Übersteiger 132

Heute wieder 120 % geben !

– ach, was sagen wir: einfach alles, was wir haben! Dann spielen wir auch eine Mannschaft an die Wand, die zumindest theoretisch noch um den Aufstieg mit- spielt. Wie machen wir das? Mit dem Funken, der vom Platz auf die Ränge übrspringt und den Roaaarrr hervorrrbringt. Warum Funken besser sind als Pfeifen – das lest ihr bei flippa auf den nächsten Seiten. Warum aber alles so ist wie es ist, und kaum anders sein kann, erklärt uns Uwe Stöver im Interview, bei dem sogar noch Markus Kauczinski kurz hereinschneite. 

Es ist eben alles nicht so einfach bei und für unseren FC St. Pauli. Auch finanziell und so. Zum Beispiel auch mit der Fananleihe, die jetzt demnächst fällig ist. Wie sich der Verein darauf vorbereitet, berichtet uns Andreas Rettig im Gespräch. Doch nicht genug der Themen rund um unseren FCSP: Wir stellen diesmal die Rug- byabteilung vor, die sportlich erfolgreichste im Club: “Angst und Geld haben wir nicht” – ein Motto, das perfekt zu unseren Pirates of the League passt. Apropos Pirates, Nick Davidson, der Autor von „Pirates, Punks and Politics“, war in Port- land und traf dort auf ein Vereinsumfeld, das viel mit unserem gemein zu haben scheint. Seinen Blogtext dazu hat MacKozie für uns ins Deutsche übertragen. 

Die “Timbers Army” ist wie die Fans des FCSP bekannt dafür, gerne Regenbogenfahnen im Stadion zu schwenken. Auch der SV Babelsberg 03 tut das und kämpft besonders gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Wie schwer dieser Kampf ist, bekommt gerade der TuS Appen zu spüren, der ein ungeliebtes Mitglied nicht mehr loswird. Energie Cottbus ist hingegen nicht für eben diesen Kampf bekannt. Umso wichtiger, dass sich auch dort Widerstand gegen rechte Kultur im Stadion regt. 

Neben all diesen gewichtigen Themen und weiteren haben wir natürlich wie immer unsere Rubriken und was fürs Auge: Unser Redaktionsmitglied rakete stellt unseren Leser*innen exklusiv ihre perönliche Auswahl aus den Werken vor, die bis zum 28.04. im Museum in der Ausstellung “St. Pauli visuell” zu sehen waren. Und ach ja, es ist WM, und auch, wenn wir uns schon mal mehr auf Weltklassefußball gefreut haben, so darf natürlich der WM-Poll nicht fehlen. 

Bevor ihr jetzt also anfangt zu lesen und wir gleich verdammt noch mal die KLASSE HALTEN, müssen wir aber noch eines loswerden: Danke, STEFAN SCHATZ, für all die Jahre, in denen du die Heimat des Übersteigers, den Fanladen, so ruhig durch öfters auch schwere See gesteuert hast. Wir werden dich vermissen. 

Eure Übersteigers


Du kannst schon pfeifen, 
aber dann biste halt kacke!

Da ich keine andere Fanszene als die des FC St. Pauli kenne, kann ich nur schlecht einschätzen, was bei anderen los ist, wenn der sportliche Abstieg droht. Langt aber auch, was man hier so mitbekommt. Es ist einfach nur unfassbar peinlich und traurig, dass einige im Stadion sich erblöden und die Mannschaft schon während des Spiels auspfeifen und bepöbeln. 

Die Symbiose zwischen Publikum und Spielern auf dem Platz muss immer wieder erneuert werden. Man hat als Fan tatsächlich die Chance, Einfluss auf den Spielverlauf zu nehmen. Das gilt positiv wie negativ. Wenn sich Allagui und Buballa jede Woche nur Scheiße von den Rängen anhören müssen – obendrein noch von Menschen, die niemals auch nur ansatzweise verstehen werden, wie Fußball funktioniert -, dann ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Leistung der Mannschaft zu wünschen übrig lässt. Passiert sowas beim Nachbarn aus Stellingen, dann wäre das nicht weiter verwunderlich. Aber am Millerntor hat dieser Dreck einfach nichts zu suchen. Selbstverständlich schaffen wir damit eine Wohlfühloase, wenn jeder, trotz noch so schlechter Leistung, nach dem Spiel mit Applaus und aufmunternden Worten verabschiedet wird. Das könnte auch dazu führen, dass mancher eher mal einen Schritt weniger macht. Trotzdem – nörgeln, pöbeln und pfeifen … Wie funktioniert eine Symbiose nochmal? 

Wofür unsere Fanszene allerdings auch bekannt ist, ist das Feingefühl, wann eine Situation eines Zusammenbeißens der Zähne bedarf. Trotz mieser Leistung immer weiter rausfeuern, anschieben und motivieren. All der Mist, welcher in Hauptteilen der Saison auf den Rasen gehackt wurde, für die letzten Spiele vergessen und bedingungslos hinter die Mannschaft stellen. Das können wir. Abgerechnet wird in der Sommerpause und nicht jetzt. Es steht völlig außer Frage, dass das passieren muss. Immerhin scheint die Zusammenstellung der Mannschaft nicht so zu funktionieren wie geplant. Da wird sich einiges ändern müssen und Arbeitsweisen hinterfragt werden. Doch bis dahin stehen alle zusammen, werden ein großes Ganzes und stemmen sich gegen den Abstieg. 

Das gesamte Vorhaben, die Mannschaft zu unterstützen und dadurch besser zu machen, wird durch schlechte Leistungen auf dem Platz torpediert. Egal wieviel wir uns alle vornehmen – wenn in den ersten Minuten kein Einsatz und Annehmen der Situation von den elf Personen auf dem Rasen gezeigt wird, dann hat das ungefähr den gleichen Stimmungskiller-Effekt wie Stinkesocken im Bett. An guten Tagen kann sich gegenseitig in nicht geahnte Sphären hochgeschaukelt werden, an schlechten zieht man sich gegenseitig runter. Von diesen Tagen gab es leider mehr als genug in dieser Saison. Doch in Krisenzeiten muss man eben manchmal etwas mehr geben, als man zurückbekommt. Und dann, nach grausamen sieben Spielen, in denen wir schlichtweg nach dem Bodensatz des Profifußballs gesucht haben, wird all die Liebe und Unterstützung mit einem Spiel bei Sonnenschein gegen die Fürther belohnt. 

Dieser Funken, den die Mannschaft spendiert und damit ein ganzes Stadion abfackelt, lässt sich nicht erzwingen. Wenn dieses Stadium, in dem jede Grätsche, jeder gewonnene Zweikampf für Begeisterung sorgt, erreicht ist, dann schlagen wir in dieser Liga jeden! 

Mit dieser Energie und Fokussierung, befeuert durch Brandreden von Funktionären, kann man natürlich nicht die gesamte Saison aufwarten. Die Abnutzung ist schlicht zu groß. Ein Grund, warum „Feuerwehr-Trainer“ (z.B. beim HSV) immer nur kurze Zeit funktionieren. Trotzdem würde man gerne viele im Verein durchschütteln. Warum nicht früher? Warum nicht gleich so? Fast bekam man das Gefühl, dass diesen Menschen der Verein, im Gegensatz zu uns, egal ist. Mit Blick in die Gesichter und auf die Körpersprache vor, nach und während des letzten Spiels, kann diese These glücklicherweise entkräftet werden. Die Spieler, über die man vorher laut oder leise geschimpft hatte, ließen uns strahlend und gelassen das Stadion verlassen. 

So, genug an den Händen gehalten und gelobt. Wir haben noch zwei Spiele. Der Abstieg ist noch nicht verhindert. Verfällt man in den beiden anstehenden Spielen gegen Bielefeld und Duisburg in alte Muster, dann bringt uns dieser Dreier höchstwahrscheinlich gar nichts. Da lohnt sich also ein Blick auf den heutigen Gegner, um den Fokus wieder herzustellen. 

Schlechte „Gibt-es-gar-nicht-Witze“ sind angesichts der Brisanz des Spiels schlicht unangebracht. Mit dem 3:2 gegen sich aufbäumende Lauterer wurde am 32. Spieltag von der Arminia der letzte Strohhalm ergriffen, um sich noch im Schneckenrennen um Platz drei zu halten, während man gleichzeitig die Mannschaft vom Betzenberg in Liga 3 schickte. Fünf Spiele in Folge sind die Ostwestfalen nun ungeschlagen und das reicht in dieser Saison ja bekanntlich, um sich im Aufstiegsrennen zu befinden. Mit Düsseldorf und Nürnberg sind schon zwei durch. Dahinter streiten sich Bochum, Bielefeld und Regensburg darum, eventuell noch die Kieler abzufangen. 

Wer bei den Bielefeldern nur an den ewigen Fabian Klos denkt, sollte sich dringend mal den Namen Andreas Voglsammer hinter die Ohren schreiben. Der hat nämlich schon 13mal geknipst in dieser Saison. In Kombination mit Klos steht unsere Abwehr also vor einer schweren Aufgabe. Immerhin hat Klos neben 7 Toren auch schon 7 Tore vorgelegt. Er konnte also seinen Sturmkollegen mit Pässen durchfüttern. Sofern das nicht der starke Konstantin Kerschbaumer hinter den beiden Spitzen erledigt. Und als wäre das schon nicht genug, hat unsere Offensivabteilung ebenfalls einiges zu knacken. Torwart Stefan Ortega ist notenbester Spieler der gesamten Liga. Als wenn Tore schießen nicht schon schwierig genug für uns wäre… 

Auch wenn wir nur auf uns blicken sollten, lohnt sich ein Blick auf die wahnwitzige Situation rund um Platz 16 und 17 in der Liga. Die angeblich „Stärkste zweite Liga aller Zeiten“ ist so ausgeglichen auf miesem Niveau und prallgefüllt mit schlechtem Fußball, dass immer noch Vereine auf einem einstelligen Tabellenplatz absteigen können. Diese Situation ist quasi die Strafe für Nichtleistung. Doch trotzdem: absteigen ist für uns schlicht keine Option! 

Erneut wird also ein lautes und bissiges Stadion benötigt, um über das Leistungslimit zu gehen. Treten die Jungs erneut so auf wie zuletzt, mache ich mir da keine Sorgen. Trotzdem kann man sich gegen die Arminia auch mal ein blödes Ding fangen und dann ist es umso wichtiger, alle zusammen Vollgas zu geben. 

Das geht also raus an die Mannschaft: Spendiert Ihr uns den Funken, wir brennen dann das Haus ab! Forza! 

//flippa


“Ich hätte auch gerne die eierlegende Wollmilchsau auf elf Positionen.”

Interview mit Uwe Stöver

Vor dem Spiel gegen Union Berlin hatte der Übersteiger die Gelegenheit, trotz der prekären sportlichen Situation ein Interview mit dem “Geschäftsleiter Sport” Uwe Stöver zu führen. Themen waren die aktuelle Saison, die Entwicklung im Fußball sowie ein Ausblick auf die Zukunft der Mannschaft. 

Übersteiger: Oke Göttlich hat sie bei Ihrem Amtsantritt als Geschäftsleiter Sport als jemanden beschrieben, der in seiner Karriere schon alles erlebt hat. Welche Erlebnisse hat er damit wohl gemeint? 
Uwe Stöver: Ich glaube er meinte meine Zeit als Spieler, als Trainer einer U-19, U-23, als Co-Trainer einer Mannschaft der 2. Bundesliga, als Leiter eines Nachwuchsleistungszentrums und als Verantwortlicher Sport im Bereich 2. Bundesliga und Dritte Liga. In der Zeit gab es einen Aufstieg in die Bundesliga, einen DFB-Pokalsieg 1993 mit Bayer Leverkusen sowie Pokalsiege im Bereich U-19 und U-23 und über viele Jahre erfolgreiche Kämpfe um den Klassenerhalt. „Alles“ habe ich sicherlich nicht erlebt, aber sehr, sehr viel. 

ÜS: Bevor Sie beim FCSP anfingen, haben Sie die sportlichen Geschicke in verschiedenen Funktionen beim SV Wehen-Wiesbaden, FSV Frankfurt und dem 1. FC Kaiserslautern geleitet. Die momentane Situation, zweigleisig planen zu müssen, sollte Ihnen also bekannt vorkommen…
US: Klar, der Kampf um den Klassenerhalt war sowohl als Spieler, als auch als Verantwortlicher im Bereich Sport ein ständiger Wegbegleiter. Ich kenne diese Situation also sehr gut. 

ÜS: Dann stellen wir die These auf: Uwe Stöver in der jetzigen Situation beim FCSP zu haben, war von langer Hand geplant? 
US (lacht): Ich denke, das ist nicht vorauszusehen. Wir hatten eine schwierige Phase in der Hinrunde. Nach dieser hat sich die Mannschaft in der unteren Tabellenregion wiedergefunden. Auch, wenn wir momentan eine Punktzahl haben, die in den letzten Jahren zum Klassenerhalt gereicht hat. Die Situation ist klar: wir befinden uns im Abstiegskampf und haben in den letzten Spielen die Dinge so umzusetzen, dass am Ende der Klassenerhalt als Ergebnis stimmt. 

ÜS: Bei Ihren bisherigen Stationen ging es wie erwähnt auch häufig gegen den Abstieg. Was funktioniert beim FCSP diesbezüglich besser oder schlechter als bei anderen Vereinen? 
US: Wir haben jetzt eine Situation, die sich durch fehlende Ergebnisse in den letzten Spielen konkretisiert hat und wir müssen deswegen im höchsten Maße die Antennen aktivieren. Abstiegskampf ist überall gleich. Es ist nun noch wichtiger in die Köpfe der Spieler zu kommen und sie zu erreichen. Die Spieler müssen sich der Situation auch selbst bewusst werden. Dann hat man eine sehr gute Grundlage, um die nächsten Spiele erfolgreich zu bestreiten. 

ÜS: Kann man den Job eines Sportdirektors besser ausführen, wenn man auch vorher als Trainer tätig war, weil man z.B. Spielertypen, die zur Mannschaft passen besser einschätzen kann? 
US: Es ist in meiner Position sehr hilfreich zu erkennen, was U-19 und U-23-Trainer sowie der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums in diesem Bereich an Anforderungen und Bedürfnissen haben. Da ist eine solche Basis sicherlich hilfreich. Auch für die Kommunikation mit den Trainern hilft die vorherige Ausbildung zum Fußballlehrer. 

ÜS: Nachdem der FCSP relativ glücklich zuhause gegen Holstein Kiel gewann? Mussten Sie bereits schon mal Fragen zur zweigleisigen Planung beantworten. Allerdings bezogen auf den möglichen Aufstieg. Was ist seitdem mit der Mannschaft passiert? 
US: Das Ausbleiben von Ergebnissen und das Verkennen der eigenen Situation waren ein Faktor. Sie behaupten, dass man nach oben schauen musste – wir haben immer gesagt, auch im Winter, dass wir die Mannschaft stabilisieren und von den gefährlichen Plätzen fernhalten müssen. Das gelang zwischenzeitlich nur tabellarisch. Das war sehr trügerisch. 

ÜS: Nehmen Sie uns mal mit! Welche konkreten Auswirkungen hätte ein Abstieg auf den sportlichen Bereich? 
US: Das Bild der Mannschaft würde sich in weiten Teilen verändern. Stand heute haben 15 Spieler sowie zwei Talente laufende Verträge auch für Liga drei. Das Ziel müsste sein, dass die Mannschaft sportlich und qualitativ so ergänzt wird, dass ein direkter Wiederaufstieg erreicht werden kann. Demnach wäre ein personeller Einschnitt die Folge. Dazu käme ein wirtschaftlicher. Eine Reduzierung der Fernsehgelder zum Beispiel. In der dritten Liga bekommt man Fernsehgelder von ca. 750.000€ / 800.000€. Beides wäre ein sehr großer Einschnitt und würde den Verein in der positiven Entwicklung der letzten Jahre zurückwerfen.

ÜS: Wie kommt es dazu, dass so viele Mannschaften in Liga zwei sich auf einem ähnlichen Niveau befinden und nahezu punktgleich sind? 
US: Dieses Jahr gab es keine Absteiger aus der 1. Bundesliga, die einen sofortigen Wiederaufstieg realisieren können – so wie Hannover 96 und der VfB Stuttgart in der Vorsaison. Dazu kamen mit Duisburg, Regensburg und Kiel drei Aufsteiger, die diese Liga sehr schnell durch Kaderstärke und Kontinuität adaptiert haben und sehr gut eingespielt sind. Auch ist die Diskrepanz zwischen zweiter und dritter Liga nicht mehr so groß wie früher – was die sehr guten Ergebnisse der Aufsteiger wie gegen Union Berlin, Darmstadt und Braunschweig belegen. Darüber hinaus haben wir viele Mannschaften, die sich auf gleichem Niveau bewegen. Das liegt daran, dass auch „kleine“ Vereine mittlerweile oft die Möglichkeit haben, mit einem vergleichbaren Etat wie die „größeren“ zu arbeiten. 

ÜS: Sie erwähnten, dass ein Vorteil von Aufsteigern die „Eingespieltheit“ ist. Das müsste der Kader vom FCSP eigentlich auch sein, schließlich wurde Kader auch zusammengehalten. Hat St. Pauli überperformed in der letzten Rückrunde? 
US: Das ist schwierig zu sagen. Ich sage, dass man über einen gewissen Zeitraum immer da steht, wo man es letztendlich auch verdient hat zu stehen. Gleichzeitig muss man aber auch sehen, dass diese Saison nicht reibungslos war. Wir hatten vom ersten Spieltag an außergewöhnliches Verletzungspech. Dies ist aber nicht der alleinige Grund. Wir haben uns durch viele andere Dinge nie in einen Rhythmus spielen können. Wir sind und waren problembehaftet und haben nicht zu einer Konstanz gefunden. Man hat am Anfang der Saison immer eine Wunschmannschaft. Diese stand bis zum heutigen Tage nicht gleichzeitig auf dem Platz. Das verfolgt uns die gesamte Saison über. Es wäre für mich interessant zu sehen, wenn alle Spieler gesund wären und wir mit der gleichen Mannschaft 5 bis 6 Spiele bestreiten könnten. Diese Situation hatten wir, neben anderen Problemen unterschiedlicher Art, die ganze Saison lang nicht. 

ÜS: Mario Gomez hat vor einem Jahr mit seinen Aussagen, dass viele Spiele in der Bundesliga von „Druck, Angst, Nervosität und Einfach-den-Arsch-retten-wollen“ geprägt seien und dass die geringen Punktabstände in der Tabelle keine Qualität darstellen, viel Aufsehen erregt. Wir finden, dass er damit den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Sie auch? 
US: Ich glaube, dass der Druck Fußballer zu sein durch das gestiegene Interesse von Fans und Medien gegenüber dem Zustand von vor 15 bis 25 Jahren deutlich zugenommen hat. Ich glaube auch, dass nicht jeder mit dem Druck so umgehen kann, dass ihn das nicht tangiert. 

ÜS: Was haben Sie für einen Eindruck von unserer Mannschaft in Bezug auf den Umgang mit Druck? 
US: Bisher war es immer so: Wenn die Mannschaft Druck verspürt hat, dann hat sie sich aus diesen Situationen befreien können. Unser Problem ist eher, dass zu schnell gedacht wurde, dass wir etwas erreicht hätten und uns in anderen Regionen der Tabelle bewegen. Es ist wichtig die Situation zu erkennen, anzunehmen, zu verarbeiten und sich den Dingen zu stellen. Darauf wird es in den nächsten Spielen ankommen. 

ÜS: Es gibt einige Stimmen die behaupten, dass der Trainerwechsel aus spielerischer Sicht eher einen gegenteiligen Effekt hatte. Während unter Olaf Janßen versucht wurde Ballbesitzfußball zu spielen, wird unter Markus Kauczinski wieder vermehrt auf Umschaltfußball gesetzt (MK: „FCSP ist eine Umschaltmannschaft“), wie es auch unter Ewald Lienen der Fall war. Ist das die eigentliche Idee gewesen, wie Fußball am Millerntor gespielt werden soll? 
US: Das, was man gerne spielen möchte, wird man nur sehr selten spielen können. Ballbesitzfußball und kreatives Spiel sind in der Regel Träume und Wunschvorstellungen. Die einzige Mannschaft in Deutschland, die fußballerisch in der Lage ist Mannschaften zu dominieren und auseinander zu nehmen, das ist der FC Bayern München. Es sind schon viele Vereine mit überzogenen Konzepten gescheitert. In den meisten Spielen des FCSP lässt sich aus der Ballbesitzstatistik in dieser Saison sowieso ein gegenteiliges Muster erkennen. In Dresden haben wir bei 27 % Ballbesitz mit 3:1 gewonnen. Während wir in Darmstadt mit 67 % Ballbesitz spielen und 0:3 verlieren. Dieser Trend lässt sich in vielen weiteren Saisonspielen belegen. Da muss man sich die Frage stellen, was man spielen möchte. Und zwar mit der Mannschaft, die zur Verfügung steht und nicht in Zukunft. Das Ziel ist dabei der Klassenerhalt. Mir ist wichtig, dass die Grundtugenden auf den Platz gebracht werden. Diese sind beim FCSP mehr denn je gefordert. Einsatz, Fleiß, Laufbereitschaft, Körperhaltung, Gestik, Mimik, Spektakel – das ist für mich wichtig. Liebend gerne kann das mit hohen Ballbesitzzeiten und Dominanz geschehen, wird aber schwierig zu realisieren sein. 

ÜS: In der Hinrunde wurden gute Spiele der Mannschaft nicht gewonnen. Gab es unter Olaf Janßen eine fußballerische Krise oder eine Ergebniskrise? 
US: Ohne da zu sehr ins Detail zu gehen: Wir hatten unter Olaf eine Situation, die sich über mehrere Spieltage entwickelt hat und in sieben Spielen ohne Sieg mit deutlichen Niederlagen gipfelte. Wir haben die Situation im Hinblick auf die Frage analysiert, ob wir diese Situation mit Olaf Janßen wieder ändern können und haben uns dagegen entschieden.

ÜS: Als Reaktion auf die anhaltende Flaute im Angriff wurde mit Dimitrios Diamantakos ein weiterer Stürmer ans Millerntor geholt. So richtig nachhaltig konnte er sich bisher jedoch nicht für Einsatzzeiten empfehlen. Wieso? 
US: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass „Dima“ nach 3 Monaten noch nicht vollständig bewertet werden kann. Ein Spieler muss erstmal ankommen und Einsatzzeiten erhalten. Bei seinen bisherigen Einsätzen konnte er sich noch nicht entscheidend in den Fokus spielen. Der Konkurrenzkampf der vier Stürmer ist groß und wir werden sehen, was Dima noch beitragen kann. Es ist ein enger Wettbewerb. 

ÜS: Mit Schneider, Diamantakos und Allagui (und Choi) ist eine Position im System mit zwei Spitzen ausreichend besetzt. Einen Ersatz für einen Stürmertypen wie Bouhaddouz gibt es jedoch nicht. Klafft da nicht eine gewaltige Lücke im Kader, zumal diese Position im Umschaltspiel von zentraler Bedeutung ist? 
US: Es ist ja auch immer eine Frage der Marktsituation. Wir haben für uns festgehalten, dass es Sinn macht aufgrund des Umschaltverhaltens und auch aufgrund des Anlaufens des Gegners mit Dima einen Spieler zu holen, der das Anlaufverhalten gut praktiziert und auch im Umschaltspiel seine Qualitäten hat. Zusätzlich ist er ein sehr variabler Stürmer der sowohl als alleinige Spitze, um die Spitze herum oder ggf. auch als Offensivspieler auf der linken Seite agieren kann. Daher sehe ich Dima schon etwas differenzierter und weniger vergleichbar mit den anderen Stürmern in unserem Kader. Es war bei der Verpflichtung sicherlich von Vorteil, dass Markus ihn sehr gut kannte und ich ihn aufgrund meiner Zugehörigkeit zur 2.Liga auch vom ersten Tag an in Deutschland vor Augen hatte. Dima ist momentan nicht da wo er sein kann. Wir müssen ihm helfen, dass er wieder zu alter Stärke findet. 

ÜS: Mal eine etwas allgemeinere Frage zur Entstehung von Transfers: Läuft so ein Transfergeschäft mehr über den Flurfunk, welche Vereine bereit sind Spieler abzugeben oder fällt man bei Vereinen direkt mit der Tür ins Haus? 
US: Das ist immer ein Mix aus einem bestehenden Netzwerk, die mich kontaktieren oder von meiner Seite kontaktiert werden. Wir als Verein haben eine Marktkenntnis über bestimmte Bereiche. Wir gehen dabei in die einzelnen Ligen rein, besuchen die Spiele und haben eine entsprechende Datenbank mit einer Vielzahl an Spielern, die in den letzten Jahren ausgearbeitet wurde. Dann schauen wir welche Positionen bei uns vakant sind oder in der nächsten Saison werden. Und natürlich können über Kontakte oder persönliche Angebote Dinge intensiviert und in Augenschein genommen werden. 

ÜS: Wie wichtig ist dabei das persönliche Netzwerk das ein Sportchef hat? 
US: Es kann natürlich nie von Nachteil sein, wenn man ein gutes Netzwerk hat. 

ÜS: Andreas Rettig musste bei seinem Wechsel nach Köln sein Adressbuch bei Rainer Callmund lassen… 
US: Das eine ist das Adressbuch, aber die Leute kennt man trotzdem. 

ÜS Inwiefern werden denn Tools wie Wyscout oder InStat für das Scouting genutzt? 
US: Das sind Tools die bei uns im dauerhaften Einsatz sind. Wir können uns damit sehr schnell einen sehr intensiven Überblick über das Verhalten der Spieler in verschiedenen Situationen verschaffen. Wir können die Spieler im Kopfballspiel, Torabschluss, Anlaufverhalten, Standard-situationen etc. beobachten und erfassen. Dadurch kann man über die Angebote die reinkommen zügig Aussagen treffen, ob der Spieler für uns interessant ist oder nicht. 

ÜS: Bereits vor der Winterpause war klar, dass mit Miyaichi, Buchtmann und Möller Daehli drei zentrale Figuren im Mittelfeld längerfristig ausfallen. Mit Thibaud Verlinden wurde jedoch einzig ein Nachwuchsspieler verpflichtet, der in der Rückrunde noch überhaupt keine Rolle gespielt hat. Wieso wurde auf weitere Verstärkungen im Mittelfeld verzichtet? Wurde dem Kader insoweit vertraut, dass er diese längerfristigen und schwerwiegenden Verletzungen auffangen kann? 
US: Ja. 

ÜS: Konnte der Kader diese Verletzungen auffangen? 
US: Welche Perspektiven hatten wir im Winter? Wir hatten mit Cenk Sahin, Waldemar Sobota und Sami Allagui Spieler, die diese Positionen besetzen können. Wenn wir damals schon gewusst hätten, dass zusätzlich Waldemar Sobota acht Spiele in der Rückrunde nicht zur Verfügung steht, dann hätten wir vielleicht anders entschieden. Grundsätzlich haben wir aber dem Restkader vertraut, auch in dem Wissen, dass wir Diamantakos auch eine Reihe hinter den Spitzen hätten spielen lassen können. Wir sind davon ausgegangen, dass der Kader das auffängt. Mit dem Start in die Rückrunde, dem Sieg in Dresden und den 7 Punkten aus den Spielen gegen die Top Vier kann man sagen, dass wir die Zeit mit den verletzten Spielern ganz ordentlich überbrückt haben. Die schlechtere Phase ist nun in der jüngeren Vergangenheit zu sehen. 

ÜS: War es nicht in gewisser Hinsicht zu erwarten, dass wir gegen Teams wie Dresden, Nürnberg und Kiel, die Ballbesitz-Fußball spielen gute Ergebnisse erzielen und uns gegen Teams wie Sandhausen und Aue schwerer tun, da diese auch auf Umschaltfußball setzen und bei solchen Aufeinandertreffen der erste Fehler verliert? 
US: Letztendlich spricht das Ergebnis für sich. Sowohl in der Hin- als auch in der Rückrunde. Wir haben z.B. gegen Nürnberg vier Punkte geholt. Wenn wir mit denen ähnlichen Ballbesitzfußball hätten spielen wollen, dann hätte es im Ergebnis wahrscheinlich nicht zu vier Punkten gelangt.

ÜS: Ich meine auch eher die Spiele gegen tiefstehende Mannschaften…
US: …Sandhausen und Aue warten mit ihrem Umschaltspiel nur auf den einen Moment. Da muss man schon sehr vorsichtig sein. Dafür ist die Liga zu eng als dass man sich dort Fehler erlauben darf. Wenn man erstmal gegen Sandhausen oder gegen Aue in Rückstand gerät, dann wird es schwierig, weil die Mannschaften mittlerweile alle defensiv gut organisiert und strukturiert arbeiten. Das Spiel ist inzwischen sehr taktisch geprägt. Gerade wir haben es ja zum Ausdruck gebracht, dass kleinste Fehler genügen – siehe die Spiele gegen Kaiserslautern, Sandhausen oder Aue. Wir sind im Moment einfach zu fehlerbehaftet und das kannst du dir in der Liga nicht erlauben. 

ÜS: Wie schaffen es denn dann Teams wie Nürnberg den Gegner in der 2.Liga mit Ballbesitz zu dominieren? 
US: Grundsätzlich kann man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Vielleicht würden wir auch einen anderen Fußball spielen, wenn wir immer die Spieler zur Verfügung gehabt hätten, die für gewisse Spielweisen von Nöten gewesen wären. Bei Ballbesitzfußball ist es sicherlich von Vorteil, wenn uns Christopher Buchtmann zur Verfügung steht – und das natürlich über die ganze Saison, da er ein zentraler Verbindungsspieler mit Abschluss- und einleitenden Qualitäten ist. Wenn ich mir anschaue welche Spiele er bestritten hat und wie viele davon ohne Schmerzen, dann kommt man da nicht auf 50% der Spiele. So zieht sich das wie ein roter Faden durch die Saison. Wir hatten in der Spitze bis zu elf oder zwölf verletzte Spieler. Dann passt so ein Puzzle eben auch nicht mehr. Mit einer Kadergröße von 27-28 Spielern muss man so eine Anzahl an Ausfällen erst einmal kompensieren und dass auch noch über einen längeren Zeitraum. 

ÜS: Der rote Faden der vielen Verletzungen zieht sich ja auch etwas länger in die Vergangenheit. Gibt es da Überlegungen mit individuellen Trainingsplänen oder anderem Athletik-Training entgegenwirken kann?
US: Wir sind von den Mitarbeitern im Bereich des Athletik-Trainings komplett überzeugt. Vordergründig kümmern sie sich um Stabilisation und Prävention. Was unsere Verletzungshäufigkeit angeht muss man differenzieren und kann nicht pauschalisieren. Wir hatten bis vor kurzem noch so gut wie keine Muskelverletzungen in dieser Saison, sondern Verletzungen, die über Zweikämpfe oder aufgrund von Rücken- oder Bandscheibenproblematik zustande gekommen sind. Wir haben diese Thematik für uns aufgearbeitet und es ergab sich ein divergentes Bild, ohne Struktur. Wenn wir 25 Muskelverletzungen gehabt hätten, dann wären für mich die Dinge klarer gewesen. 

ÜS: Gehen wir mal von einem Verbleib in der zweiten Liga aus: Nachdem der Kader der letzten Saison zusammengehalten werden konnte, stehen die Zeichen dieses Mal auf Umbruch. Zwar wurden die Verträge der „alten Hasen“ verlängert, aber Spieler wie Buchtmann, Sahin, Neudecker und Möller Daehli könnten den Rufen aus der 1.Bundesliga erliegen. Wie stehen die Chancen bei diesen Spielern auf einen Verbleib? 
US: Sowohl Buchtmann als auch Neudecker haben einen Vertrag bis 2019, Sahin sogar noch länger. Wir haben uns nicht nur um die 2018 auslaufenden Verträge gekümmert, wir befinden uns mit Teilen der 2019 auslaufenden Verträge schon in intensiven Gesprächen. Man muss abwarten was die Dinge in der Zukunft bringen. Wir wissen um die Situation und um die Entwicklung der Spieler und wollen natürlich mit den Spielern von denen wir überzeugt sind, auch über 2019 hinaus arbeiten.

ÜS: Der Kader besteht momentan aus 30 Spielern, ist also prall gefüllt. Nach dem Verlauf der Saison ist damit zu rechnen, dass es Verstärkungen geben soll. Für Neuzugänge müsste im Kader jedoch erst einmal etwas Platz geschaffen werden. 
US: Das ist natürlich richtig. Wir werden sicherlich Ausschau halten nach Spielern, die uns qualitativ anheben und dann werden wir sehen, ob wir aktiv werden können. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass Spieler den Verein, möglicherweise auch über eine Ausleihe, verlassen werden. Ich widerspreche Ihnen aber, denn eine Kadergröße von 27+3 ist im Verhältnis zu den anderen Teams eher eine mittlere Kadergröße. Die anderen Mannschaften bewegen sich eher zwischen 26 und 35 Spielern. Es ist aber nicht unser Ziel mit 27+3 in die Saison zu gehen, da wir die talentierten Nachwuchsspieler, wie z.B. Luis Coordes und Jakob Münzner, in hohem Maße begleiten und unterstützen wollen und daher auch mit diesen Spielern in die Saison gehen wollen. 

ÜS: Mit Lasse Sobiech wird ein sehr wichtiger Spieler den FC St.Pauli zum Saisonende verlassen. Wem aus dem aktuellen Kader trauen Sie zu diese Rolle im Defensivverbund und allgemein die Rolle in der Mannschaft zu übernehmen? 
US: Ich glaube, dass Philipp Ziereis jemand ist der das übernehmen kann. Bernd Nehrig als jetziger Kapitän sowieso, Johannes Flum ist sicherlich auch zu erwähnen. Aber die Struktur der Mannschaft ändert sich. Vielleicht gibt es ein Gefüge, das wir heute noch gar nicht absehen können. Fakt ist, dass wir mit den drei Genannten Spieler haben, die die Rolle auf dem Feld ausfüllen können. 

ÜS: Das NLZ hat eine klar formulierte Philosphie, die den Jugendspielern beigebracht wird, die auf Grundprinzipien beruht. Gibt es auch eine Uwe-Stöver-Philosophie was die Art des Fußball-Spielens betrifft? 
US: Ja, aber das ist ja nicht von Wichtigkeit. Wichtig ist, dass der Verein eine klare Philosophie hat und an der habe ich mich zu orientieren. Es wäre fatal als Zeichen eines Vereins, wenn mit dem Anwerben einer Person eine völlig neue Situation entsteht. 

(Markus Kauczinski betritt den Raum) 

US: Du kannst ruhig reinkommen, wenn Du willst. 

(Begrüßungsrunde) 

US: Es ist wichtig, dass ein Verein eine klare Richtung hat, mit Zielen und Visionen. 

ÜS: Im Tagesgeschäft kann ja auch durchaus mal der Blick für das große Ganze verloren gehen. In Unternehmen werden Unter-nehmensberater zur objektiven, weil externen Bewertung herangezogen, damit Trends nicht verpasst und eingefahrene Strukturen aufgelöst werden. Warum ist das in Fußballvereinen nicht so? 
US: Ich denke, dass der FC St.Pauli sehr viel Fußballkompetenz in seinen Reihen hat. Das geht über Mitarbeiter im NLZ, die als ehemalige Profis fungiert haben, über regelmäßige Lehrgänge, Fortbildungen und Ausbildungen. Wir haben ein sportliches Beratungsgremium mit der Qualität von mittlerweile fünf Fußballlehrern, mit sechs-sieben ehemaligen Spielern. Auch Andreas Rettig ist als Fußballlehrer unterwegs und hat mittlerweile den einen oder anderen Verein kennengelernt. Ich glaube, das ist schon eine Kompetenz, die man in anderen Vereinen erstmal suchen muss. Und da wir hier im Verein einen sehr intensiven Austausch pflegen, in unserer Konstellation auch ein Stück weit unterschiedlich sind und kontrovers diskutieren, befruchtet das und hält einen immer wach. Ich denke, dass wir da so wissbegierig sind, dass wir auch keine Trends verpassen. 

ÜS: Was ist denn der Trend im Fußball der 2.Liga? Ich habe den Eindruck, dass wieder mehr Fokus auf das Fußballspielen gelegt wird, wie es z.B. in der 1.Bundesliga der Fall ist. 
US: Ja, aber was heißt mehr Fußball spielen? Welche Art des Fußballs?

ÜS: Ich meine mit mehr Fokus auf eigenen Ballbesitz… 
US: Was wir spielen wollen und wie wir das gerne hätten, ist das eine. Das andere ist, das was wir haben. Sowohl was das Personal betrifft, als auch die Situation. Es gab in der Vergangenheit viele, die sehr gute Ideen hatten und diese auch gnadenlos durchziehen wollten, dann aber erfahren haben, dass es eigentlich gar nicht möglich ist. Und viele dieser Leute sind entweder nicht mehr als Trainer, oder eben nicht mehr in dieser Größenordnung auf dem Markt. Ich hätte auch gerne die eierlegende Wollmilchsau auf elf Positionen. Aber das ist leider nicht so. Wir haben einen Kader mit dem wir einen Fußball spielen müssen, der Ergebnisse bringt, gerade zum jetzigen Zeitpunkt. Eine grundlegende Philosophie ist wichtig, aber wenn man sich nur in diesem Tunnel bewegt und nichts von außen zulässt, dann wird es problematisch. 
MK: Und egal was ich tue, es ist ja berechenbar. Wenn ich immer dasselbe mache, immer meinen Ballbesitzfußball spiele, hat das gewisse Muster, gewisse Schemen. Der Gegner stellt sich darauf ein und dann merke ich, dass ich an meine Grenzen komme und muss es doch wieder anders machen. Wir fischen alle im gleichen Teich was die Spieler angeht. Auch ist es notwendig, dass die Spieler deine Philosophie umsetzen können. Da musst du sehr stringent sein, das braucht Zeit und ich habe immer wieder Dinge und Ideen ändern müssen, weil man eben irgendwann an eine Grenze kommt. Das bedeutet in diesem Geschäft, dass man dann auch weg ist. Man muss also immer auf der Hut sein und erkennen, wann man was verändern muss. Wenn es jetzt den Trend zum Ballbesitzfußball gibt, dann gibt es in ein paar Monaten wieder etwas Anderes. 

ÜS: Vielen Dank für das Interview. 

// timbo & flippa


Das liebe Geld und „außergewöhliche Unterstützung“ 

Wir sprachen mit FC St. Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig über die bald fällige Fananleihe, Eigenver-marktung und neue Geldgeber 

Für den Umbau des Stadions und des Trainingsgeländes besorgte sich der FC St. Pauli in der Saison 2011/12 über die FC St. Pauli Anleihe in zwei Chargen acht Millionen Euro. Andreas Rettig grinsend: „Und dieses Geld wurde auch zweckgebunden ausgegeben.“ Die festverzinslichen (6% p.A.) Inhaber-Schuldverschreibungen, die von der Millerntor-Stadion-Betriebs GmbH & Co. KG ausgegeben wurden und schnell vergriffen waren, laufen zum Saisonende am 30. Juni aus. Ab 1. Juli 2018 haben die Zeichner Anspruch auf Rückzahlung. Jetzt könnte man still und leise den Termin verstreichen lassen, weil erfahrungsgemäß ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Zeichner und Zeichnerinnen das geliehene Geld gar nicht wiederhaben möchten. „Das war für uns nie eine Option. Wir wollen transparent und offensiv mit dem Thema um- und nicht still darüber hinweggehen“, sagt der FC-Geschäftsführer in seinem Büro wenige Tage vor der Niederlage gegen Union Berlin und dem gleichzeitigen Sieg Heidenheims, die die sportlichen Sorgen deutlich verschärft haben und selbstverständlich auch den umtriebigen Geschäftsführer beschäftigen. „Aber wir können ja jetzt nicht erstarrt die Hände in den Schoß legen und abwarten, oder?“, so Rettig. 

Nein, das wäre seine Sache ohnehin nicht. Und weil die Fananleihe und ihre Rückzahlung natürlich nicht isoliert von anderen wirtschaftlichen Themen zu betrachten sind – wie Lizenzierungsverfahren und Eigen-vermarktung -, muss der ehemalige DFL-Geschäftsführer im Gespräch etwas ausholen. Und hält dafür, wie man ihn kennt, zu jedem Thema schon ein paar passende Seiten auf dem geliebten Flipchart bereit. Vorbereitung ist fast alles. Rettig: „Wir werden im Mai alle Zeichnerinnen und Zeichner der Schmuckurkunden zu einer Veranstaltung Anfang Juli einladen und das Thema offen kommunizieren.“ 5 000 Anleihen zwischen 100 und 1910 Euro wurden als Schmuckurkunden, die vermutlich in vielen Stuben hübsch gerahmt an den Wänden hängen, ausgegeben, was etwa 55 Prozent des Gesamtvolumens ausmacht. Die übrigen 45 Prozent sind reine Depotanleger. „Wir werden bei der Veranstaltung natürlich die Möglichkeit geben, die Anleihe zurückzugeben. Darüber hinaus wollen wir aber über weitere Pläne und Projekte informieren, bei denen es die Möglichkeit geben wird, den Verein mit dem Geld aus der Anleihe zu unterstützen“, so der gelernte Industriekaufmann. 

Acht Millionen Euro sind für den FC kein Pappenstiel und müssen vor allem in voller Höhe in liquiden Mitteln während der gesamten 24-monatigen Einlösepflicht für die DFL dargestellt werden. Rettig: „Die DFL interessiert es im Lizenzierungsverfahren nicht, wie viele Liebhaber ihre Schmuckurkunden gar nicht wieder hergeben möchten.“ Weil unser FC es sich auf die Fahnen geschrieben hat, so selbstständig wie nur möglich in diesem Fußballbusiness zu sein, benötigte der Club frisches Geld.

Denn ab der Saison 2019/20 will der Kiezclub sich ja bekanntlich weitestgehend selbst vermarkten, muss in der kommenden Saison eine eigene Vermarktungsabteilung aufbauen, läuft der Vertrag mit U!sports doch zum 30. Juni 2019 aus. Das kostet natürlich erst einmal doppelt. Kein neuer Vertrag mit einem großen Vermarkter bedeutet zudem auch keine Signing-Fee (Vorabzahlung des Vermarkters) in Millionenhöhe. „Das war eine wichtige Entscheidung vor der Mitgliederversammlung. Der St. Pauli-Weg“, sagt Rettig nicht ohne Stolz, „ist außergewöhnlich .“ Und wird von allen Gremien unterstützt. 

Etwas Besonderes ist auch die absolut lautlose Umsetzung der Finanzierung dieser Planung. „Eine neue Fananleihe kam für uns aktuell nicht in Frage. Aber für unsere Entscheidung für die Eigenvermarktung brauchten wir zusätzliche liquide Mittel“, so der FC Geschäftsführer. „Aber dieser Verein hat ein so außergewöhnliches Umfeld und erfährt eine großartige Unterstützung“, schwärmt Rettig, der in kürzester Zeit bei einigen zahlungskräftigen Sympathisanten finanzielle Unterstützung erhielt. 

Und so können, was die wirtschaftlichen Eckdaten beim FC betrifft, alle zufrieden sein: die DFL, die Anleger, der Verein selbst. Rettig: „Uns geht’s wirtschaftlich gut. Wir werden zum Abschluss des Geschäftsjahres auch wieder positive Zahlen vermelden können.“ Jetzt muss nur noch der sportliche Turnaround her, denn der größte Feind jeder positiven finanziellen Entwicklung im Profifußball ist… sprechen wir am besten gar nicht drüber. 

//tati/hog


Energie Cottbus: 
Alles Nazis – oder doch nicht?

Wenn man über die Vorfälle in Babelsberg redet, muss man auch über Cottbus reden. Und zwar anders, als oft am Millerntor der Fall: Differenzierter und mit etwas mehr … sagen wir mal … Demut. Denn seien wir ehrlich: Wir sitzen hier (zurzeit!) auf der Insel der Seligen. Die ist aber eben eine Insel und kein Olymp, von dem es sich auf andere herabblicken ließe.

Dass die Situation in Cottbus komplexer ist, als sie auf den ersten Blick scheinen mag, sah man zum Beispiel im November 2016 im Heimspiel gegen – Babelsberg. Im Cottbusser Fanblock war folgendes Transparent zu sehen: „Für Zecken sind wir Nazis – für Nazis sind wir Zecken …“. Urheber war Ultima Raka, eine der größten Ultra-Gruppen bei Energie Cottbus. Kein Jahr später stellte die Gruppe ihre „Aktivitäten für unbestimmte Zeit“ ein. Wie kam es dazu und was bedeutet das für die Gegenwart? 

Nazis, Kampfsportler, Hooligans und Rocker 

Es ist kein Geheimnis, dass das Bild der Cottbusser Fanszene durch Inferno Cottbus (IC’99) geprägt ist, die man heute mit Recht als Nazis bezeichnen kann. Bei der Gründung 1999 war IC’99 jedoch ein Dachverband, in dem Rechte zwar von Anfang an dabei waren, der aber zunächst Fans aller Art versammelte, die Stimmung und Ultrakultur wollten. Erst als der Verein 2002 ein „Erscheinungs- und Auftrittsverbot“ gegen IC’99 verhängte, spaltete sich die Szene: Neben IC’99 entstanden das Collettivo Bianco Rosso (CBR’02) und Ultima Raka (UR’02). 

IC’99 wurde zum Sammelbecken für organisierte Neonazis, Hooligans und Kampfsportler wie Markus Walzuck, 2011 deutscher Meister im Kickboxen. Wie Robert Claus – Rechtsextremismusexperte und Autor von „Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“ – betont, ist diese „Verzahnung von Kampfsport-, Polit- und Hooliganstrukturen“ vielerorts zu beobachten: „Wir reden nicht nur über ein Fußballproblem, sondern über ein Sport- bzw. Kampfsportproblem, das in die Fanszenen hineinstrahlt.“ In Cottbus komme hinzu, dass „Kampfsport, rechte Szene und Security-Business eng verknüpft und ein echter Wirtschaftsfaktor sind“. Neben über 50 Security-Unternehmen existieren unter anderem das rechte Mode-Label „Label 23“ – als „Boxing Connection“ von Markus Walzuck gegründet – sowie das Rechtsrock-Label Rebel Records, bei dem die Band Frontalkraft unter Vertrag ist, die wiederum Verbindungen zum IC’99 hat. Das IC’99 ist starker Arm und zentraler Teil dieses rechten Netzwerks, das eine „mafiöse Dominanzkultur“ in der Stadt etabliert hat, wie Joschka Fröschner von der Opferspektive formuliert, die Opfer rechter Gewalt und rassistischer Diskriminierung berät. Er weist jedoch zugleich darauf hin, dass es in Cottbus nicht nur Nazis gibt: „Das Gewaltlevel ist auch deshalb so hoch, weil es hier noch eine Gegenkultur gibt, von der sich die rechten Strukturen herausgefordert fühlen.“ Das sollte man zumindest auf dem Schirm haben, wenn man über die Situation in Cottbus redet. 

Auch der Nachwuchs des IC’99, die Unbequeme Jugend Cottbus (UJC), und Gruppen wie die WK13 Boys verbinden ein stramm rechtes Weltbild und hohe Gewaltbereitschaft. Vor allem UJC ist in der Fanszene und der Stadt selbst immer mehr zum Problem geworden. CBR’02 und ihr Nachwuchs Frontside sind ebenso rechts bis rechtsoffen und haben Verbindungen in die rechte Szene und ins Rockermilieu, besonders zum mit Neonazis durchsetzten Gremium-Chapter Spremberg. IC’99 wie auch CBR’02 pflegen enge Beziehungen zu den New Society Boys („NS-Boys“) aus Chemnitz – deren Logo mit Hitlerjungen-Konterfei ist auch auswärts häufig zu sehen. 

Dazu, dass die Fanszene unter dem rechten Schatten des IC’99 steht, trug auch der lange Zeit beschwichtigende Umgang des Vereins mit dem Problem bei. Trotz eindeutiger Informationen, auch von staatlicher Seite, wiegelte man ab, teils in grotesker Weise – vielleicht auch aufgrund persönlicher Beziehungen und weil einige Mitglieder des IC’99 der eigenen Jugend entstammten. So behielt das IC’99 seine Vormachtstellung, obwohl seit 2002 fast durchgängig mit „Erscheinungs- und Auftrittsverbot“ belegt und trotz teilweise langjähriger Stadionverbote. Wobei es laut Fröschner „nicht so die große Rolle spielt, ob die Stadionverbot haben oder nicht“ – sie kommen auch so rein. 

Wo „unpolitisch“ schon gefährlich ist 

Das hohe Gewaltpotenzial des IC’99 verschafft der Gruppe „einen Einfluss, der ihrer eigentlichen Größe nicht entspricht“, so Claus, und macht es anderen Fans schwer, ihrer Dominanz etwas entgegenzusetzen. Wie Fröschner bestätigt, gibt es „neben den offenen Nazistrukturen von jeher wenig Platz für Ultras, auch Ultima Raka war immer unter Druck“. Denn UR’02 traten als „unpolitische“ Ultras auf, die „Politik im Stadion“ ablehnten. Das mag vom Millerntor aus als „zu wenig“ erscheinen, das wäre aber zu einfach gedacht – viel mehr war und ist gegen das Gewaltpotenzial der Szene um das IC’99 bisher kaum möglich, erklärt Fröschner: „Eine Gruppe, die sich im Stadion halbwegs offen als ‚links‘ präsentiert, wäre in fünf Minuten aus dem Block raus.“ In diesem Klima boten UR’02 auch politisch linken Energie-Fans – ja, die gibt es! – einen Raum. Vor allem aber waren sie, wie Fröschner herausstellt, „der Rückzugsraum für die vernünftigen Leute“ und wichtig, damit die Masse der Stadionbesucher „die Verbindung von rechtem Gedankengut und Fußball nicht als alleinige Normalität erlebt“. 

Den Rechten gefiel dieser Bruch mit ihrer Agenda natürlich überhaupt nicht. Ultima Raka wurde als „UR Antifa“ diffamiert und mehrfach angegriffen. Als 2016/17 einige „alte Größen“ des IC’99 nach längerer Abwesenheit aktiv in die Fanszene zurückkehrten, verschärfte sich die Situation, wie Fröschner berichtet: „Seitdem nahm die Gewalt innerhalb der Fanszene deutlich zu.“ Offenbar hatten andere ihrer Meinung nach „die Zügel schleifen lassen“ – nun nahm das IC’99 sie wieder fester in die Hand. Auch mithilfe der UJC wurden andere Gruppen „verstärkt unter Druck gesetzt und bedroht, um sie auf Linie zu bringen“. 

Parallel kam es nach einem Wechsel an der Vereinsspitze 2016 endlich zu „mehr Offenheit dafür, das Problem anzuerkennen und anzugehen”, so Fröschner. Das führte jedoch erstmal zur Zuspitzung. Als einige Vorfälle innerhalb der Fanszene durch Medienberichte öffentlich wurden und Ermittlungen wegen der Gründung einer kriminellen Vereinigung drohten, löste sich IC’99 im Mai 2017 präventiv auf – aber nur auf dem Papier. Ihr neues Ziel: Die Fanszene in einer neuen Struktur zu vereinigen, in der IC’99 den Ton angegeben hätte. „Gespräche“ wurden geführt und wo sie nicht das gewünschte Ergebnis brachten, setzte man teils massive Gewalt ein, lauerte Betroffenen auf oder besuchte sie zuhause. Vor diesem Hintergrund ist die Ankündigung von UR’02 aus dem September 2017 zur „Einstellung der Aktivitäten“ zu lesen, in der es hieß: „So beschissen das auch ist, so sehen wir nach Gesprächen mit anderen Akteuren über die zukünftige Ausrichtung der Cottbuser Fanszene leider keine Möglichkeit, unser Fandasein weiterhin frei nach unseren Vorstellungen auszuleben.“ In freier, zugespitzter Übersetzung: Wir machen bei den Plänen des IC’99 nicht mit, aber wir wollen uns auch nicht umbringen lassen. 

Energiefans gegen Nazis 

Am 2. Oktober 2017 tauchte bei Facebook die Seite „Energiefans gegen Nazis“ auf. Die Aktiven – anfangs etwa zehn, inzwischen deutlich mehr – sind einfache Fans und Vereinsmitglieder, ohne engere Verbindungen zu Ultragruppen. Sie ordnen sich auch keiner politischen Partei oder Struktur zu; was sie vereint, ist das Bestreben, etwas gegen die Nazis im Stadion zu tun. Ihr erstes Statement: „Wir haben diese Seite eröffnet, weil wir es nicht mehr akzeptieren, als Energiefans pauschal stigmatisiert zu werden. Gleichzeitig leugnen wir nicht, dass unser Verein offenbar noch zu viele Nazis anzieht.“ 

Die „Energiefans gegen Nazis“ sind überzeugt, dass „die Mehrheit der Fans die Nazis ablehnt“. Dieser Mehrheit wollen sie Mut machen, sich von den Nazis abzugrenzen und für Vielfalt und Toleranz einzutreten. Dazu betreiben sie auch Aufklärung zu Rechtsextremismus, zu Symbolen, Kleidung und Begriffen der rechten Szene. Der Abstand zur organisierten Fanszene soll es anderen Fans leichter machen, sich an Aktionen zu beteiligen. Im Vordergrund soll die Sache stehen, nicht Personen oder Gruppen. Vor allem deshalb blieben die Aktiven bisher anonym. Zwar spielen Sicherheitsgründe mit hinein, doch sie legen Wert darauf, „das Bedrohungspotenzial nicht größer zu reden als es ist. Die meisten von uns haben noch nie bedrohliche Situationen erlebt.“ 

Bereits nach einer Woche hatte die Seite über 700 Likes, aktuell über 1000. Auch der Verein kommentierte die Initiative positiv. Aus dem Umfeld des IC’99 wurde mit der Seite „FC Energie Cottbus-Fans gegen Zecken“ geantwortet, die es aber nur auf etwa 200 Likes brachte und inzwischen eingestellt wurde. Ihr Ziel, „Diskussionen anzustoßen“, haben die Aktiven jedenfalls erreicht. Es wird kontrovers diskutiert: ob Politik ins Stadion gehört, ob Linksextremismus genauso schlimm ist wie Rechtsextremismus, was man gegen Nazis tun kann und wie weit man dabei gehen darf. Vieles, was am Millerntor sofort Konsens wäre, ist lebhaft umstritten – „das finden wir aber gut, das ist genau das, was wir wollen“. Deutlich wird dabei, dass viele Cottbusser die Nase voll haben von den Nazis – aber eben auch davon, mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden. Ein Problem, das die „Energiefans gegen Nazis“ kennen: „Selbst einige von uns wurden mehrfach als Nazis beschimpft.“ 

Womit wir zu den unbequemen Fragen kommen: Darf man eine Fanszene, die unbestritten ein ernsthaftes Problem mit Nazis hat, „pauschal stigmatisieren“? „Klar“, denken manche. „Beim Fußball, im Stadion – und erst recht unter Ultras – gehören Rivalitäten und Provo dazu und Nazis sind nun mal scheiße.“ Stimmt. Aber: Wenn man meint, dass Politik ins Stadion gehört, dass das Stadion ein politischer Raum ist, wenn man sich als politischer Fan oder gar politischer Verein begreift – dann kommt man nicht drum herum, sich zu fragen, was das eigene Tun politisch bewirkt.

Dann muss man sich auch fragen, wie man auf ein Transparent wie das von Ultima Raka reagiert. Die Babelsberger gaben beim nächsten Spiel diese Antwort: „Für Zecken seid ihr Nazis – Für Nazis seid ihr Zecken … Für uns seid ihr einfach nur Abschaum“. Kann man unter „alles nur Provo“ abtun, kommt als Argument auch von der Gegenseite. Aber: Unterstützt man damit die, die den Nazis im eigenen Verein etwas entgegensetzen – und sei es „nur“ eine Alternative, in der man nicht rechts sein muss, um Ultra zu sein? Zumindest die Frage, ob man die Gelegenheit besser hätte nutzen können, darf man stellen. 

Das war den Babelsbergern durchaus schon gut gelungen. So zeigte man 2015 eine einfache Botschaft: „Nazischweine“. Der Witz: Das I und das C waren rot hervorgehoben – der Adressat war eindeutig. Auch für die „Energiefans gegen Nazis“ war das „richtig, korrekt und schlau, so funktioniert Bannerarbeit im Stadion“. Dass nun aber ausgerechnet wieder gegen Cottbus das „Nazis raus aus den Stadien“-Transparent in der Gästekurve aufgehängt wurde, ging selbst ihnen übel gegen den Strich. Auf Cottbusser Seite empfand man das zumindest teilweise als „Marketing-Masche“, vor allem aber als politisch kontraproduktiv: „Im Grunde natürlich eine Super-Aktion, aber dass das Thema immer wieder ausschließlich auf dem Rücken von Cottbus ausgetragen wird, hilft den Nazis mehr als uns. Letztlich befördert das nur dieses ‚wir‘ und ‚die‘, hinter dem sich die Nazis verstecken können.“ 

Was tun? 

Es bleibt also schwierig – für Kritiker*innen von außen wie für die, die vor Ort versuchen, etwas zu ändern. Das zeigt auch die Diskussion auf der Seite um einen Song, der im Stadion gespielt werden sollte. Doch der Verein lehnte ab – „Beate Zschäpe hört U2“ war aktuell (noch) nicht durchsetzbar. Nach Robert Claus „muss man sowieso im Maßstab von drei bis fünf und mehr Jahren denken. Das Netzwerk aus Verein, Fanprojekt, engagierten Fans und Stadt braucht eine zielgerichtete Strategie, wo man mit der gesamten Fanszene in fünf bis zehn Jahren stehen will. Welche Rolle sollen Vielfalt und Demokratie darin spielen und welche Maßnahmen braucht es dafür?“ Aktuell sei vor allem wichtig, „was man dafür tun kann, dass die nächste Generation von Cottbus-Fans nicht an die falschen Leute gerät“. Was das angeht, ist es fraglos ein Verlust, dass Ultima Raka zurzeit offiziell aus dem Spiel ist – wobei sie in letzter Zeit wieder aktiver zu werden scheinen. 

Wie also kann man den „Energiefans gegen Nazis“ helfen? Claus betont, dass man das vor allem die Aktiven selbst fragen müsse: „Was brauchen und wollen sie überhaupt an Unterstützung? Nicht nur unabgesprochen von außen reinreden.“ Die „Energiefans gegen Nazis“ würden sich, so ihre Aussage, über Ideen zu Aktionen, Merch und „coole Sprüche“ freuen, die sie nutzen können. Als Beitrag auf der Seite – nicht zu offensichtlich aus St. Pauli – oder direkt per Nachricht. Oder über Links zu Artikeln, „die einen klaren, engen Bezug zu Fußball und Nazis im Fußball haben“. Ein kleiner Traum obendrauf: „Wenn namhafte Künstler wie etwa Die Ärzte ganz unvoreingenommen bereit wären, den Verein im Bemühen um Vielfalt und Toleranz zu unterstützen, und im Stadion ein paar Worte an die Leute richten oder gar einen Song spielen, zum Beispiel ‚Schrei nach Liebe‘ – dann wäre eine Barriere gebrochen, dahinter könnte der Verein nicht zurück.“ Ihr nächster Plan ist, mit einer Zaunfahne einen Schritt aus der Anonymität hinaus zu machen. Wie das organisiert werden kann, ob immer jemand anderes sie aufhängt oder eine große Gruppe mehr Sicherheit bietet – darüber wird noch gesprochen. 

Jedenfalls geht es weiter. Dabei wäre es wahrscheinlich auch für diejenigen in Cottbus, die keinen Bock auf Nazis haben, die einfachere Lösung, nach Babelsberg oder ans Millerntor abzuwandern: Man müsste sich weniger mit Ambivalenzen und Widersprüchen plagen, riskiert weniger Auseinandersetzungen und erspart es sich, „pauschal stigmatisiert“ und selbst als „Nazi“ angegriffen zu werden. Aber: Auch wenn ich meinen Platz auf der Insel der Seligen genieße – was Leute wie die „Energiefans gegen Nazis“ machen, ist richtig und wichtig und bedarf der Unterstützung. Denn um die Inseln der Seligen herum gibt es noch die raue See. Also, mit den besten Wünschen nach Cottbus: Walk on und viel … Energie! 

// Slarti


Neues von den Alten

Bereits im Oktober letzten Jahres war JOE ENOCHS (46) beim VfL Osnabrück von seinen Tätigkeiten als Chefcoach abgelöst worden. Nachdem dessen Kontrakt dann im Februar endgültig aufgelöst wurde – eine anderweitige Weiterbeschäftigung im Klub hatte Joe abgelehnt, weil er weiterhin als Cheftrainer arbeiten möchte –, musste der US-Amerikaner dann nicht sonderlich lange auf einen neuen Vertragspartner warten. Bereits Anfang März nämlich gab Osnabrücks Ligakonkurrent, der FSV Zwickau, offiziell bekannt, den Ex-St.-Pauli-Spieler zum Sommer als Nachfolger Torsten Ziegners einstellen zu wollen. Nicht eingestellt, sondern bereits nach 49 Tagen freigestellt, wurde Mitte März der 48-jährige BERND HOLLERBACH, der die Erwartungen seines Doppel-Ex-Arbeitgebers Hamburger SV nicht so ganz erfüllen konnte: drei Unentschieden und vier Niederlagen sind eben nicht das, was man sich als Verein von einem neuen Trainer als sportliche Visitenkarte erhofft. Wunschgemäß hat sich hingegen der Trainerkurs unseres U17-Übungsleiters TIMO SCHULTZ (40) entwickelt: Nach zehn Monaten Ausbildung hat „Schulle“ an der „Hennes-Weisweiler-Akademie“ in Hennef jetzt seine Fußballlehrer-Lizenz eintüten können. Ab sofort darf der gebürtige Wittmunder nun also auch den Noch-Bundesligisten HSV oder unser Zweitligateam piesacken – beispielsweise. Weder Erst- noch Zweitligist (seit 1966 nicht mehr), aber heute immerhin ambitionierter Oberligaklub ist der SC Victoria, der nun einstimmig einen neuen Präsidenten gewählt hat. Dabei handelt es sich um den Mitte der 1980er-Jahre beim FC St. Pauli angestellten Fußballer RONALD LOTZ (51), der damit zum Nachfolger von Helmuth Kortes wurde. Auch MOURAD BOUNOUA ist mit seinen 45 Jahren inzwischen ein alter Hase und hält auf dem Rasen aber immer noch seine Knochen hin – nämlich als Mittelfeldmann in der zweiten Mannschaft des VfL Visselhövede (der Ort, wo der Schinder dieser Zeilen den Großteil seines Grundwehrdienstes zu absolvieren hatte), die in der niedersächsischen 2. Kreisklasse Rotenburg Süd (10. Liga) ihr Unwesen treibt (bei Redaktionsschluss Tabellenvorletzter). Acht Staffeln höher kickt und wird wohl auch in Zukunft JOHN VERHOEK (29) kicken, denn vom 1. FC Heidenheim wechselt der Niederländer im Sommer zum MSV Duisburg, wo er einen Dreijahresvertrag unterzeichnet hat. Wohl ebenfalls für drei Spielzeiten schließt sich LASSE SOBIECH (27) mit Wirkung zur Saison 2018/19 voraussichtlich dem 1. FC Köln an – schade eigentlich. Auch der 51-jährige PETER KNÄBEL hat einen neuen Job: Fortan wird der gebürtige Wittener (Ruhrpott) als Leiter der Nachwuchsabteilung bei Schalke 04 (auch Ruhrpott) sein Dasein fristen. Der offizielle Titel lautet seit dem 15. April „Technischer Direktor Entwicklung“. Auch für STEFAN SCHATZ heißt es nun: Schreibtisch aufräumen. Der „Freundlichkeitsbeauftragte“ des Fanladens St. Pauli wird eben diesen nach 16 Jahren verlassen. Er übernimmt die Rolle des Geschäftsführers beim „Verein Jugend und Sport“, wo er Dieter Bänisch ablösen wird, der – man mag es kaum glauben – in den verdienten Ruhestand geht. „Jugend und Sport“ ist der sozialpädagogische Träger des HSV-Fanprojekts und des Fanladens St. Pauli. Viel Erfolg und viel Spaß, lieber Stefan! Zuletzt kickte KEVIN SCHINDLER (29) für knapp ein halbes Jahr beim US-Zweitligisten FC Cincinatti, ist aber inzwischen seit Dezember vertragslos und somit momentan ohne Verein. St. Paulis Ex-U23-Spieler (46 Einsätze) TIM-JULIAN PAHL (22), sogar seit vergangenem Sommer ohne Klub, schließt sich zur neuen Saison dem Hamburger Oberligisten SC Condor an, wo dann bekanntlich OLUFEMI SMITH und FABIAN BOLLgemeinsam als Trainergespann agieren werden. In derselben Liga wird in der kommenden Spielzeit weiterhin ein anderer ehemaliger U23-Akteur gegen die Kugel treten: Mittelfeldmann SERHAT YAPICI (29) wird vom FC Türkiye zum früher SC Concordia genannten Klub (heute Wandsbeker TSV Concordia) wechseln. Kurz vor Redaktionsschluss, Mitte April, ereilte uns die Depesche, dass ACHIM HOLLERIETH (44) nach dem 1:2 gegen den ebenfalls abstiegsbedrohten VfB Auerbach vorzeitig als Cheftrainer beim Nordost-Regionalliga-Vorletzten TSG Neustrelitz gehen musste. Die Trennung, so heißt es, erfolgte „im gegenseitigen Einvernehmen“. Na dann… Ebenso erging es wenige Tage später JÖRN GROSSKOPF (51), der nach fünf Pleiten in den vorangegangenen acht Oberligaspielen Mitte April beim Wedeler TSV ausgemustert wurde. Desgleichen hat auch JENS DUVEAbschied von alter Wirkungsstätte genommen: Duve nebst Gattin Sylvia haben unlängst das erst 2016 übernommene Elb-Ausflugslokal „Zur Elbkate“ trotz aufwändiger sowie kostspieliger Renovierung schon wieder abgegeben. „Es war nicht das Richtige für uns“, gestand der 55-Jährige dem „Hamburger Abendblatt“.

// Ronny

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