Vor dem Spiel gegen Eintracht Braunschweig / Interview mit Gerald Fricke

Übersteiger: Moin Gerald, vielen Dank, dass Du die die Zeit hierfür nimmst.
Wenn wir uns die bisherigen Interviewpartner dieser (ja noch recht jungen) Rubrik (textilvergehen.de (1.FC Union), @Hubi_TCU (FC Hansa) und „In der Pratsch“ (Alemannia)) so ansehen, passt Du in diese Auflistung nicht so richtig rein, da Du auf den ersten Blick nicht die typische Fußball-Fansite verkörperst. Erzähl unseren Lesern daher doch bitte erst mal, mit wem sie es hier zu tun haben, warum sich der zweite Blick lohnt und Du natürlich trotzdem der richtige Interviewpartner für das Spiel am Sonntag gegen den (oder die?) BTSV bist.

Gerald Fricke: Naja, also „die“ passt schon, die Eintracht…! Ich habe einige satirische Wörterbücher geschrieben und fürs Stadionheft von Eintracht Braunschweig mal die Kolumne „Gerald Fricke hat kein Ballgefühl“, aber damit sind „wir“ dann leider abgestiegen, 2003… Die Bücher findet Ihr noch in allen liebevoll geführten Antiquariaten und gruseligen Ramschläden im Internet. Alles muss raus! In einer bizarren Parallelexistenz bin ich außerdem Akademischer Geheimrat an der TU Braunschweig. Ein paar Jahre habe ich auch in Hamburg gelebt, während der ersten großen Internetblase, in Eimsbüttel um genau zu sein, und da war St. Pauli ja auch gleich um die Ecke. Und ich konnte in der taz-Wahrheit Kolumnen über Art Direktoren, Junior-Texter, Fußballakademiker oder die Mannschaftswahlen auf dem Bolzplatz schreiben, gelegentlich.

ÜS: Popfußballfeuilletonismus trifft Webgesellschaft” klingt natürlich auch besser als “Geile Eintracht-Fanpage hier, alle lesen, jetzt!” Hast Du eine grobe Idee, wer Deinen Blog so liest? Oder ist da vom Ultra über die Kutte und den Sitzplatzbesucher bis hin zum Literaturkritiker alles dabei?

Gerald Fricke: Puh, keine Ahnung. Das, was ich satirisch schreibe ist natürlich dem Geist der Neuen Frankfurter Schule verpflichtet, um mal ein großes Rad zu drehen, und damit gefällt das wohl eher Leuten, die Titanic lesen als Kicker oder umgekehrt. Ich komme ja noch aus einer Zeit als Fußball in Kampfbahnen und ehrlichen Stadien mit vergammelten Stehkurven gespielt wurde und keine Unterhaltung für die ganze Familie in Multifunktions-Arenen war, um mal Nick Hornby sehr freihändig zu zitieren. Der hat ja mit Fever Pitch den immer noch schönsten Fußball-Entwicklungsroman hingelegt, dann kam Mitte der Neunziger Jahre der Quatschfußball-Fölljetonismus auf – und seit der WM 2006 in Deutschland kann man das Genre „Fußball-Literatur“ langsam auch wieder als erledigt abhaken.

ÜS: Kommen wir zum Thema: Was muss in der Jugend alles falsch laufen, um Fan der Eintracht zu werden? Warum hat es nicht für eine Sitzplatzdauerkarte im Niedersachsenstadion gereicht?

Gerald Fricke: Ey! Was ist denn das für eine Frage! Also, einen Verein sucht man sich ja nicht aus, den hat man einfach, wie eine Warze oder einen Buckel, um noch einmal Nick Hornby ins Spiel zu bringen. Anfang der 1980er Jahre war es ganz bestimmt nicht cool, Eintracht-Braunschweig-Fan zu werden, aber so kam es eben. Danke an meinen Onkel, dass er mich „mitgenommen“ hat, gegen den 1. FC Köln! Aber immerhin spielten da bei Eintracht noch der „Adler“ Bernd Franke, der als Ersatztorwart bis zur verratzten WM 1982 nach Spanien flog und Ronni Worm. 1985 sind wir dann abgestiegen, in die zweite Liga, dann ging es bald noch weiter abwärts, in die dritte Liga, und so kam es dann, dass ich in den Neunziger Jahren mit zweitausend anderen frierenden Bratwurstessern Spiele gegen Wilhelmshaven und so kucken musste. Auf Hannover sind wir dann erst Ende der Neunziger getroffen – und haben gegen die gleich zwei Mal den Aufstieg verpasst. Naja, aber das letzte Derby, 2003, im DFB-Pokal, das hat gewonnen wer? Und ist damit, ähem, die Nummer Eins in Niedersachsen? Die Eintracht, richtiiig!

ÜS: Ja, Derbysieger sein ist wichtig, wissen wir auch! Wie bist Du denn mit dem Saisonverlauf bisher zufrieden und welche Ziele gilt es in dieser Saison noch zu erreichen?

Gerald Fricke: Lääääuuuft… Platz acht als Aufsteiger, da kann man nicht meckern. Das erste Saisondrittel war natürlich fantastisch, da waren wir sogar mal kurz Tabellenführer, jetzt stottert der Motor ein bisschen, wir hatten im Spätherbst auch ordentlich Verletzungspech, aber das wird wieder. Überhaupt war 2011, die ganze Meistersaison 2010/11, ein unglaubliches Jahr. Da hat Eintracht so überragend gespielt, das war schon fast unheimlich. Eine eingespielte Truppe mit dem besten Trainer, den „wir“ seit Helmut Johannsen, dem Meisertrainer von 1967 jemals hatten: Torsten Lieberknecht.

ÜS: Wie wir auch, habt Ihr nach dem letzten Abstieg aus Liga 2 vier Jahre in der dritten Liga zugebracht. Wie hast Du denn ganz persönlich den Abstieg 2007, die folgenden Jahre und den Aufstieg 2011 erlebt, was ist Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Gerald Fricke: Die Abstiegssaison 2006/07 war wirklich die schlimmste, die ich bei der Eintracht jemals gesehen habe. Unglaublich chaotisch, mit vier Trainerwechseln. 2008 ist ein neues Präsidium angetreten, der Abstieg in die vierte Liga konnte genau 13 Minuten vor Schluss noch abgewendet werden, naja, und seitdem geht es wieder aufwärts.

ÜS: Wie stehst Du denn zur Kommerzialisierung des Fußballs? Immerhin unterhalten sich hier grade Fans des Vereins mit dem Totenkopf und des Vereins, der das Trikotsponsoring nach Deutschland brachte.

Gerald Fricke: Trikotsponsoring ist grauenhaft, in der Regel eine moralische, politische und ästhetische Komplettkatastrophe, bis auf eine historische Ausnahme: Der Jägermeister-Hirsch auf der Brust von Paul Breitner 1977. Wer das nicht aufregend schön findet, dem kann ich nicht helfen!

ÜS: Das Verhältnis zur Eintracht ist für St.Pauli Fans ja eher ein problematisches, oft genug kam es zu Auseinandersetzungen mit Nazis. Ist Politik im Stadion für Dich ein Thema und bekommst Du es speziell bei der Eintracht mit? Mit den Ultras Braunschweig gibt es ja nun auch eine große aktive Gruppe, die sich bewusst und sehr offen gegen Rechte im Stadion äußert.

Gerald Fricke: Also, ich mag Hamburg und St. Pauli, habe sogar das legendäre Weltpokalsiegerbesieger-Spiel gegen die Bayern 2001 gesehen. Großartig! Schade, dass das Verhältnis zu Eintracht-Fans schlecht ist, wusste ich gar nicht. Aber ich muss gestehen, dass ich mich in der Fanszene überhaupt nicht auskenne. Ich bin der langweilige Gelegenheitsbesucher im Langeweilerblock, wo auch die „neutralen“ Pullovertypen sind und kriege keinen Ärger mit. Öhm, tja.

ÜS: Zurück zum Sportlichen: Das letzte Spiel am Millerntor (Mai 2005) konnten wir durch Tore von Jeton Arifi und Mourad Bounoua 2:1 gewinnen, nachdem Ahmet Kuru ausgeglichen hatte, das letzte Zweitligaspiel (September 2002) ging gar mit 7:1 an uns.
Irgendeine Idee, warum Ihr außer dem Ehrentreffer am Sonntag noch was Zählbares mitnehmen solltet?

Gerald Fricke:  Oh ja, an das 1:7 kann ich mich auch noch gut erinnern… Das war bitter… Aber am Ende sind „wir“ beide abgestiegen, richtig? Also, ich hoffe am Sonntag mal auf eine kleine feine Überraschung am Millerntor!

ÜS: Ja, beide abgestiegen, unschöne Sache.
Mal ganz allgemein: Wo siehst Du die Eintracht in zehn Jahren? Wie sieht das Stadion dann aus und ist es überhaupt noch das Gleiche? 

Gerald Fricke:  Ich hoffe, dass Fußball dann noch in den Traditionsvereinen lebt…!

ÜS: Und zum Abschluss: Wie wirst Du Sonntag das Spiel verfolgen?

Gerald Fricke: Wahrscheinlich in diesem Internet… Wir sehen uns auf Twitter, Freunde! Herzliche Grüße nach St. Pauli und vielen Dank für das Interview!

ÜS: Danke Dir für Deine Zeit und in den restlichen Saisonspielen nach Sonntag dann wieder viel Erfolg! // Frodo

Gerald Fricke, hat einige satirische Wörterbücher geschrieben, mit ohne Ballgefühl!
http://geraldfricke.posterous.com/

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2 Kommentare zu Vor dem Spiel gegen Eintracht Braunschweig / Interview mit Gerald Fricke

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