30.Spieltag (H) – 1.FC Union Berlin

FC St.Pauli – 1.FC Union Berlin 2:1 (0:1)
Tore: 0:1 Markus Karl (32.), 1:1 Max Kruse (59.), 2:1 Fin Bartels (90.+2)
Gelb-Rot: Maurice Trapp
Zuschauer: 24.487 (ca. 2.500 Unioner)

Das entspannte Osterwochenende entlastete bei vielen am Dienstag noch die Schultern des ansonsten so stressigen Alltags, was auch, zumindest bei mir, irgendwie tagsüber nicht so richtiges Spieltagsgefühl aufkommen lassen wollte, von der ungewohnten bis frechdreisten Anstosszeit mal ganz abgesehen.

Spätestens aber bei der Mannschaftsaufstellung und dem aufkommenden Jubel bei der Vermeldung von Philipp Tschauners Comeback stellte sich bei den Meisten wohl ein positives Kribbeln ein.
(Kleiner Exkurs: Danke, Bene! Dafür, dass Du bist wie Du bist und für die gezeigten Leistungen in den letzten Spielen, auch wenn Letzteres selbstverständlich ist. An Dir lag es sicher nicht, dass die Punkteausbeute eher übersichtlich war. Alles weitere zu dem Thema ist bei “Die Bene-Verschwörung” nachzulesen. Trotzdem ist Tschauner natürlich die unumstrittene Nummer eins und auch ich freue mich, insbesondere nach seiner Leistung im kleinen Derby, dass er wieder da ist.)

Den endgültigen Startschuss zu vollem Einsatz auf Rasen und Rängen gab es dann aus der Südkurve, zur riesigen “Here we throw again!”-Tapete inklusive ca. 2.000 auf Kommando geworfenen Kassenrollen, sah Klasse aus. Mal wieder ein großes Danke an USP.

Ich habe jetzt aus verschiedenen Ecken gehört, durch die Mannschaft sei beim Düsseldorf-Spiel ein Ruck gegangen. Gestern hatte ich tatsächlich dieses Gefühl, denn die alte Spielfreude, der Einsatz, der Wille waren wieder da.

Man spielte sich auch wieder Chancen heraus, die leider nicht genutzt wurden, aber unterm Strich war es doch nur eine Frage der Zeit, bis wir in Führung gehen würden. Diese Zeit wurde dann etwas „verlängert“, als Union (von deren Gästeblock im Block 2 der Gegengerade akustisch leider kaum was ankam, was aber wohl eher am Wind lag) mit der ersten Ecke und einem Kopfball im Bogenlampen-Style in Führung ging. “Zum Glück” stand Tschauner da im Tor, ansonsten wäre der Torwart ganz sicher Schuldig gewesen.

In Hälfte zwei ging es munter weiter, trotzdem war dann etwas Glück im Spiel als Max Kruse seinen Schuss etwas abgefälscht ins kurze Eck setzte. Nach dem Tor in Frankfurt sein zweiter Treffer hintereinander, hoffentlich gibt ihm das sein Selbstvertrauen zurück. Bei einer Szene in Hälfte eins, als er von rechts allein aufs Tor zulief, hätte er in der Hinrunde ganz sicher  trocken abgeschlossen und verwandelt, da wählte er gestern den Pass zum Mitspieler, der dann auch noch beim Gegner landete. Auf geht‘s, Max, weiter so, geht doch!

Nur fünf Minuten später die gelb-rote Karte für Trapp und neben mir brach ein Comic-Gott zusammen: “Oh nein, Überzahl… Sowas können wir doch nicht, das war’s!”

Es folgten Geschichten, die, wie Wolf-Dieter Poschmann an dieser Stelle ganz sicher sagen würde, so nur der Fußball schreiben kann: Zunächst wird uns ein relativ klarer Handelfmeter verweigert, Chance um Chance vergeben, ehe Marius Ebbers endlich das Runde ins Eckige bringt. Schon bei seinem Flug dachte ich: “Hand!” und mein Blick ging sofort zum Schiedsrichter, der aber zunächst zur Mitte zeigte sowie vorsichtigen Blickkontakt zum Assistenten ausnahm. Nach deutlichen Protesten der Unioner (und während im Hintergrund fröhlich “Song 2″ dudelte) befragte Schiri Tobias Welz dann den Torschützen… und jetzt möge mal bitte jeder nochmal kurz in sich gehen und darüber nachdenken, wie er reagiert hätte und was er sich als Fan der Mannschaft in der Situation vom Torschützen gewünscht hätte:

(Foto mit freundlicher Genehmigung von Stefan Groenveld)
– aktuell Platz 4, ein Punkt hinterm Relegationsplatz
– ein Punkt Rückstand
– aktuell irgendwie ein negativer Lauf (der Mannschaft)
– aktuell ganz sicher ein negativer Lauf (persönlich)
– der durch zwei recht gute Leistungen zuletzt gestoppt werden konnte, wenn auch ohne Zählbares
– erneut ein wildes Anrennen in diesem Spiel
– unglücklicher Rückstand
– jetzt noch neun Minuten zu spielen
– Tor erzielt
– mit Kopf und Hand
– Befreiung!
– im Hintergrund ist soeben das Stadion explodiert
– um einen rum jubelnde Mitspieler und zeternde Gegner
– im Kopf die Entscheidung “Fairness-Preis und von Einigen ausgelacht werden vs. Von den Medien an den Pranger gestellt werden

*puh*
Ich glaube, nicht viele Spieler stehen in einer solchen Situation so selbstbewusst zu sich selbst und gestehen auf Nachfrage ein, dass da (auch) die Hand im Spiel war.
Und als Fan? Ganz ehrlich: Ich hab innerlich gehofft, dass Ebbers unter vorübergehender Totalamnesie leidet und nur ein “Ey Schiri, Flanke und Tor, dazwischen weiß ich nichts mehr!” herausbringt, da ich vor meinem geistigen Auge ständig Herrn Rösler in der gleichen Situation sah.
Die Stimme der Vernunft an meiner Seite (nicht der Comic-Gott, der war ähnlich erstarrt wie ich) sprach ein gelassenes: “Find ich gut und richtig!” aus, was mich nur noch fassungsloser machte. Klar: Vorbild sein, Ehrlichkeit… aber doch um Himmels Willen nicht neun Minuten vor Ende in dieser Phase der Saison?! Doch, genau richtig, natürlich. Und das würde ich jetzt auch schreiben, wenn das 2:1 nicht gefallen wäre, eventuell mit einem etwas resignierenden Unterton, aber so will ja nicht wirklich jemand aufsteigen… sollte man meinen.

Es folgte weiteres wildes Anrennen, durchaus auch noch mit Chancen, doch als Daube den Freistoss wirklich perfekt ins Lattenkreuz nagelte, dieser einen Meter vor der Linie aufprallte und Fin Bartels den folgenden Kopfball aus vier Metern nicht ins Netz bugsierte, musste man für Sekunden doch am Fußballgott zweifeln, bis dieser dann mal wieder zeigte, dass er einfach nur einen “sick sense of humor” besitzt.
Drei Minuten nachspielzeit, in dieser noch eine Ecke für Union und eeeeeeeeeewig Zeit, dann diese Flanke von Schachten und ausgerechnet Bartels steht plötzlich völlig allein vor Glinker… jener Bartels, der doch sicher längst für Barca spielen würde, wenn er nur in etwa die Torgefahr eines minderbegabten Kreisklassestürmers hätte und nicht im Duden sein Bild direkt neben dem Begriff “Chancen vergeben” abgebildet wäre. Tja… und ausgerechnet dieser Bartels macht das dann ganz abgewichst und der Ball kullert unter Glinker hindurch ins Netz. EKSTASE
Auf Twitter kamen dann recht fix (insbesondere von den Celtic Fans) Vergleiche mit dem Hand-Siegtreffer der Fanzosen damals gegen Irland in den Play-Offs, wo es eben keine Gerechtigkeit gab und der Glückwunsch, dass es hier doch so sei. Und es gab auch folgenden treffenden Tweet:

Treffender kann man es nicht ausdrücken und wohl nicht nur Marius Ebbers fiel ein Stein vom Herzen, was man zunächst an seinem Torjubel bei Bartels Tor sah, dann aber auch direkt nach Schlußpfiff, als er den armen kleinen Fin fast erdrückte vor Glück.
Zwischendurch hatte er sich noch dankbare Schulterklopfer von Schiri Welz abgeholt, der nach Abpfiff direkt zu Ebbers ging und sich nochmal für die Ehrlichkeit bedankte.

Der Rest war Jubel:

Noch ein paar Worte zu Ebbers Handtor:
Sowohl Schulte als auch Schubert haben lt. Abendblatt den Schiedsrichter dafür kritisiert, überhaupt Ebbers gefragt zu haben.
Ich halte das tatsächlich für sehr schwierig, denn wie schon oben angeführt bringt man die Spieler damit in eine verdammt blöde Situation, der wahrscheinlich viele (gerade jüngere Spieler) nicht gewachsen sind.

Was passiert, wenn der Spieler in der Situation lügt?
Er wird dann von den Medien ganz sicher als Betrüger durchs Dorf getrieben… zurecht, mag man meinen. Undmenschliche Drucksituation, mögen andere meinen und auf die Behandlung des Boulevards mit Menschen im Allgemeinen verweisen und die nicht eingelösten “Wir wollen ab sofort sachlicher berichten”-Versprechen nach dem Suizid von Robert Enke. Aber auch die Schiedsrichter werden nach Fehlentscheidungen immer mehr an den Pranger gestellt und beschweren sich über ihre Rolle im Boulevard, hier sei an Babak Rafati erinnert.

Soll der Schiedsrichter in strittigen Situationen also fragen?
Darf er das überhaupt?
Und birgt das nicht das Risiko, aus einem Fußballspiel einen Debattierklub zu machen?

Ganz ehrlich: Ich bin ja strikter Gegner des Videobeweises, weil ich die menschliche Komponente der Fehlentscheidung weiterhin als einen (von sicher sehr vielen) Reizen des Fußballs empfinde, ohne diese würde auch den vielen Diskussionen und Geschichten rund um den Fußball sicher einiges fehlen.
Diese Befragung der Spieler wird es aber sicher im Einzelfall bei wirklich entscheidenden Szenen (wie Tore oder Elfmeter) als letzte Möglichkeit immer mal wieder geben und ich bin gespannt, wann es hier die erste wirklich offensichtliche und dreiste Lüge geben wird und was danach tatsächlich sowohl von den Medien als auch vom Verein und den Schiedsrichtern (in den folgenden Spielen) mit dem Spieler angestellt wird.
Man stelle sich nur mal vor, so ein Tor falle in der Nachspielzeit der Relegation und entscheidet damit ja auch über Arbeitsplätze und Millionen.

Im Nachhinein ist man immer klüger und natürlich sind heute alle froh, dass der Schiedsrichter gefragt hat, Ebbers so entschieden hat und Bartels danach noch traf, für die Zukunft würde ich mir hier eine eindeutige Regelung des DFB (bzw. der FIFA) wünschen, ob und wenn ja in welchen Situationen der Schiedsrichter fragen darf und ggfs. dann auch eventuelle Strafen, wenn der Spieler hier offensichtlich lügt, ansonsten ist es nur eine Frage der Zeit bis das Ding nach hinten losgeht.
(Edit: Danke an Claas für die Erinnerung, hier ein Interview mit Oliver Held, der einst auf Nachfrage ein Handspiel auf der Linie abstritt.)

Nun aber der Blick nach vorne:
Greuther Fürth hat sieben Punkte Vorsprung auf die Fortuna, acht auf uns und empfängt bei noch vier ausstehenden Spielen noch beide. Auswärts geht es noch zum FSV Frankfurt und am 34.Spieltag zum FC Hansa. Beim FSV traue ich ihnen einen Punkt zu, der Rest geht verloren und damit wird Fürth dann dieses Mal immerhin Vierter und nicht Fünfter, ist doch auch schon mal was. Bleibt nur die Frage, ob wir Düsseldorf noch überholen oder doch den Umweg über die Relegation wählen. // Frodo

Links zum Spiel:
Bilder Stefan Groenveld (Mit einem sehr weisen Zitat)
– Bilder UNVEU
- Bilder AuxArmes auf flickr
Fotostory Kassenrolle (“Jonas und der große Wurf”, Rückseite der Südkurve)
Bericht UmaThurman-Gerd (“Stellt Euch vor, John Travolta wäre Max Kruse und Uma Thurman die Gegengerade”)
Bericht MagischerFC (“Auch wenn nie angepfiffen wurde…”)
Bericht ilovesp (“FCSP : EISERN”)
Bericht KleinerTod (Wie immer mit großartiger Wort-/Bild-Kombination)
Kommentierte Presseschau der Kollegen von textilvergehen.de auf Facebook

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6 Antworten auf 30.Spieltag (H) – 1.FC Union Berlin

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    • Frodo sagt:

      Ah, Danke, den hatte ich tatsächlich verdrängt.
      Ich ergänze den Link mal im Text.

  2. M M sagt:

    So, es ist mal wieder an der Zeit Marius Ebbers hochleben zu lassen und erneut zu betonen dass es eine Unverschaemtheit ist das ein gewisser Y. L., seines Zeichens Trainer einer ueberregionalen Auswahlmannschaft, eine lebende Legende (geschaetze 200 Tore in Liga 2 ) ignoriert. Frueher hat man mich belaechelt fuer diese Forderung aber jetzt sollte jedem klar sein dass kein Weg an diesem integren Sportsmann vorbeifuehrt. Marius, das war charakterlich TOP und ich haette auch auf die 2 Punkte weniger gepfiffen. Gruesse aus ZH ;-)

  3. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Spritzenspiel

  4. Heinrich sagt:

    Da kann ich M M nur zustimmmen, Marius Ebbers ist eine echt super Person.

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