Was macht eigentlich… Dieter Schiller

Auf der Seite Hamburg ist Braun-Weiß begann diese Serie von Gastautor “Scheissegal St.Pauli”, die wir jetzt hier mit Teil 3 wiederholen und dann auch fortführen werden. Vielen Dank an hhibw.
(Teil 1 mit Marcel Eger findet Ihr hier, Teil 2 mit Dirk Zander hier.)

Moin Dieter, dich werden jetzt nicht viele jüngere Leute kennen, du aber bist seit 1974 im Verein. Wie bist du damals zu St. Pauli gekommen? Warum geht man 1974 zum FC St. Pauli? 😉

 Mein damaliger Trainer Jockel Krause, der mich von Polizei Bremen (damalige Regionalliga Nord, zweithöchste Klasse in Deutschland) zu Arminia Hannover (Regionalliga Nord) geholt hat, hat mich nach zwei Jahren Hannover mit zum FC St. Pauli genommen.

Ab Juli 1974 wurde die 2. Bundesliga eingeführt, da war es für mich doch klar, mit nach Hamburg zu gehen und dann noch St.Pauli. Da brauchte ich nicht zu überlegen.

Nach dem Aufstieg 1976/77 verliert sich dein Werdegang etwas. Warum bist du nicht mit in die Bundesliga gegangen?

Ich war bei St.Pauli einer der wenigen Spieler (Rietzke, Box, Rosenfeld, Marsollek und ich), die neben dem Fußball 40 Stunden die Woche gearbeitet haben. Ich bei der Agentur für Arbeit, wie auch Reinhard Rietzke!

Unser damaliger Trainer Diethelm Ferner wollte mich auch mit in die 1. Bundesliga nehmen, jedoch hätte ich meinen Job beim Arbeitsamt aufgeben müssen.

Da ich bereits 27 Jahre alt war, bei meiner Frau das 1.Kind unterwegs war und ich beim Arbeitsamt noch einmal auf die Schulbank gehen wollte, um in den gehobenen Dienst zu kommen, habe ich schweren Herzens die Entscheidung gegen die 1. Bundesliga getroffen.

Im Nachgang eine “goldene” Entscheidung für mich, da ich erstens die Schulbank erfolgreich absolviert habe und dann am 31.10.2013 nach 47 Jahren Arbeitsagentur in Rente gegangen bin. Außerdem ist St.Pauli 1978 sang- und klanglos abgestiegen und dann 1979 sogar der Lizenzentzug und Abstieg in die Oberliga Nord, also habe ich, ohne es natürlich vorher zu wissen, alles richtig gemacht!

Erinnerst du dich noch an den Aufstieg? Wie war das?

 Klar erinnere ich mich an den Aufstieg 1977! Wir haben am Samstag, den 07.05.1977 in Herford mit 1:0 gewonnen, Torschütze Nils Tune Hansen, Vorlage Dieter Schiller, ich wurde in diesem Spiel bereits in der 9. Minute für den verletzten Gino Ferrin eingewechselt.
Am Sonntag, den 08.05.1977, verlor Arminia Bielefeld bei Bonner SC mit 2:1, so dass wir in die 1. Bundesliga aufgestiegen waren, wie kann ich so etwas vergessen!?

Zwei Stunden später hat sich die gesamte Mannschaft in der Diskothek Nänü in Eimsbüttel, die es heute nicht mehr gibt, getroffen und den Aufstieg bis zum nächsten Morgen durchgefeiert, was wir alle drei Tage wiederholt haben.

Es war einfach nur toll, hat Riesenspaß gemacht, in dieser Mannschaft zu spielen und mitgeholfen zu haben, in die 1. Bundesliga aufgestiegen zu sein.
Ein Ereignis, dass man natürlich sein Leben lang nicht vergisst.

Mit einem Großteil dieser damaligen Mannschaft (Rynio, Rietzke, Ferrin, Oswald, Kulka, Tune-Hansen, Demuth, Höfert, Rosenfeld, Gerber, Neumann, Marsollek, Box, und Skov treffen wir uns immer noch seit nunmehr fast 40 Jahren, immer kurz vor Weihnachten (Organisator Dieter Schiller), etwas was es meines Erachtens nicht so häufig gibt im deutschen Fußball, oder?
Mannebach, Frosch und Mutapcia gehörten auch dazu, sind aber leider bereits verstorben.

Was hast du danach gemacht?

Ab Juli 1977 bis 1985 war ich Spieler, Spielertrainer u. Trainer bei Victoria Hamburg, später Trainer beim SV Blankenese, Meiendorf, Glashütte, HEBC, alles immer in der höchsten Amateurklasse in Hamburg.

As time goes by - Dieter Schiller

As time goes by – Dieter Schiller

Wie siehst du St. Pauli heute? Es hat sich ja viel verändert seit damals.

St.Pauli ist heute meines Erachtens gut aufgestellt, schreibt schwarze Zahlen, hat ein sehr gutes Nachwuchsleistungszentrum, dort war ich von 07/2010 bis 06/2015 Co-Trainer unter Hansi Bargfrede, in der U17 Bundesliga des FC St. Pauli. Heute bin ich dort weiterhin als Teamassistent in der U17 tätig.

Ich meine das auch politisch. Wie hast den Wandel erlebt? Also auch mal anders gefragt: wie links war St. Pauli 1974?

Ganz ehrlich, um politisch links oder rechts haben wir uns damals gar nicht gekümmert, es ging uns eigentlich nur um Fußball!

Aber du hast doch diesen Wandel in den 80ern bewusst mitbekommen. Wie war das für dich als “Aufstiegsheld” der 70er?

 Der FC St. Pauli, in den 80ern, laut, unangepasst, Hafenszene, Fanszene, der Fan-Mythos – das habe ich natürlich mitbekommen, fand und finde es bis heute gut, wenn es ohne Gewalt stattfindet!

Wie war das damals im alten Vereinsheim? Ende der 80er, als ich jung war, war das sehr wild und lustig. Wie war das zu deiner aktiven Zeit?

 Ja, auch in meiner Zeit, von 1974 bis 1977 ging es im Clubheim eigentlich nach Spielen immer hoch her, nach dem offiziellen Essen nach dem Spiel im Besprechungsraum hielten wir Spieler uns in der Regel noch einige Stunden an der Theke oder in der Küche des Clubhauses auf und verzehrten das ein und andere Bier, auch zusammen mit den Fans, heute unvorstellbar!

Eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte und, wie bereits gesagt, heute auch leider nicht mehr möglich, auch weil mittlerweile viel zu viel Geld im Spiel ist. Leider geht es doch heute um nichts anderes mehr im Profi-Fußball, sehr, sehr schade ist diese Entwicklung, die auch wohl leider nicht aufzuhalten ist.

Warum bist gerade Du Trainer der Altligamannschaft? 😉

 Zum Kreis Traditionsmannschaft des FC St Pauli gehöre ich als Gründungsmitglied seit 1990 und durch meine jahrelange Trainertätigkeit hat mich Werner Pokropp (Anm.d.Red; einer der Führungsmitglieder der Altliga, leider bereits verstorben), nachdem mein Vorgänger Edu Preuß aus Altersgründen dieses Amt niedergelegt hat, vor ca. 10 Jahren gefragt, ob ich dazu Lust hätte; hatte ich, so bin ich das sehr gerne bis heute.

Du warst 5 Jahre Co-Trainer unter Hansi Bargfrede, in der aktuellen Bundesliga U17 Mannschaft bist du jetzt als Teamassistent weiterhin unter dem Cheftrainer Timo Schultz tätig. Ich frage mich schon lange, wann endlich Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum des FC St. Pauli, tatsächlich und leibhaftig, im eigenen Profi-Bereich ankommen, also auch spielen?

Der ganze Aufwand der dort betrieben wird, auch die hohen Kosten im NLZ lohnen sich auf Dauer doch nur, wenn auch eigene Nachwuchsspieler oben ankommen, sonst können wir das Geld gleich in die “Tonne” treten.

Die entscheidende Frage ist natürlich: haben die jungen Nachwuchsspieler auch die Qualität in der 2. Bundesliga zu spielen?
Meine persönliche Meinung ist ganz klar: ja.

Wenn aber die zuständigen Herren im Profi – Bereich das nicht so sehen und so schaut es ja schon seit Jahren aus, kann das NLZ machen was es will, dann reicht es eben leider nicht und das ist sehr, sehr schade.

Thomas Meggle hat in seiner Zeit als Chef-Trainer ja Gott sei Dank damit begonnen, talentierte eigene Jungens in den Profi -Bereich zu integrieren, jetzt stagniert es schon wieder, verstehe es wer will, ich nicht!?

Wo hakt es dann da zwischen Jugend- und Profibereich? Wer ist denn dafür zuständig? Also wer bestimmt eigentlich, wer in die U23 darf und wer nicht?
Und mal deine Meinung: In England werden die jungen Spieler ins Haifischbecken Premier League geworfen und das klappt ganz gut. Warum geht das in Deutschland nicht?

 Ja, wo hakt es, ich glaube ausschließlich an dem jeweiligen Profi –Trainer und am Gesamtpaket, wenn man für sich entscheidet:. Die Jungs aus dem NLZ, zurzeit sind das Dennis Rosin, Andrej Startsev, Okan Kurt, Maurice Litka, Nico Empen und Svend Brodersen, sind qualitativ derzeit nicht gut genug um in der 2. Bundesliga zu bestehen. Außerdem fehlt den jeweiligen Trainern (bisherige Ausnahme Thomas Meggle), meines Erachtens, der Mut und die entsprechende Ausdauer, diese Jungs an den Profi – Fußball heranzuführen, wie beispielsweise in England oder auch in anderen Bundesligamannschaften!

Bereits 1977 wurden mit Jens-Peter Box, Buttje Rosenfeld u. Dietmar Demuth eigene Nachwuchsspieler in die St.Pauli – Profi – Mannschaft integriert, von 1988 ganz zu schweigen, da waren fast nur Nachwuchsspieler aus Hamburg u. Umgebung (Ippig, Thomforde, Bargfrede, Golke, Zander, Studer, Gronau, Philipkowski, Kock, Duve, Großkopf und Ulbricht) in die damalige Aufstiegsmannschaft von 1988 in die 1. Bundesliga integriert, das muss meines Erachtens auch heute noch möglich sein!?

Warum machst du dann immer noch weiter? Was bedeutet St.Pauli in deinem Herzen für dich?

 St.Pauli ist für mich immer noch eine Herzensangelegenheit, ich organisiere seit fast 40 Jahren das Treffen der “Aufstiegshelden” von 1977, ich bin seit1990 Gründungsmitglied der Traditionsmannschaft des FC St. Pauli, seit mehr als 10 Jahren dort für den sportlichen Teil zuständig, war 5 Jahre Co – Trainer der Bundesliga von Pauli unter Hansi Bargfrede als Cheftrainer, aktuell bin ich Teamassistent der U17 Bundesliga von St.Pauli, dass alles mache ich aus vollem Herzen, fühle mich dort sehr, sehr wohl, auch wenn ich leider nicht dafür sorgen kann, dass aktuell auch Jugendspieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) von St.Pauli in die 1. Mannschaft integriert werden. Das Zeug dazu haben sie meines Erachtens!

Was noch nicht ist, kann ja noch werden, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Abschließend: ein paar Worte zu Sam Schreck und seinem Wechsel zu Leverkusen…. Man sagt ja er ist ein “St. Pauli Jahrhunderttalent”.

 Sam Schreck, ein sehr guter Junge, ein sehr guter Fußballer, U17-Nationalspieler, ich hatte ihn 2014/2015 als Co Trainer und habe ihn 2015/2016 als Teammanager der U17.
Ob er ein Jahrhunderttalent von St.Pauli ist, weiß ich nicht, ich bin ja erst seit 1974 hier, also keine “100 Jahre”!

Ich weiß von Sam persönlich, dass St.Pauli alles versucht hat ihn zu halten, aber wenn ein Erstligist wie Bayer Leverkusen ruft, dann hat St.Pauli keine Chance solch einen talentierten Spieler zu halten.

Wenn Sam Schreck ohne Verletzungen bis zum Ablauf der U19 durchkommt und nicht im Herren Bundesliga-Geschäft ankommt, weiß auch nicht, wer es sonst noch schaffen soll.

Danke, Dieter, für das Gespräch // Scheissegal St.Pauli

 

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Ein Kommentar zu Was macht eigentlich… Dieter Schiller

  1. Andrey Zaitsew sagt:

    Danke für das Interview, Genossen! Warten auf neue Publikationen!

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