Was macht eigentlich… Dirk Dammann

Gastartikel von Scheißegal St.Pauli.

Moin Dirk. Du hast vor St. Pauli beim VfL Stade gespielt – wer hat dich 1990 zu St. Pauli geholt?

Ich bin damals von Helmut Schulte zu St.Pauli geholt worden. Wir hatten mit Stade seinerzeit einen Mega-Lauf in der HH-Oberliga und eine bis heute, glaube ich, unerreichte Rekordsaison gespielt (Anm.d.Red: nur 5 Unentschieden und keine Niederlage in der Saison). Anschließend sind wir in der Aufstiegsrunde ebenfalls ungeschlagen in die Oberliga-Nord (damals die 3. Liga) aufgestiegen…

Erzähl mal von deinen ersten Jahren bei St. Pauli. Ich hab dich später als unglaublich geilen Libero erlebt, gibt es heute ja nicht mehr, wie hast du dich denn damals so gesehen? Ein Freund von mir nennt dich den Beckenbauer der 90er….

Die ersten Jahre waren für mich eine Findungsphase. Ich war als offensiver und eigentlich bis dato auch torgefährlicher Mittelfeldspieler gekommen. In den ersten Jahren habe ich dann glaube ich alle Positionen im Mittelfeld gespielt – links, rechts, zentral, offensiv, defensiv …

Durch viele Verletzungen der damals gestandenen Mitspieler wie Peter Knäbel, Jürgen Gronau, Michael Dahms usw. konnte ich in meiner ersten Saison zwar viel spielen, habe aber nie richtig MEINE Position gefunden. Und meine im Amateurbereich vorhandene Torgefährlichkeit hatte ich leider auch verloren…

So wurde ich immer weiter nach hinten geschoben und Seppo Eichkorn hat mich dann in meiner zweiten Saison bei St.Pauli das erste Mal auf der Libero-Position eingesetzt. Jan Kocian, damals tschechischer Nationalspieler, konnte verletzungsbedingt nicht spielen und ich musste ihn ersetzen. Ich glaube, ich habe es ganz ordentlich gemacht. Ich durfte anschließend sogar spielen, als Jan dann wieder fit war. Wenn ich mich recht erinnere, hat damals Papa Heinz Weisener beim Trainer sein Veto eingelegt und darauf gedrängt Jan wieder spielen zu lassen…

So habe ich aber damals meine Position gefunden. Eigentlich aus der Not heraus, aber im Nachhinein war es für mich der Beginn meiner besten Zeit bei St.Pauli. Zumindest habe ich mich auf der Position sehr wohl gefühlt…

Gerade dein erstes Jahr bei St. Pauli verlief ja recht enttäuschend. Eigentlich “Stammspieler” in der ersten Bundesliga und dann diese scheiß Relegation gegen die Stuttgarter Kickers, die nach zwei Unentschieden erst im dritten Spiel im neutralen Stadion in Gelsenkirchen entschieden wurde. Was hat dich damals am meisten geärgert?

 Dass wir abgestiegen sind natürlich! Wir haben an dem Tag nie zu unserem Spiel gefunden und es lief einfach nichts zusammen. Für mich war es damals wie ein falscher Film. Es folgten ja am selben Abend noch die Gespräche für die folgende Zweitligasaison.

Wie? Am Abend dieser Niederlage wurden die Spieler erst gefragt, ob sie nächste Saison weiterspielen oder wechseln? Oder wie soll ich mir das vorstellen?

 Ja, bei einigen war es wirklich so. An diesem Abend wurden mit vielen Spielern, da nur Verträge für die erste Liga bestanden, die abschließenden Gespräche geführt. Es gab ja auch Spieler, die damals nicht gewechselt wären, wenn wir die Klasse gehalten hätten.

As time goes by - Dirk Dammann

As time goes by – Dirk Dammann

Auffällig ist natürlich, dass du in deiner Karriere nie vom Platz geflogen bist. Auch 16 gelbe Karten in 316 Profispielen für St. Pauli sind aller Ehren wert. Wie viel Gegenspieler haben dich in all den Jahren auf dem Platz aus Frust beschimpft, weil sie selten gegen dich nen Stich auf dem Platz machen konnten? Oder wie hast du das geschafft?

Beschimpft hat mich nie wirklich ein Gegenspieler. Ich habe halt immer versucht über mein Stellungsspiel im richtigen Moment in einen Zweikampf zu gehen. Das ist mir meistens ganz gut gelungen. Jeder Spieler hat seine eigene Spielweise bzw. Spiel-Philosophie und meine ist es, durch gutes Stellungsspiel und vorausschauendes Erkennen von Spielsituationen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das ist heute noch so, wenn ich mal gegen den Ball trete…

Kommen wir mal zur Abstiegssaison 1996/97. Bis zur Winterpause lief eigentlich alles gut. Danach soll sich die Mannschaft mit Uli Maslo zerstritten haben und es ging bergab. In der Fanszene war Uli “Ich bin stolz ein Deutscher zu sein” Maslo ja sowieso nicht gerade gut angesehen. Was ist in der Saison passiert und schiefgelaufen?

 Unter Uli Maslo hatte ich meine beste Zeit, deshalb kann ich persönlich gar nicht so viel Schlechtes über ihn sagen. Er hatte, wie viele andere Trainer auch, seine Eigenarten mit der einige Spieler nicht klar kamen. Und wenn Erfolge ausbleiben, ist es so, wie überall im Fußball. Dann ist der Trainer schuld. Wahrscheinlich hatten wir ein zu gutes Wintertrainingslager in Qatar. Das war jedenfalls das beste Trainingslager, was ich je mitmachen durfte. Aber für St.Pauli-Verhältnisse wohl zu gut – danach lief jedenfalls nicht mehr viel zusammen. Ich persönlich habe mich die komplette Saison mit einer Kapselverletzung rumgeschlagen und konnte nur eingeschränkt trainieren und wurde zu den Spielen gespritzt, was meiner Leistung nicht förderlich war und dann irgendwann auch nicht mehr weiterging. So wurde ich dann kurz nach der Entlassung von Maslo operiert, was in der Öffentlichkeit leider dargestellt wurde, als würde ich die Mannschaft im Stich lassen und mich lieber um meine damals hochschwangere Frau kümmern. Das war nach Monaten der Quälerei mit Schmerzen im Spiel und Training natürlich schon bitter…

Was machst du heute so? Ich hab gesehen, dass du die U19 des JFV Stade trainierst. Hast du irgendwann nochmal höhere Ambitionen oder reicht dir das? Bist du froh raus aus der Öffentlichkeit zu sein?

 Ja, im Fußball trainiere ich noch bis Sommer die U19 des JFV Stade. Da wir in der Niedersachsenliga spielen, ist das ein enormer Aufwand mit 3 Trainingseinheiten pro Woche. Aber höhere Ambitionen habe ich überhaupt nicht. Die Mannschaft habe ich überhaupt nur übernommen, weil mein jüngerer Sohn Luca in der Mannschaft spielt und vor Jahren ein Trainer kurzfristig ausgefallen ist. Ich wollte eigentlich nie einen meiner Söhne trainieren, weil ich die Konstellation immer unglücklich finde, aber so wurde ich dann doch schwach. Im Sommer werde ich aber nicht mehr als Trainer tätig sein. In Stade entsteht durch die Verschmelzung der beiden Traditionsvereine VfL  Stade und TuS Güldenstern Stade ein neuer Fußballverein und hier engagiere ich mich bereits parallel im Herrenbereich. Wir wollen und müssen den Nachwuchsspielern aus der guten Jugendarbeit in Stade wieder bessere Perspektiven bieten und bündeln daher die Kräfte für eine hoffentlich bald wieder erfolgreichere Fußballzeit in Stade.

Was die Öffentlichkeit angeht, habe ich mir da nie große Gedanken gemacht. Ich habe mich damals ja auch nicht für den Profifußball entschieden, um in der Öffentlichkeit zu stehen, sondern weil mir der Fußball so viel Spaß gemacht hat und die Möglichkeit, sich mit den Besten zu messen, so faszinierend war. Das ganz große Fußballgeschäft muss man heutzutage mögen oder eben nicht. Ich finde den Profifußball einfach zu kurzlebig. Persönlich mag ich es lieber ruhiger und plane gerne langfristig. Das ist im Profifußball leider nicht möglich. Und raus aus der Öffentlichkeit bin ich durch meine Vergangenheit sowieso nie ganz, auch wenn es in einem kleineren Rahmen ist…

Was heißt das in Stade? Welche Aufgaben wirst du dann übernehmen?

Wenn man dem Kind einen Namen geben will, so kann man das wahrscheinlich am ehesten „Teammanager“ nennen. Ich stelle aktuell mit dem Trainerteam den Kader für die erste Mannschaft zusammen und werde in Zukunft Bindeglied zwischen erster und zweiter Mannschaft sowie der U19 sein. Und dann kommen da natürlich noch einige organisatorische Aufgaben hinzu. Also langweilig wird es mir nicht…

Wie oft besuchst du heute noch Spiele beim FCSP?

Durch meine aktive Zeit als Trainer bleibt mir nicht viel Zeit, daher sind es meist ein bis zwei Spiele in der Saison. Es wirkt jetzt natürlich alles weitaus professioneller. Nicht nur das Stadion, auch das Trainingszentrum und die damit verbundenen Möglichkeiten sind nicht zu vergleichen mit der damaligen Zeit. Wir hatten unseren Trainingsplatz am Steinwiesenweg in Niendorf und außer dem Trainingsplatz und einer Umkleidekabine war da nichts. Wenn man das heute betrachtet, sind die Rahmenbedingungen doch schon ganz andere. Aber dem trauere ich nicht nach, denn auch die damaligen Bedingungen hatten Ihren Charme und waren in vielerlei Hinsicht persönlicher…

Das klingt bisher alles recht harmonisch bei dir in deiner Beziehung zum FCSP. Gab es denn keine Momente, wo du mal gedacht hast: “Was macht der Verein denn jetzt für ne Scheiße? Was soll der Blödsinn”?

Insgesamt hatte ich eine schöne Zeit und ich habe mich auf die sportlichen Dinge konzentriert. Das klingt jetzt zwar etwas nüchtern, war aber so.

Enttäuscht war ich eigentlich nur über mein Ende beim FCSP. Dem Verein kann ich da aber nur begrenzt einen Vorwurf machen. Der damalige Trainer Willi Reimann hat nicht mit mir geplant – so hat man mir das vom Management mitgeteilt, der Trainer hat nämlich nie mit mir persönlich gesprochen – und im sportlichen Bereich hat der Trainer halt das sagen. Reimann hat damals seinen Wunschspieler Steffen Karl mitgebracht und wie das nun mal in dem Geschäft ist, werden diese Wunschspieler dann auch bevorzugt. Auch wenn mir damals von allen Seiten des Vereins (auch dem Management) gesagt wurde, dass man das nicht nachvollziehen könne. Als man mir nach der Saison doch noch ein Angebot unterbreitet hat, wollte ich nicht mehr, da ich nicht unter einem Trainer arbeiten möchte, der mich nicht will. Nach so langer Zeit bei einem Verein, der mir sehr an Herz gewachsen ist, war das kein schönes Ende.

Ein großes Dankeschön muss ich aber den Fans sagen, denn ohne diese wäre ich wahrscheinlich am letzten Spieltag nicht mal mehr zum Einsatz gekommen. Willi Reimann, an dem Tag krank und nicht anwesend, ließ die Spieler, mit denen er nicht mehr plante, nicht spielen. Und das bei einem Spiel, in dem es um nichts mehr ging… Doch die Fans haben mich in der zweiten Halbzeit so lautstark gefordert, dass der damalige Co-Trainer Didi Demuth nicht mehr anders konnte, als mich einzuwechseln.

Ich hörte schon, dass es mit Willi Reimann wohl so einige Probleme gab. Möchtest du das noch erläutern?

Über besagten Trainer möchte ich nicht mehr sprechen… würde nichts Gutes bei rum kommen.

Schade, aber kommen wir zur finalen und wichtigsten Frage: laut Transfermarkt.de hast du in deiner Karriere alle 1910 Minuten ein Tor erzielt. Das war doch von langer Hand geplant, oder?

 Du bist der Erste, dem aufgefallen ist, wie ich meine Tore geplant habe. Respekt….

Danke, Dirk, Dir für die Zukunft alles Gute! // Scheißegal St.Pauli

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2 Kommentare zu Was macht eigentlich… Dirk Dammann

  1. Frankie sagt:

    4:2 gegen 1860, Spitzenreiter in der 1. Bundesliga, unvergesslich! Dirk, Du warst (und bist) ein richtig Guter. Viel Erfolg in Stade (Französisch für Stadion, oder?) und danke für das Interview.

  2. Pingback: Was macht eigentlich… André Trulsen | Übersteiger-Blog

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