Nazis auf’s M… äh… auf die Stille Treppe!

„Und man muss es mal so deutlich sagen und bei der Realität bleiben: Wir werden landauf, landab dafür gerühmt, dass wir gegen Nazis stehen. Dann muss man sich auch mal gerademachen! Wenn einer Nazi-Sprüche macht, muss ihm klar sein, dass ihm das auch körperlich nicht guttun wird.“
– Sven Brux auf der gestrigen Pressekonferenz –

Widerspruch? Gegenrede? Garantiert nicht von mir, nicht aus der Fanszene des FC St.Pauli, wohl aber (erwartungsgemäß) von Medien und Polizei.

Die Fakten: Es gab in der Vergangenheit immer wieder Angriffe auf Fans des FC St.Pauli, die eindeutig politisch motiviert waren. Bei vielen davon war die Polizei gar nicht dabei (Neumünster, Kiel) oder hielt sich unauffällig im Hintergrund (Rostock in den 90ern) und es hätte Schwerverletzte und Schlimmeres gegeben, wenn man sich da auf das Verlassen hätte, was Polizeipressesprecher Mirko Streiber gestern bei Hamburg1 als „Gewaltmonopol des Staates“ bezeichnet hat.

Wie dieses Gewaltmonopol in der Praxis aussieht, erlebt man als Fußballfan auf Auswärtsfahrt ständig, auch wenn die breite Öffentlichkeit dem keinen Glauben schenkt, weil auch die Medien nur allzu gerne die selbstgefällig formulierten Pressemitteilungen der Polizei weiterverbreiten. Sollte sich die Realität aufgrund zu eindeutiger Faktenlage dann doch mal nicht verschleiern lassen, wie z.B. bei den Stuttgart21 Demonstrationen, geht ein entsetzter Aufschrei durchs Land und die Polizei ist stets bemüht dies als verzeihlichen Ausrutscher darzustellen, der ohnehin völlig überinterpretiert wird. Schuldeingeständnisse? Fehlanzeige.

Am Freitag sah das Gewaltmonopol so aus, dass Nazis zunächst einmal ungestraft ihren verbalen Müll absondern durften, bevor sie dann Ordner und Familien über den Haufen liefen um den St.Pauli-Block auf der komplett gegenüberliegenden Hallenecke anzugreifen, während die Polizei damit beschäftigt war, fein säuberlich in Ganzkörperrüstung den zwei Meter Streifen zwischen erster Sitzplatzreihe und Spielfeld freizuhalten. St.Pauli Fans, die dann versuchten auf die Kopftribüne zu gelangen, auf der die Lübecker ebenfalls Familien in Angst und Schrecken versetzten, wurden daran mit Pfefferspray zu hindern versucht, Polizei auf der Kopftribüne suchte man noch lange vergeblich.

Die Presse reitet seit Jahren auf der „Zivilcourage zeigen“-Kampagne herum, wenn mal wieder was passiert ist. Wird hier aber Zivilcourage gezeigt, und werden die auf der Kopftribüne befindlichen Familien durch die Verteidigung aus der Schußlinie genommen, so ist dies „beiderseits gesuchte Fußballgewalt“? Am Arsch, liebe Medien.

Solange offizielle Vereinsvertreter deutliche Statements in der Art und Weise abgeben, wie Sven Brux es gestern getan hat, wird der FC St.Pauli mein Verein bleiben. Kommentatoren wie Peter Wenig (Ressortleiter Sport) im Hamburger Abendblatt, zeigen durch ihre Aussagen nur, dass sie keine Ahnung haben, was außerhalb des Elfenbeinturms Redaktionsschreibtisch tatsächlich die „Realität“ ist. // Frodo

P.S. Noch schnell beim Redaktionskollegen folgenden Satz geklaut:
Zu hinterfragen ist auch die Rolle des Ressortleiters Peter Wenig, der heute öffentlich erklärte: „Die Verantwortlichen (= der Verein auf der Pressekonferenz) nutzten das Forum vor allem zu einer regelrechten Abrechnung mit der Polizei – also ausgerechnet mit den Beamten, die in Alsterdorf buchstäblich ihre Knochen hingehalten haben, um die eskalierende Gewalt irgendwie einzudämmen.
Dabei wären schon angesichts der Tatsache, dass 95-100% der Verletzten nur durch Polizeimaßnahmen verletzt worden sind, Kritik angebracht. Wer auf diese Weise der Verbreitung der Unwahrheit und absolut misslungenen und rechtsstaatlich zweifelhaften Polizeieinsätzen eine Art Persilschein ausstellt, ist nicht mehr Teil der Lösung, sondern längst Teil des Problems. Und genau genommen nicht mehr tragbar für diesen zentralen Job beim Hamburger Abendblatt.

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