Vorbericht / Gastinterview zum Spiel beim FC Hansa Rostock

Moin Thorben, Du bist Fan des FC Hansa, bei Twitter als @HubiHRO aktiv und betreibst den Greifenblog.
Was steht denn rein sportlich für den FC Hansa am kommenden Samstag auf dem Spiel?

Man muss sich nur die Tabelle anschauen, um zu sehen, in welcher schwierigen Situation Hansa momentan steckt. Trotz größtenteils ordentlicher Leistungen ist die Abstiegsangst jetzt schon greifbar, was ich erstaunlich finde. Warum? Man verlor aus 14 Spielen lediglich fünf. Normalerweise denkt man: Okay, gesichertes Mittelfeld. Gewinnst Du aber auch nur eins und machst nur acht Tore, weißt Du wo das Problem liegt. Und genau aus diesem Grund ist momentan jedes Spiel sehr, sehr wichtig. Gerade in den Heimspielen muss gewonnen werden.

Wo im Stadion verfolgst Du selbst das Spiel und wie verläuft für Dich ein „typischer“ Heimspieltag? Und weicht am Samstag irgendwas vom Ritual ab?

Normalerweise stehe ich auf der Südtribüne, besitze aber aufgrund mehrerer Gründe keine Dauerkarte (Dieses Jahr habe ich aber noch kein Spiel verpasst ;-)). Da die Karten für die Süd extrem schnell vergriffen waren, werde ich dieses Mal auf der Nordtribüne sein.

Naja, die üblen Anstoßzeiten zwingen einen ja quasi direkt nach dem Aufstehen loszufahren. Mal im Ernst: Gewöhnlich treffen wir uns vorher, trinken 1-2 Bierchen und schlendern dann in Richtung Stadion. Ein besonderes Ritual besitze Ich aber nicht.

Kommen wir zum unvermeidlichen: Der Konflikt zwischen Hansa und St.Pauli ist altbekannt. Wie ist da Deine persönliche Historie, also welche Spiele hast Du selber gesehen und was hältst Du ganz generell von dieser besonderen Rivalität?

Meine persönliche Historie hält sich, auch aufgrund meines Alter, in Grenzen. Ich wohne jetzt seit 2 ½ Jahren in Rostock und in dieser Zeit habe ich natürlich diese Spiele auch im Stadion verfolgt. Vorher nur „aus der Fremde“, also im TV.

Rivalitäten gehören im Sport dazu. Ich will jetzt auch gar nicht darauf eingehen, wie im speziellen diese entstanden ist, denn das würde den Rahmen sprengen.

Ich bezahle gerne 3 Euro: Auch dieses Spiel gibt nur 3 Punkte. Auch wenn ein Sieg in diesem Spiel natürlich besonders schmeckt, keine Frage.

Danke, Jörg Wontorra wird sich sicher freuen.

Wie wurde eigentlich auf Rostocker Seite damals das Gästeverbot wahrgenommen? War der FC St.Pauli der Schuldige? Oder die Polizei? Und wie sah man die internen Streitigkeiten bei uns, wo ja mehrere Fangruppen (neben USP auch der ÜS) die Südkurve für fünf Minuten sperrten und es doch zu ziemlich heftigen Diskussionen bei uns kam. Hat man das bei Euch überhaupt mitbekommen, und wenn ja, wie wurde das in der Fanszene bewertet?

St.Pauli war definitiv nicht der Schuldige. Dieses meiner Meinung nach lächerliche „Angebot“ der Polizei war einfach nicht tragbar.

Ich denke, was personalisierte Eintrittskarten angeht, sind (fast) alle ähnlicher Meinung. Aus diesem Grund wurde die kurzzeitig Sperre der Südkurve auch durchaus positiv wahrgenommen. Zumindest in dem Dunstkreis, in dem ich mich bewege.

Natürlich sickert immer mal einiges durch, aber großartig bewertet wurde das nicht. Ich denke, dieses Problem kennen viele Fanszenen. Bei einer großen Masse an Fans kommt es immer mal zu verschiedenen Meinungen. Wichtig ist dann einfach, dass man eine Lösung findet, die für alle akzeptabel ist.

Zu Beginn der Saison stand ein Dauerkartenverbot für Euren Supportbereich im Raum, der dann erst nach dem Verabschieden von einem Ehrenkodex abgesagt wurde. Wie kam es dazu und wie läuft das Ganze? Bei uns sorgte natürlich die etwas merkwürdige Formulierung „Wir begegnen der eigenen Heimat mit Respekt und Wertschätzung.“ für allerlei hochgezogene Augenbrauen. Außerdem stellt sich natürlich die Frage, warum dieser Kodex denn nur für die Heimspiele gilt.

Nicht so einfach zu erklären..

Ich versuch es mal: Bei unserem letzten Heimspiel zündelt einige Geistesgestörte im eigenen Stadion (totales Unding). Und ich denke das war der Punkt, an dem Bernd Hofmann’s Fass übergelaufen ist. Daraufhin sollte es eine gesplittete Dauerkarte für die Südkurve geben. Will heißen: Jeder bekäme immer nur die Karten für die nächsten 3 Heimspiele. O-Ton: „Und wenn etwas passiert, behalten wir die anderen Karten ein.“ Diese Lösung war für uns natürlich kaum zu akzeptieren, denn Hofmanns Aussagen waren einfach nicht klar genug. Was war gemeint mit: „Wenn etwas passiert?“ Aus diesem Grund traf sich die Fanszene vor einem Testspiel und diskutierte, wie man mit der Situation umgeht. Dort wurde beschlossen, dass bitte alle zum nächsten Fanforum erscheinen, um die Situation zu klären. Außerdem wurde festgelegt das niemand diese gesplittete Dauerkarte kaufen würde. Uneinigkeit gab es in der Frage, dem Stadion dann ganz fern zu bleiben, oder in einen anderen Block zu gehen.

Das Problem: Bernd Hofmann hat wörtlich gesagt, dass er das Stadion zu einem Familienparadies machen werde und man diese Idioten nicht bräuchte. Stimmung würden auch andere Leute erzeugen. Gerade für die Fanszene, die immer hinter ihrer Mannschaft gestanden hat (ich spreche nur vom Anfeuern, etc. nicht vom Verhalten), natürlich ein Schlag ins Gesicht. Aus diesem Grund wird Hofmann auch sehr, sehr kritisch beäugt.

Bei dem Fanforum wurde Hofmann dann mit knapp 1.500 Leuten konfrontiert und man merkte schnell, wie unwohl er sich fühlte. Argumente für seine Lösung wiederholte er permanent, aber er besaß nur eins: Pyro. Er merkte aber auch relativ schnell, dass die Szene nicht bluffen würde und durchaus ein Großteil wegbleiben würde. Und als beide Fronten verhärtet waren kam er auf diesen ausarbeiteten Codex. Dieser besagt eigentlich genau das, was er mit der gesplitteten Karte erreichen wollte. Kein Pyro im eigenen Stadion. Außerdem wurde von Seiten des Vereins festgelegt, dass Ordner auf der Süd eingesetzt werden. Im Jahr zuvor waren dort keine zu finden.

Für die Fanszene war erst einmal erreicht, was erreicht werden wollte. Man hatte für alle 17 Heimspiele die Karten in der Hand.

Ehrlich gesagt habe ich mir die Frage, warum das nur zu Hause gilt, auch schon desöfteren gestellt. Und ehrlich? Ich hab überhaupt keine Ahnung.

Kurzer Sidestep: Wie denkst Du über den freiwilligen Verzicht von Dynamo Dresden für das Gästekontingent beim Spiel am Millerntor? Befürchtest Du bei weiteren Vorfällen auf Auswärtsspielen ähnliche Gedankenspiele auch beim FC Hansa?

Das war vom Verein Dynamo erstens die einzige Chance Veolia als Sponsor zu halten (Veolia ist auch Trikotsponsor beim FC Hansa, Anm d.ÜS). Und zweitens war es einfach taktisch clever. Das wurde ganz bewusst gemacht, um mit Glück einer drastischen Strafe zu entgehen. Ich wünschte, bei Hansa wäre man ähnlich schlau gewesen, vielleicht hätte man so keine zwei Spiele ohne Fans gehabt, sondern nur eines. Die Gedankenspiele würden bestimmt kommen, ob man dann im Vorstand die „Eier“ besitzt das durchzuziehen, bezweifel ich stark.

Zu guter Letzt: Was möchtest Du unseren Lesern noch mit auf den Weg geben, vor dem Spiel am Samstag?

Ich wünsche allen Fahrern eine angenehme Reise in unsere Hansestadt und ein gutes Spiel. Rivalität ist wie gesagt schön und gut, es sollte aber nicht handgreiflich, verletzend, etc. werden. Und vielleicht kann ich auch dazu beitragen, dass die Fanszene des FCH nicht nur mit Leuten in Verbindung gebracht wird, wie es häufig in den Medien passiert. Natürlich freut ihr euch über unsere Niederlagen und wir über eure. Das soll auch so bleiben. Allerdings auf einem fairen Level, mit dem nötigen Respekt vor jedem Einzelnen (Vielleicht solltet Ihr den Teil auch noch einmal Deniz Naki schicken J).

Im Duell unserer Vereine fällt im Bezug auf den jeweils anderen Verein oft das Wort „Hass“. Dein Kommentar?

Hass ist ein Wort, das nicht zum Sport passt. Natürlich bin ich kein St.Pauli Fan und natürlich freue ich mich über Niederlagen. Es gibt genug Leute, die einen aufs Fandasein reduzieren: St.Pauli-Fan = Idiot. Das ist meiner Meinung nach total lächerlich. Wir haben Meinungsfreiheit und es wäre auf jeden Fall auch sehr langweilig, würde jeder den gleichen Verein bevorzugen!

In meinem Studiengang ist jetzt einer, der ist Hamburger und St.Pauli-Fan. Aber das schließt ja nicht aus, dass wir uns gut verstehen. Darüber sollten einige vielleicht einmal nachdenken.

Vielen Dank für Deine Zeit und die Antworten. Und natürlich wünschen wir auch Dir ein schönes Spiel am Samstag! // Frodo

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5 Kommentare zu Vorbericht / Gastinterview zum Spiel beim FC Hansa Rostock

  1. Jano sagt:

    Ich finde der Begriff “Hass” passt zum Fussball wie die Faust aufs Auge (auch wenn das Wortspiel etwas unglücklich klingt…) 😉
    Ich hasse ständig: den hsv, Schiedsrichter, Rostock, Schwalben gegen uns, enttarne Schwalben von uns, Michael Thurk, Sascha Rösler, Verlieren, etc.pp.,

    Einziger Unterschied zum normalgültigen Hassbegriff:
    Ich habe nie das Verlangen, dem oben beschriebenen Fussballhass körperliche Konsequenzen folgen zu lassen und das ist das entscheidende.

  2. Frodo sagt:

    @Jano: Der Unterscheidung “Hass” / “Fußballhass” können wohl alle folgen bzw. so auch für sich unterschreiben, mit unterschiedlichen Ausprägungen.
    Wenn man unterm Strich für sich entscheidet, dass der andere Verein “Scheiße” ist (in welcher Abstufung auch immer), man aber deswegen nicht gleich pauschal auch alle gegnerischen Fans (=Menschen) scheiße findet und verprügeln will, sollte das bei den allermeisten Konsens sein. Ob man dieses Empfinden jetzt als “Hass”, “Abneigung”, “Antipathie” oder “Dooooooooof!” bezeichnet, ist schlußendlich wumpe 😀

    • Jano sagt:

      hmmm, nun ja. Ich glaube, dass es durchaus noch Graustufen gibt, die “Abneigung” und “Hass” (im Fussballkontext) unterscheiden.
      Denn ich würde niemals behaupten, Hass hätte beim Fussball nichts verloren, jemand, der “nur” eine Abneigung gegen bspw. Rostock oder den hsv hat, vermutlich schon. Aber gut, das ist Hass-, ähhh Haarspalterei.

  3. Stemmen sagt:

    Hass allein genügt nicht mehr! 😉

  4. goodsoul sagt:

    Hass ist ja sehr oft “nur” das fühlbare Produkt von unterdrückter Angst!

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