Veränderungen? Mag ich nicht.

Man muss momentan nicht lange suchen, um auf (mal mehr, meist weniger) “lustige” Sprüche oder Verweise auf die gemeinsame Talfahrt der beiden Hamburger Fußballvereinekonstrukte im Profifußball zu stoßen.
Tabelle drehen, in den Farben getrennt – und so weiter.

Was allerdings auffällt, ist der unterschiedliche Umgang mit den beiden sportlich sehr dürftigen Situationen.
Während der Nachbar den Trainer bereits entlassen hat, Spielerväter sich (auch danach noch) in die Aufstellung einmischen und sich Herr Gernandt nun auch noch meint, öffentlich äußern zu müssen, ist es bei uns Thomas Meggle, der allen ganz eventuell aufkeimenden Diskussionen einen Riegel vorschiebt.

Trainerdiskussion? Ham wa’ nich’, kriegen wa’ auch nich’ rein.

Nun ist dem geneigten Leser dieses Blogs meine fußballerische Bremer Vergangenheit geläufig, ab 1983 war ich als kleiner Junge regelmäßiger Besucher des Weserstadions und als solcher wurde ich mit der festen Überzeugung groß, dass der Trainer immer Rehhagel, der Papst immer Johannes Paul und der Kanzler immer Kohl heißt.
Bis heute sind Veränderungen etwas, mit denen ich mich schwer tue.
Nennt es Kindheitstrauma.

Seit 1994 pilgere ich aber ans Millerntor, seitdem gab es mehr Trainer(wechsel), als ich mir in Bremen in einem Jahrhundert hätte vorstellen können:

  • Seppo Eichkorn
  • Uli Maslo
  • KaPe Nemet
  • Eckhard Krautzun
  • Gerhard Kleppinger
  • Dietmar Demuth (2x)
  • Willi Reimann
  • Joachim Philipkowski
  • Franz Gerber
  • Andreas Bergmann
  • Holger Stanislawski / André Trulsen
  • Andre Schubert
  • Michael Frontzeck
  • Roland Vrabec
  • Thomas Meggle
  • Ewald Lienen

Und ja: Nahezu jeder dieser Wechsel verursachte mir körperliche Schwerzen, auch im Nachhinein würde ich lediglich bei Uli Maslo und Franz Gerber ein wutentbranntes “DIE HÄTTE MAN SCHON VIEL FRÜHER RAUSSCHMEISSEN SOLLEN!” hinterherflüstern.

(Unvergessen jene Sonderzugfahrt nach Bochum, als im Partywaggon “Steht auf, wenn Ihr Maslo wollt!” angestimmt wurde und der damalige Kapitän Carsten Pröpper sich als erster auf den versifften Boden schmiss.)

Veränderungen – mag ich nicht. Sagte ich schon.

Dementsprechend auch meine eher “verhaltene” Reaktion damals, im Dezember 2014, als Thomas Meggle vom Trainer- auf den Managerposten rotierte und Rachid Azzouzi gehen musste und (ausgerechnet) Ewald Lienen verpflichtet wurde.
Lienen? Ewald Lienen? Nie irgendwo länger als drei Jahre Trainer gewesen? Zuletzt in Griechenland(!) und Rumänien(!!) tätig? 61 Jahre alt? Ernsthaft?

Ich war “skeptisch”, vorsichtig formuliert.
Doch nach und nach sickerte durch, wie das (neue) Präsidium und der Aufsichtsrat zu diesem Wechsel gekommen war, dass es eben keine Kurzschlussreaktion war, sondern durchaus gründlich vorbereitet wurde.
Workshops und so’n neumodisches Zeug, man erinnert sich.

Und was soll ich sagen? Ewald belehrte mich eines Besseren.
Ein Mensch, der mit jeder Pore dieses Traineramt liebt, der diesen Verein und dessen Werte sowie die Fanszene mehr verinnerlicht hat als jeder andere zuvor auf obiger Liste (ausgenommen vielleicht André Trulsen) – und der im Team mit Matze Hain und Abder Ramdane es tatsächlich schaffte, in einer nahezu aussichtslosen Situation doch noch den Klassenerhalt zu sichern.
Dies gelang ihm durch das Gestalten einer bärenstarken Defensive, die in der Folgesaison auch die Basis für den 4.Platz war, der vielleicht, wenn man sich die einzelnen Spiele anschaut, auch etwas über dem war, was die tatsächlichen Leistungen in der 2.Liga widergespiegelt hätte.

Und jetzt? Saisonstart from Hell.
Marc Rzatkowski konnte nicht adäquat ersetzt werden, Sobiech und Ziereis mit mehr Fehl- als Einsatzminuten, darüberhinaus eine unfassbare Verletztenmisere und auch doch eine erkleckliche Anzahl an für uns zumindest unglücklichen Schiedsrichterentscheidungen.

10.Spieltag, Platz 18.
Fünf Punkte aus zehn Spielen.
Ein Sieg, gegen den 17. – errungen in der Nachspielzeit.

Und damit, ob Thomas Meggle die Diskussion nun im Keim erstickt oder nicht, muss man sich macht sich die Öffentlichkeit (inkl. Fanszene, und sei es hinter vorgehaltener Hand) eben auch Gedanken darüber, ob Ewald noch der Richtige ist.

Wer weiß das schon?
Welcher andere Trainer garantiert einem, dass es besser läuft?

Und hier wiederhole ich mich:
Veränderungen – mag ich nicht.

Ich zitiere einen heutigen REWE-Marktleiter, der einst den Cheftrainerposten bei uns inne hatte und damals sagte:

Mit der Unterschrift unter meinen Vertrag habe ich meine Entlassung unterzeichnet.

Gemeint war, zurecht: Ein Trainer im Profifußball ist schon seit Ewigkeiten immer nur ein temporärer Begleiter des Vereins, eine “Veränderung” auf diesem Posten ist nahezu zwangsläufig eine Frage von (oft kurzer, sehr viel öfter sogar sehr kurzer) Zeit innerhalb der deutlich längeren Laufzeit des Fan-Daseins.

Veränderungen – mag ich nicht.

Und so freute ich mich natürlich sehr, als Ewald anfing vor Heim- und Auswärtsspielen die Fans auf das Spiel einzustimmen, mittlerweile ja ein sehr lieb gewonnenes Ritual, beiderseits.
Doch sehr bald schon fragte ich mich: Was würde sein, wenn der Erfolg denn mal ausbleibt? Fliegen irgendwann Bierbecher auf ihn zurück? Oder hört er mit dem Ritual von sich aus irgendwann auf?
Beides durfte nicht passieren, das war klar. Dementsprechend schien der Weg vorgezeichnet:

  • 2015: Klassenerhalt
  • 2016: Konsolidierung 2.Liga, entspannte Saison
  • 2017: Aufstieg, mittels Relegation gegen den Nachbarn
    (Elfmeterschießen, 100:99, letzter Schuss mit aufgeschlitztem Oberschenkel von Ewald selbst gegen Bruno, da alle anderen schon im Sauerstoffzelt liegen)
  • 2018: Konsolidierung 1.Liga, DFB-Pokal gewinnen
  • 2019: Champions League erreichen, Europa League gewinnen
  • 2020: Meister, Champions League, DFB-Pokal –> Karriereende Ewald
  • Sommerpause 2020: Vereinsauflösung, alles erreicht

Tja – wenn man Tabellen nach zehn Spieltagen zwar auch nicht überbewerten sollte, so wird es doch eng mit dem hier skizzierten Plan. Und eben leider nicht nur, weil der Nachbar Schwierigkeiten bekommen könnte, die Relegation noch zu erreichen.

Halten wir kurz inne und machen eine musikalische Pause:

Reicht noch nicht?
Na dann:

Okay, ausgesungen.
Ja, auch Ewald mag die ein oder andere Fehlentscheidung getroffen haben, passiert.
Seine Statements in der Öffentlichkeit zuletzt (Fehlersuche beim Schiri, Siege des Gegners ausschließlich auf eigene Fehler herunterreden) entsprachen auch nicht immer dem, was ich gerne gehört hätte.
Aber, wie heißt es so schön: Fußball ist Fehlersport, ohne Fehler fallen keine Tore.
Dies sei dann auch mal dem Trainer zugestanden.

Qualitativ ist der Kader im Vergleich zum Vorjahr nicht so viel schlechter geworden, dass nach Platz 4 nun der Abstieg unausweichlich ist. Allerdings ist eben in der 2.Liga immer der Saisonstart ganz wichtig für den weiteren Saisonverlauf – und da war der unglückliche Auftakt in Stuttgart eben der Wegweise in die falsche Richtung.

Welche Art von Trainer braucht es denn in der aktuellen Situation?
Einen Trainer, der seine Spieler mitreißt. Der ihnen vor allem anderen erst mal wieder die defensive Stabilität verschafft, die vor knapp zwei Jahren der Weg aus der Krise war.
Und überhaupt: Ist “der Trainer” heutzutage überhaupt noch “der Trainer“? Ist es nicht vielmehr so, dass da ein komplettes Team wirkt, zu dem neben Meggle, Hain und Ramdane auch noch Athletikcoach Janosch Emonts oder Video-Analyst Andrew Meredith gehören?
Und die sollen jetzt plötzlich alle alles falsch machen, was letzte Saison noch so wunderbar geklappt hat?

Aber dann ist Fußball eben nicht nur Fehlersport sondern auch (und das noch viel mehr) Ergebnissport. Und die Ergebnisse stimmen aktuell nicht.
Dies gilt es zu beheben. Auch, damit ich mich nicht bald schon wieder mit einer “Veränderung” anfreunden abfinden muss.

Noch viel mehr aber, weil ich gerade entdeckt habe, dass eine Verschiebung des obigen Zeitplans um exakt ein Jahr nach hinten absolut gar kein Problem wäre.

Und noch ist mehr als genug Zeit, um am Ende souverän mit ‘nem Törchen Vorsprung auf den Relegationsplatz auf Platz 15 einzulaufen.
Und wer auch nur im Entferntesten geglaubt hat, Ewald sei vielleicht inzwischen doch nicht mehr in der Lage, jenes Feuer zu vermitteln, der schaue sich gerne den Clip der heutigen Pressekonferenz an, der sich gerade seinen Weg durch Social Media bahnt:

(Oder in voller Länge auf FCStPauli.tv)

Für immer mit Dir, CHEwald.
Wird schon.

*flötend ab*
Shalalalalala, shalalalalala – Eeeeewaaaaald Liiiiiiiiiiienen!

// Frodo

Weiterlesen: MagischerFC-Blog: “Zur Lage des FC St.Pauli”

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7 Kommentare zu Veränderungen? Mag ich nicht.

  1. Uwe sagt:

    Ein bißchen eine Wutrede wie “Flasche leer” light !

  2. Jonny Jonas sagt:

    Nein, kein Trainer kann den Erfolg (Klassenerhalt) garantieren.
    Nein, es ist nie allein der Trainer ‘Schuld’.
    Wie im Artikel beschrieben ist das ganze ja ein komplexes System in dem es viele Stellräder gibt.
    Komplexe Systeme ändern sich, wenn man sie an einer einzelnen Stelle verändert.
    Ein Trainerwechsel wäre eine Chance, das Blatt zu wenden aber keine Garantie.
    Die Frage ist doch, ob man für eine Chance eine Liebesbeziehung aufgibt oder ob man sich für Kontinuität und ein Stück weit auch für Idealismus entscheidet.

    Was mich aber wirklich besorgt, ist dass der FC St. Pauli jede zweite Saison eine sportliche Krise erlebt. Vermutlich liegt das Problem viel tiefer als das es sich mit einer Personalentscheidung lösen ließe. Eventuell hat der Club sich finanziell überhoben (Stadionausbau etc.) oder weiß der Geier was los ist.
    Ich hoffe und denke auch, dass sich alle Verantwortlichen genau diese Frage auch stellen und versuche optimistisch zu bleiben. Nützt ja alles nichts.

  3. Pingback: Ihr auf dem Rasen, wir auf den Rängen | Grenzenlos Sankt Pauli

  4. Pseudo sagt:

    Danke für diesen besonnenen Text.
    Ich finde es faszinierend, dass es zunehmend im Profigeschäft als normal gilt, sich von außen vorschreiben zu lassen, was richtig oder falsch ist. Vor einer Saison setzt man sich in den Vereinen zusammen und einigt sich auf ein Konzept (OK, vielleicht begehe ich hier bereits den ersten Denkfehler), bildet einen Etat, verpflichtet Spieler und traut jedem Spieler ein gewissen Entwicklungspotential zu. Alles klar, das ist jetzt unser Kader, damit gehen wir in die neue Spielzeit. Dieses (nennen wir es mal) Konzept wird dann gemeinschaftlich getragen. Dann beginnen die Spiele, und da es nun einmal Spiele sind, spielen da auch andere mit und die Gemengelage von wohl unzähligen Faktoren trifft aufeinander und die Spiele enden auf die eine oder andere Weise. Und anhand dieser Resultate ist dann alles auf einmal total gut oder total schlecht, auf das man sich vorher gemeinsam als Verein verständigt hat? Was sagen Erfolg oder Misserfolg über das Konzept? Was sagt es über eine einzige Person, die dieses Konzept miterarbeitet hat?
    Wie konnte sich diese Selbstverständlichkeit, einen Akteuer dieses Konzeptes (meist den Trainer), zu ofern um den Medien- und sonstigen Mob vor der Tür zu besänftigen, überhaupt durchsetzen? Was ist da passiert?
    Spiele und auch der Sport sind zu einem nicht geringen Teil das Ergebnis von Glück und Zufall. Klar kann das niemand beweisen, da man (noch?) keine theoretischen Modelle entwickeln kann, ein Spiel immer und wieder durchzuprobieren, um zu sehen, was dabei raus kommt. Man spielt ein Spiel für gewöhnlich ein Mal. Und mit dem Ergebnis müssen dann alle leben. Ich behaupte: Würde man dieselbe Mannschaft noch einmal auf den Platz schicken, wir sähen nicht dasselbe Spiel. Wie bei einer Murmelbahn: klar gibt es eine gewisse Physik und die Kugel kommt meist unten in der Bahn an, aber an manchen Tagen klebt auch noch ein Stück Knete an der Bahn oder die Murmel ist mal doof gefallen und hat eine Macke oder oder oder. Kurz: Sie rollt nie gleich.
    Bei einer Fußballmannschaft kommt noch der soziokulturelle Aspekt hinzu, denn, auch wenn das viele vergessen, es sind Menschen, die dort auf dem Platz stehen. Soziale, anatomische, medizinische, interagierende, denkende und fühlende Wesen. Beim Gegner übrigens auch. Ein ständiges Wechselspiel aus Unsummen von Ereignissen, Reaktionen und Vorhaben. Manche klappen, manche scheitern. Und beim Scheitern zeigt sich viel mehr, als bei Erfolg, was man daraus macht. Und momentan kann und will ich mir niemanden besser vorstellen, als Ewald Lienen, bei dem ich glaube, dass der Wille, aus Scheitern lernen zu wollen, extrem ausgeprägt ist. Dinge zu erkennen, die man verbessern kann. Probieren, aus Fehlern zu lernen. Das ist alles kein Garant. Erfolg ist nie vorher garantiert, sonst bräuchte man über kein einziges Tor mehr jubeln.
    Und wie sangen oben schon Fettes Brot?
    “Es reicht, wenn wir auf Platz 15 stehn.”
    So soll es sein.

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