Polizei stellt fest: Die Erde ist eine Scheibe!

Das Gute an langen Arbeitswegen mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Man kann schon in aller Ruhe vor der Arbeitszeit seine Gedanken zur Tastatur bringen. Und heute ist wieder einer dieser Tage.

War das Abendblatt gestern durch seinen Ressortleiter Sport noch selber zum Favorit in der Kategorie „Lachnummer des Tages“ geworden (um dann noch verlagsintern von der Sport-Bild verdrängt zu werden), so ist man heute nur Überbringer der nächsten Unfassbarkeiten.

Die [500 St.Pauli Fans auf dem Marsch vom Lattenkamp zur Halle] haben den Stadtteil in Angst und Schrecken versetzt.“ lässt man dort heute den Leitenden Polizeidirektor Kuno Lehmann vermelden. Wie soll man nach solchen Aussagen der Polizei jemals wieder irgendwas glauben? Insbesondere alles, was irgendwie mit Fußball oder gar dem Turnier am Freitag zu tun hat?
Ja, ich war beim Marsch vor Ort… Und wenn immer wieder betont wird, dass die bloße Präsenz von einer Hundertschaft Polizisten in Ganzkörperrüstung, einer Reiterstaffel oder auch diversen Mannschaftswagen nicht provoziert, sondern ein Gefühl der Sicherheit im Rechtsstaat vermittelt, ist mir diese Aussage einfach nur ein komplettes Rätsel und hätte ausschließlich am 1.April veröffentlicht werden dürfen. Von mir aufgeschnappte Zitate beim Marsch, da ich eher an der Seite ging: Eine ältere Dame fragte ihren Begleiter: „Ganz schön was los hier… Aber was soll denn die viele Polizei? Die sind doch ganz friedlich.“ Und eine Mutter zu ihrem Kleinkind: „Diese bunten Lichter… So ist das auch an Silvester gewesen, da haben die nur nicht so schön gesungen!“ Angst und Schrecken sehen anders aus, gleiches dürften auch die diversen Bewohner gedacht haben, die doch recht entspannt aus den Fenstern lehnten. Die weitere Aussagen bzgl. „um 17.57h alle aufeinander eingedroschen“ und ähnliches sind dann schon pure Realsatire, da fällt einem nichts mehr zu ein. Da sollte Herr Lehmann (der sicher nicht vor Ort war) sich mal fragen, wie er Personen in der Zukunft noch vertrauen kann, die ihm solche offensichtlichen Lügen zutragen. Die in den Medien verbreiteten Fotos, bei denen man vielleicht von „aufeinander eindreschen von zehn Personen“ sprechen kann, ereigneten sich nach dem ersten Spiel, welches bekanntlich erst um 18.30h begann, vorher waren alle in der Halle.

Wer als Leitender Polizeidirektor die Wahrheit in mehreren Punkten vor der Bürgerschaft derart (bewusst oder fehlinformiert) verdreht, sollte sich schon mal vorsorglich beim Bundespräsidenten melden, damit man sich die Fahrtkosten zum Seminar „Glaubwürdigkeit wiederherstellen – Advanced Version für besonders schwere Fälle“ teilen kann. Hier geht es nicht mehr um unterschiedliche Interpretationen des vorgefallenen, die Aussagen entbehren jeder Grundlage.

Außerdem hat sich der Sportsenator Neumann nun mit dem zuständigen Bezirksamt entschlossen, die Alsterdorfer Sporthalle für Fußballturniere zu sperren. Eine Halle also, die baulich wunderbar zu trennen ist, wie diverse Turniere der Vergangenheit mit Beteiligung von St.Pauli und dem hsv gezeigt haben… immer vorausgesetzt man hatte Polizei/Ordnungsdienst vor Ort, die sich über das Sicherheitskonzept vorher fünf Minuten Gedanken gemacht hatten.

Pure Mutmaßung: man wollte mit dieser Generalabsage den St.Pauli Fans eins auswischen, die ja für Samstag in gleicher Halle das jährliche Fanclubturnier geplant hatten. Blöd nur, dass hier schon seit Montag an der Absage mit gleichzeitigem Alternativprogramm gearbeitet wurde, weil man es sich nicht vorstellen konnte, nur eine Woche nach der ausufernden Polizeigewalt an gleicher Stelle unbeschwert Spaß zu haben. Das Verbot verpufft also.
Treffen tut man allerdings das für Sonntag geplante C-Jugend Turnier des SC Sperber, welches lt. Abendblatt ebenfalls von der Absage betroffen ist. Nun mag ausufernde Gewalt von Eltern am Spielfeldrand bei Hallenfußballturnieren zu einem der meist unterschätzten Gewaltszenarien unserer Gesellschaft gehören… oder aber diese Absage demnächst als Paradebeispiel bei Wikipedia unter „Blinder Aktionismus“ auftauchen.

Schließen wir das Kopfschütteln über die Zitate im Abendblatt doch mit Vize-Polizeipräsident Reinhard Fallack: „Das, was [St.]Pauli-Fans da veranstaltet haben, war organisierte Gewalt.“ Antwort Christian Bönig, Pressesprecher des FC St.Pauli: „Da fehlen mir schlichtweg die Worte,, aber wir haben unsere Sicht der Dinge ja bereits geschildert.“ Danke.

Apropos interessante Interpretationen von Wahrheit und Realität: DFB und DFL haben gestern bekannt gegeben, dass man am Verbot von Pyrotechnik festhalte. Während die Weltöffentlichkeit noch darauf wartete, dass jetzt auch die Polizei eine Pressemitteilung herausgibt, in der schwere Körperverletzung und Mord weiterhin als „nicht erlaubt und pfui“ bezeichnet werden, waren die Kollegen vom textilvergehen schon weiter. Sie meldeten „Kein Mord in Britz!“ und haben gleichzeitig noch die fragwürdige Statistik zur ebenfalls von DFB/DFL verlauteten „84% sind gegen Pyrotechnik„-Meldung auseinandergenommen.
Ja, da können sich viele sogenannte „Journalisten“ mal ein Beispiel dran nehmen. Beste Grüße nach Berlin. // Frodo

P.S. Eine sehr empfehlenswerte Zusammenfassung zum Medienecho auf die Pressekonferenz gibt es im Neunzehnhundertzehn-Blog.

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