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FISH e.V. Mitgliederdaten

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Die Form hat den Fehler, der Nazi will kicken und Oma bezahlt

Wilfred Diekert und Sascha Helfenstein im Büro des TuS Appen mit ÜS-Autorin tati // (c) hog

Dieser Artikel erschien zunächst im Print-Übersteiger 132 am 06.Mai 2018. Hier veröffentlichen wir ihn erneut, inklusive dem Dankesschreiben des TuS Appen, welches uns kürzlich erreichte.

Nazis raus – auch aus dem dörflichen Fußballverein, ist leicht gefordert und skandiert, aber dann eben doch eine sehr figelinsche Angelegenheit wie der Fall TuS Appen gegen den Hamburger NPD-Vorsitzenden Lennart Schwarzbach zeigt. Und das Recht macht die Sache eben auch nicht immer einfach.

TuS Appen, Einladung zur Mitgliederversammlung – unter Tagesordnungspunkt 14. Satzungsänderungen a,b,c,d – „die Beschlussvorlage mit den vorgesehenen Satzungsänderungen kann beim Verein per E-Mail unter info-tus-appen.de angefordert werden und liegt in der Geschäftsstelle zur Abholung bereit.“ Denn 8000 Euro Gerichts- und Anwaltskosten ärmer, zahlreiche Gerichtsverhandlungen später, eine persönliche Strafanzeige wegen angeblicher Urkundenfälschung noch anhängig, um viel Erfahrung reicher und das eine oder andere Mal desillusioniert, weiß Wilfred Diekert, Vorsitzender des TuS Appen, um die Wichtigkeit dieser Zeilen auf der Einladung. Denn letztlich war es ein Formfehler, der dafür sorgt, dass der Hamburger NPD-Vorsitzende Lennart Schwarzbach (27) nach wie vor Mitglied des TuS und seiner Fußballabteilung ist – gegen den erklärten Willen seiner Mitspieler, seines Abteilungsleiters Sascha Helfenstein und einer Entscheidung der TuS-Mitgliederversammlung aus dem Jahr 2015. Damals wurde die Satzung nämlich zum Zwecke des Ausschlusses des NPD-Funktionärs geändert, aber Zweck der Satzungsänderung nicht vorab in der Einladung „schriftlich ausgeführt“. Das muss laut einem Urteil des BGH seit 1979 so sein. „Kein Ausschluss ohne Rechtsgrundlage“, so Diekert besagt ein Urteil des Reichsgerichts von 1929 – und das hat Bestand.

„Letzlich ist es ja besser, dass wir an einem Formfehler und nicht in der Sache gescheitert sind“, ist Diekert (69, vier Einsätze als Schiri in der 1. Bundesliga) beim Gespräch mit dem Übersteiger und seinem Fußballabteilungsleiter Helfenstein in der Appener Geschäftsstelle einige Wochen nach der höchstrichterlichen Entscheidung der 9. Zivilkammer des Landgerichts Itzehoe schon wieder bei Normalpuls – auch wenn ihn so einige Umstände rund um die rechtliche Auseinandersetzung immer noch sehr aufregen. „Heutzutage muss man als ehrenamtlicher Vorsitzender eigentlich auch ein Volljurist sein“, bemängelt der Vorsitzende des Hamburger Verbandsschiedsrichterausschusses. Und ein PR-Experte obendrein. Denn schafft es der TuS-Appen für gewöhnlich in die lokalen Sportnachrichten, weil die Oberliga-Damen wie derzeit gegen den Abstieg spielen und die 1. Herren in der Kreisliga 7 gegen Cosmos Wedel punkten, sind er und seine Appener in den vergangenen Wochen in TV-Beiträgen wie Panorama 3 und Printmedien vom „Hamburger Abendblatt“ bis zu den „11 Freunden“ im Kampf gegen rechts vertreten.

Rückblick: Schwarzbach, gemeldet in Hamburg mit Oma in Appen (Diekert: „Die zahlt auch seine Vereinsbeiträge“) wechselt vom Hoisbütteler SV in die 1. Herren zum TuS Appen. „Da war uns nichts bekannt über rechte Gesinnung und politischen Werdegang des jungen Mannes“, so Appens Vorsitzender. „Wir haben ja nicht jeden überprüft, der bei uns Sport treiben wollte. Inzwischen gucken wir bei allen nach, ob sich da bei Google etwas findet.“ Ein Muss, wenn man solche Leute wie Schwarzbach gar nicht erst im Verein haben möchte. Den Beitritt kann der Verein nämlich verweigern, aber der nachträgliche Rausschmiss ist kompliziert. Und ob er überhaupt rechtes wäre –  ist in der Sache eben gar nicht vor Gericht entschieden worden. Soweit.

2014 als der junge Rechte erstmals für die Hamburger NPD kandidierte, durfte er allerdings schon bei TSC Wellingsbüttel nicht mehr als C-Jugend-Trainer tätig sein. Als Spieler blieb er beim Hoisbütteler SV wie auch in Appen unauffällig. „Der hat sich innerhalb des Vereins immer ordentlich verhalten, hat keine Politik hier reingetragen“, weiß Diekert zu berichten. Aber Helfenstein ergänzt: „Seine Facebook- Accounts machten dann doch die Runde und durchs Fenster entdeckten Mitspieler verfassungswidrige Symbole an der Zimmerwand.“ You-Tube-Videos des NPD-Funktionärs (Zitat daraus: „Integration ist Völkermord. Deutscher ist nur, wer deutsche Vorfahren hat . . .“) machten die Runde.

Das eben nicht Ende der Geschichte – mit dem nationalistischen Kicker Schwarzbach will keiner mehr spielen. Und schon begann die Geschichte mit den Formfehlern. Satzung geändert, da fehlt noch mal eine Unterschrift, der Notar lässt sich auch Zeit, hat keine Einwände, anstandslose Eintrag der Satzung Anfang 2016, Antrag auf Vereinsausschluss und der Vereinsausschluss dann im April. Anhörung vorm Ehrengericht „Es ist nicht so, dass wir nicht vorher alles versucht haben – Gespräche mit ihm in unterschiedlichen Konstellationen – damit er so geht“, sagt Helfenstein schulterzuckend.

Es wird ungemütlicher im beschaulichen Appen: Der Rechtspopulist klagt vor dem Pinneberger Amtsgericht, will an der nächsten MV teilnehmen, wieder mitspielen. Einstweilige Verfügung, Recht für Appen vorm Pinneberger Amtsgericht, Revision ect. pp. Und damit hat Schwarzbach, das ist die Kehrseite der Medaille, eben auch seine Bühne. „Man muss die Kriminellen beim Namen nennen“ und „für Deutschenfeindlichkeit gibt es keine Entschuldigung“ – nach dem Landesgerichtsurteil nichts Unerwartetes vom NPD-Mann, der über seinen Anwalt auch Diekert persönlich anzeigte. Aber „klare Kante“, so die Spieler im Panorama3-Beitrag, wollen sie zeigen. Fußball haben sie für sich erkannt, ist eben nicht unpolitisch. „Bestimmte politische Ansichten, lassen sich nicht mit gesellschaftlichen Werten vereinbaren“, erklären Appens junge Spieler im TV.

In Anbetracht des Umstandes, dass Schwarzbach von Peter Richter, auch Anwalt im NPD-Verbotsverfahren, vertreten wird, lässt sich erahnen, dass es auch beim nächsten Versuch ihn loszuwerden, Gegenwehr und Schwierigkeiten geben könnte. Doch die Mitglieder sind gewillt. Auf der Mitgliederversammlung am 19.April 2018 stimmten fast alle der etwa 100 Anwesenden für die Änderung der Satzung. Nur Schwarzbach nicht, nach dessen Redebeitrag es “etwas hitzig” (Helfenstein) wurde. Zum Training oder Spiel ist der NPD-Mann bislang nicht erschienen“, so die Appener Funktionäre. Lediglich beim Fitness wurde er mal gesichtet. Die Mannschaft hat bereits klar und kantig verkündet, den Rasen zu verlassen, sollte Schwarzbach dort auftauchen und aufs Mitspiel pochen.

Diekert muss jetzt erst einmal klären, ob der TuS Appen überhaupt noch eine gültige Satzung hat und derlei komplizierte Dinge – alles ehrenamtlich versteht sich und ohne Unterstützung vom Landessportverband Schleswig-Holstein oder der Rechtsschutzversicherung über die der Verein „versichert“ ist. „Das Verfahren zum Ausschluss eines Vereinsmitgliedes ist kein Versicherungsgegenstand“, schreibt die ARAG und überwies aber immerhin im Kulanzwege 1000 Euro. Und das Verfahren wegen der Strafanzeige? „Ne auch kein Rechtsschutz. 500 Euro auch Kulanz“, sagt Appens Vorsitzender empört darüber. „Alle quatschen immer, aber dann stehst du als kleiner Verein ganz alleine da.“ Der Landessportbund empfiehlt dem TuS-Appen lediglich „den Abschluss eines entsprechenden Zusatzvertrages“ zur Versicherung. Das ist doch mal recht hilfreich. Diekert: „Die müssten uns dankbar sein, dass wir schon mal für etwas Rechtssicherheit gesorgt haben.“

Aber Diekert und Helfenstein haben in der Sache nicht nur schlechte Erfahrungen machen müssen. Der SV Babelsberg 03 unterstützte die Kreis Pinneberger als ersten Verein mit 500 Euro aus seiner Spendenaktion „Nazis raus aus den Stadien“ und besucht den Club des ehemaligen Bauerndorfes (wie hoffentlich auch eine Mannschaft des FC St. Pauli) zu seinem Fußballturnier Anfang Juli gegen rechts auf dem Platz am Almtweg. Fehlen den Appenern unterm Strich also noch 6500 Euro zur Kostendeckung des bisherigen Verfahrens.

Dafür geben wir hier doch gerne mal die Bankverbindung an:
TuS Appen, Sparkasse Südholstein,
IBAN: DE 49 23051030 0003024445,
BIC: NOLADE21SHO
Stichwort: Appen gegen rechts.

Der Übersteiger dankt fürs Gespräch und wird die Bemühungen des TuS Appen weiter begleiten und beim Turnier im Juli ganz sicher und gerne auf Bratwurst und Bier vorbeischauen. // tati/hog

Ergänzung, 22.Juni 2018:
Inzwischen erreichte uns dieses Schreiben von Wilfred Diekert, dem 1.Vorsitzenden des TuS Appen. Die eben genannte Bankverbindung ist natürlich trotzdem weiterhin gültig und kann für Spenden verwendet werden.

 

Liebe Sportfreunde,

vielen Dank für den Artikel im Übersteiger vom 06. Mai über die Vorgänge in unserem Verein im Zusammenhang mit dem beabsichtigten Ausschluss eines NPD-Funktionärs. Im Nachgang zu diesem Artikel sind mehrere Spenden als Kostenbeitrag für unsere entstandenen Rechtskosten eingegangen, für die wir uns ebenfalls herzlich bedanken.

Wir empfinden dies als großartige Hilfe, weil die Kosten dieses „unsäglichen“ Rechtsstreits mit all seinen Facetten für unseren Verein eine natürlich nicht unbedeutende Größenordnung angenommen haben und belasten. Und wenn man dann bedenkt, dass dieses Verfahren deshalb entstanden ist, weil ein ausgeschlossener Rechtsradikaler den Verein durch alle möglichen Instanzen „gezogen“ hat, ohne dass wir eigentlich die Möglichkeit hatten aus diesem Prozess „auszusteigen“.

Nun werden wir diesen Vorgang wohl wiederholen und dann mal sehen wie es ausgeht.

Wir hoffen auch weiterhin auf eine angenehme Zusammenarbeit.

Mit freundlichen Grüßen

TuS Appen – Vorstand
Wilfred Diekert
(W. Diekert  – 1. Vorsitzender ) weiter

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Energie Cottbus: Alles Nazis – oder doch nicht?

Ultima Raka beim Spiel gegen Babelsberg im November 2016 // (c) Dennis Pesch

Dieser Artikel von Slarti erschien zuerst im Print-Übersteiger #132 am 6.Mai 2018.

Wenn man über die Vorfälle in Babelsberg redet, muss man auch über Cottbus reden. Und zwar anders, als oft am Millerntor der Fall: Differenzierter und mit etwas mehr­… sagen wir mal… Demut. Denn seien wir ehrlich: Wir sitzen hier (zurzeit!) auf der Insel der Seligen. Die ist aber eben eine Insel und kein Olymp, von dem es sich auf andere herabblicken ließe.

Dass die Situation in Cottbus komplexer ist, als sie auf den ersten Blick scheinen mag, sah man zum Beispiel im November 2016 im Heimspiel gegen – Babelsberg. Im Cottbusser Fanblock war folgendes Transparent zu sehen: „Für Zecken sind wir Nazis – für Nazis sind wir Zecken…“. Urheber war Ultima Raka, eine der größten Ultra-Gruppen bei Energie Cottbus. Kein Jahr später stellte die Gruppe ihre „Aktivitäten für unbestimmte Zeit“ ein. Wie kam es dazu und was bedeutet das für die Gegenwart?

Nazis, Kampfsportler, Hooligans und Rocker

Es ist kein Geheimnis, dass das Bild der Cottbusser Fanszene durch Inferno Cottbus (IC’99) geprägt ist, die man heute mit Recht als Nazis bezeichnen kann. Bei der Gründung 1999 war IC’99 jedoch ein Dachverband, in dem Rechte zwar von Anfang an dabei waren, der aber zunächst Fans aller Art versammelte, die Stimmung und Ultrakultur wollten. Erst als der Verein 2002 ein „Erscheinungs- und Auftrittsverbot“ gegen IC’99 verhängte, spaltete sich die Szene: Neben IC’99 entstanden das Collettivo Bianco Rosso (CBR’02) und Ultima Raka (UR’02).

IC’99 wurde zum Sammelbecken für organisierte Neonazis, Hooligans und Kampfsportler wie Markus Walzuck, 2011 deutscher Meister im Kickboxen. Wie Robert Claus – Rechtsextremismusexperte und Autor von „Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“ – betont, ist diese „Verzahnung von Kampfsport-, Polit- und Hooliganstrukturen“ vielerorts zu beobachten: „Wir reden nicht nur über ein Fußballproblem, sondern über ein Sport- bzw. Kampfsportproblem, das in die Fanszenen hineinstrahlt.“ In Cottbus komme hinzu, dass „Kampfsport, rechte Szene und Security-Business eng verknüpft und ein echter Wirtschaftsfaktor sind“. Neben über 50 Security-Unternehmen existieren unter anderem das in der rechten Szene beliebte Mode-Label „Label 23“ – als „Boxing Connection“ von Markus Walzuck gegründet – sowie das Rechtsrock-Label Rebel Records, bei dem die Band Frontalkraft unter Vertrag ist, die wiederum Verbindungen zum IC’99 hat. Das IC’99 ist starker Arm und zentraler Teil dieses rechten Netzwerks, das eine „mafiöse Dominanzkultur“ in der Stadt etabliert hat, wie Joschka Fröschner von der Opferspektive formuliert, die Opfer rechter Gewalt und rassistischer Diskriminierung berät. Er weist jedoch zugleich darauf hin, dass es in Cottbus nicht nur Nazis gibt: „Das Gewaltlevel ist auch deshalb so hoch, weil es hier noch eine Gegenkultur gibt, von der sich die rechten Strukturen herausgefordert fühlen.“ Das sollte man zumindest auf dem Schirm haben, wenn man über die Situation in Cottbus redet.

Auch der Nachwuchs des IC’99, die Unbequeme Jugend Cottbus (UJC), und Gruppen wie die WK13 Boys verbinden ein stramm rechtes Weltbild und hohe Gewaltbereitschaft. Vor allem UJC ist in der Fanszene und der Stadt selbst immer mehr zum Problem geworden. CBR’02 und ihr Nachwuchs Frontside sind ebenso rechts bis rechtsoffen und haben Verbindungen in die rechte Szene und ins Rockermilieu, besonders zum mit Neonazis durchsetzten Gremium-Chapter Spremberg. IC’99 wie auch CBR’02 pflegen enge Beziehungen zu den New Society Boys („NS-Boys“) aus Chemnitz – deren Logo mit Hitlerjungen-Konterfei ist auch auswärts häufig zu sehen.

Dazu, dass die Fanszene unter dem rechten Schatten des IC’99 steht, trug auch der lange Zeit beschwichtigende Umgang des Vereins mit dem Problem bei. Trotz eindeutiger Informationen, auch von staatlicher Seite, wiegelte man ab, teils in grotesker Weise – vielleicht auch aufgrund persönlicher Beziehungen und weil einige Mitglieder des IC’99 der eigenen Jugend entstammten. So behielt das IC’99 seine Vormachtstellung, obwohl seit 2002 fast durchgängig mit „Erscheinungs- und Auftrittsverbot“ belegt und trotz teilweise langjähriger Stadionverbote. Wobei es laut Fröschner „nicht so die große Rolle spielt, ob die Stadionverbot haben oder nicht“ – sie kommen auch so rein.

Wo „unpolitisch“ schon gefährlich ist

Das hohe Gewaltpotenzial des IC’99 verschafft der Gruppe „einen Einfluss, der ihrer eigentlichen Größe nicht entspricht“, so Claus, und macht es anderen Fans schwer, ihrer Dominanz etwas entgegenzusetzen. Wie Fröschner bestätigt, gibt es „neben den offenen Nazistrukturen von jeher wenig Platz für Ultras, auch Ultima Raka war immer unter Druck“. Denn UR’02 traten als „unpolitische“ Ultras auf, die „Politik im Stadion“ ablehnten. Das mag vom Millerntor aus als „zu wenig“ erscheinen, das wäre aber zu einfach gedacht – viel mehr war und ist gegen das Gewaltpotenzial der Szene um das IC’99 bisher kaum möglich, erklärt Fröschner: „Eine Gruppe, die sich im Stadion halbwegs offen als ‚links‘ präsentiert, wäre in fünf Minuten aus dem Block raus.“ In diesem Klima boten UR’02 auch politisch linken Energie-Fans – ja, die gibt es! – einen Raum. Vor allem aber waren sie, wie Fröschner herausstellt, „der Rückzugsraum für die vernünftigen Leute“ und wichtig, damit die Masse der Stadionbesucher „die Verbindung von rechtem Gedankengut und Fußball nicht als alleinige Normalität erlebt“.

Den Rechten gefiel dieser Bruch mit ihrer Agenda natürlich überhaupt nicht. Ultima Raka wurde als „UR Antifa“ diffamiert und mehrfach angegriffen. Als 2016/17 einige „alte Größen“ des IC’99 nach längerer Abwesenheit aktiv in die Fanszene zurückkehrten, verschärfte sich die Situation, wie Fröschner berichtet: „Seitdem nahm die Gewalt innerhalb der Fanszene deutlich zu.“ Offenbar hatten andere ihrer Meinung nach „die Zügel schleifen lassen“ – nun nahm das IC’99 sie wieder fester in die Hand. Auch mithilfe der UJC wurden andere Gruppen „verstärkt unter Druck gesetzt und bedroht, um sie auf Linie zu bringen“.

Parallel kam es nach einem Wechsel an der Vereinsspitze 2016 endlich zu „mehr Offenheit dafür, das Problem anzuerkennen und anzugehen“, so Fröschner. Das führte jedoch erstmal zur Zuspitzung. Als einige Vorfälle innerhalb der Fanszene durch Medienberichte öffentlich wurden und Ermittlungen wegen der Gründung einer kriminellen Vereinigung drohten, löste sich IC’99 im Mai 2017 präventiv auf – aber nur auf dem Papier. Ihr neues Ziel: Die Fanszene in einer neuen Struktur zu vereinigen, in der IC’99 den Ton angegeben hätte. „Gespräche“ wurden geführt und wo sie nicht das gewünschte Ergebnis brachten, setzte man teils massive Gewalt ein, lauerte Betroffenen auf oder besuchte sie zuhause. Vor diesem Hintergrund ist die Ankündigung von UR’02 aus dem September 2017 zur „Einstellung der Aktivitäten“ zu lesen, in der es hieß: „So beschissen das auch ist, so sehen wir nach Gesprächen mit anderen Akteuren über die zukünftige Ausrichtung der Cottbuser Fanszene leider keine Möglichkeit, unser Fandasein weiterhin frei nach unseren Vorstellungen auszuleben.“
In freier, zugespitzter Übersetzung: Wir machen bei den Plänen des IC’99 nicht mit, aber wir wollen uns auch nicht umbringen lassen.

Energiefans gegen Nazis

Am 2. Oktober 2017 tauchte bei Facebook die Seite „Energiefans gegen Nazis“ auf. Die Aktiven – anfangs etwa zehn, inzwischen deutlich mehr – sind einfache Fans und Vereinsmitglieder, ohne engere Verbindungen zu Ultragruppen. Sie ordnen sich auch keiner politischen Partei oder Struktur zu; was sie vereint, ist das Bestreben, etwas gegen die Nazis im Stadion zu tun. Ihr erstes Statement: „Wir haben diese Seite eröffnet, weil wir es nicht mehr akzeptieren, als Energiefans pauschal stigmatisiert zu werden. Gleichzeitig leugnen wir nicht, dass unser Verein offenbar noch zu viele Nazis anzieht.“

Die „Energiefans gegen Nazis“ sind überzeugt, dass „die Mehrheit der Fans die Nazis ablehnt“. Dieser Mehrheit wollen sie Mut machen, sich von den Nazis abzugrenzen und für Vielfalt und Toleranz einzutreten. Dazu betreiben sie auch Aufklärung zu Rechtsextremismus, zu Symbolen, Kleidung und Begriffen der rechten Szene. Der Abstand zur organisierten Fanszene soll es anderen Fans leichter machen, sich an Aktionen zu beteiligen. Im Vordergrund soll die Sache stehen, nicht Personen oder Gruppen. Vor allem deshalb blieben die Aktiven bisher anonym. Zwar spielen Sicherheitsgründe mit hinein, doch sie legen Wert darauf, „das Bedrohungspotenzial nicht größer zu reden als es ist. Die meisten von uns haben noch nie bedrohliche Situationen erlebt.“

Bereits nach einer Woche hatte die Seite über 700 Likes, aktuell über 1000. Auch der Verein kommentierte die Initiative positiv. Aus dem Umfeld des IC’99 wurde mit der Seite „FC Energie Cottbus-Fans gegen Zecken“ geantwortet, die es aber nur auf etwa 200 Likes brachte und inzwischen eingestellt wurde. Ihr Ziel, „Diskussionen anzustoßen“, haben die Aktiven jedenfalls erreicht. Es wird kontrovers diskutiert: ob Politik ins Stadion gehört, ob Linksextremismus genauso schlimm ist wie Rechtsextremismus, was man gegen Nazis tun kann und wie weit man dabei gehen darf. Vieles, was am Millerntor sofort Konsens wäre, ist lebhaft umstritten – „das finden wir aber gut, das ist genau das, was wir wollen“. Deutlich wird dabei, dass viele Cottbusser die Nase voll haben von den Nazis – aber eben auch davon, mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden. Ein Problem, das die „Energiefans gegen Nazis“ kennen: „Selbst einige von uns wurden mehrfach als Nazis beschimpft.“

Womit wir zu den unbequemen Fragen kommen: Darf man eine Fanszene, die unbestritten ein ernsthaftes Problem mit Nazis hat, „pauschal stigmatisieren“? „Klar“, denken manche. „Beim Fußball, im Stadion – und erst recht unter Ultras – gehören Rivalitäten und Provo dazu und Nazis sind nun mal scheiße.“ Stimmt. Aber: Wenn man meint, dass Politik ins Stadion gehört, dass das Stadion ein politischer Raum ist, wenn man sich als politischer Fan oder gar politischer Verein begreift – dann kommt man nicht drum herum, sich zu fragen, was das eigene Tun politisch bewirkt.

Dann muss man sich auch fragen, wie man auf ein Transparent wie das von Ultima Raka reagiert. Die Babelsberger gaben beim nächsten Spiel diese Antwort: „Für Zecken seid ihr Nazis – Für Nazis seid ihr Zecken… Für uns seid ihr einfach nur Abschaum“.
Kann man unter „alles nur Provo“ abtun, kommt als Argument auch von der Gegenseite. Aber: Unterstützt man damit die, die den Nazis im eigenen Verein etwas entgegensetzen – und sei es „nur“ eine Alternative, in der man nicht rechts sein muss, um Ultra zu sein? Zumindest die Frage, ob man die Gelegenheit besser hätte nutzen können, darf man stellen.

Das war den Babelsbergern durchaus schon gut gelungen. So zeigte man 2015 eine einfache Botschaft: „Nazischweine“. Der Witz: Das I und das C waren rot hervorgehoben – der Adressat war eindeutig. Auch für die „Energiefans gegen Nazis“ war das „richtig, korrekt und schlau, so funktioniert Bannerarbeit im Stadion“. Dass nun aber ausgerechnet wieder gegen Cottbus das „Nazis raus aus den Stadien“-Transparent in der Gästekurve aufgehängt wurde, ging selbst ihnen übel gegen den Strich. Auf Cottbusser Seite empfand man das zumindest teilweise als „Marketing-Masche“, vor allem aber als politisch kontraproduktiv: „Im Grunde natürlich eine Super-Aktion, aber dass das Thema immer wieder ausschließlich auf dem Rücken von Cottbus ausgetragen wird, hilft den Nazis mehr als uns. Letztlich befördert das nur dieses ‚wir‘ und ‚die‘, hinter dem sich die Nazis verstecken können.“

Was tun?

Es bleibt also schwierig – für Kritiker*innen von außen wie für die, die vor Ort versuchen, etwas zu ändern. Das zeigt auch die Diskussion auf der Seite um einen Song, der im Stadion gespielt werden sollte. Doch der Verein lehnte ab – „Beate Zschäpe hört U2“ war aktuell (noch) nicht durchsetzbar. Nach Robert Claus „muss man sowieso im Maßstab von drei bis fünf und mehr Jahren denken. Das Netzwerk aus Verein, Fanprojekt, engagierten Fans und Stadt braucht eine zielgerichtete Strategie, wo man mit der gesamten Fanszene in fünf bis zehn Jahren stehen will. Welche Rolle sollen Vielfalt und Demokratie darin spielen und welche Maßnahmen braucht es dafür?“ Aktuell sei vor allem wichtig, „was man dafür tun kann, dass die nächste Generation von Cottbus-Fans nicht an die falschen Leute gerät“. Was das angeht, ist es fraglos ein Verlust, dass Ultima Raka zurzeit offiziell aus dem Spiel ist – wobei sie in letzter Zeit wieder aktiver zu werden scheinen.

Wie also kann man den „Energiefans gegen Nazis“ helfen? Claus betont, dass man das vor allem die Aktiven selbst fragen müsse: „Was brauchen und wollen sie überhaupt an Unterstützung? Nicht nur unabgesprochen von außen reinreden.“ Die „Energiefans gegen Nazis“ würden sich, so ihre Aussage, über Ideen zu Aktionen, Merch und „coole Sprüche“ freuen, die sie nutzen können. Als Beitrag auf der Seite – nicht zu offensichtlich aus St. Pauli – oder direkt per Nachricht. Oder über Links zu Artikeln, „die einen klaren, engen Bezug zu Fußball und Nazis im Fußball haben“. Ein kleiner Traum obendrauf: „Wenn namhafte Künstler wie etwa Die Ärzte ganz unvoreingenommen bereit wären, den Verein im Bemühen um Vielfalt und Toleranz zu unterstützen, und im Stadion ein paar Worte an die Leute richten oder gar einen Song spielen, zum Beispiel ‚Schrei nach Liebe‘ – dann wäre eine Barriere gebrochen, dahinter könnte der Verein nicht zurück.“ Ihr nächster Plan ist, mit einer Zaunfahne einen Schritt aus der Anonymität hinaus zu machen. Wie das organisiert werden kann, ob immer jemand anderes sie aufhängt oder eine große Gruppe mehr Sicherheit bietet – darüber wird noch gesprochen. Jedenfalls geht es weiter.

Dabei wäre es wahrscheinlich auch für diejenigen in Cottbus, die keinen Bock auf Nazis haben, die einfachere Lösung, nach Babelsberg oder ans Millerntor abzuwandern: Man müsste sich weniger mit Ambivalenzen und Widersprüchen plagen, riskiert weniger Auseinandersetzungen und erspart es sich, „pauschal stigmatisiert“ und selbst als „Nazi“ angegriffen zu werden. Aber: Auch wenn ich meinen Platz auf der Insel der Seligen genieße – was Leute wie die „Energiefans gegen Nazis“ machen, ist richtig und wichtig und bedarf der Unterstützung. Denn um die Inseln der Seligen herum gibt es noch die raue See. Also, mit den besten Wünschen nach Cottbus: Walk on und viel… Energie! // Slarti

P.S. Es bleibt noch ein langer und schwieriger Weg, offensichtlich. (Frodo)

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Torheit

Gastartikel von Georg E. Moeller

Was haben wir damals gelernt, als wir 1:8 gegen die 8b verloren haben? Zwei Dinge erinnere ich:

Erstens ist immer irgendwer schuld an irgendwas und zweitens, spiele „niemals“ und mit „niemals“ ist „niemals“ gemeint, näher als 25 Meter vor dem eigenen Tor einen Ball diagonal rückwärts Richtung eigenem Keeper. Immer wegkloppen, aufessen, in die Hand nehmen oder vor allem wegkloppen. Niemals Richtung Keeper. Unser Sportlehrer, der ein angefressener Ehrgeizling war, mit einer Halsschlagader, hinter der man sich schon im Ruhezustand verstecken konnte, hatte es uns vor dem Spiel gesagt und während des Spiels geschrien und nach dem Spiel ohne Stimme immer auf mich gezeigt, mit einem wütend zitternden Finger: „Was habe ich Euch gesagt, wahaaas habe ich Euuuuch gesaaaagt…???“

Nur, weil ich diese beiden Male, anderthalb Kopf kleiner als die Jungs, die mich mit gebleckten Zähnen über den Haufen zu laufen drohten, den Ball, hinter dem sie her waren, in Richtung Eckehard gespielt habe. Damals gab es noch keinen unerlaubten Rückpass, aber es gab dicke Torhüter, die deshalb im Tor standen, weil keiner sie draußen mitspielen lassen wollte und es gab wieselflinke kleine Arschlöcher, die das ganze Spiel auf Idioten wie mich warteten und die Rückpässe auf den dicken Torwart als Chance zum 3:1 und 6:1 nutzten. Wir hätten auch so verloren, weil wir eine Mannschaft und kein Team waren, weil wir vier selbsternannte „Gute“ hatten und der Rest scheiße war, weil unser Trainer unsere kleinen ramponierten Seelen für seine große ramponierte Seele brauchte und weil die 8b einfach besser war.
So im Verhältnis 8:1.

Egal, es ging damals darum einen Schuldigen zu finden, für was auch immer. Und es gab Auswahl, denn es boten sich gleich zwei an, der unglaublich doofe Georg und der unglaublich bewegungsretardierte Eckehard. Seit dieser Zeit beschäftigt mich das Schuldprinzip. Erst aus eigenem Erleiden und zunehmend auch als gesellschaftliches Bewegungsprinzip. Immer wurde und wird zuerst gefragt wer Schuld hat, obwohl selbst das sichere Wissen darum nichts, aber auch gar nichts an der Krise ändert, nicht den mikrobengroßen Teil einer Lösung birgt, wird daran festgehalten.

Konsequenz: alle suchen, keiner findet. Banales Beispiel?
Gerne: Fragte ich irgendwann mal in den offenen Büroraum „Wo ist denn der verfickte Locher?“, hörte ich dreimal „Hab ich nicht.“ Keinmal „Warte, ich helfe Dir suchen.“

Seitdem interessiert mich Schuld nicht mehr die Bohne, sondern ich kümmere mich im Privaten, wie im öffentlichen Raum, um Lösungen und mache mich über Schuldsucher lustig oder pampe sie an.

So wie den unsäglichen Kommentator eines überregionalen Schuldsucherblattes, jenen Franz Josef Wagner, der sich F.J. Wagner nennen lässt, mit seinem angeblichen Trostbrief an den Torwart einer Mannschaft, die gerade aus dem Großverdienerwettbewerb ausgeschieden war, weil es noch größere Großverdienervereine gab und gibt und die am Ende summarisch gewonnen hatten. Er tröstet in seiner perfiden Technik der Schuldzuschreibung die nur vorgibt Trost zu spenden, in dem er solche Sätze schreibt wie „Sie hatten eine nachtschwarze Sekunde. Jeder Mensch hat nachtschwarze Sekunden.“ Und damit mal eben genau jene Schuld, von der das Sch***blatt lebt, in diesem Falle nicht bezweifelt oder minimiert, sondern „Rumms“ zementiert. Ein Arschlochtrick. Da ist kein Trost drinne und soll es auch gar nicht, das ist Häme.

Auch als er anschließend scheinbar schleimend fragt: „Tröste ich Sie in Ihrer Einsamkeit und Finsternis?“
Geht das hämischer? Die Einsamkeit und Finsternis, so es sie denn gibt, die mit Schlagzeilen wie „Ulreich-Unfall – Hier platz der Triple-Traum“ oder „Ulreich-Patzer“ überhaupt erst erzeugt wurde, bereiten den Boden, auf dem menschenverachtende Sätze wie „Es gibt Sternstunden, in den Helden geboren werden. Und es gibt Menschen wie Sie.“ zu Schlachtzeilen werden und es auch sein wollen. Nicht weil F.J. Wagner Ahnung von Fußball hätte, oder von Menschlichkeit, sondern weil er sich verkauft hat und das Schuldsuchersyndrom, von dem sein Arbeitgeber lebt, lebendig halten soll. Sein Abschlußsatz „Sven Ulreich, Sie sind kein Held, aber ein Mensch. Das ist was Besseres.“ macht nach der Enthauptung keinen Sinn, aber schützt die hochgezogenen Schultern des Autoren vor möglichen Kopfschüttlern.

Was war geschehen? Die Mannschaft des Torhüters war in der eigenen Hälfte in das sogenannte hohe Pressing des Mitkonkurrenten geraten und hatte die alte Weisheit „Hinten drin und unter Drück? Klopp’ ihn weg und nicht zurück.“ missachtet und damit den eigenen Torwart auf dem falschen Bein erwischt und ein gegnerischer sogenannter Stoßstürmer hat ihn mit Druck zu einer Pest- oder Choleraentscheidung gezwungen und das gemacht, wofür er da eingesetzt wurde. Mit Schuld hatte das bei Eckehard und bei dem Torwächter aus München nix zu tun. Das Spiel heißt Fußball und wird exakt deshalb gerne und leidenschaftlich gespielt und leidenschaftlich besprochen.

Leidenschaft beinhaltet auch den Stamm „Leiden“, ein Leiden, das man anderen bereitet und oder selbst erleiden muss. Beides wird nur dann zu einer lebensbejahenden Perspektive, wenn man (und gerne auch frau) sich danach in den Arm nehmen kann. Das eigene Team und auch das andere Team. Ohne Schaum. Dann und nur dann macht Fußball einen Sinn, für die kleinen Georgs, die kleinen Eckehard und all die anderen kleinen Arschlöcher, die keine großen werden wollen.

Wagner hatte vermutlich diese Chance nie. // Gastartikel von Georg E. Moeller

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