Euro 2012: Gr.A – Tschechien

Was verbindet St. Pauli damit?

Es war der August 1990. Wir (der FC St.Pauli) spielten ein weiteres Jahr in Liga 1 und der Saisonauftakt bildete ein Auswärtsspiel bei der Hertha im wiedervereinigten Berlin. An jenem Donnerstagabend sah ich das erste Bundesligaspiel meines FC live im Stadion. 32.000 waren vor Ort, ein paar Hundert hatten es aus Hamburg geschafft. Im Regen drehten wir einen Rückstand in einen 2-1 Sieg. Was hat das mit Tschechien zu tun? Nun, den Ausgleich schoss Ivo Knoflicek, der wohl uns bekannteste Tscheche und der einzig echte Star mit all seinen Allüren in den glorreichen Tagen einst. Unvergessen seine langen Haare und meist die Radlerhose modisch in Streifen drunter. Schon sein erster Auftritt war legendär. Dezember 89 – Abstiegsduell mit Gladbach und ich kleiner gerade von der Mauer befreiter Ossi lauschte wie seit langer Zeit auf NDR 2. Kurz nach Halbzeit traf Ivo und lief wie enthemmt immer mit dem Zeigefinger winkend Richtung Haupttribüne. Neben Leo Manzi´s Jubel wohl das prägendste Bild jener Tage für mich. In meinem kleinen Zimmer 200 km entfernt vom Millerntor sprang ich umher und brüllte nur noch „Ivo, Ivo…” Selbst bei der WM 1990 schaute ich voller Stolz die Spiele der Tschechoslowaken und bedauerte nur das Viertelfinale. So eine Ansetzung, musste das sein?! (nebenbei: Jan Kocian ist Slowake) Ivo war dann später häufig verletzt und durchaus lustlos, gerade in der zweiten Liga. Und doch ist eben er ein ewiges Bild der schönen Jahre. Für die Statistikfreunde noch als Ergänzung, Filip Trojan war der zweite Tscheche. So gut der Junge auch war und ist, so richtige bleibende Erinnerungen hat er bei mir nicht erzeugt.

httpv://www.youtube.com/watch?v=Od3NsSTccSA

httpv://www.youtube.com/watch?v=Lb9G96RRA1s

EM Historie

Ich glaube, die meisten wissen, dass die alte CSSR einst 1976 Europameister war. In einem bis heute oft zitierten Spiel in Belgrad gewannen sie im Elfmeterschießen gegen die Deutschen, weil Uli Hoeneß so hoch wie dieser Ramos von Real Madrid neulich den Ball gen Himmel schickte. Jetzt bin ich nicht so national eingestellt, als das ich diesen Moment als unschön bezeichnen muss. Als Kind habe ich einst Mitte der 80er diesen letzten Elfer gesehen – Panenka lupfte eiskalt über diesen Meyer Sepp hinweg. Auf unserem Sportplatz auf Kleinfeldtore übte ich das endlos und irgendwann beherrschte ich auch diese List. Bei einem Hinterhofturnier traf ich so, ein einziges Mal.

httpv://www.youtube.com/watch?v=Bd1Hr96IenI

Eine Weile wurde es ruhig, aber dann 1996 kamen sie in Schwung, zur Überraschung aller. Sie verloren noch verdient gegen die Deutschen das erste Gruppenspiel. Aber dann waren sie mit viel Glück und Dank ihrer erfahrenen Bundesligaprofis wie Kadlec, Nemec oder Kuka nicht zu stoppen. Neben diesen brillierten junge Wilde wie Nedved, Berger oder Smicer. Es machte schon Freude bei diesem ansonsten eher durchschnittlichen Turnier. Ich muss aber zugeben, im Finale stand ich zur deutschen Mannschaft. Es war wohl das letzte Mal in meinem Leben. Aber 96 waren sie eigentlich unterlegen, waren durch endlose Verletzungen eingeschränkt und spielten so kämpferisch und hölzern wie mein FC. Auf dem Weg zur Bundeswehr sah ich den Kick mit Freunden in einem Jugendtreff, wo außer mir alle für Tschechien waren. Neben all den schönen Dingen wie Bier und Chips gab es auch immer etwas zu „rauchen“. So sahen wir durch den wohl duftenden Nebel ein mäßiges Spiel, dass am Ende durch den schon aalglatten und daher nie sympathischen Bierhoff und einen Fehlgriff des sonst so guten Torwarts entschieden wurde. Ein Wermutstropfen in meinem einsamen Jubel.

httpv://www.youtube.com/watch?v=nv3ksu2HuU8

An die Euro 2004 in Portugal erinnern sich bestimmt noch die meisten. Wer immer die Chance hatte, das Spiel Holland – Tschechien zu sehen, der sollte noch heute schwärmen vom gnadenlosen Offensivfußball, von der Dramatik und den schönen Toren. Wer dieses Spiel gesehen hat, muss noch heute den Titelgewinn der Griechen unter dem erzkonservativen Otto Rehhagel verfluchen. Mir erging es so und das nicht erst im Endspiel, sondern schon im Halbfinale. Bis dahin hatten die Tschechen durchweg überzeugt, eine miese deutsche Truppe mit dem unschuldigen Rudi Völler nach Hause geschickt. Und dann kamen diese Griechen und spielten Fußball anno 1975, langsam, zerstörerisch und so reaktionär. Sie trafen zum Überfluss in der 105. Minute per „silver goal“, dieser Schwachsinnsvariante des Bierhoff Tores. Es war das traurige Ende der großen tschechischen Fußballzeit, denn schon bei der 2006er WM schied man schnell aus und spielte wenig ansehnlich. Ein Star wie Nedved blieb dann doch unvollendet.

httpv://www.youtube.com/watch?v=0XFVwZLPLWA&feature=related

Land – Kultur und so

Tschechien ist Pilsen und Pilsen ist Bier. Müssen wir noch mehr sagen und wissen? Eigentlich nicht. Wer es nicht kennt, sollte zwingend mal in den Supermarkt und einige Sorten probieren. Weiter sollte jeder einmal Knödel futtern – ist auf jeden Fall die passende Basis für das Pilsener.

Mir selber fehlt noch immer ein Besuch in Prag, Asche auf mein Haupt. So weiß ich ja nicht, worüber der allgegenwärtige Karel Gott so singt. Dieser Typ beherrschte meine Jugend wie kaum ein anderer, die „goldene Stimme aus Prag“ höre ich den Heck im ZDF noch, wie er ihn zum x – ten Mal ansagte. Er sang ja nicht nur diesen „Biene Maja“ – Song, wobei die Version beim BVB mich immer noch erschüttert, vielmehr schenkte er uns noch ein Duett mit Darinka. Nein, dies war kein singender Schoko – Riegel, sondern eine kleine Blondine, die wir kleinen Ostschüler alle scharf fanden. Wenn die nur nicht so einen Scheiß gesungen hätte…

httpv://www.youtube.com/watch?v=NqlTcC62Ujo

Daneben schenkten uns die Tschechen zwei Traumpaare. Da waren zunächst Hana und Dana, zwei singende Blondinen und bei uns in der DDR absolute Topstars. Sie wirken so im Nachhinein wie die Ostvariante von Baccara, so herrlich bieder war die Welt. Sorry, ich hoffe, die Jüngeren folgen mir noch. Selbst denen sollte aber Paar Nummer zwei bekannt sein: Spejbl und Hurvinek, jene Holzfiguren mit dem penetranten Ausruf „Vaaaaaatiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii, sag mal…“ Was bitte ist schon die Augsburger Puppenkisten dagegen? (Anm. d. Korrekturlesers: Hana und Dana? Ich kenn nur Hanni und Nanni… und Spejbl und Hurvinek hab ich ehrlich noch nie gehört. Kann mit meinen 36 Jahren auch kein Generationenkonflikt sein, wohl eher so’n Ost/West-Ding. Aber Danke für die Aufklärung!)

httpv://www.youtube.com/watch?v=kpxrZHBT0_I

httpv://www.youtube.com/watch?v=P1kKHM6Rl04

Bedanken wir uns weiter bei unseren Nachbarn für Pan Tau, den kleinen Maulwurf sowie „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“. Und wer immer mal eine schöne Tschechin sehen will, muss sich an Weihnachten nur die zweihundert Wiederholungen von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ansehen. Ich sollte aber dazu sagen, der Film ist von 1973 und damit genauso alt wie ich.

Um dem Thema Politik gerecht zu werden, müssen wir nur auf den kürzlich verstorbenen Vlaclav Havel verweisen. Der Mann war, ist und bleibt das Symbol der friedlichen Revolution und der politischen Wende hin zur Demokratie. Schon mit dem Prager Frühling anno 1968 zeigten die Tschechen ihre Sehnsucht nach Freiheit und wurden doch wieder eingefangen mit Gewalt der sowjetischen Kräfte. Tschechien heute ist bei weitem kein Land des Billiglohns und der Armut. Es blüht und hat zum Teil sogar Vollbeschäftigung. Da ich selber als Dienstwagen einen Skoda fahre, darf ich dafür auch mal Werben. Die Autos haben fast komplett dieselben Teile wie die heillos überteuerten VWs aus dem schönen Wolfsburg. Also, kauft Skoda!

Die Fans und Liga

Um es gleich am Anfang zusammen zu fassen – die Sportart Nummer eins in Tschechien ist Eishockey. Dann kommt ganz lange nichts und dann mal Fußball. Ich kenne so einige Freunde und Kollegen, die einem jeden Tag erzählen konnten, ob der Jagr wieder in der NHL getroffen hatte in der letzten Nacht. Dieselben kannten meist nicht Bohemians Prag, jenen berühmten Verein mit dem Känguru im Logo und dem Lesen nach echten Arbeiterverein, der leider nur noch eine Fahrstuhlmannschaft ist. Erinnert mich an den FC, oder?!

Wenn Du also einen Tschechen triffst und du willst schleimen, dann fang nicht mit der Euro 1976 an, sondern sage, wie sehr du mitgefiebert hast bei der Eishockey WM 1985 in Prag, als man die Russen, Amerikaner und Kanadier schlug. Ein Hinweis noch: du kannst dann auch wunderbar diskutieren, ob Lala oder Jagr der beste aller Zeiten ist.

Beim Fußball verfolgen die Fans natürlich auch die Liga, deren Niveau sehr überschaubar ist. Die große Zeit von Sparta Prag ist auch international vorbei. Das liegt aber mehr am Spielermaterial und der Kluft zur Champions Geldliga. Da kann das kleine Land eben nicht mithalten, egal wie viel Talente man noch entdeckt. Für alte Männer wie mich, ist auch ein Verein wie Banik Ostrava ein Wohlklang im Ohr. Fragt mal alte Rauten, wie die mal aufgespielt haben einst.

Ich erwarte zwar einige Tschechen vor Ort bei der Euro, vor allem in Wroclaw (Breslau). Aber, auch das ist klar, es wird keine Invasion geben. Das Duell mit den Polen hat nach meinen Erfahrungen den höchsten Stellenwert aktuell. Die Russen sind wirklich nur im Eishockey so richtig wichtig. Die Gesänge werden überschaubar sein, die Farbenpracht stärker. Trikot und Schal waren eigentlich in allen Jahren Grundausstattung. Echte südländische Atmosphäre kommt nur beim Derby in Prag zu Stande.

httpv://www.youtube.com/watch?v=8CMU-UZu_D8

httpv://www.youtube.com/watch?v=X2c0fLOOSYE

 Chancen und so?

Nedved? Nicht mehr da. Koller und Poborsky? Geschichte. Von den alten Stars werden wir nur noch Cech, den alternden Rosicky und das ewige Talent Milan Baros sehen. Und sonst tummeln sich halt ein paar Bundesligaspieler wie Michal Kadlec (Leverkusen), Zdenek Pospech (Mainz), Tomas Pekhart (Nürnberg), Roman Hubnik (Hertha BSC) sowie der Wolfsburger Petr Jiracek herum. Wahrlich keine große Klasse und bei einigen muss man nachdenken, ob man die je wahrgenommen hat. Dass man überhaupt dabei ist, überrascht ja fast und im Grunde verdankt man es dem Losglück, sowohl bei der Gruppe wie auch in den Play offs. Der Einzug in das Viertelfinale wäre eine Überraschung, aber angesichts der Gruppe nicht ausgeschlossen. Polen ist der Favorit  als Gastgeber, aber dann? Es wird sicher eine geringe Einschaltquote geben, wenn die Griechen und die Tschechen spielen. Ich selber schau mir mal das Spiel gegen die Russen vor Ort an. Ich bin St. Pauli Fan und brauche keinen Hochgenuss wie England – Frankreich… ich berausche mich lieber am „Warschauer Pakt – Kracher“ und erzähle mit meinem Nachbarn über Jagr und die schwarze Scheibe auf dem Eis…

httpv://www.youtube.com/watch?v=dwREjpWIuFs

// Gastartikel von Kay Schernikau

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2 Kommentare zu Euro 2012: Gr.A – Tschechien

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