Mut und Armut

Am letzten Sonnabend, dem 10. September 2011, steigt der 25-jährige St. Pauli Fan Benny um 21:41 Uhr an der Haltestelle Neuwiedenthal in die S-Bahn, um nach Hause zu fahren. Wegen der Vorfreude auf das Spiel gegen 1860 München am folgenden Tag trägt er bereits heute sein braun-weißes Trikot.
Benny leidet unter einer seltenen Krankheit und ist zu 100 Prozent schwerbehindert. Auch seine geistige Entwicklung liegt weit hinter seinem biologischen Alter zurück.

„Was willst du denn eigentlich?“

Zusammen mit Benny betritt ein Mann mittleren Alters mit Pferdeschwanzfrisur den Waggon und begrüßt die Fahrgäste mit einem schallenden „Nur der hsv!“ – offensichtlich lautstarke Frustbewältigung nach der eben erfahrenen Niederlage an der Weser. In der Bahn setzt sich der augenscheinlich alkoholisierte Mann direkt zu Benny und zündet sich demonstrativ eine Zigarette an. Da Bennys Unrechtsbewusstsein stark ausgeprägt ist, weist er den Mann darauf hin, dass das Rauchen in der Bahn verboten sei. „Was willst du denn eigentlich? Ihr verliert doch morgen sowieso!“ entgegnet ihm sein Gegenüber. Spätestens als der Mann ihm Rache androht, würde er ihm nicht sein Portemonnaie und Handy aushändigen, steigt in Benny Panik auf, und er ruft zum ersten Mal um Hilfe. Die Reaktion der anderen Fahrgäste findet ihren Höhepunkt in bedächtigem Schweigen.

„In manchen Situationen ist es wohl besser die Klappe zu halten“, so Bennys Mutter Andrea, „aber das Gespür, eine Situation als potenziell gefährlich einzuordnen, fehlt Benny. Letztlich war es ja richtig von ihm, den Mann auf das Rauchverbot hinzuweisen und ich finde es eigentlich auch gut, dass er so mutig ist und nicht wegsieht. In diesem Fall war er aber vielleicht zu mutig“.

Allerdings wird wohl niemand Benny seinen Mut vorwerfen geschweige denn die Schuld für das Folgende bei ihm selbst suchen.

Als Benny am Rathaus Harburg die Bahn verlässt, folgt ihm der Angetrunkene und beweist seinerseits eine gehörige Portion Mut. In seinem Fall handelt es sich bedauerlicherweise lediglich um eine ausgeprägte geistige Armut.

Noch auf dem Bahnsteig springt er seinem wehrlosen Opfer wuchtig ins Kreuz. Benny geht zu Boden.

Bevor der Gewalttäter mit derselben Bahn weiter in Richtung Harburg fährt, gibt er Benny noch den Ratschlag mit auf den Weg, ihn ja nicht anzuzeigen, denn er fände heraus, wo er wohne.

Selbst als Benny erneut um Hilfe schreit, schauen die Leute auf dem relativ gut gefüllten Bahnhof weg oder gehen am Geschehen einfach vorbei. Nennt sich das dann Großmut gegenüber dem Täter?

Benny erleidet diverse Prellungen an Rücken, Beinen und Schulter und ist seit dem Vorfall krankgeschrieben. Außerdem traut er sich seither nicht mehr im Dunkeln mit der Bahn zu fahren und muss deshalb beispielsweise die Besuche bei seiner Mutter so rechtzeitig beenden, dass er es bei Tageslicht nach Hause schafft. Schön, dass die Tage jetzt wieder kürzer werden!

„Die Auswertung ginge deutlich schneller,
wenn öffentlicher Druck vorhanden wäre“

Selbstverständlich kann jeder in einer unübersichtlichen Lage Angst um das eigene Wohl bekommen. Nicht jeder ist couragiert genug, sich selbstlos zwischen Angreifer und Opfer zu werfen, aber aus sicherer Entfernung einen Notruf über das Handy abzugeben, das sollte doch für jeden empathischen Menschen selbstverständlich sein.

Darüber hinaus verfügt jeder Bahnhof der Hamburger Hochbahn über mehrere Notrufsäulen, von denen ganz einfach per Knopfdruck Hilfe herbeigeholt werden kann.

Die Hochbahn appelliert seit mehr als einem Jahr mit ihrer Kampagne Ich drück‘ für dich an die Zivilcourage ihrer Fahrgäste. Offensichtlich mit mäßigem Erfolg, wie dieses Beispiel beweist.

Benny hat den Angriff umgehend zur Anzeige gebracht. Ohne Zeugen und die Aufzeichnungen aus der Videoüberwachung kann die Polizei allerdings wenig tun. Beinahe sprachlos lässt einen die Polizeiaussage zurück, die Auswertung der Bilder durch den HVV ginge spürbar schneller, wenn öffentlicher Druck vorhanden wäre.
Wer Benny durch Hinweise in jeglicher Form helfen möchte, meldet sich bitte bei der Polizeidienststelle Harburg (040-42865-4610). Der Täter ist von kleiner bis mittlerer Statur und trug zum Tatzeitpunkt ein schwarzes T-Shirt. Er trägt einen Oberlippenbart und hatte die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Im Nacken befindet sich eine auffällige Tätowierung.

Mutig war an diesem Abend am Bahnhof in Harburg nur Einer… // Troll

P.S. Das hier beschrieben ließe sich (gerade weil es sich bei uns um ein FC St.Pauli-Fanzine handelt) natürlich schnell wieder in die Schublade “Guter St.Pauli-Fan, böser hsv-Fan” packen, die auch gerne von den Medien gezogen wird. Genau dies aber möchten wir nicht, denn wir sind uns absolut sicher, dass auch alle anderen hsv-Fans diese Tat genauso verurteilen.

Dieser Beitrag wurde unter Politik abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

28 Kommentare zu Mut und Armut

  1. Basti sagt:

    Echt traurig, dass immer noch weggesehen wird.
    Die Allgemeinheit lernt anscheinend nicht dazu. Der Fall D. Brunner aus München sollte dabei abschreckend genug sein. Zivilcourage wird klein geschrieben. Das ist traurig.

    Ich hoffe die können diesen Idioten festnehmen.

  2. hmpf22 sagt:

    “Darüber hinaus verfügt jeder Bahnhof der Hamburger Hochbahn über mehrere Notrufsäulen, von denen ganz einfach per Knopfdruck Hilfe herbeigeholt werden kann.”

    mag sein, hilft in S-Bahn-Haltestellen aber nicht weiter

    • KonBon sagt:

      Ähm, meines wissens nach gibt es die auch in S-Bahnhöfen.

    • fritz sagt:

      In jedem S-Bahnhof gibt es ebenso eine Notrufsäule, teilweise auch mehrere. Am Hauptbahnhof gibt es zudem eine praktisch immer anwesende Aufsicht (die fertigen die Züge ab), auch dort kann man Hilfe holen.

  3. KonBon sagt:

    Zum Kotzen das aufgrund von Fußballrivalitäten es immer wieder zu solchen Tiefpunkten einer Fanszene kommt. Ich hoffe Benny erholt sich bald von diesem Shock und seine Verletzungen verheilen bald.

    Gewalt hat im Fußball nichts zu suchen!

  4. Jürgen Golke sagt:

    ICH SEHE NICHT WEG UND GEHE SOETWAS NICHT AUS DEM WEG
    UNGLAUBLICH IMMER WIEDER SOLCHE IDIOTEN IN DER ÖFFENTLICHKEIT….!!!

  5. andrepascal sagt:

    Digga, dat hat doch mit “Fussball-Rivalität” mal rein gar nix zu tun!

    Das ist das widerlichste und verabscheuenste was ich seit langem gelesen habe. FUCK!
    Was ist denn mit den Bildern irgendeiner Kamera am besagten Bahnhof. Nun hängen alle paar Meter Kameras und sind doch nich zu gebrauchen oder was?! Ich kotze!

  6. Frank sagt:

    Erstmal beste Genesungswünsche an Benny! Und ansonsten: “Wer schweigt, stimmt zu”…

    • Seppl sagt:

      … oder hat selbst Angst Opfer zu werden! Und Angst bestimmt das Handeln leider stärker als Mut! Gute Genesung Benny!

  7. Dennis sagt:

    Ich bin nach dem Spiel gegen 1860 mit der Ubahn zum Bahnhof und war im ersten Wagon. Da saß ein Behindert junger man mit einen Betreuer er hatte sein FC St.Pauli Trikot auch an diesen Tag an. Ich habe Benny gesehen und gehört. Er kam nett rüber. Begrüßte mich mit einen Forza St.Pauli und einen lachen. Wir beide sind dann am Bahnhof ausgestiegen wo sich eine Kleine St.Pauli fan grp. Dazu entschieden hat mal einen kleinen Support zu starten. Auch dort rief Benny mit er kam mir sehr Glücklich vor da er im Stadion den sieg gesehen hat. Ich verstehe nicht wie man sowas so einen netten Mann zufügen kann. Frechheit sowas. Ich finde er hat ja nur recht gehabt. Wünsche ihm Alles Alles Gute und vlt seh ich ihn mal wieder. Und ich weiß dann was er für ein Mut hat.

  8. Thomas Rennert sagt:

    Wünsche Dir, Benny alles Gute. Du hast alles richtig gemacht. Frage mich wofür die Überwachung dient, wenn nicht zum Schutz der Menschen?! Aber alles das bringt nichts, wenn die Mitmenschen immer wegsehen, wenn es mal unangenehm wird. Also Augen auf und aufgepaßt!!

  9. Driller sagt:

    Das Wegsehen ist scheisse, keine Frage. Aber nach Vorfällen in München und Berlin, die wir alle verfolgt haben, geht einfach die nackte Angst um selber ganz böse was ab zu bekommen. Ich als 100Kilo-Koloss mit breiten Schultern geh da auf jeden Fall dazwischen (wie leider schon oft), aber viele trauen sich das nicht. Ich versteh das. HSV-Fan hin oder her, da gibt es ja genug anständige Menschen, so wie ihr es auch richtig schreibt. Ich verachte einfach Leute, die sich nicht mit ihresgleichen messen: Mit besoffenen Volltrotteln ohne Hirn. Die können sich gerne gegenseitig auf die Fresse hauen. Gute Besserung Benny und danke an Euch, dass ihr “öffentlichen Druck” macht.

  10. Michael sagt:

    Obwohl ich kein HSVer bin,muß ich den Verein mal in Schutz nehmen. Denn die können mit solchen Fans auch nichts anfangen. Es ist bei solchen Leuten kein Problem der Vereine sondern der Gesellschaft!

  11. bernd sagt:

    leider wohn ich nicht in hamburg, sonst würd ich mich anbieten, ihn ab und zu im dunkeln zu begleiten – wenn sich genug leute dafür fänden, dann geht seine angst vielleicht schneller vorbei. helfen kann man doch auch im nachhinein, denn nur dann ist “You’ll never walk alone” auch mehr als nur ein spruch

    alles gute, benny

  12. Barbara Wetegrove sagt:

    Es wird in den Schulen so viel Unsinn vermittelt. Warum gibt es nicht endlich ein Schulfach namens “Zivilcourage”?

  13. Stephan sagt:

    Leute, Leute … wegschauen wegschauen…..das die Leute noch schlafen können, die wegschauen bis IHR Hilfe braucht..dann wartet Ihr das Menschen gibt..Leute das war kein Fußballfan…sondern…? alles gute benny….

  14. jonny sagt:

    leider kann man zivilcourage nicht unterrichten. Es ist schon erschreckend wie schnell homo sapiens dinge ausblendet, die er nicht sehen will oder die potentiell gefährlich sind. Am traurigsten ist doch aber, dass man durch notknöppe un
    d handy so gefahrlos helfen kann wie noch nie. Warscheinlich ist es doch eher gleichgültigkeit als Angst. Traurig!

  15. Ostrocker sagt:

    So eine Aktion ist absolut daneben und schon gar nicht nachvollzuziehen.
    Alles Gute für Benny!

    Grüsse von der Konkurrenz aus Rostock

  16. zechbauer sagt:

    Was ist nur mit den Menschen los? Ich habe ein ähnliches Erlebnis in Wolfsburg beim Spiel der Bayern erlebt. Dort legte sich ein über 30-jähriger Bayern-“Fan”, alkoholisiert bis zum Anschlag, mit einem vielleicht 12- oder 13-jährigen Wolfsburger Jungen (!) an. Ich bin sofort dazwischen gegangen – und würde es auch immer wieder tun.

  17. Thorsten sagt:

    Ich hoffe mal, dass durch solche Aritkel wie hier im Übersteiger der “öffentliche Druck” entsteht, dass die Bullerei auch mal aus den Puschen kommt!!!

  18. Krakz sagt:

    ehr traurige Sache
    aber das Gemoser über die Passanten ist immer leicht. Die Leute sind hilflos und Gewalt nicht gewohnt. Die sind wie gelähmt. Das hat auch nicht nur was mit Zivilcourage zu tun, auch bei schweren Verletzungen setzt bei Zuschauern fast eine Lähmung ein. Um bei so etwas einzuschreiten, muss man gut beieinander sein. Wer vortritt, kann nicht damit rechnen, dass der HSV-Ar.. Ruhe gibt, im Gegenteil. Ich habe schon erlebt, dass gute und trainierte Kampfsportler hilflos und gelähmt werden, sobald Blut fließt.
    Wer es drauf hat, ist klar im Vorteil. Friedliche Zeitgenossen haben meistens nicht drauf und eigentlich ist das ja ganz gut so

  19. andrepascal sagt:

    Zivilcourage hon oder her… Es ist wohl das leichteste (manchmal auch einfach das Sinnvollste) sich nicht einzumischen und ganz einfach mal eben zu so einer Scheiß Notrufsäule zu stiefeln (was hat das bitte mit Überwindung zu tun?!)! Speziell in diesem Fall, wäre ich (das behaupte ich jetzt als nicht 100kg-Koloss einfach mal) aus totaler Wut dazwischen gegangen. Wenn es jedoch Situationen sind, wo ne Gruppe im Spiel ist, dann gibt es einfach nur eine Entscheidung (für mich): Ich drück für Dich!
    Scheiße, ES IST so einfach!!
    Es gibt ja auch die Möglichkeit, sich weitere Leute dazu zu holen. Evtl. lassen sich andere ja motivieren…
    Es gibt also genug Möglichkeiten als die falscheste zu wählen: Wegschauen!

  20. Andre sagt:

    Wenn alle Leute schweigen, müssen wir noch lauter schrein!

    Alles Gute Benny!!! Komm schnell wieder auf die Beine. Nicht nur körperlich!

    Hoffentlich wird der Täter geschnappt und zur Rechenschaft gezogen.

  21. Andrea sagt:

    Ich bin Bennys Mutter und schreibe für Benny, da er leider nicht in der Lage ist,
    dieses selbst zu tun. Er ist total überwältigt von Euren Beiträgen und der großen
    Anteilnahme mit so herzlichen, rührenden Wünschen, herzlichsten Dank dafür!
    Es tut so gut, zu wissen, daß man nicht alleingelassen wird, mit dem was meinem Sohn
    zugestoßen ist. Es gibt auch mir viel Kraft und vor allem Mut,weiterzumachen und
    nicht still zu sein!
    Benny ist immer noch krankgeschrieben, er hat immer noch Schmerzen und ganz
    viel Angst. Ich hoffe,daß er bald wieder so unbeschwert und fröhlich sein kann, wie er
    immer war.
    Lieber Dennis, auch Benny kann sich an Dich erinnern, ich soll Dich
    ganz doll grüßen.Liebe Grüße und DANKE,DANKE,DANKE !!!!!! an alle natürlich
    Wir hoffen heute abend natürlich auf einen Sieg! Benny und ich sehen das Spiel
    im Kreise lieber Pauli Freunde.

    • Manuela sagt:

      Schön zu lesen das es Benny wieder besser geht. Ich bekomme jedesmal das kotzen wenn ich sowas lese. Ich selber bin HSV-Fan und bin froh und stolz auf einige Freundschaften die ich pflege mit Fans anderer Mannschaften. Jeder hat seinen Verein den er liebt, zu den Spielen besucht und mit ihm feiert und auch leidet, aber Sport ist Sport und soll es auch bleiben, von daher finde ich es zum KOTZEN, wenn jemand einen anderen Menschen Leid zufügt, nur weil er zu einem anderen Verein steht. Solche Leute sollte man in den Käfig des Löwen schmeissen und Mahlzeit wünschen. Ich hoffe das der Hamburger Verkehrsverbund produktiv dazu beitragen tut dieses Arschlosch (sorry, für die Ausdrucksweise, wobei mir da noch andere Worte einfallen….) zu fassen.
      Für Benni hoffe ich, das er alles gut überwindet und seine Angst wieder verliert.
      Und wenn er zum Spiel will; es gibt bestimmt genug Fans in seiner Wohnregion, nehmt ihn doch mit zum Spiel und wieder mit nach hause danach. Er wäre bestimmt glücklich, sicher und Euch würde es auch bereichern….. (Einer für alle, alle für einen!!!! Denkt mal drüber nach)

  22. Pingback: Es reicht! | Magischer FC

  23. Pingback: Jahresrückblick 2011 | Übersteiger-Blog

  24. Pingback: Diskriminierender Vorfall gegen einen Eintracht Frankfurt-Fan mit Behinderung | Übersteiger-Blog

Kommentare sind geschlossen.