Tschüß, Ralle!

Der Verein hat soeben folgendes offiziell verkündet: Ralph Gunesch verlässt den Verein mit sofortiger Wirkung, der noch bis Ende der Saison laufende Vertrag wird aufgelöst.

Lieber Ralph,
“unsere” Geschichte begann, für beide noch völlig unbewusst, am 28.November 2003, beim Heimspiel gegen Wattenscheid 09. Als Zweitligaabsteiger kurz vor der Winterpause auf Platz acht stehend, empfingen wir an einem Freitag Abend den gegen den Abstieg kämpfenden Bochumer Stadtteilverein. Der Unsympath Alexander Löbe hatte die Gäste in Führung gebracht, Cory Gibbs und Audenzio Musci drehten den Spiel kurz vor und nach der Pause. In der 71.Minute hast Du Dir dann nach einer Grätsche glatt Rot von Guido Winkmann abgeholt, wobei man danach trefflich diskutieren konnte, ob die nun von hinten oder von der Seite kam.
Kurz vor Schluß erzielte dann Marcel Witeczek den Ausgleich.
Jedenfalls wurdest Du drei Spiele gesperrt, und irgendjemand sagte Dir dann, dass es (gerade als noch neuer Spieler) doch ne lustige Idee wäre, einmal mit den berühmt berüchtigten St.Pauli-Fans eine Sonderzugfahrt mitzumachen.

Gesagt, getan, so fandest Du Dich also (mit Begleitung) im Sonderzug nach Münster ein und hast zufällig den Waggon gewählt, in dem sich einige “Passanten” und “Feuchte Biber” tummelten. Nach einigen vorsichtigen Blicken (“Das ist doch unser Abwehrspieler… der Neue… der Gunesch, oder?”) widmeten wir uns dann lieber den mitgebrachten Schoko-Adventskalendern. Personenkult war bei St.Pauli ja noch nie sonderlich ausgeprägt, Spieler kommen, Trainer gehen und so…
Irgendwann kam man dann aber (über den Adventskalender) doch ins Gespräch und wieder einmal zeigte sich, Fußballprofis sind auch nur Menschen, einige davon sind sogar sehr sympathisch.

Auf der Rückfahrt hab ich dann auch noch bei der Tombola eher zufällig Dein Aachen-Trikot gewonnen, Du wolltest noch Deine Schuhe oben drauf packen, auf die ich übrigens bis heute warte, wie wir beide kürzlich feststellten.
Aber viel wichtiger war, dass wir unsere Handynummern austauschten und fortan uns immer häufiger unterhielten, insbesondere auch über das “Besondere”, was diesen Verein und seine Fanszene ja doch irgendwie von anderen Vereinen unterschied und unterscheidet.
Irgendwann wurdest Du dann (auf eigenes Bestreben) Mitglied bei den “Feuchten Bibern”, auch wenn Du beim Fanclubturnier dann doch nicht mitspielen wolltest und man traf sich auch öfter mal privat.
Das geht doch nicht, der kann doch nicht Fanclubmitglied werden… was ist denn, wenn der mal wechselt?
So oder ähnlich hat sich mancher geäußert, doch war da schon klar, dass für Dich der FC St.Pauli mehr als nur ein weiterer Arbeitgeber ist.

Für den Aufstieg in die zweite Liga hattest Du einen Nackttanz auf dem Steakhouse der Reeperbahn versprochen, doch als wir es 2006 dann wieder nicht schafften, kam tatsächlich der Wechsel… und zwar in die Erste Liga zu Jürgen Klopp und seinen Mainzern. Neun Erstligaspiele (u.a. ein 2:2 bei unserem Stadtrivalen) später war das Kapitel für Dich dann beendet und dank unserem parallel erfolgtem Aufstieg bist Du zurückgewechselt, wenn auch ohne Tanz auf dem Steakhouse.

Und seitdem war es eigentlich in jeder Saison sehr ähnlich. Du warst nicht zwingend gesetzt in der Innenverteidigung, gespielt hast Du aber trotzdem fast immer und bist in jeder Saison auf über 20 Einsätze gekommen, am 16.April 2008 hast Du gegen die TSG Hoffenheim sogar mal ein Tor im deutschen Profifußball geschossen! Ein Biber mit Erstligaeinsätzen und Profitoren, wenn uns das vor Jahren mal einer prophezeit hätte…

Vor dieser Saison war es dann wie immer, mit Thorandt, Zambrano, Morena und Sobiech waren die zwei Plätze in der Innenverteidigung hart umkämpft, zwölf Einsätze hast Du aktuell trotzdem… und so kam für mich jetzt Deine Nachricht auch recht überraschend, die den Wechsel zumindest schon mal andeutete. Nach den Wechseln von Marcel Eger und Florian Lechner die nächste Identifikationsfigur, die wir Fans verlieren. Boller ist noch da, Bene auch, Bruns, Morena und Ebbers gehören irgendwie noch zur alten Garde und Kalla und Daube trau ich zu irgendwann mal in Eure Fußstapfen zu schlüpfen, was Vereins- und Fanidentifikation anbelangt, aber es werden eben dch immer weniger…

Der zweite Wechsel weg vom FC St.Pauli… vielen wird nicht einmal der Erste verziehen. Das Du den Verein aber tiefer im Herzen trägst, als viele andere, hast Du oft genug bewiesen, für Dich wird also ganz sicher immer ein Platz auf der Gegengeraden frei sein.

Ingolstadt hat zum Glück schon beide Spiele gegen uns gemacht, ich bin mir aber sicher, dass Du in den Spielen gegen unsere Aufstiegskontrahenten noch ein bißchen motivierter bist als sonst… und am 23.Spieltag darfst Du dann auch sehr gerne alleine die Kogge versenken.

Ich werde die Champions League – TV-Abende bei Dir vermissen und hoffe, dass Du in Ingolstadt zumindest das passende Dienstfahrzeug mit den coolsten Felgen bekommst… und wenn der Pokertisch mal noch nen Platz frei hat, sag Bescheid, Hollywood und ich kommen bestimmt gerne vorbei!
Bevor das jetzt noch klingt, als seist Du gestorben, hör ich besser auf.
Man sieht sich, Tschüß Ralle! // Frodo

P.S. Wie viele Blog-Beiträge gab es denn so in den letzten Jahren zu einzelnen Abgängen? Mit diesem sind es innerhalb von nur zwei Stunden nach Bekanntwerden schon vier, das sagt wohl auch einiges über Deinen Stellenwert bei uns aus.

MagischerFC
neunzehnhundertzehn-Blog
St.Pauli.nu

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Ein Kommentar zu Tschüß, Ralle!

  1. chris sagt:

    superschade das du gehst ralle! ich hätte x mal lieber mit dir und fabio noch ein paar jahre 2e (oder 1e?) liga gekämpft, als mit allen mitteln den direkten aufstieg anzupeilen. mit dem alten stadion gehen leider auch nach und nach die spielertypen, die ein stadtteil-club wie der fc st pauli einfach braucht. bring back st pauli to me!

    wie auch immer, viel erfolg da unten: “a bissl woas gähd imma!”

    h2 🙂

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