Wir sind St.Pauli Nur was sind wir? – Ein Bloggerprojekt

Die Anfrage kam vor einigen Tagen und die Idee dahinter ist hier nochmal nachzulesen.

Boah… wie geht man denn an so ein Thema ran? Offene Fragenstellungen haben ja immer Vor- und Nachteile.
Für mich ein klarer Vorteil ist, dass ich meine Gedanken zur ebenfalls sehr schönen “Warum bist Du bei St.Pauli?”-Kampagne zeitlich zum eigentlichen Termin nicht in Worte fassen konnte und nun einfach beide Themen verknüpfen kann. Will sagen: Wo komm ich her, wo will ich hin? Also holt Euch nen Kaffee, wird länger dauern.

Erst mal meine persönliche “Wie kamst Du denn zu St.Pauli?“-Geschichte.
Ich habe in der Jugend 12 Jahre für Werder Bremen gespielt und war damit logischerweise auch von Kleinauf Werder-Fan. Folgt man Nick Hornbys (sinngemäß) “Man sucht sich seinen Verein nicht aus – Er wird einem gegeben!”, wäre die Geschichte hiermit schon zuende, denn dann wäre es bei St.Pauli bei zwei einschneidenden Erinnerungen geblieben:
Zum einen ein “Wir haben Arbeit, und Ihr nicht!”-Gesang der Bremer Fankurve bei einem Heimspiel gegen St.Pauli, der irgendwie als Schüler nur bedingt mein Humorzentrum traf, zumal um mich rum auch lauter pickelige Leute mit schrien, die sicher auch noch auf Mamas Kosten lebten.
Zum anderen die allererste selbst gebuchte Auswärtsfahrt meines Lebens, die mich mit 15 Jahren und dem Bus im Mai 1991 zum Millerntor brachte, um ein 0-0 inklusive einer roten Karte für Frank Neubarth zu sehen. (Ja, jene Saison mit dem Relegationsspiel gegen die Stuttgarter Kickers, bei welchem ich nach dem Spiel am Millerntor natürlich eine gewisse Grundsympathie für St.Pauli hatte.) Ich weiß noch, dass es mich sehr irritierte, dass auch die Fans auf der Geraden rechts von mir regelmäßig mit anfeuerten… Aus Bremen kannte ich sowas schließlich nicht.
Das große einschneidende Erlebnis war dann aber das erste Montagsspiel des FC St.Pauli, gegen den VfL Bochum, welches ich mit zwei Bremer Freunden in der Nordkurve schaute, bzw. die Entscheidung Monate später, danach auch auf einem Freitagabend zum Rückspiel zu fahren. Ja, dieses 1:1 als Zweiter beim Tabellenführer, ist das Spiel, an dem ich St.Pauli Fan wurde. Genauer: Zunächst einmal wurde ich Fan der Fans, denn geschätzte 4.000 Gästefans feierten dieses Unentschieden wie einen Aufstieg. Die Mannschaft kam später nochmal aus der Kabine und ließ sich beim Feiern mit den Mitgereisten auch von der Rasensprenger-Anlage nicht irritieren. Unfassbar, sowas hatte ich mit Werder nie erlebt, obwohl die ja nun sportlich deutlich beeindruckendere Erfolge vorzuweisen hatten. Da konnte zwar noch keiner ahnen, dass die je fünf Punkte Vorsprung auf 1860 und Bayer Uerdingen noch in den letzten sieben Spielen verdaddelt werden sollten, aber zumindest gefühlt hätte dies auch wahrscheinlich keinen Unterschied gemacht. Wir besuchten die letzten drei Heimspiele der Saison und das Finale in Wolfsburg, und fortan war es zumindest um mich geschehen. Wir drei sahen die folgende Aufstiegssaison (remember letzter Spieltag gegen Homburg) nahezu komplett und in der Erstligasaison 1995/1996 bekam ich meine erste Dauerkarte, die ich bis heute jedes Jahr verlängert habe und dies wohl auch bis an mein Lebensende weiter so handhaben werde, wenn nichts unvorhergesehenes (wie ein Umzug nach Australien) passiert.
Ich wurde durch den Verein, die Fanszene und hier natürlich in erster Linie den Fanladen politisch sozialisiert, ich schloss Bekannt- und Freundschaften die bis heute bestand haben und als sich 2001 die Gelegenheit durch ein Jobangebot meines Arbeitgebers ergab, zog ich dann auch endlich von Bremen nach Hamburg um.

Der Rest ist Geschichte… über die Jahre Engagement bei der AGiM, den Passanten, den feuchten Biber, dem Fanclub-Sprecherrat und seit 2001 eben auch permanent beim Übersteiger. Wäre es nach Nick Hornby gegangen, hätte all dies aber bei Werder Bremen geschehen müssen.
Trotzdem stimmt dieser Satz von ihm natürlich für die Allermeisten, und natürlich kann man auch argumentieren, dass mir diese Fahrt am Freitagabend nach Bochum “gegeben” wurde, trotzdem möchte ich eher behaupten, dass der FC St.Pauli zu Hornbys Satz die Ausnahme ist, die die Regel bestätigt.
Womit sich dann auch der Kreis schließt, denn nachdem ich erklärt habe, warum ICH bei St.Pauli bin, kommt die aktuelle Frage, „was wir / der FC St.Pauli denn aktuell darstellen bzw. wo ICH den FC St.Pauli denn gerne in ein paar Jahren hätte.
Für mich gibt es nach dem Derbysieg nur noch zwei Ziele, die ich mit dem Verein konkret erreichen möchte: Einmal ins Pokalfinale nach Berlin und einmal ein europäisches Pflichtspiel. Aber darum geht es wohl weniger in der Ursprungsfrage.
Für mich soll der FC St.Pauli genau diese Ausnahme zur Regel bleiben.
Der Verein, den man sich aussucht.

– Der Verein, für den auch weiterhin Fanklubs im Ausland gegründet werden… und eben nicht von dorthin gezogenen Exil-St.Paulianern, sondern von Leuten vor Ort, die wie auch immer von diesem Verein gehört haben und ihm bei ihrer ersten Begegnung erlegen sind.
– Der Verein, zu dem kaum ein Hamburger aktuell eine Einzelkarte bekommt, weil immer ausverkauft ist, bei dem aber beispielweise mehrere Personen aus der Schweiz schon seit Jahren eine Dauerkarte haben und zu fast jedem Heim- und Auswärtsspiel anreisen.
– Der Verein, der nach wie vor in der Außenwahrnehmung in erster Linie für Antifaschismus, Antirassismus und Antisexismus steht, sprich: der irgendwie „links“ ist. Auch, wenn man ehrlicherweise sagen muss, dass es bei den aktiven Gruppen des hsv wahrscheinlich inzwischen auch weitaus mehr Linke als irgendwas anderes gibt, wird dies auf alle Zeit unser herausragendes „Alleinstellungsmerkmal“ bleiben, auch wenn der Kampf gegen die Kommerzialisierung in einigen Jahren schon hoffnungslos verloren sein wird.
– Der Verein, bei dem es solche Sachen wie den Fanladen gibt, der als Fanprojekt nicht nur unabhängig vom Verein ist, sondern auch den Fanbeauftragten stellt, was ebenfalls die absolute Ausnahme in Fußballdeutschland ist.
– Der Verein, der Projekte wie BallKult, Fanräume und Viva con Agua hervorgebracht hat, aus dessen Fanszene auch solch wunderbare Dinge wie KiezKick entstanden.
– Der Verein, dessen Fanszene wohl als einzige innerhalb weniger Tage ohne jede Unterstützung des Vereins ein Stadion in eine komplett andere Farbe (rot) taucht, nur weil irgendwo ein Tropfen aus dem Fass geschwappt ist.
– Der Verein, bei dem der Großteil der Fans im Stadion bei einer strippenden Stangentänzerin nicht „Boah, geil, guck Dir die Alte an, wat für dicke Hupen!“ schreit, sondern sich zu einem „Das hat mit Fuß! Das hat mit Ball! Das hat mit Fußball nichts zu tun!“ erhebt oder sich meinetwegen auch noch anderes ausdenkt.
– Der Verein, der auch in 99 Jahren noch mindestens 50% seiner Plätze zum Stehen anbietet.
– Der Verein, bei dem die Gelder der passiven Mitglieder nicht irgendwo im Gesamtverein versickern, sondern wo diese zielgenau durch die AFM in die Jugendarbeit (nicht nur beim Fußball) investiert werden.
– Der Verein, dessen (inoffizielles) Forum mich oft genug kopfschüttelnd über derartig schwachsinnige Argumentationsketten verzweifeln lässt, unterm Strich damit aber immer noch um Längen über dem Diskussionsniveau anderer Vereine liegt.
– Der Verein, der so eine unglaubliche Vielzahl an wirklich qualitativ guten Fan-Internetseiten (Berichte, Fotos, Blogs, Alles) hervorbringt, wie es ebenfalls kaum ein anderer schafft.
All das möchte ich erhalten, im Idealfall mit neuen Ideen erweitern und ausbauen.

Was möchte ich konkret in den nächsten Jahren?
Ich erhoffe mir, dass wir die Werte dieses Vereins bzw. dieser Fanszene uns nochmal deutlicher vor Augen führen. Ich will am Millerntor niemandem erklären müssen, dass man nicht „Schwuchtel“ oder „Fotze“ ruft.

Und sollte es doch mal nötig sein, ist es bitte mit einem Hinweis getan, ansonsten kann der Hinweis gerne per Rausschmiss nachgeholt werden.
Ich möchte auch wieder zu dem Punkt kommen, der früher selbstverständlich war: Gästefans gut behandeln, wenn sie sich vernünftig verhalten. Aktionen wie Schalklau, motiviert durch Mackertum und übertriebenes Revierverhalten sind scheiße. Bitte nicht verwechseln mit der berechtigten klaren (meinetwegen auch körperlichen) Ansage, wenn sich besagte Gäste nicht wie solche verhalten.
und ja, auch auf die Polizei bezogen wünsche ich mir ein Stück mehr Gelassenheit. Es ist unstrittig, dass es bei der Polizei Leute gibt, die beim Fußball meinen sich alles erlauben zu können. Polizisten, die wissentlich das Recht beugen oder auch Gesetze brechen, und die damit auch durchkommen, wie jüngst wieder die Pressemitteilung von Ballkult zeigte. Trotzdem glaube ich fest daran, dass es nicht besser wird, wenn wir weiterhin mit hassverzerrtem Gesicht aus Zügen und Bussen springen und Team Green einen türkischen Vornamen entgegenschreien. Vielleicht wird es besser, wenn wir uns hier etwas zurücknehmen, vielleicht nicht. Schlimmer kann es aber wahrscheinlich nicht mehr werden.
Bezogen auf unser Präsidium wünsche ich mir, dass die eingeschlagenen Pfade der Kommunikation beibehalten und ausgebaut werden. Da ist man im Vergleich zum Vorgänger sicher auf einem guten Weg, aber das war auch nicht schwer und noch wurde nicht sonderlich viel erreicht.

Last but not least: In der Vermarktung erhoffe ich mir das Gespür für die Leitlinien. Ich will kein “Naja, das ist ja Auslegungssache!” mehr hören. Im Zweifel ist dann eben eine Nachfrage mehr nötig, oder eben auch mal ein abgeschlossener Vertrag weniger.

Und natürlich möchte ich an einem fertig ausgebauten Millerntor einmal ein Derby gewinnen… Durch einen unberechtigten Handelfmeter in der Nachspielzeit, der an den Pfosten geht und von einem beliebigen holländischen Nationalspieler beim Klärungsversuch direkt in Jarolims Gesicht fliegt und von dort langsam über die Linie trudelt.

Und wenn das alles so kommt, darf mein Sohn den Club gerne in zwanzig Jahren zur Meisterschaft schießen, auch wenn er jetzt gerne noch Torwart werden will.

Abschließend möcht ich Euch noch zwei Lieder mit auf den Weg geben, die Ihr im Zweifel eh kennt, die aber wunderbar passen:
Mehr als Fußball!

Und natürlich:
Tragik ist wie Liebe, ohne Happy End!
Nur eines ist wirklich sicher, dass die Tragik St.Pauli kennt!”

Hamburg ist und bleibt braun-weiß!

// Frodo

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