#Nordderby100

SV Werder Bremen – Hamburger SV
Tor: 1:0 Zlatko Junuzovic (19.)
Zuschauer: 42.100 (ca. 5.000 Gäste)

Wie ich jüngst an anderer Stelle gestanden habe, habe ich eine durchaus lange Bremer- und Werderaner Vergangenheit. Als sich also abzeichnete, dass das 100. Nordderby zwischen Werder und dem hsv eher zu einem Existenzderby wird, bemühte ich mich frühzeitig um Karten. Eine Mischung aus alter Verbundenheit und Sensationstourismus. An dieser Stelle auch vielen, vielen Dank an Jana Miglitsch, gleichzeitig die Schwester eines meiner damaligen Mitspieler, die mir die Karten organisierte.
Ich traf gegen 13:00 Uhr am Hauptbahnhof ein, marschierte bei bestem Wetter noch zum Marktplatz und dann ging es auch schon zum Stadion, alles relativ entspannt. Wir standen vorm Ostkurvensaal, und beobachteten das Treiben. Insgesamt verhielt sich die Polizei zwar präsent aber zurückhaltend, Fantrennung fand nur bedingt statt, abgesehen vom Hauptbahnhof, wo die mit dem Metronom anreisenden hsv-Fans gleich Richtung Shuttle-Bus gebracht wurden. Zumindest auf dem Vorplatz standen „Fuck Werder!“ und „Scheiß hsv!„-Schalträger recht einträchtig beeinander oder zumindest nur wenige Meter voneinander entfernt, ohne sich gegenseitig zu ermorden. Rainer Wendt wäre fassungslos gewesen, dies kann man dann auch mal lobend erwähnen. (Abgesehen davon, dass ich solche Schals dämlich finde, egal über welchen Verein.)

Irgendwann fuhr dann der hsv-Bus an der Ostkurve vorbei und wurde dabei mit Kaltgetränken begrüßt. Unnötige Aktion, aber zumindest hier konnte ich nicht feststellen dass über die Flüssigkeit hinaus Schäden am Fahrzeug verursacht wurden, flogen doch lediglich Weichplastikbecher. Im Sportstudio wurde abends erzählt, dass es Sachbeschädigung gegeben hätte, dies muss dann wohl später oder bereits an anderer Stelle passiert sein.
Grundsätzlich finde ich handfeste Aggression gegen Sachen ähnlich sinnlos wie gegen Menschen, scheinbar gehört dies aber inzwischen leider unter Fußballfans zum guten oder eben auch schlechten Ton.

„Rauten-Express“ in Vorbeifahrt an der Ostkurve

Kurze Zeit später  dann andersrum, es kam es an gleicher Stelle zu einer versuchten Attacke von circa 50 hsv-Fans auf den Fanshop, mit welchem Ziel auch immer. Dies hatte sich dann auch schnell wieder erledigt und neben dem erneuten beidseitigen Austausch von Kaltgetränken ist wohl nicht viel passiert.

Ab ins Stadion, da wir bereits im Vorfeld viel von der Choreo gehört hatten und diese natürlich dann auch mitnehmen wollten. Sie war seit Monaten akribisch vorbereitet worden, von den Gruppen Wanderers Bremen und HB Crew. Auf jedem Platz lag der folgende Erklärzettel:

Regieanweisung zur Choreo

Nun ja, „stinkender Elbschlick“ wäre mir als Bezeichnung nicht über die Tastatur gekommen, aber Fußball muss dreckig bleiben und solange es verbal bleibt passt das dann im Zweifel auch, geschenkt.
Auch die Stadionregie tat ihr Bestes um die Choreo zu unterstützen und pünktlich um 15:20 Uhr begann die begleitende Musik und damit die ca. zehnminütige Performance.

„Hundert Spiele wie im Märchen – Nur der SVW – HBC – WB07 – Dazke“

Es wurde dann von unten ein Buch hochgezogen, welches im Folgenden mit Schnüren von unten und oben „umgeblättert“ wurde:

„Wir kamen, sahen…“ (rechts im Bild die Stadtmusikanten)

„und…“ (Die Stadtmusikanten nehmen Kontakt zu CFHH auf.)

„siegten.“ (Der Kontakt endet im Rauswurf, wie aus dem Märchen bekannt.)

„Die Moral von der Geschicht’…“

„Bremen ist geil, Hamburg nicht! – DAZKE“

Laut Abendblatt soll das ganze circa 45.000 € gekostet haben und ein halbes Jahr Planung benötigt worden sein. Unterm Strich kann man nur sagen: es hat sich gelohnt und sah wirklich großartig aus. Das restliche Stadion war mit DIN A3-Plakaten bepflastert, auf dem die Bremer Speckflagge, das Werder-Wappen und „Die Nr.1 im Norden sind wir“ zu sehe war.
Genau an jenem letzten „DAZKE“ aber entzündete sich im Folgenden eine Diskussion. Unter einigen hsv-Fans, denen ich auf Twitter folge, gab es nach dem Spiel die Auffassung, dass DAZKE sei pietätlos gewesen. Um dies zu erklären, beziehungsweise zu verstehen muss ich wohl etwas ausholen.
Aus meiner Sicht gibt es hierfür, je nach persönlichem Empfinden und Interpretation, zwei mögliche Varianten:

  1. Das DAZKE bezieht sich auf eine Choreo, die die hsv-Fans vor einigen Jahren gemacht haben. Dabei wurde pro Block ein großer Buchstabe als Banner hochgezogen, wobei der Mittelblock das „N“ quer hochzog und damit statt „DANKE“ ein „DAZKE“ erschien. Auch unter unter St.Pauli Fans hat sich DAZKE seitdem zum geflügelten Wort entwickelt und fest in den Sprachgebrauch eingefügt. Dementsprechend ist das DAZKE an dieser Stelle als Verarschung der hsv-Fans zu verstehen.
    Oder aber:
  2. Das DAZKE bezieht sich auf eine Hermann-Rieger-Dankeschoreo, die die hsv-Fans vor einigen Jahren gemacht haben. Dabei wurde pro Block ein großer Buchstabe als Banner hochgezogen, wobei der Mittelblock das „N“ quer hochzog und damit statt „DANKE“ ein „DAZKE“ erschien. Auch unter unter St.Pauli Fans hat sich DAZKE seitdem zum geflügelten Wort entwickelt und fest in den Sprachgebrauch eingefügt.
    Durch den Tod von Hermann Rieger vor wenigen Tagen ist dies damit pietätlos und beschmutzt das Andenken an Hermann Rieger.

Puh, harter Tobak. Entscheidend ist hierbei tatsächlich, ob man das DAZKE nun mit der Choreo oder mit Hermann Rieger verbindet, ansonsten ist der Hintergrund ja gleich. Unstrittig, dass sich die Choreo damals auf Hermann Rieger bezog. Aber ist dies in der Wahrnehmung hängen geblieben, oder lediglich der DAZKE-FauxPas?
Für mich persönlich war Hermann Rieger immer eine Ikone, die vereinsübergreifend für seine Art geschätzt wurde. Die für eine Art von Vereinsidentifikation stand, die es heute im Profigeschäft nur noch selten gibt. Als er verstarb, gab es (ähnlich wie auch bei Walter Frosch) ausnahmslos Respektsbezeugungen, von Fans aller Vereine, über jede Farbenwahl hinweg. Neben vielen St.Paulianern kondolierten auch (und das ist dann eben für meine weitere Argumentation wichtig) viele Werder-Fans. Häme, Spott, sonstige Pietätlosigkeiten habe zumindest ich nicht wahrgenommen. Ich glaube auch, dass wir gesellschaftlich über derartiges zum Glück schon lange hinweg sind, auch und gerade unter Fußballfans.
Die Choreo war zu diesem Zeitpunkt von Hermann Riegers Tod (der übrigens am Sonntag in einer feierlichen Zeremonie im Stadion verabschiedet wurde) ganz sicher nicht nur fertig geplant, sondern auch fertig gebaut bzw. genäht.
Sicher ist: Zum Zeitpunkt der damaligen Planung war das DAZKE noch unverfänglich, niemand hätte dies als Affront gegen Hermann Rieger verstanden. Der Vorwurf aus den Reihen der Gästefans war jetzt, dass man doch in den knapp zwei Wochen aus einem „Z“ noch hätte ein „N“ machen können.
Ich bin als Textilhandwerklicher Volllaie überfragt, ob das möglich gewesen wäre, gehe im Zweifel aber erstmal davon aus. Die wichtigere Frage aber ist: War man sich auf Seiten der Bremer überhaupt bewusst, dass dieses Wort eben nicht als klares Veräppeln der Gäste verstanden werden würde, sondern als „Pietätlosigkeit„, als „Beschmutzen des Gedenken an Hermann Rieger„?
Ich persönlich denke bei DAZKE immer an die Choreo, nicht an die Person der diese gewidmet war, daher bin ich hier auch klar bei Option 1.
Eine bewusste Provokation? Ein bewusstes in den Dreck ziehen des Gedenkens? Nein, den Vorsatz bezweifle ich dann mal ganz stark.
Ich will keinem hsv-Fan vorschreiben, wovon er sich persönlich verletzt oder angegriffen fühlen soll oder nicht, ich bezweifle lediglich, dass diese Stoßrichtung von den Machern der Choreo so gewollt war bzw. sie sich dieser Intention überhaupt bewusst waren.
Okay, meine eigene Interpretation sollte klar geworden sein, wissen kann ich es natürlich auch nicht. Ihr könnt das gerne in den Kommentaren weiterdiskutieren.

Bezogen auf den Gästeblock fiel mir auf, dass der Sitzplatzbereich im Oberrang, der sich dort unter den Stehplätzen befindet, komplett gesperrt war. Die Türen dorthin waren verschlossen.
Störte aber nicht lange, irgendwann kletterten zahlreiche Personen an den überforderten Ordnern vorbei über die Zäune, in den Sitzplatzbereich.  Ich denke, der Sinn des Freilassens des Bereichs liegt darin, dass sonst gerne von dort Gegenstände in den Unterrang fliegen. Mag sinnvoll sein, klappte aber eben überhaupt nicht.
Im Gästeblock (im „gestürmten“ Sitzplatzbereich) gab es parallel zur Choreo übrigens  auch ein bißchen Pyro.

Das Spiel selbst war dann ein Klassiker für die „Es lebt von der Spannung„-Floskel. Der hsv anfangs irgendwie strukturierter im Spielaufbau, ohne zwingend zu sein. Werder mit der alleinigen Taktik „Langer Ball auf Petersen und dann beten, dass es zu was führt!„. Letzteres klappte dann auch irgendwann, wobei man Hunt den Ball sicher noch 100x so hinwerfen kann und der Hackenpass kaum nochmal so ideal kommt. Glück muss man haben. Und dann hebt Jansen eben auch noch das Abseits auf und beschwert sich später in den Interviews, dass man in so einer Situation doch nicht auf Abseits spielen dürfe. Tja, haste Scheiße am Fuß…

Vom hsv kam danach nicht mehr viel, Lasogga wurde vom vorherigen „Angstfaktor“ Lukimya komplett aus dem Spiel genommen, mehr als ein Lattenschuß von Calhanoglu fand nicht mehr statt.

In Hälfte zwei dann zunächst folgendes: Werders Mittelteil der Ostkurve zieht die Blockfahne hoch, darunter wird sich vermummt, dann kommt Pyro und Spielunterbrechung. Anschließend geht die Blockfahne wieder hoch um die Vermummung rückgängig zu machen, und damit den Videokameras ein Schnippchen zu schlagen.
Buuuh, Pyro, pööööse!
Egal, mir hat es gefallen. Robin Dutt eher nicht, wobei ihn in erster Linie die (u.a.) daraus resultierenden sechs Minuten Nachspielzeit geärgert haben dürften.

Dass diese überhaupt noch relevant waren, lag an der mangelnden Chancenverwertung der Bremer, die den Sack hätten schon früher zumachen müssen (und können). Vom hsv kam auch da nicht mehr viel, ein-zwei Distanzschüsse, fertig. Aber knappe Derbysiege fühlen sich ja eh besser an.
Glück für den hsv: Für sein Frustfoul in der Nachspielzeit hätte Lasogga aus meiner Sicht zwingend gelb-rot sehen müssen. Aber man kann nicht alles haben.
Gute Besserung jedenfalls an Slobodan Rajkovic, der bei einem Zweikampf im Rasen hängen blieb und sich dabei einen Kreuzbandriss zuzog. Bitter für ihn, nachdem er sich unter Slomka gerade erst aus der Verbannung zurückgemeldet hatte.

Beim Rückweg zum Bahnhof konnte man das ein oder andere Scharmützel begutachten, aber unterm Strich verlief wohl alles recht harmlos.
Am Bahnhof selbst wurde die Rückseite, wo die Shuttlebusse der Gästefans ankamen, so gesperrt, dass man von dort nur auf das Gleis gelangen konnte, wo der Metronom zurückfuhr. Immerhin waren damit aber die Fress- und Getränkebuden in der Halle auf der Rückseite auch erreichbar, was aus Sicht eines Gästefans schon mal deutlich besser ist als man es in vielen anderen Städten erleben muss.

Alles in allem ein toller Tag für mich, meine hsv-Live-Saisonbilanz weist damit nach dem 1:5 gegen Hoffenheim weiterhin null Punkte auf. // Frodo

Es schrieben auch:
– Papierkugelblog (Werder): „Jubiläumssieger
– Meine Saison mit dem SVW: „Sieg der Kampfschweine
– Nedsblog (hsv): „Nordderbyniederlage
– Nur der Tim: „Auswärts bei der Stinkeweser – Derbyniederlage
– Vert et blanc (SVW): „Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt
– Der Vierte Mann (hsv): „Nachlese zum 100.Derby

P.S.: Arschlochalarm gab es übrigens leider auch (taz)

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