Vor dem Spiel in Aachen / Interview mit Alemannia Fanzine “In der Pratsch”

Übersteiger: Moin erstmal! Wir freuen uns ja über jedes Fanzine, welches sich dem web2.0 nicht ergibt sondern auch weiterhin versucht, bedrucktes Papier herauszugeben. Und wenn wir dann schon bei dem Fanzine gastieren, welches uns bei der Wahl zum Fanzine des Jahres einst auf Platz 2 verdrängt hat, liegt es nahe Euch mal auf den Zahn zu fühlen.
Also, zunächst mal die Fanzine-internen Fragen: Wie geht es Euch als Print-Fanzine so? Mit wie vielen Leuten stemmt Ihr das Heft, wie oft trefft Ihr Euch und wie viele Hefte verkauft Ihr so im Schnitt? Trotzt Ihr den neuen Medien eher oder versucht Ihr sie einzubinden?


In der Pratsch (Christoph):
Wir arbeiten zu acht am Pratsch, wobei wir uns nicht ganz so unregelmäßig treffen, wie unser Magazin erscheint. Von der 1000er-Auflage werden wir im Schnitt 800 Stück los, was uns bisweilen schon auf den wahrscheinlich cleveren Gedanken gebracht hat, die Auflage zu reduzieren. Den neuen Medien trotzen wir nicht wirklich, auch wenn der meist verwaiste Zustand unserer Webseite darauf hindeuten könnte. Ein Teil der Redaktion ist durchaus internet-affin – allerdings eher als Konsumenten. Immerhin haben wir aber seit Ende 2010 eine Fanseite bei Facebook, über die wir von Zeit zu Zeit Lebenszeichen absetzen. Ansonsten stecken wir gerade in einer Art Schaffenskrise, was aber weniger mit dem Dasein als Printmagazin zu tun hat. Bei der Alemannia kracht es an allen Ecken im Gebälk. Sportlichen Misserfolg haben wir alle zur Genüge erlebt, der wäre gar nicht das Problem. Es sind eher die anderen Dinge: Stadion, Umfeld, stetig drohende Insolvenz, bis auf wenige Ausnahmen eine Mannschaft voller konturloser Spieler und eine Fanszene, in der es immer wieder zu Reibungen kommt. Im Grunde könnten wir über diese Themen eine Menge schreiben. Aber unsere Freizeit zu investieren, um unseren Lieblingsverein auf über 60 Seiten an die Wand zu nageln, macht einfach keinen Spaß. Das Heraufbeschwören einer neuen positiven Grundstimmung fühlt sich auf der anderen Seite aber auch nicht echt an. Jede Ode an die Alemannia schreibt sich derzeit wie ein Liebesbrief an eine Frau, die gerade die Koffer packt. Aktuell basteln wir an einem Ausweg aus diesem Dilemma. Wenn alle Stricke reißen, legen wir uns alle zusammen mal auf die Couch.

ÜS: Puh, klingt deprimierend, kennen wir aber aus der Vergangenheit nur zu gut.
Starten wir mal mit dem Sportlichen. Unsere letzten zwei Auftritte am Tivoli waren ja denkwürdig. Neben Eurer letzten Pflichtspielniederlage am Alten Tivoli (1:3, 2x Hoilett, Alex Ludwig sowie Endstand durch Florian Müller) gab es im August 2009 das erste Pflichtspiel überhaupt am Neuen Tivoli, welches sportlich für uns grandios mit 5:0 endete, für die vor Ort gewesenen unter uns aber durch den Unfall von Mini überschattet wurde, der aus dem Gästeblock nach unten stürzte und sich schwer verletzte.
Was macht der Alte Tivoli heute, und vermisst Ihr ihn noch?
Und wie schaut es mit dem neuen Stadion aus, ist das zumindest gefühlt schon Euer neues Zuhause?

IdP (Christoph): Der Tivoli ist inzwischen abgerissen worden, da sieht man nur noch einen umgepflügten Acker und ein paar Erdhügel. Während der Wochen, in denen die Bagger wüteten, sind viele von uns über Umwege zu Heimspielen gegangen, um da nicht vorbeizukommen. Keiner wollte sich das Elend ernsthaft anschauen, weil wir unserer alten Heimat noch sehr nachtrauern. Dass sich das neue Stadion noch nicht wie die neue Heimat anfühlt, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Der Stammplatz ist gefunden, die wichtigsten Leute stehen im direkten Umfeld, aber trotzdem fehlt da irgendwas. Alles fühlt sich noch immer sehr steril an. Zu allem Überfluss guckst Du außerdem ständig auf die weitestgehend leeren Sitze auf der anderen Seite. 17.000 Zuschauer sind für den Tabellenkeller und im Zweitligavergleich keine schlechte Zahl. Sie bedeutet aber, dass unser Stadion nur halbvoll ist. Ein echter Runterzieher.

ÜS: Wir zählten Euch vor der Saison eher zu den Teams, die um den Aufstieg mitspielen werden, die Gegenwart sieht anders aus. War das für Euch absehbar, und wird es in der Rückrunde besser laufen?

IdP (Christoph): Mit dem Aufstieg rechnen wir grundsätzlich nicht. Jeder alt gediente Alemanniafan weiß schließlich, dass die gar nicht aufsteigen wollen. Oder dürfen? Der Verlauf der aktuellen Saison war in diesem Ausmaß nicht vorhersehbar. Nach ein paar Spielen hat man aber schon gesehen, wohin bei uns die Reise geht. Wer keine Tore schießt, holt keine Punkte. Zumindest ich persönlich war davon ausgegangen, dass der Weggang von Stieber, Höger und Arslan im Sommer für die Mannschaft leichter zu kompensieren gewesen wäre. Vielleicht muss ich mich auch einfach nur endlich damit abfinden, dass ich keine Ahnung von Fußball habe. In der Rückrunde wird es hoffentlich besser laufen. Verglichen mit den Testspielen im Sommer hat die Truppe in der Winterpause gezeigt, dass sie weiß, wo das Runde hin sollte. Jetzt muss die neue Treffsicherheit nur noch in die Liga rübergerettet werden.

ÜS: Was erwartet Ihr denn konkret für das kommende Spiel? Irgendwelche Besonderheiten, wird Albert Streit Euch jetzt im Alleingang zum Klassenerhalt schießen?

IdP (Christoph): Zum Klassenerhalt wird uns Benny Auer schießen. Albert Streit wird aber hoffentlich die Lücke schließen, die gerade Stieber als Vorlagengeber hinterlassen hat, und dem Benny die Dinger auflegen. Damit darf er im kommenden Spiel auch gerne schon anfangen. Was ich ansonsten noch konkret vom Spiel gegen Euch erwarte: Dass Florian Bruns im Strafraum auf den Beinen bleibt, wenn ihn niemand berührt. Das wäre schon mal was.

ÜS: Wird er sicher, denn Marius Ebbers trifft gegen seinen Ex-Verein ja auch so immer.
Der Trainerwechsel ist ja schon etwas her, aber wie ist Eure Meinung zum Wechsel von Peter Hyballa zu Friedhelm Funkel?

IdP (Christoph): Bei dem Thema gingen die Meinungen in der Redaktion auseinander wie selten zuvor. Darum spreche ich am besten nur für mich: Peter Hyballa war ja eine Zeit lang recht erfrischend, was den Fußball und sein Auftreten betraf. Aber irgendwann hatte sich gerade diese nassforsche Art bei mir abgenutzt. Authentizität hin, nicht verbiegen her – Wenn es nicht läuft, kann ein bisschen Demut nicht schaden. Die ist unserem Ex-Coach aber komplett abgegangen. Am Ende klang alles ein wenig nach: „Ich weiß nicht wirklich weiter, aber kennt Ihr den schon…?“ Dass es Friedhelm Funkel geworden ist, fand ich nicht sonderlich furchtbar. Damit stand ich aber bei redaktionsinternen Gesprächen ziemlich alleine da. Seine Arbeit in Frankfurt fand ich damals bemerkenswert, auf Geunke aus Bochum höre ich nicht und immerhin darf unter ihm endlich wieder gegrätscht werden. Das hatte der Peter Hyballa dem Vernehmen nach nicht so gerne. Ich kann aber auch die andere Seite verstehen: Hyballa stand für ein zukunftsträchtiges Konzept mit jungen Spielern und offensivem Fußball. Zusammen mit ihm hat man diesen Ansatz komplett über Bord geworfen. Dabei hat es weniger an der Ausrichtung als an der Umsetzung dieses Konzeptes gehapert. Dass sich viele der Sommerneuzugänge jetzt schon neue Vereine suchen durften, spricht beispielsweise für eine Fehleinschätzung ihrer Leistungsfähigkeit.

ÜS: Fantechnisch war die Alemannia ja bundesweit in der Winterpause Thema, durch die Kurveninternen Streitigkeiten zwischen Ultras und Nazis (zumindest so die Außenwahrnehmung), die beim Heimspiel gegen Aue eskaliert waren und in die sich teilweise ja auch der Verein einschaltete.
Wie stellt sich das alles für Euch dar? Wie seht Ihr die Rolle des Vereins und des Fanprojektes?

IdP (Christoph): Dass Fans desselben Vereins aufeinander losgehen, ist an sich ja schon schlimm genug. In der aktuellen Form ist aber ein bei uns bislang nicht gekannter Tiefpunkt erreicht. Die Fanszene, so sie zuletzt überhaupt noch als solche wahrnehmbar war, zerbröselt. Der Eskalation beim Aue-Heimspiel geht eine ellenlange Vorgeschichte voraus, die sich uns als quasi Außenstehende nicht komplett erschließt. Die Ultrabewegung in Aachen ist seit einiger Zeit in zwei Teile gespalten – seinerzeit vorgeblich wegen unterschiedlicher Ansichten zur Art des Supports, inzwischen erweisen sich wohl auch unterschiedliche politische Ansichten als Grund. Zusätzlich gibt es noch eine Gruppe von Fans, die sich teils aus älteren Erlebnisorientierten zusammensetzt und mit dem einen Teil der Ultras recht gut, mit dem jetzt angegriffenen eher schlecht zurecht kommt. Wie es aussieht wurden und werden da zurzeit eine Menge alte Rechnungen beglichen, über deren genaue Ursachen wir nur spekulieren können. Politik gehört aber offensichtlich dazu. Eine schnelle Lösung dieses Problems ist wegen dieser politischen Komponente nicht in Sicht.
Der Verein hat einige Stadionverbote ausgesprochen, ist damit aber scheinbar am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. Und die Rolle des Fanprojekts ist sogar noch undankbarer. Von der einen Seite wird es als Gesprächspartner schlicht nicht anerkannt. Ohnehin wirken die Fronten derart verhärtet, die Situation so verfahren, dass eine Bewegung aufeinander zu aktuell schwer vorstellbar ist.

(Wer von der ganzen Story nichts mitbekommen hat, findet hier einen Einstieg ins Thema)

ÜS: Klingt nicht gut, wir drücken Euch die Daumen, dass sich doch noch eine Lösung finden lässt.
Letztes Thema: Beim FC St.Pauli ist kürzlich der weltweite führende Feuerwerkshersteller (Panda) als Sponsor vorgestellt worden. Gibt es bei Euch, sowohl innerhalb der Redaktion als auch generell in der aktiveren Fanszene eine Meinung zu Pyrotechnik im Stadion und wie sieht diese dann aus?

IdP (Christoph): Die „Interessensgemeinschaft der Alemannia Fans und Fan-Clubs“ (IG) hat sich schon vor einiger Zeit deutlich gegen die Verwendung von Pyrotechnik im Stadion positioniert. Auch die üblichen Pyro-Verdächtigen haben es in der jüngsten Vergangenheit nicht mehr so krachen lassen – gerade zu Hause nicht. Daraus aber eine allgemeine Haltung aller Aktiven abzuleiten, wäre verwegen. Redaktionsintern findet sich kein ausgewiesener Befürworter der Zündelei. Einen Kreuzzug gegen die Bengalo-Fraktion würden wir aber auch nicht ausrufen.

ÜS: Abschließend: Was möchtet Ihr den ÜS-Lesern an dieser Stelle mit auf den Weg geben? Außer, dass Ihr die drei Punkte ganz sicher dringend benötigt?

IdP (Christoph): Falls Ihr zum Spiel kommt, wünschen wir Euch eine gute Anreise. Kauft die Bier- und Frittenbuden leer, weil unser Verein die Kohle so dringend braucht. Und dann seid nicht traurig, dass wir ausgerechnet gegen Euch unsere glorreiche Siegesserie starten. Nach der Nummer von der Stadioneinweihung damals haben wir ja sowieso noch einen gut bei Euch.

ÜS: Danke für die guten Wünsche und vor allem Eure Zeit für das Interview. Wir wünschen Euch natürlich auch ein schönes Spiel. Dass wir unsere Serie an Aachener Auswärtssiegen ausbauen werden, ist aber natürlich auch klar. // Frodo

Links:
In der Pratsch – Website
In der Pratsch auf Facebook

Und sonst so:
Spendenaufruf für Opfer eines Hausbrandes, auch im Gästeblock wird gesammelt
Antifa-Demo in Aachen am Samstag um 18.00 Uhr
Allgemeine Infos für Gästefans in Aachen vom Verein
“Fight Fascism”-Konzert (03.02.) ist abgesagt

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Ein Kommentar zu Vor dem Spiel in Aachen / Interview mit Alemannia Fanzine “In der Pratsch”

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