Euro 2012: Gr.A – Polen

POLSKA – Polen in sechs Buchstaben

P – Papiez (der Papst). Zweifelsohne die wichtigste Person der jüngeren, älteren und mittleren Geschichte Polens. Wenn vom Papst die Rede ist, ist natürlich DER Papst gemeint. Johannes Paul II. Während man schon kritisch über die Rolle der Kirche in Polen sprechen kann, sind abfällige Bemerkungen über den Papst zu unterlassen. Witze über den Papst sollten nur gemacht werden, wenn man den Bekanntenkreis schon etwas kennt und dessen Haltung zu IHM einschätzen kann. Nicht jeder geht damit so locker um wie mein Opa, der IHN nur den „Breschnew vom Vatikan“ nannte. Also immer schön aufpassen und mein Opa lebt leider auch nicht mehr, ist aber eines natürlichen Todes gestorben. Also „don´t mention the war“, äh „don´t tell jokes about the pope“.

O – Obyczaje (Sitten). In Polen gibt es so einige Sitten. Die Gefahr mit ihnen in Verbindung zu kommen ist jedoch sehr gering, wenn man nicht zu tief in polnische Familienleben eintaucht (Weihnachten, Hochzeit o.ä.). Zu Weihnachten gibt es beispielsweise den Brauch immer ein Gedeck mehr als Gäste auf den Tisch zu stellen um den einsamen Wanderer zu beherbergen (manchmal wird auch auf Maria & Josef verwiesen, die nirgendwo Zuflucht gefunden haben – dieses ist aber mit ziemlicher Sicherheit ein christliches Ammenmärchen). Dazu ist der Heilige Abend ein ganz besonderer Abend, was das Essen angeht, denn es gibt kein Fleisch. Eine weitere sehr schöne Sitte ist der „Smingus Dyngus“. Dieser findet immer Ostermontag statt und man versucht dabei Menschen die man gern hat damit zu überraschen, dass man ihnen einen Eimer kalten Wassers über den Kopf kippt. Wichtig ist es dabei immer auf der Hut zu sein nicht vorher von jemanden, der einen gern hat überrascht zu werden. Diese Sitte wird vor allem oft beim Balzverhalten von Jugendlichen auf dem Dorf beobachtet, wobei da die Jungs eher die „Begiesser“ und die Mädchen „die Begossenen“ sind. Eine Heranwachsende die bis zum Mittagessen immer noch in trockenen Klamotten durchs Dorf läuft, kann da schon schnell die Meinung gewinnen unattraktiv zu sein.

L – Lwów (Lemberg, Lviv). Viele werden sich fragen, was hat Lviv in einem Text über Polen zu suchen. Neben Kraków ist Lviv eine Wiege der polnischen Kultur. Von 1795 bis 1918 gab es keinen eigenständigen polnischen Staat – das ursprüngliche Königreich wurde zwischen Russland, Preußen und Österreich-Ungarn aufgeteilt. Lediglich in dem von Wien aus beherrschtem Vielvölkerstaat war eine Fortführung der polnischen Kultur möglich. Viele bedeutende polnische Schriftsteller und Dichter kamen aus Lviv. Interessant ist ein Vergleich der Zusammensetzung der Bevölkerung Lvivs:
– 1931 ca. 320.000 (67,2% Polen, 21,6 % Juden, 9,2 Ukrainer, 2% Deutsche) und
– 2001 ca. 725.000 (86,4% Ukrainer, 8,7% Russen, 4,1% Polen, 0,4% Weissrussen). Innerhalb weniger Jahre wurde fast die komplette Bevölkerung Lvivs „ausgetauscht“. Lviv steht wie keine andere Stadt für die wechselvolle Geschichte zwischen Polen und Ukrainern. In dem polnisch-ukrainischen Krieg 1918-1919 wurde sie über einen langen Zeitraum von den Ukrainern belagert und schliesslich von den polnischen Truppen verteidigt. Der polnische Friedhof der „Verteidiger von Lwów“ wurde 1971 von sowjetischen Panzern zerstört – In den 90er Jahren wurde der Friedhof von der ukrainischen Regierung als eine Art Gedenkstätte wiedererrichtet. Es ist ein wichtiger Punkt der Polnisch-Ukrainischen Aussöhnung. Es ist eine sehr interessante Stadt in der die Einflüsse unterschiedlichster Kulturen zu sehen sind. Einen Besuch kann ich nur empfehlen, zumal Lviv nur wenige Kilometer hinter der Polnisch-Ukrainischen Grenze liegt.

S – Sport (Sport). Die Polen sind für viele Sportarten zu begeistern. Es reicht eigentlich, dass irgendjemand der aus Polen kommt in der Sportart halbwegs erfolgreich ist.
So wurden die Spiele der polnischen Handballmannschaft ursprünglich regelmässig von nur gut hundert Zuschauern (inkl. Angehöriger der Spieler) besucht. Dies hat sich seit der Handball-WM in Deutschland und dem zweiten Platz der Nationalmannschaft schlagartig geändert.
Natürlich ist Fussball die Sportart Nr. 1 in Polen. Marode Stadien, Bestechungsskandale und Ausschreitungen haben jedoch dazu geführt, dass nur mühsam Zuschauer wiedergewonnen werden. Neben Fussball sind Volleyball (wo Polen auch viele Erfolge feiert), Basketball (obwohl Polen dort mittelmässig ist) und Eishockey (wo Polen sich eigentlich Lichtjahre von der Weltspitze befindet, letztens wurde der Aufstieg in die B Gruppe gegen Südkorea, wir sprechen hier von EISHOCKEY, verspielt) recht beliebt und natürlich Leichtathletik. Eine Erwähnung sollte hier auch Speedway finden. Es ist eine Sportart, die sich in Polen sehr grosser Beliebtheit erfreut. In den 70er/80er Jahren fanden Speedway-Weltmeisterschaften regelmässig in dem Stadion von Chorzów vor 100.000 Zuschauern statt. Heutzutage gehen immer noch gern 20-30.000 Menschen zu solchen Rennen und der norwegische Fahrer Rune Holta mutierte zum Polen, weil er einfach in der polnischen Liga mehr verdient – welche Sportart schafft es schon, dass ein Norweger die polnische Staatsbürgerschaft annimmt ? Wenn ihr in Polen seid ist ein Besuch eines Speedwayrennens in einer der Hochburgen (Gorzów, Zielona Góra, Leszno, Torun, Bydgoszcz) auf jeden Fall zu empfehlen. Und für alle Umweltschützer: die Dinger fahren nicht mit Benzin, sondern mit Methanol, produzieren also so gut wie keine Abgase.

K – Kuchnia (Küche). Ich werde hier keine Abhandlung über die polnische Küche schreiben, sondern lediglich ein paar Tipps abgeben. An der Küste sollte man unbedingt einen frisch gebratenen Fisch probieren, den gibt es dort wo „Smazalnia“ drüber steht. Piroggen mit den unterschiedlichsten Füllungen gibt es in einer „Pierogarnia“, hier kommt auch der Vegetarier auf seine Kosten, was in Polen nicht selbstverständlich ist: Als ich Anfang der 90er mit meiner damaligen Freundin meine Oma besuchte, entwickelte sich also folgender Dialog:

– Du, Oma, die XXX ist Vegetarierin.
– ? ? ?
– Das heisst, sie ist kein Fleisch.
– Ach Kindchen mach Dir keine Sorgen, zum Glück habe ich heute Wurst gekauft, die wird sie wohl essen.

Ansonsten sollte man unbedingt die klare rote Beete Suppe (Barszcz), eine sehr leckere Sauermehlsuppe (Zurek) probieren und für die hart gesottenen gibt es Flaki. Wer von Euch nach Gdansk fährt und die am besten zubereitete Ente Polens essen möchte, kann sich vertrauensvoll an mich wenden (die Adresse gibt es umsonst, die Ente leider nicht).

A – Alkohol (Alkohol). Das traditionelle Getränk war, ist und bleibt der Wodka (Wódka). Er wird in klein (piedziesiatka – 5cl) und gross (setka – 10cl) gereicht. Es gibt inzwischen unzählige Marken auf dem Markt, mein persönlicher Favorit ist „Pan Tadeusz“. Aber da muss sich jeder seine eigene Meinung bilden und dazu gibt es in Polen Gelegenheit genug. Auch bei Bier muss sich Polen nicht verstecken, allerdings sollte man darauf vorbereitet sein, dass das Bier süsslicher und nicht so herb wie in Deutschland schmeckt. Trotzdem wird das Bier (besonders an die Damen) mit einem Himbeersirup gereicht. Ein sehr beliebtes Mixgetränk ist Zubrówka (Grasovka) mit Apfelsaft (erfreut sich auch in Deutschland zunehmend grosser Beleibtheit), für die expirementierfreudigen empfehle ich „wsciekly pies“- lasst euch überraschen. // Gastartikel von 20Zloty

P.S. Hinweis der Redaktion: Wer noch mehr über Polen (oder das andere Gastgeberland, Ukraine) und den dortigen Fußball erfahren will, bevor der Mainstream Einzug hält, dem sei die Doku “Verrückt nach Fußball – Grundhopping in Polen und der Ukraine” wärmstens ans Herz gelegt. (Aber Achtung: Kann Pyro enthalten…)
Ihr findet Sie wahlweise in der ZDF Mediathek oder zu folgenden Terminen noch auf ZDFinfo:
-02.06. um 17:15 Uhr ZDFinfo (Samstag)
-02.06. um 23:45 ZDFinfo (Samstag)
-03.06. um 08:15 ZDFinfo (Sonntag)
-18.06. um 19:45 ZDFinfo (Montag)

P.P.S. Eine weitere Doku wurde von der BBC veröffentlicht und hat bereits für einigen Wirbel gesorgt. Erschreckende Bilder über Rassismus im polnischen und ukrainischen Fußball, mit einem ukrainischen Polizieisprecher, der selig lächelnd in die Kamera lügt:

httpv://www.youtube.com/watch?v=z93iQgI3_Iw

Dieser Beitrag wurde unter EM / WM abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Euro 2012: Gr.A – Polen

  1. Pingback: Euro 2012: Übersteiger Sonderblog | Übersteiger-Blog

Kommentare sind geschlossen.