Serie: Die TV – Gelder im Deutschen Fußball, Teil 3 von 4

„Sollen sie doch Kuchen essen …“

TV-Gelder in der deutschen und englischen zweiten Liga im Vergleich

(Dieser Artikel erschien mit zwei weiteren im Print-ÜS 124. Teil 1 findet Ihr bereits hier, Teil 2 hier und eine ergänzende Zahlenspielerei werden wir in den nächsten Tagen im Blog veröffentlichen.
Wer den ÜS gedruckt oder als PDF bestellen möchte, findet hier alles Wissenswerte.
Außerdem sei ergänzend das Rasenfunk-Tribünengespräch zum Thema TV-Rechte empfohlen.)

 

In der Diskussion um die Fernsehgeldverteilung argumentieren die großen Bundesligavereine ja gern damit, „international wettbewerbsfähig“ bleiben zu müssen, wozu sie den Anteil der 2. Liga an den TV-Geldern gern beschneiden würden. Nun hat sich aber bereits im Sommer 2015 gezeigt, dass die „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ der deutschen 2. Liga ebenfalls leiden könnte. Gegen die Finanzkraft der englischen Zweitligisten aus der Football League Championship war schon damals im Zweifel nichts zu machen: Rouwen Hennings ging zum FC Burnley, Uwe Hünemeier zu Brighton Hove & Albion und Sebastian Polter zog es zu den Queens Park Rangers. Ihre Gehälter dort liegen angeblich teilweise über dem, was deutsche Bundesligisten gezahlt hätten. Grund genug, sich die künftige Einnahmelage der Football League Championship genauer anzuschauen und zu überlegen, was das für die Diskussionen in Deutschland bedeutet.

Vergleicht man die TV-Einnahmen beider Ligen, so stellt man schnell fest, dass die Schere sowohl zwischen Ober- und Unterhaus als auch innerhalb der zweiten Liga selbst in England deutlich weiter auseinandergeht als bisher in Deutschland. Das liegt daran, dass die Premier League und die Football League, zu der neben der League Championship auch League One und League Two gehören, ihre TV-Rechte getrennt vermarkten. Die Football League erzielt dabei im Verhältnis verschwindend geringe Einnahmen: Etwa 125 Mio. EUR werden jährlich auf die 72 Klubs der drei Ligen verteilt. Die englischen Zweitligisten erhalten aus dieser Summe einen Sockelbetrag von etwas über 2 Mio. EUR und zusätzlich Geld für jedes von ihnen im TV übertragene Spiel. Eine Handvoll Vereine können ihre Einnahmen dadurch in etwa verdoppeln; die meisten erlösen so (deutlich) weniger als eine Million. Die Selbstvermarktung der Football League bringt den englischen Zweitligisten aktuell also jährlich zwischen 2,5 und 4 Mio. EUR. Daran wird sich in Zukunft zunächst nichts ändern.

Die Premier League – „solidarischer“ als die Bundesliga?

Nun aber kommen die sogenannten parachute bzw. solidarity payments der Premier League ins Spiel. Erstere gehen an die Absteiger aus der Premier League, letztere an den großen „Rest“ der Championship: Ungefähr zwei Drittel der Vereine erhielten bisher „Solidaritätszahlungen“ in Höhe von ca. 3 Mio. EUR. Rechnet man die Vermarktungseinnahmen der Football League hinzu, bewegten sich ihre TV-Einkünfte damit insgesamt ungefähr auf dem Niveau des deutschen 2. Ligadurchschnitts. Die Absteiger aus der Premier League waren bereits auf einem ganz anderen Level unterwegs: Sie erhielten im ersten Jahr nach dem Abstieg „Fallschirmzahlungen“ von mehr als 30 Mio. EUR, im zweiten etwa 25 Mio. EUR sowie im dritten und vierten Jahr jeweils etwa 12,5 Mio. EUR. Zählt man „Fallschirm-“ und „Solidaritätszahlungen“ zusammen, so flossen bspw. in der Saison 2014/15 ungefähr 250 Mio. EUR aus der Premier League in die englische zweite Liga. Insgesamt verfügten deren Vereine also über TV-Gelder in einer Höhe von deutlich über 300 Mio. EUR. Zum Vergleich: die deutsche 2. Liga teilte sich in derselben Saison 129 Mio. EUR aus Fernsehgeldern.

Angesichts der Summen, mit denen die Premier League die Championship unterstützte, wirkt es geradezu lächerlich, wenn der „Kicker“ vom 22.2.2016 vorrechnet, wie wenig die deutsche 2. Liga bei eigener Vermarktung hätte erlösen können und mit welchen Unsummen die Bundesliga ihren Unterbau subventioniert hätte. Nach Angaben des „Kicker“ hätte die deutsche 2. Liga in der oben betrachteten Saison 2014/15 bei eigener Vermarktung nur etwa 63 Mio. EUR erlöst, habe also sozusagen „unverdient“ noch einmal etwa die gleiche Summe obendrauf erhalten, quasi geschenkt. Auf der Basis dieser Rechnung spannt sich das Heft dann vor den Karren der Bundesligisten, die den gegenwärtigen 20 %-Anteil der Zweitligisten deutlich beschränken wollen. Dass im gleichen Jahr die Premier League etwa das Doppelte von deren eigenen Vermarktungserlösen zusätzlich in die Championship pumpte, in absoluten Zahlen das Vierfache dessen, womit die Bundesliga die 2. Liga „bezuschusste“, wird vom „Kicker“ in diesem Zusammenhang übersehen oder verschwiegen.

Künftig wird die englische zweite Liga sogar in noch größerem Umfang von ihrer großen Schwester unterstützt. Zwar fließen die „Fallschirmzahlungen“ ab nächster Saison nur noch max. drei Jahre, an direkte Wiederabsteiger sogar nur noch zwei Jahre. Dafür sind sie dann viel höher. Grundlage der Berechnung ist der „equal share“ der Premier League in Höhe von etwa 100 Mio. EUR. In Jahr 1 nach Abstieg werden 55 % davon gezahlt, also etwa 55 Mio. EUR. In Jahr 2 sind es 45 % und ggf. in Jahr 3 noch 20 %, bei entsprechenden Summen. Die „Solidaritätszahlungen“ für alle anderen Klubs der Championship werden auf 30 % der „Fallschirmzahlung“ im dritten Jahr angehoben und verdoppeln sich so auf etwa 6 Mio. EUR. So können selbst die „armen“ Vereine in der Championship in Zukunft mit TV-Einnahmen zwischen 8 und 10 Mio. EUR rechnen, etwa so viel, wie das obere Drittel der deutschen 2. Liga gegenwärtig erhält. Nach den neuen Regelungen wären in der Beispielsaison 2014/15 etwa 400 Mio. EUR aus der Premier League in die Championship geflossen, eine Zunahme um mehr als 50 %. Bezieht man die eigenen Vermarktungseinnahmen der Football League in die Berechnung mit ein, so erhöht sich die Summe der TV-Gelder, die die englischen Zweitligisten hätten ausgeben können, auf ca. 470 Mio. Euro. Da kann man ja fast neidisch werden …

Es sind nicht allein die Fernsehgelder …

Während also die deutschen Bundesligisten „ihren“ Zweitligisten die TV-Gelder wohl am liebsten kürzen würden, zumindest aber einfrieren wollen, geht die Premier League den entgegengesetzten Weg und gibt der Championship von ihrem eigenen Plus einen angemessenen Anteil ab. Ähnlich wie beim niedrigen Splittingfaktor zwischen „arm“ und „reich“ hinsichtlich der TV-Gelder in der Premier League hat das sicher weniger mit romantischem Idealismus oder Altruismus zu tun als vielmehr mit handfesten wirtschaftlichen Überlegungen. Die Premier League befestigt so die Stellung der Championship als umsatzstärkste Liga nach den „Big Five“ in England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich und sorgt zugleich dafür, dass von unten weiter brauchbares „Vermarktungsfutter“ nachkommen kann. Noch ist die deutsche 2. Liga in diesem Ranking direkt hinter der Championship auf dem siebten Rang. Aber ein „Märchen“, wie es Kaiserlautern 1998 schrieb und wie es Leicester City jetzt von vielen Blättern angedichtet wird, wäre deutschen Zweitligisten schon jetzt nicht mehr möglich, auch im zweiten Jahr der Bundesligazugehörigkeit nicht.

Nun darf man aber sowieso nicht glauben, dass die Geschichte von Leicester City tatsächlich ein „Märchen“ wäre – sie wird nur als ein solches verkauft. Am Beispiel Leicester offenbart sich lediglich ein weiterer, wesentlicher Unterschied zwischen der englischen und der deutschen 2. Liga: Vichai Srivaddhanaprabha, thailändischer Milliardär und seit 2010 Eigentümer des Vereins, hat bis zum Aufstieg 2014 ungefähr 125 Mio. EUR in den Klub gesteckt. In der Aufstiegssaison hatte der Verein Personalkosten von fast 40 Mio. EUR, bei TV-Einnahmen von etwa 7 Mio. EUR. Und Leicester ist kein Einzelfall. Praktisch alle Championship-Vereine gehören reichen Konsortien oder Einzeleigentümern, die zusätzlich zu den TV-Einkünften jede Menge eigenes Geld in die Klubs pumpen, um eventuell irgendwann mal von den Geldtöpfen der Premier League naschen zu können. Nicht umsonst machten die Championship-Vereine 2014/15 Verluste von insgesamt über 250 Mio. EUR vor Steuern. Rechnet man die neuen Schulden aus der aktuellen Saison mit ein, wird die Gesamtverschuldung der Liga bei über 1,5 Mrd. EUR liegen. Das ist ungefähr zweimal soviel wie der Umsatz, den die Championship 2015 generierte – inklusive Solidaritäts- und Fallschirmzahlungen der Premier League.

Wenn es aber mit dem Aufstieg klappt, kann sich das für den einzelnen Verein schnell lohnen: Bereits im ersten Jahr in der Premier League erwirtschaftete Leicester einen Gewinn nach Steuern in Höhe von etwa 39 Mio. EUR. Es ist insofern kaum verwunderlich, dass schon in der Saison 2014/2015 die Summe der Gehaltszahlungen der Championship mit über 650 Mio. EUR ungefähr das Doppelte der TV-Einnahmen betrug, über die die Liga verfügen konnte. Es wird nicht weniger werden ….

Was bleibt

Sowohl Premier League wie auch Football League Championship haben ihre deutschen Gegenstücke finanziell schon lange komplett abgehängt. Insofern muss man über „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ eigentlich nicht reden. Beiden deutschen Ligen bleibt letztlich nur der Versuch, sich als Nummer zwei oder drei auf dem europäischen Markt zu etablieren und dort langfristig zu halten. Das wird aber nicht funktionieren, wenn die Schere zwischen den Ligen und den Vereinen immer weiter aufgeht, sondern nur, indem man die Konkurrenzsituation innerhalb der Ligen möglichst hoch hält und die Anschlussfähigkeit der deutschen Zweitligisten an die Bundesliga wahrt. Geht die Schere innerhalb der Bundesliga noch weiter auf und hängt sie die 2. Liga weiter ab, wird auch das Marktinteresse an der Bundesliga mittelfristig abnehmen. Man muss noch nicht einmal viel mit „Solidarität“ am Hut haben, um das einzusehen … // Slarti

P.S.: Wer sich näher für die Finanzen der Football League Championship interessiert, der findet vieles dazu bei www.insidermedia.com. Erster Einstieg: www.insidermedia.com/insider/national/146216-championship-club-club.

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