Lachsalven und Juxraketen

Am Sonntag, den 22. Mai luden zwei der „vereinseigenen“ Edelfedern zum literarischen Schlagabtausch ins Knust. Zufällig hatte ich zwei Karten gewonnen und konnte so relativ preisgünstig dem Kessel Buntes unter dem Titel „Fußball ist Trumpf – der goldene Schluss“ beiwohnen.

Zur Verstärkung hatten sich Christoph Nagel und Michael Pahl diverse Fußball-Autoren aus der gesamten Republik an die Seite gesetzt. Was heißt gesetzt, eigentlich wurde in der Hauptsache bohèmemäßig auf offensichtlich sehr bequemen Sesselchen rumgelümmelt und Bier gelutscht. Mit von der Partie waren Axel Formeseyn (bekennender hsver), Ben Redelings (VfL Bochum), Sascha Theisen (Alemannia Aachen) und Peter Schmitz (Borussia Mönchengladbach). Ergänzt wurde die illustre Runde von Sky-„Field-Reporter“ Rolf Fuhrmann, der einen kurzen Gastauftritt hatte.

Eigentlich greift die Bezeichnung „literarischer Abend“ viel zu kurz. Vielmehr war es eine Mischung aus Videos und Bildern, die das weltweite Geschehen des letzten Jahres auf und neben dem Platz beleuchteten, Maskottchenhetze, der ein oder anderen ziemlich lustigen Kurzgeschichte, äußerst beklemmenden biographischen Details aus der gemeinsamen Ackermatch-Vergangenheit von Michael und Axel, einem(!) Lied und jeder Menge Anekdoten, die einen erschütternden Blick hinter die Kulissen des Fußballrummels erlaubten.

Aber der Reihe nach. Der Abend begann für mich gleich mit einer kleinen Katastrophe. Nicht nur, dass ich den Vorfilm, der schon um 18 Uhr gezeigt wurde, verpasst hatte, nein, kaum saß ich gespannt wie ein Flitzebogen auf meinem Allerwertesten, ging es los mit einem Animationsspielchen. A-N-I-M-A-T-I-O-N! Und das mir, überzeugter Pöbler aus der Gegengerade, der mit animierten Gröhlereien eigentlich wenig anfangen kann. Aufstehen, Arme hoch und unter der Anleitung von Konzertmeister Theisen dem ehemaligen Euopapokalhelden Bum-Kun Cha ein Geburtstagsständchen gesungen. Meine Güte. Ich habe mich, zugegeben, in norddeutschem Understatement beim Winken und Singen zurückgehalten – Bum-Kun Cha hin oder her.

Es folgte ein Videoblock, zusammengestellt und moderiert von „VJ“ Schmitz, der für jeden Bühnengast ein Saisonhighlight seines Vereins gesucht hatte. Klar, für St. Pauli wurde Asas Tor nochmal gezeigt, woraufhin Herr Formeseyn sehr plastisch schilderte, wie er das Derby erleiden musste. Wenn ich alles richtig verstanden habe, gab es wohl eine Standleitung zu seiner Mutti, die „Burschi“ wieder aufrichtete. Recht so, Familie ist wichtig.

Das Saisonhighlight des VfL fiel schon weniger enthusiastisch aus. Schmitz, wie eingangs erwähnt Gladbacher, ließ es sich nicht nehmen, mit mehr oder weniger verhohlener Genugtuung das eins zu null der Gladbacher in der aktuellen Relegation gegen Bochum zu zeigen. Redelings trug es mit Fassung. Aachen wurde mit einem Elfmeter im DFB-Pokal gegen Frankfurt gewürdigt und beim hsv kamen die passionierten Brandungsangler Gebrüder Hrubesch zu ihrem großen Auftritt (mit insgesamt sieben geangelten Dorschen Sieger bei einem Wettbewerb, dessen Ursprung und Sinn mir leider entfallen ist). Die Fußball-Abteilung hat ja diese Saison nichts hochlichterliches vorzuweisen, außer vielleicht einem hart erkämpften Punkt gegen den Stadtmeister. Mit welcher Szene Schmitz seinen eigenen Verein bedachte, ist mir auch nicht mehr erinnerlich. Auf jeden Fall hat der Mann einen feinen Humor, das Publikum hat sich königlich amüsiert. Das gilt auch für die zwei weiteren Videoblöcke, die angenehm die Geschichten und Kabbeleien der Autoren unterbrachen. Leider, das muss ich anmerken, waren einige Videos zu grobkörnig für die große Leinwand im Knust. Das würde ich beim nächsten Mal einfach vorher ausprobieren – nicht jedes Video hat die Qualität für 3×3 Meter.

Ebenfalls außerordentlich lustig war die nun folgende Bildershow, die Ben Redelings kommentierte. Keine Ahnung, wo der Typ solche Abseitigkeiten raus kramt. Dazu hat er eine unvergleichliche Art des Kommentierens – Ruhrpott eben, in diesem Fall stimmt das geflügelte Wort des „gelebten Klischees“. Trocken, ein Zungenschlag, der in jeder anderen Region der Republik mit einem „Schon besoffen?“ quittiert werden würde und ganz viel Hassliebe für den Fußball.

Die Maskottchenhetze von Christoph Nagel muss man gesehen haben. Herr Nagel stellte uns die hässlichsten Viecher der drei obersten Ligen vor. Schön war, dass Herr Nagel sich manchmal den lakonischen Einwürfen seiner Mitstreiter geschlagen geben musste und dann, nach einem eingeschobenen albernen Kichern, seinen Faden wiederfinden musste. Großes Tennis. Ich habe vorher nicht gewusst, wie erbärmlich Maskottchen sein können. Ich wollte noch nie ein Maskottchen am Millerntor, will es nun aber noch doller nicht mehr. (btw: Der Übersteiger hat intern in der jüngeren Vergangenheit diskutiert, ob man nicht einfach einen Stapel alter Autoreifen als Maskottchen etablieren könnte. Dann wäre man das Thema erst mal los und müsste keine Angst mehr haben, dass man etwas peinliches ins Stadion gestellt bekommt)

Nach der Pause begrüßte uns Michael mit einer Ode auf Fabian Boll, die man sich hier anhören kann, und „Rollo“ Fuhrmann kam auf der Bühne dazu. Ich hatte ihn bisher nur als Sky-Menschen kennengelernt und war einigermaßen überrascht, es mit einem Vereinsmitglied (22 Jahre) zu tun zu haben. Fuhrmann gab witzige Anekdoten aus dem Berufsalltag eines Sportreporters zum Besten und gewährte Einblicke hinter die Kulissen, ohne jemanden wirklich durch den Kakao zu ziehen, nicht mal Zettel-Ewald. Sehr interessant, er war mir hinterher auf jeden Fall sympathischer als vorher.

Die Kurzgeschichten darf ich euch nicht erzählen, dann bekomme ich Ärger mit der Buchschreiber-Innung, die mir dann sicher irgendwo auflauert um mich mit einer Guttenberg-Puppe zu verkloppen. Kauft euch einfach die Bücher. Die Anekdoten kann ich euch auch nicht (nach-)erzählen, sie wären ohne die Protagonisten nicht mal die Hälfte wert. Sie waren alle sehr gut, egal ob Kreisklassenfußball an der niederländischen Grenze oder beim TSV Nordstrand gespielt wird, Kinder im Hoolblock als Scheiße-Polizei fungieren oder ein sehr junger Alemannia-Fan beinahe zu Werder Bremen abgewandert wäre. Herausragend der Beitrag, der verrät, wie ein gewisser M. Phal (Name von der Redaktion geändert) ganz allein dafür sorgte, dass der magische FC nach seinem letzten Bundesligaabstieg in die dritte Liga durchgereicht wurde. Ich weiß nicht, ob alle Geschichten schon in einem Buch verarbeitet worden sind oder das nicht geplant ist – sie hier zu verraten wäre mehr als gemein. Denn: Jede und jeder, der die Gelegenheit hat, diese Menschen einmal live auf der Bühne erleben zu können, sollte sie wahrnehmen. Ich würde allerdings dazu raten, eure ranzigen alten Fußballschuhe mitzunehmen, um sie werfen zu können, sobald der Satz „Frauenfußball ist wie ein Pferderennen mit Eseln“ fällt.

Alles in allem ein sehr kurzweiliger Abend. Besonders für jene, für die Fußball mehr als Statistik ist. Like it.  // Zwille

PS: Wer sich die Werke der versammelten Autorenschar zulegen will, dem sei diese Auktion im St. Pauli-Forum ans Herz gelegt. Ist natürlich für eine gute Sache und läuft noch bis Sonntag.
Bilder von Gröni zum Abend gibt es hier.

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2 Kommentare zu Lachsalven und Juxraketen

  1. kastenmeier sagt:

    Zu Rollo F.: Habe ihn bereis im Laufe der Saison zu schätzen gelernt, wo er sich in mehreren Interviews (u.a. Zeiglers wWdF) offen zu seiner FC-Anhängerschaft bekannt hat. Ist ja nicht gerade üblich, dass Sportreporter ihr Fan-Sein öffentlich outen.

    Ganz ganz groß fand ich allerdings, als er Stani auf einer PK (oder Presse-Runde) fragte, ob sie das mit den späten Gegentoren nicht mal bleiben lassen könnten. Weil er stehe dann irgendwo in einem anderen Stadion und müsse kurz darauf gut gelaunt die Nach-dem-Spiel-Interviews führen…

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