauerkartenbesitzer?
Auch wenn ich nicht mehr beim BVB aktiv bin, trifft man mich regelmäßig in den Stadien des Nordens. Diese Saison habe ich unter anderem St. Pauli hier in Hannover siegen sehen. Auch in den Stadien in Bremen und Hamburg bin ich immer gerne, auch wenn mein letzter Besuch am Millerntor drei, vier Jährchen her ist.

ÜS: Bist du denn sonst irgendwie selbst aktiver Sportler? Oder Schiedsrichter, Jugendtrainer usw.?
Ein Grund, warum ich mich eher für Taktik interessiere, liegt an meinem fehlenden Fußballtalent. Ich habe früher mal in der Kreisklasse in Hamburg gespielt und in der Bezirksliga an der Linie gestanden. Aber nach meinem Umzug nach Hannover habe ich eingesehen, dass ich an der Taktiktafel besser aufgehoben bin als auf dem Bolzplatz.

ÜS: Kannst du denn mit dem neumodischen Begriff des “Konzeptfußballs” etwas anfangen? Teilst du das Lob vieler Sportjournalisten an solche Trainer, die angeblich einen Umbruch eingeleitet hätten wie Dutt, Tuchel, Klopp oder Stanislawski?
Der Begriff Konzeptfußball ist meiner Meinung nach ein wenig verwässert. Ich würde unterscheiden zwischen dem Konzept, das ein Verein über Jahre hinweg verfolgt, und dem taktischem Konzept auf dem Platz. Ersteres braucht man, um langfristig erfolgreich zu sein. Man muss eine grobe Vorstellung haben, wie die eigene Mannschaft spielen soll, und dementsprechend seine Transferpolitik und Jugendmannschaften gestaltet. Gerade für kleinere Mannschaften mit wenig Geld ist das passende Konzept sehr, sehr wichtig. Ein gutes Beispiel für eine Mannschaft mit Konzept ist in der Tat St. Pauli. Hier wird gerade im Jugendbereich gut gearbeitet. 
Taktischen Konzeptfußball sehe ich eher kritisch. Erfolgreich ist man am ehesten, wenn man die eigene Taktik flexibel danach ausrichten kann, was auf dem Platz passiert. Man muss eine konkrete Idee haben, wie die Mannschaft spielen soll, aber darf sich nicht zu fein sein, diese Strategie über Bord zu werfen, wenn es mal nicht so läuft. Das war im Übrigen van Gaals Problem. Aber der Gedanke, den viele Sportjournalisten haben, nämlich dass „Konzeptfußball“ das Heil der Dinge ist, teile ich nicht.

ÜS: Wie viel Fußball schaust du dir denn unter der Woche im Fernsehen an?
Das variiert nach Lust und Laune. In Europapokalwochen kommt es vor, dass ich pro Tag ein Spiel sehe – dienstags bis donnerstags Champions und Europa League, freitags bis sonntags Bundesliga und montags das Topspiel der zweiten Liga. Fußball ist zwar mein liebstes Hobby, aber eben nur ein Hobby. So kann es auch passieren, dass ich mir ein Wochenende was anderes vornehme und nur das Topspiel sehe – wenn überhaupt.

ÜS: Welcher Wettbewerb ist dein Lieblingswettbewerb?
Ganz klar, die Bundesliga. Hier kenne ich die Vereine, die Fangruppierungen, die Stadien. Auch wenn viele andere Taktikblogger am liebsten nach Spanien oder England schielen – ich komme von der Bundesliga nicht weg.

ÜS: Und welcher Trainer der Bundesliga aus aus deiner Sicht der konsequenteste Taktiker?
Das ist immer schwierig zu sagen. Ein taktisch guter Trainer muss meiner Meinung nach eine eingespielte Strategie haben, die er falls nötig während des Spiels dem Gegner und den Bedingungen anpassen kann. Klopp kann das meiner Meinung nach sehr gut, auch Tuchel, Dutt und Rangnick sind natürlich Taktikspezialisten. Vor dem Anpfiff können Stanislawski und Slomka ihre Mannschaften gut auf den Gegner einstellen, ihnen fehlt allerdings noch die Fähigkeit, durch die passenden Wechsel ihre Spielweise und damit das Spiel komplett zu drehen.

ÜS: Wie bist du auf die Idee mit dem Blog gekommen?
Im Endeffekt ist mein Blog ja der englischen Seite „zonalmarking“ sehr ähnlich, natürlich gab es da Inspirationen. Ich habe die Seite von Anfang an verfolgt, aber zunächst nicht dran gedacht, selber was zu machen. Ich war mir immer unschlüssig, ob mein Taktikwissen und meine Schreibfähigkeiten für sowas ausreichen. Während der WM im letzten Jahr hat sich das Ganze dann konkretisiert. Ich persönlich bin so gar kein Public-Viewing-Deutschlandfahnen Mensch. Nach den Spielen der Nationalmannschaft kamen dann aber viele Leute in meiner Umgebung an, die von Fußball wenig Ahnung hatten, und meinten, mir erklären zu müssen, wieso Deutschland Weltmeister hätte werden müssen und warum die Niederlage gegen Spanien total unverdient war. WM-Fußballfans eben. Ich hab dann immer versucht, mit Taktik und Spielplänen zu argumentieren – das kam aber natürlich bei den wenigsten an. Irgendwann kam dann jedoch ein Kumpel zu mir und meinte, ich hätte sehr viel Ahnung von Fußballtaktik, warum ich denn nicht so etwas wie ZonalMarking auf deutsch mache? Da war es für mich beschlossene Sache.

ÜS: Macht sonst noch jemand mit?
Aktuell mache ich das alles alleine.

ÜS: Wer finanziert denn das? Du allein?
Auch ich selber, ja. Wobei die Homepage an sich nicht allzu kostspielig ist – am ehesten kostet es noch Zeit.

ÜS: Hast du Zukunftspläne bezüglich deines Blogs?
Im Sommer werden ein paar andere Taktikblogger und ich ein neues Projekt starten, um noch mehr Taktikthemen zu besprechen, als ich es alleine jemals könnte. Wir wollen eine zentrale Anlaufstelle für alle fußballtaktischen Themen kreieren. Das Ganze steckt aber noch in der Planungsphase, deshalb gibt es dazu noch nichts Konkretes zu sagen.

ÜS: Auf welche Analyse hast du die besten Resonanzen bekommen?
Gut angekommen sind bisher vor allem die allgemeinen Artikel, gerade die beiden über die Vorteile des 4-2-3-1’s und die Rolle des modernen 10ers. Viele Fans posten dann in Internet-Foren meine Artikel, wenn sie begründen wollen, warum gerade diese oder jene Aufstellung gewählt werden sollte. Das finde ich sehr gut, weil es ja genau das ist, was ich erreichen will – dass sich die Fans mehr mit dem Spiel an sich und weniger mit dem ganzen Drumherum beschäftigen.

ÜS: Wirst du deswegen demnächst mehr allgemeine Artikel schreiben? Ich finde die nämlich auch sehr gut…
Danke für das Lob. Ich würde auch gerne mehr auf allgemeine Artikel setzen, aber zum Einen kosten sie locker das Vierfache an Zeit im Vergleich zu normalen Spielanalysen, und zum Anderen fallen Taktiktrends nicht vom Himmel. Interessante Entwicklungen wie der „falsche 10er“ oder das Aufkommen einer neuen Formation passieren nun mal nur alle paar Jahre. Man könnte natürlich alle paar Wochen kleine Abweichungen im Spiel als große neue Trends verkaufen, ich bin aber sehr vorsichtig, was so was angeht. Wenn ich einen neuen Trend ausrufe, will ich auch, dass er tatsächlich nachweisbar ist – nicht wie viele Sportjournalisten, die gleich „Das ist der Fußball von morgen!“ rufen, nur weil eine Mannschaft drei Spiele am Stück gewinnt.

ÜS: Auf welche Analysen kamen überwiegend negative Kommentare?
Irgendein Bayern-Fan scheint meine Analyse der Hinspielniederlage gegen Mainz nicht gefallen zu haben, auf jeden Fall war der Artikel wochenlang Opfer von Spam-Kommentaren. Na gut, der Artikel hat auch kein gutes Haar an van Gaals Taktik gelassen. Ansonsten gibt es natürlich immer Leser, die nicht hundert Prozent mit dem übereinstimmen, was ich mache, aber das ist ja ganz normal. Ich freue mich über jeden Kommentar, egal ob positiv oder negativ.

ÜS: Kannst du uns ein Standardwerk zum Thema Fußballtaktik empfehlen?
Das Buch „Revolutionen auf dem Rasen“ von Jonathan Wilson ist das Standardwerk für Fußballtaktik. Selbst wenn man Fußballtaktik als unwichtig erachtet, bietet dieses Buch unglaublich viel Fachwissen darüber, wie sich der Fußball in den letzten 100 Jahren entwickelt hat. Christoph Biermann ist natürlich immer ein guter Anfang, auch wenn seine Bücher in Detailreichtum und Informationsgehalt nicht annähernd an Jonathan Wilson heranreichen.

ÜS: Was sagst du zum Hamburger Derby – aus taktikguru-Sicht?
Das Spiel ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass trotz aller taktischen Konzepte Fußball kein planbarer Sport ist. 60 Minuten lang hat der hsv die Dominanz im Spielfeldzentrum, die Außenverteidiger von St. Pauli kamen mit ihren Gegenspielern auch nicht zurecht. Nur dass Chancen herausarbeiten war beim hsv ein Problem, weil sie, wie in der gesamten Saison, Probleme in der Anbindung von Abwehr und Angriff hatten. St. Pauli hingegen bot meiner Meinung nach in den ersten 55 Minuten eine der schwächsten Saisonleistungen – und dann spielen sie einen guten Konter und die darauffolgende Ecke wird reingemacht. So ist Fußball. Danach stand St. Pauli hinten besser, und aus der Mittelfeldzentrale kamen bei Kontern schnellere und genauere Pässe. Eigentlich sah es bis zum Gegentor danach aus, als könne der hsv nur gewinnen. Aber das ist eine der seltsamsten Eigenschaften von St. Pauli in dieser Saison: Die richtig starken Spiele wie in der Hinrunde gegen Bayern und den BVB gehen verloren, wohingegen mittelmäßige Leistungen mit Siegen belohnt werden. 

Tobias, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. Ich drück dir die Daumen, dass dein Blog weiterhin die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Und viel Glück beim nächsten Projekt.

// Zwille


Neues von den Alten

    Eine kurze Erstligaepisode konnte HAUKE BRÜCKNER für sich verzeichnen, als Holger Stanislawski ihn Ende Februar in den Eliteliga-Kader des FC St. Pauli berief – allerdings ohne Einsatz. Brückner kam zu Saisonbeginn aus Kiel zurück, um bei der U23 den Leitwolf zu machen. Nebenher absolviert er ein Praktikum im Mediencenter des Vereins. Grund der Berufung seinerzeit: Stani gingen verletzungsbedingt die Abwehrspieler aus, und so erinnerte er sich an den in der Oberliga stets solide agierenden Defensiven. Wohl nicht ganz so solide war die Arbeit des ANDREAS „BOLLER“ JESCHKE beim Kreisligisten SV Friedrichsgabe, wo der Bücherwurm nach zehn Monaten Amtszeit durch Dennis Wucherpfennig abgelöst wurde. Einen neuen Trainerjob hingegen hat St. Paulis ehemaliger Jugendcoach HARTMUT WULFF inne, der Mitte Februar den ambitionierten Bezirksligaclub Düneberger SV übernahm. Aus traurigem Anlass sitzt nun auch interimsmäßig PETER NOGLY wieder auf der Bank. Nach einem Herzinfarkt des ehemaligen St. Pauli-Akteurs und heutigen Hamm-United-Übungsleiters ULI SCHULZ Ende März hat Nogly zunächst Trainingseinheiten und Spielbetreuung beim Landesligisten übernommen. Auch die Zweitligaelf des VfL Osnabrück hat einen neuen Übungsleiter: Nachdem dort der zuletzt erfolglose Karsten Baumann am 21. März gefeuert wurde, übernahm Kneipier und Zweitmannschaftstrainer JOE ENOCHS das Ruder, um die Lilaweißen vor dem Abstieg zu retten. Enochs wurde erst als Interimstrainer vorgestellt, ehe er kurz darauf von Heiko Flottmann aus den eigenen Reihen abgelöst wurde und seiher als Co-Trainer assistiert. Der Grund: Flottmann besitzt die für die 3. Liga notwendige Trainerlizenz, Enochs nicht. Ebenso nur eine Übergangslösung soll die Sportlehrertätigkeit beim Oberligisten SC Victoria sein, wo RONALD LOTZ, nach der überraschenden Demission des Urgesteins und Erfolgscoaches Bert Ehm, jetzt die Geschicke als Trainer leitet. Ein anderes Urgestein des Ham- burger Fußballs ist neben Ehm sicherlich EUGEN IGEL, der Ende der 1960er Jahre als Geschäftsführer beim FC St. Pauli tätig war. Igel, bislang SC Sperber, wird zur neuen Spielzeit als Teammanager beim FC Elmshorn anfangen – übrigens gemeinsam mit Ehm, der dort den Cheftrainer mimen wird. Auch DANIEL SAGER wird nach seinem Rausschmiss beim SC Concordia wohl bald wieder in Amt und Würden sein: Zur neuen Saison soll er die A-Jugend-Trainerposition beim JFV Hamburg-Oststeinbek übernehmen – bis zum Frühjahr noch als JFV Jung-Elstern bekannt. In trockenen Tüchern war bei Redaktionsschluss aber noch nichts. Für nur eine einzige Partie hatte es dann doch auch mal SEPPO EICHKORN zum Chefcoach gebracht, nachdem er die letzten Jahre ausschließlich als Assistent Felix Magaths fungierte. Nachdem Magath Mitte März beim FC Schalke 04 vom Acker gejagt wurde, übernahm Eichkorn als Interimslösung, ehe Ralf Rangnick gegen den FC St. Pauli erstmals als Chef auf der Bank saß – und Seppo wieder ins zweite Gllied rückte. Eichkorn verlor sein einziges Spiel übrigens mit 0:2 bei Bayer Leverkusen. Und seinen zweiten Schalke-Assistenten, BERND HOLLERBACH, nahm Magath bekanntlich mit nach Wolfsburg. Mal schauern, wann Eichkorn folgen wird… In der letzten NvdA-Rubrik im ÜS #102 hatte ich vermeldet, dass STEFAN BLANK als Sportlicher Leiter bei der SpVgg Erkenschwieck gelandet sei. Dieser Hinweis war nur halb richtig, denn Blank fungiert dort zudem seit November letzten Jahres zusätzlich auch als Cheftrainer. Seine fußballerische Laufbahn beenden musste aufgrund eines Bandscheibenvorfalls und dessen Folgen schon im Herbst 2008 SEBASTIAN WOJCIK, der als letzten Verein den VfL Oldenburg vorweisen kann. Wojcik arbeitet heute als Versicherungskaufmann. Vom Leistungsfußball in höheren bzw. mittleren Regionen Abschied genommen hat, wie im letzten Heft an dieser Stelle berichtet, auch MARVIN BRAUN, kickt aber nun freizeitmäßig in der zweiten Mannschaft des SV Timmerhorn Bünningstedt. Nur drei Einsätze hatte der in der Winterpause 1991/92 ans Millerntor gekommene STEFFEN MENZE in der Rückrunde der damaligen Saison, ehe er den Club gleich wieder verließ. Anfang März 2011 heuerte der gebürtige Plauener nun als Sportlicher Leiter bei Dynamo Dresden an. AUDENZIO MUSCI ist inzwischen beim hessischen Kreisoberligisten SKV Büttelborn gelandet. Und ebenfalls in den niederen Gefilden der hiesigen Fußballligen tritt noch MORAD BOUNOUA gegen den Ball: Unter seinem Bruder Jamal als Trainer verdingt sich der französisch-marokkanische Fußballer beim niedersächsischen Landesligisten Rotenburger SV. Vom Assistenten der Geschäftsleitung zum Sportmanager bei Drittligist Rot-Weiß Erfurt aufgestiegen ist TORSTEN TRAUB. Ebenso die Leiter nach oben erklimmen konnte ACHIM HOLLERIETH, der im entstehenden Jugendleistungszentrum Emsland als Sportlicher Leiter agiert. Nebenher wird unser Ex-Keeper auch weiter die A-Jugend des SV Meppen trainieren. Nachdem sich RENÉ SCHNITZLER, nach seinem Geständnis zwar Geld angenommen, aber nicht manipuliert zu haben, sportlich wieder ganz unten orientieren musste – er kickte zuletzt für den Mönchengladbacher B-Kreisligisten 1. FC Bettrath (siehe ÜS #102) –, hat ihn das DFB-Sportgericht nun vorläufig gesperrt. So dass bis zur endgültigen Klärung des Sachverhalts Schnitzler auch für Bettrath keine Buden mehr knipsen darf. Ermittelt wurde auch gegen IVAN KLASNIC – und zwar seit Oktober 2010 in England wegen mutmaßlicher Vergewaltigung. Inzwischen wurden die Ermittlungen allerdings eingestellt, weil sich die Anschuldigungen als haltlos erwiesen haben. St. Paulis ehemaliger U19-Kicker ABDEL MONEEM ABOU KHALIL, das ging nahezu unter, steht bereits seit Saisonbeginn beim SC Victoria im Kader und erweist sich dort seit Bert Ehms Abgang als gefährlicher Vollstrecker. Ex-U23-Spieler MARIO SCHACHT (zuletzt SC Egenbüttel) hat für die kommende Saison für zwei Jahre beim TSV Wedel unterschrieben. Auch aus der U23 ist YASAR KOCA (zuletzt GSK Bergedorf) bekannt und wird ab der Spielzeit 2011/12 für Bergedorf 85 auflaufen. Zurück aus Finnland ist DAVOR CELIC und schnürt seine Buffer seit März für den SC Concordia. Und der ehemalige U23-Kicker SVEN TEPSIC engagiert sich seit April zunächst bis zum Ende der Saison beim Oststeinbeker SV. Trainer-C-Lizenzinhaber MARKUS AHLF scoutet nicht nur für den FC St. Pauli, sondern ist momentan auch Chefcoach (2. Mannschaft) und Co-Trainer (1. Mannschaft in der Gruppenliga Darmstadt) beim RSV Germania 03 Pfungstadt. PIOTR TROCHOWSKI, als Jugendlicher vom FC St. Pauli zum FC Bayern München gegangen, wechselt zur neuen Saison vom Hamburger SV zum FC Sevilla. Und um kurz vor Ende dieser Rubrik unserer Chronistenpflicht vollends gerecht zu werden, sei auch noch der Weggang von HOLGER STANISLAWSKI nach Hoffenheim erwähnt – und der Umstand, dass er wahrscheinlich ANDRÉ TRULSEN sowie eventuell KLAUS-PETER NEMET mitnehmen wird. Wie stets die traurigsten Meldungen ganz zum Schluss: Bereits am 21. Februar verstarb 81-jährig Schleswig-Holsteins bis heute einziger A-Nationalspieler (für den Heider SV) WILLI GERDAU, der Eingeweihten sicherlich auch als erfolgreicher Trainer der St.Pauli-Amateure ein Begriff ist. Unter anderem führte er das Team wieder in die Drittklassigkeit und brachte es am 25. Juli 1969 mit seiner Mannschaft fertig, im DFB-Pokal in einem legendären Match die eigene Profielf mit 1:0 zu schlagen. Ebenfalls zu betrauern ist der Tod des ehemaligen FC-Präsidenten (1970-1979) ERNST SCHACHT. „Don Ernesto“, so sein damaliger Spitzname, starb am 24. Februar. 

// Ronny

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