Michael Kutzop und die Sportschau-Konferenz – Ein Kindheitstrauma

Kürzlich gab es auf Twitter (und sicher auch woanders) die ein oder andere kritische Stimme bezüglich der ARD-Sportschau, weil diese an den letzten Spieltagen zum dramaturgischen Kniff greift, die Spiele zu einer Konferenzschaltung zusammenzuschneiden. (Und nur nebenbei: Sport1 macht dies bei Hattrick für die 2.Liga auch so.)
Ich habe jetzt mehrere Tage weinend unter dem Küchentisch verbracht, weil diese Geschichte bei mir längst verschlossen geglaubte Wunden meiner Kindheit wieder aufgerissen hat. In der festen Überzeugung, dass der Mitteilungsdrang vieler Internetschreiber ja in erster Linie den Psychiater ersetzt, möchte auch ich die jetzt folgenden Zeilen als Therapie verstanden wissen. Etwas, dass ich vielleicht viel früher hätte machen sollen.

Wir schreiben das Jahr 1986, die Saison nähert sich dem Ende. Ich bin zehn Jahre alt und spiele (mäßig erfolgreich) seit meinem sechsten Geburtstag in den Jugendmannschaften des SV Werder Bremen. Als aktives Vereinsmitglied haben Kinder und Jugendliche unter 18 zu dieser Zeit noch freien Eintritt in der (nicht überdachten und nur mit Stehplätzen ausgestatteten) Ostkurve. Ich bin alle zwei Wochen da, erfreu mich am Offensivfußball der Rehhagel-Ära mit Spielern wie Rudi Völler, Norbert Meier und Manni Burgsmüller, später noch Wynton Rufer, aber auch an Defensiv-Künstlern wie Thomas Schaaf und Mirko Votava oder (später) Rune Bratseth und Dieter Burdenski im Tor.

Große Aufregung im Hause gibt es vor dem 33.Spieltag. Der FC Bayern ist zu Gast, Werder kann mit einem Heimsieg die erste Meisterschaft seit 1965 eintüten, gleichzeitig also die erste Meisterschaft meines Lebens.
Der relativ neue Fernsehsender Sat1 holt sich ab und an ein Live-Spiel ins Haus, für die gut eine Million Haushalte die den Sender derzeit empfangen können. Unser gehört nicht dazu, und da das Spiel an einem Dienstag Abend stattfindet, ich aber mit zehn Jahren auch nicht um 20.00h ins Stadion darf, bleibt mir nur die Radioübertragung, während gleichzeitig auf dem Domshof so eine Art PublicViewing veranstaltet wird, welches damals noch „Übertragung des Spiels auf einem Riesen-Fernseher auf dem Domshof“ heisst. Meine Eltern waren da sehr strikt, mit zehn Jahren ist man um die Uhrzeit weder im Stadion noch auf dem Domshof. „Sei froh, dass Du bis zum Ende Radio hören darfst!

Die Vorfreude war riesig, schließlich sollte auch mein Idol Rudi Völler endlich wieder fit sein, nachdem er im Hinspiel durch ein brutales Fouls von Klaus Augenthaler für Monate außer Gefecht gesetzt worden war (hier bei 2:00).
Das Spiel war spannend, aber es fielen keine Tore. Eine knappe Viertelstunde vor Schluß wurde dann endlich Rudi Völler für Norbert Meier eingewechselt, mein Herz schlug schneller. Ich hippelte vor dem Radio auf und ab, die Schreibtischlampe gab meinem Zimmer einen Hauch von schummriger Flutlichbeleuchtung.

Und dann: Die 88.Minute. Ruuuuudi im Zweikampf mit Sören Lerby an der Strafraumkante, ein tausendfaches „HAND!“ gellt durchs Stadion und meine Radiolautsprecher, Völler reißt die Arme hoch, bleibt stehen, dreht sich zum Schiedsrichter… gefühlte Minuten verstreichen… und dann zeigt Schiedsrichter Volker Roth auf den Punkt! ELFMETER! (hier ab 1:50, und hier dann die Fortsetzung)
Ein zehnjähriger in seinem Zimmer kurz vorm Kollabieren. Allerdings auf der anderen Seite auch völlig cool, denn schließlich hatte Werder Michael Kutzop! Und der hat in seiner Karriere insgesamt vierzig Elfmeter geschossen… und nur einen verschossen. Und Ihr wisst es natürlich: Es war dieser eine, jetzt. 89.Minute im Weserstadion. Den eben noch reinmachen und Werder ist Meister! Erstmals in meinem Leben, nachdem es in den Jahren zuvor schon zwei Vize-Meisterschaften gegeben hatte, u.a. eine aufgrund der schlechtern Tordifferenz gegenüber einem Verein aus Hamburg.
Das stumpfe *PLONK* als der Ball am rechten Pfosten zerschellt, während Jean-Marie Pfaff bereits in der anderen Ecke liegt, verfolgt mich die gesamte Nacht im Schlaf.

Aber gut, noch ist nichts passiert, oder anders: Noch ist alles drin. Werder hat zwei Punkte Vorsprung (noch vor der Einführung der Drei-Punkte-Wertung) und das schlechtere Torverhältnis, spielt am letzten Spieltag beim VfB Stuttgart, welchen man im Heimspiel 6:0 aus dem Weserstadion gejagt hatte. Bayern empängt den Tabellenvierten, Borussia Mönchengladbach.
Und eine weitere Meldung elektrisiert mich: Die ARD-Sportschau kündigt an, erstmals in der Geschichte die entscheidenden Spiele zu einer Konferenz zusammenzuschneiden. Sowas gab es ja noch nie! Welch grandiose Idee! Wie cool!
Okay, eine Entscheidung musste her: Radio Bremen 1, die von mir abgöttisch geliebte Samstags-Radio-Konferenz, wie bei jedem Auswärtsspiel? Mit dem legendären Helmut Poppen, den ich Jahre später im Rahmen eines Schulpraktikums noch persönlich kennenlernen würde, in eben jener Samstags-Konferenz? Oder doch lieber den Nachmittag verstreichen lassen, und auf die ARD-Sportschau-Konferenz warten?

Ja, es soll die Sportschau werden, diese Entscheidung fiel am Samstag Morgen und wurde beim Familienfrühstück stolz und voller Inbrunst verkündet.
Es galt also den Tag zu überbrücken. Wie man das als Zehnjähriger eben so macht, wenn Fußball schon da das Leben bestimmt. Sportteil des Weser-Kurier lesen, langsam in Gedanken den Kader für die WM in Mexiko zusammenstellen und Panini-Bilder einkleben, Ihr kennt das.

Anpfiff. Ich sortiere meine doppelten Panini-Bilder.

Die Stunden kriechen dahin.

Der Minutenzeiger wandert, die Spannung steigt.
Hat Werder es geschafft? Deutscher Meister? Mein SV Werder? Endlich?
Irgendwie muss das doch klappen. Man darf nur nicht verlieren, ein Punkt reicht.
Und selbst wenn doch, darf Bayern eben nicht gewinnen…

Noch dreißig Minuten. Nochmal den Sportteil lesen.

Noch eine Viertelstunde bis zur Sportschau-Konferenz. Nochmal Pipi machen.

Noch fünf Minuten.
Meine Mutter öffnet die Tür. Sie schaut mich strahlend an und sagt die Worte, die unsere Beziehung nachhaltig über Wochen auf Eis legen werden. Sie schneiden in die gespannte Ruhe des Raumes wie ein Schwert:
Na, Vize-Meister?

Stille… ein paar Sekunden… und dann ein hysterischer Heul- und Schreikrampf, der seines Gleichen sucht.

 

Ich sprach zwei bis drei Wochen nicht mehr mit meiner Mutter. Mein Vater befreite mich aus dem hysterischen Heulen ungefähr eine Stunde später, indem er mich zum Kiosk schleppte, ein paar Panini-Tüten und das Kicker-Sonderheft zur WM kaufte.
Werder hatte 2:1 verloren (2x Karl Allgöwer), Bayern 6:0 gewonnen, ich hatte die Konferenz in der ARD nicht einmal mehr gesehen.

Und trotzdem: In Zeiten von Twitter und Facebook, Live-Tickern und (nicht zuletzt) sky, scheint sowas wie eine Konferenz-Schaltung Stunden nach der tatsächlichen Entscheidung überflüssig. Trotzdem hoffe ich, dass es irgendwo noch Zehnjährige gibt, die von ihren Müttern mit voreiligen Verkündungen verschont werden und sich auf eben diese „On-Tape-Konferenzen“ freuen.
Und für die soll die Sportschau es dann auch gerne beibehalten. Wer die Ergebnisse schon kennt, dem kann es doch egal sein, ob die Spiele in einer Konferenz oder nacheinander gezeigt werden. // Frodo

P.S. Ich rede wieder mit meiner Mutter. Sogar über Fußball.

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