Torheit

Gastartikel von Georg E. Moeller

Was haben wir damals gelernt, als wir 1:8 gegen die 8b verloren haben? Zwei Dinge erinnere ich:

Erstens ist immer irgendwer schuld an irgendwas und zweitens, spiele „niemals“ und mit „niemals“ ist „niemals“ gemeint, näher als 25 Meter vor dem eigenen Tor einen Ball diagonal rückwärts Richtung eigenem Keeper. Immer wegkloppen, aufessen, in die Hand nehmen oder vor allem wegkloppen. Niemals Richtung Keeper. Unser Sportlehrer, der ein angefressener Ehrgeizling war, mit einer Halsschlagader, hinter der man sich schon im Ruhezustand verstecken konnte, hatte es uns vor dem Spiel gesagt und während des Spiels geschrien und nach dem Spiel ohne Stimme immer auf mich gezeigt, mit einem wütend zitternden Finger: „Was habe ich Euch gesagt, wahaaas habe ich Euuuuch gesaaaagt…???

Nur, weil ich diese beiden Male, anderthalb Kopf kleiner als die Jungs, die mich mit gebleckten Zähnen über den Haufen zu laufen drohten, den Ball, hinter dem sie her waren, in Richtung Eckehard gespielt habe. Damals gab es noch keinen unerlaubten Rückpass, aber es gab dicke Torhüter, die deshalb im Tor standen, weil keiner sie draußen mitspielen lassen wollte und es gab wieselflinke kleine Arschlöcher, die das ganze Spiel auf Idioten wie mich warteten und die Rückpässe auf den dicken Torwart als Chance zum 3:1 und 6:1 nutzten. Wir hätten auch so verloren, weil wir eine Mannschaft und kein Team waren, weil wir vier selbsternannte „Gute“ hatten und der Rest scheiße war, weil unser Trainer unsere kleinen ramponierten Seelen für seine große ramponierte Seele brauchte und weil die 8b einfach besser war.
So im Verhältnis 8:1.

Egal, es ging damals darum einen Schuldigen zu finden, für was auch immer. Und es gab Auswahl, denn es boten sich gleich zwei an, der unglaublich doofe Georg und der unglaublich bewegungsretardierte Eckehard. Seit dieser Zeit beschäftigt mich das Schuldprinzip. Erst aus eigenem Erleiden und zunehmend auch als gesellschaftliches Bewegungsprinzip. Immer wurde und wird zuerst gefragt wer Schuld hat, obwohl selbst das sichere Wissen darum nichts, aber auch gar nichts an der Krise ändert, nicht den mikrobengroßen Teil einer Lösung birgt, wird daran festgehalten.

Konsequenz: alle suchen, keiner findet. Banales Beispiel?
Gerne: Fragte ich irgendwann mal in den offenen Büroraum „Wo ist denn der verfickte Locher?“, hörte ich dreimal „Hab ich nicht.“ Keinmal „Warte, ich helfe Dir suchen.“

Seitdem interessiert mich Schuld nicht mehr die Bohne, sondern ich kümmere mich im Privaten, wie im öffentlichen Raum, um Lösungen und mache mich über Schuldsucher lustig oder pampe sie an.

So wie den unsäglichen Kommentator eines überregionalen Schuldsucherblattes, jenen Franz Josef Wagner, der sich F.J. Wagner nennen lässt, mit seinem angeblichen Trostbrief an den Torwart einer Mannschaft, die gerade aus dem Großverdienerwettbewerb ausgeschieden war, weil es noch größere Großverdienervereine gab und gibt und die am Ende summarisch gewonnen hatten. Er tröstet in seiner perfiden Technik der Schuldzuschreibung die nur vorgibt Trost zu spenden, in dem er solche Sätze schreibt wie „Sie hatten eine nachtschwarze Sekunde. Jeder Mensch hat nachtschwarze Sekunden.“ Und damit mal eben genau jene Schuld, von der das Sch***blatt lebt, in diesem Falle nicht bezweifelt oder minimiert, sondern „Rumms“ zementiert. Ein Arschlochtrick. Da ist kein Trost drinne und soll es auch gar nicht, das ist Häme.

Auch als er anschließend scheinbar schleimend fragt: „Tröste ich Sie in Ihrer Einsamkeit und Finsternis?
Geht das hämischer? Die Einsamkeit und Finsternis, so es sie denn gibt, die mit Schlagzeilen wie „Ulreich-Unfall – Hier platz der Triple-Traum“ oder „Ulreich-Patzer“ überhaupt erst erzeugt wurde, bereiten den Boden, auf dem menschenverachtende Sätze wie „Es gibt Sternstunden, in den Helden geboren werden. Und es gibt Menschen wie Sie.“ zu Schlachtzeilen werden und es auch sein wollen. Nicht weil F.J. Wagner Ahnung von Fußball hätte, oder von Menschlichkeit, sondern weil er sich verkauft hat und das Schuldsuchersyndrom, von dem sein Arbeitgeber lebt, lebendig halten soll. Sein Abschlußsatz „Sven Ulreich, Sie sind kein Held, aber ein Mensch. Das ist was Besseres.“ macht nach der Enthauptung keinen Sinn, aber schützt die hochgezogenen Schultern des Autoren vor möglichen Kopfschüttlern.

Was war geschehen? Die Mannschaft des Torhüters war in der eigenen Hälfte in das sogenannte hohe Pressing des Mitkonkurrenten geraten und hatte die alte Weisheit „Hinten drin und unter Drück? Klopp’ ihn weg und nicht zurück.“ missachtet und damit den eigenen Torwart auf dem falschen Bein erwischt und ein gegnerischer sogenannter Stoßstürmer hat ihn mit Druck zu einer Pest- oder Choleraentscheidung gezwungen und das gemacht, wofür er da eingesetzt wurde. Mit Schuld hatte das bei Eckehard und bei dem Torwächter aus München nix zu tun. Das Spiel heißt Fußball und wird exakt deshalb gerne und leidenschaftlich gespielt und leidenschaftlich besprochen.

Leidenschaft beinhaltet auch den Stamm „Leiden“, ein Leiden, das man anderen bereitet und oder selbst erleiden muss. Beides wird nur dann zu einer lebensbejahenden Perspektive, wenn man (und gerne auch frau) sich danach in den Arm nehmen kann. Das eigene Team und auch das andere Team. Ohne Schaum. Dann und nur dann macht Fußball einen Sinn, für die kleinen Georgs, die kleinen Eckehard und all die anderen kleinen Arschlöcher, die keine großen werden wollen.

Wagner hatte vermutlich diese Chance nie. // Gastartikel von Georg E. Moeller

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2 Kommentare zu Torheit

  1. jens sagt:

    richtig guter beitrag.

    danke.

    jens

  2. Harald sagt:

    Jetzt kann sich dieser Großverdienerverein ganz auf den Pokal konzentrieren und mit seiner Dominanz die Ligaspaltung weiter zementieren – ähh international wettbewerbsfähig bleiben.

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