Stefan Kießling – Eine Frage der Ehre?

Die Szene des Spieltags: Stefan Kießlings Phantomtor. (Ich verzichte mal auf eine YouTube-Verlinkung, da die wahrscheinlich eh alle regelmäßig von der GEMA DFL zur Löschung gemeldet werden. Aber Ihr werdet es sicher alle schon irgendwo gesehen haben oder könnt selber danach suchen.)

Getreu dem Motto: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem!“ möchte ich meinen Senf auch noch in den Ring schmeißen und dabei den Blick auf die Reaktionen legen, die Stefan Kießling betreffen, bzw. auf die Frage, ob er da „betrogen“ hat.

Zunächst: Zweifelsohne, er schaut dem Ball hinterher, ist in einer Drehbewegung und wendet sich dann komplett ab, in der (korrekten) Überzeugung, der Ball sei vorbeigegangen.
Während Kießling sich enttäuscht abwendet, drehen sich viele Hoffenheimer und Bayer-Spieler ab, wie man sich eben abwendet, wenn gleich Abstoß ist. Andere Spieler, wie beispielsweise Simon Rolfes, der einen gänzlich anderen Blickwinkel hatte, jubelt und freut sich, wie man nach einem Tor eben jubelt.

So weit die Fakten.

Der Rest ist Spekulation, und diese brach sich selbstverständlich besonders im Internet ihre Bahn. „Der Kießling ist ein Betrüger, Lügner, unehrenhafter Sportsmann, eine Schande für seinen Berufszweig“ und ähnliches wurde in diversen Kommentaren geschrieben, insbesondere auf Facebook. Auf Twitter regierte eher die (bei solch sonderbaren Situationen eh immer großartige) Humorfraktion, Vergleiche vom Hoffenheimer Netz mit dem von Mobilfunkanbieter o2 und ähnliches wurden mehrfach platziert. Auch Anspielungen auf Löw gab es genug, nach dem Motto er müsse den ja mitnehmen, der macht ja aus keiner Chance kein Tor und es zählt trotzdem. In der Situationskomik durchaus amüsant, verpufft dann aber natürlich nach der dritten Wiederholung auch irgendwann.

Komme ich also zurück zu „Lüge und Betrug“.
Hier wurde sehr schnell der Vergleich zu Marius Ebbers gezogen, der bekanntlich in der Aufstiegssaison (Danke an felixinho) Saison 2011/2012 am 30.Spieltag gegen Union in der 81.Minute ein Tor per Hand erzielte, wohlgemerkt kurz vor Saisonende und beim Stand von 1:1, wo ein Sieg unbedingt nötig war. In dieser Situation entschied sich Ebbers zu etwas Außergewöhnlichem, er gab (wenn auch erst auf Nachfrage des Schiedsrichters) das Handspiel zu und wurde später auch für diese Geste des Fairplay ausgezeichnet.  Tolle Geschichte, hätte sicher nicht jeder gemacht.
Aber: Dieser Vergleich hinkt.
Ebbers gab etwas zu, was ihm zu 100% bewusst war. Er hatte sich durch das Handspiel (wenn auch im Reflex und der Absicht den Ball noch mit dem Kopf zu erreichen) einen Vorteil erschlichen und so ein irreguläres Tor erzielt.
Kießling hingegen hat nicht betrogen. Er hat den Ball aufs Tor geköpft, fertig.
Ja, dann ging er davon aus, dass der Ball vorbei ging. Doch wenn danach Spieler jubelnd auf ihn zukommen und der Ball im Netz liegt… wie soll er denn da hingekommen sein?

Möglichkeit A: Ich hab mich verguckt. Kommt vor. Als Zuschauer sieht man oft Bälle quasi schon drin oder wahlweise vorbei, es endet dann andersrum. Als Spieler passiert dies auf dem Platz deutlich seltener, ist aber nicht gänzlich auszuschließen.
Wahrscheinlichkeit? ca. 5%
Möglichkeit B: Bei der Rettungstat kam Keeper Casteels doch noch an den Ball und hat ihn sich dann irgendwie selbst reingemurmelt.
Wahrscheinlichkeit? maximal 5%
Möglichkeit C: Ball kommt von der Seite oder von hinten durchs Netz und keiner der Hoffenheimer, insbesondere Casteels merkt es und beschwert sich.
Wahrscheinlichkeit? 0% und so abstrus, dass es niemandem in der Situation einfallen würde, wenn er es nicht zufällig nochmal im TV sieht.
(P.S. Der @Nember meint: Da fehlen 90% zu 100%. Richtig… die stehen dann für „Keine Ahnung, aber der Ball ist irgendwie drin und ich weiß auch nicht warum. Aber ich freu mich!„)

Was also soll Kießling in der Situation tun? Was soll Brych ihn fragen?
„Ey, Stefan… komisches Ei, oder?“ – „Ja, hab auch zuerst gedacht der geht vorbei!“
Dialog Ende.

Wenn also viele sagen: „Er hat da eine riesige Chance für das Fair-Play vergeben!“ stellt sich mir eher die Frage, wie er sie hätte nutzen sollen? Soll er nach dem Tor dann zum Netz laufen und ein Loch suchen, von dem niemand je gedacht hätte, dass es da überhaupt sein kann? Da kommt doch keiner drauf.

Einzig der vierte Offizielle hätte vielleicht als goldener Ritter herbeireiten können, wenn er es auf den TV-Bildern gesehen hätte. Hat er aber wohl nicht. Und wenn, hätte er es dann sagen dürfen?

Später fanden Hoffenheimer Ersatzspieler dann das Loch im Netz und wiesen Brych daraufhin. Scheiß-Situation, aber nachdem das Spiel einmal wieder fortgesetzt wurde, ist keine Entscheidung mehr zurückzunehmen, wie selbst gelegentliche Collinas Erben-Hörer schon im Schlaf herunterbeten können.

Nach dem Spiel rannte der Leverkusener Medien-Hoschie auf Kießling zu und gab ihm einige Formulierungshilfen schon mal mit auf den Weg.
Verwerflich? Nein, Business as usual. Bedeutet dies, Kießling hat es vorher doch gesehen? Nein, nicht mal annähernd.

Bleibt die Frage, nach einem Wiederholungsspiel.
Ich bin da tendenziell eher dagegen, denn der Unterschied zu einem Wembley-Tor ist gering, auch dort sind es lediglich ein paar Zentimeter, um die sich (in dem Fall dann meist der Schiedsrichter Assistent) jemand verguckt.
Hier ist es was anderes, weil es sich um einen Hardware-Fehler handelt?
Richtig… und wer hat den zu verschulden? Der Gastgeber.

Sportlich fair fände ich den Vorschlag von Rudi Völler, lediglich die Spielzeit ab dem Tor nachzuspielen, wie es in anderen Ländern teilweise praktiziert wird, wenn auch nicht zwingend nach Fehlentscheidungen, sondern eher nach Flutlichtausfall oder sonstwas.
Lt.  Dr.Koch, DFB-Vizepräsident für rechts- und Satzungsfragen, ist dies als Option aber auszuschließen. Also: Ganz oder gar nicht, und da entscheidet sich mein Bauchgefühl aktuell eher für „Gar nicht“.

Was für mich nach der Situation bleibt: Ich werde nie wieder die Schiedsrichter-Assistenten belächeln, wenn diese vor dem Spiel (oder noch „lächerlicher“, bisher) nach der Halbzeit alibimäßig am Netz rumzupfen. Ich bin da ganz ehrlich: Bisher hab ich das immer als reine Wichtigtuerei abgetan, zumindest im Profibereich… als ob da in den obersten drei Ligen irgendwo ein Netz kaputt sei, so ein Blödsinn.
Tja, denkste. Und ähnliche Erfahrungen machte „Kühles Blondes“ am Wochenende auch im Hamburger Amateurfußball. // Frodo

P.S. Der sehr geschätzte @HeinzKamke hat ähnliches geschrieben und verweist dabei (zurecht) auch noch auf Herrn @bimbeshausen. Ach, Twitter ist toll, kann ich nur immer wieder feststellen.

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