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„Lage der Liga“: Rückblick nach vorne

von Hermannus Pfeiffer

Sportlich betrachtet setzte sich in der zurückliegenden Saison der Trend der Ära Göttlich fort. Dieser Negativlauf hat wirtschaftliche Folgen, die wiederum die sportliche Zukunft belasten. Allein am letzten Spieltag hätte der FC St.Pauli bei einem günstigen Verlauf zusätzliche Einnahmen aus der Fernsehvermarktung von 1,7 Millionen Euro buchen können, hat das „Hamburger Abendblatt“ errechnet. Noch stärker belastet Corona den Etat.

Derweil tut sich was. Die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) und der DFB in Frankfurt setzten zwar die Wiederaufnahme des Spielbetriebes in den Ligen 1 bis 3 politisch durch, trotz sonst rigider Corona-Beschränkungen. Aber ausgerechnet die Anhänger von Eintracht Frankfurt rührten sich und brachten den Ball bundesweit ins Rollen.  weiter

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Mäßiger Zweitligist trotzt Branchenprimus

Am Donnerstag machte eine Meldung die Runde, die in den meisten Medien mit dem Zusatz “Überraschung” versehen wurde:
Die DFL-Mitgliederversammlung (= bestehend aus den Vereinen der 1. und 2.Liga) spricht sich für die Beibehaltung der “50+1-Regel” aus.

Diese Meldung wurde (zurecht) in den sozialen Netzwerken gefeiert und darf ganz sicher als “Schritt in die richtige Richtung” gesehen werden, wie es der Präsident des FC St.Pauli, Oke Göttlich, formuliert.
Leider ist es in der heutigen Zeit ja oft schwierig, mehr als nur die Überschrift zu vermitteln – und so ging dann oft unter, dass dies natürlich kein Sieg für die Ewigkeit ist, sondern nur der Beginn einer neuen, wohl aber zielgerichteten und hoffentlich konstruktiven Diskussion, wie “50+1” für die Zukunft sinnvoll und Rechtssicher aufgestellt werden kann. Eine “Grundsatzdebatte” soll folgen.

“Dennoch müssen wir uns natürlich Gedanken machen, wie wir zukünftig die Regel rechtssicherer machen. Auch dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen und die zukünftige Entwicklung nicht ignorieren.”
Andreas Rettig

Nun wurde diese Meldung eben oft verkürzt, es gab einige gute und auch weniger gute Kommentare dazu, aber eigentlich hätte man nun konstruktiv nach vorne blicken können.
Wäre da nicht… tja, der Branchenprimus aus München, der nun am allerwenigsten Sorgen um die eigene Wettbewerbsfähigkeit haben sollte.
Karl-Heinz Rummenigge gab dem Kicker ein Interview, welches für das erwartbare Echo sorgte:

“Es befremdet mich, dass ein Zweitligist, der nach meinem Kenntnisstand noch nie in einem europäischen Wettbewerb mitgespielt hat (der FC St. Pauli, d. Red.), auf einmal nicht nur eine so prominente, sondern auch dominierende Rolle einnimmt.”
Kicker

Vorab: Auch nach unserem Kenntnisstand spielte der FC St.Pauli noch nie in einem europäischen Wettbewerb. Und wir bedauern dies sehr.

Ansonsten zeigt dieses Zitat ein sehr eigenes Demokratieverständnis, kennt man sonst so fast nur von Horst Seehofer & Co.
Ein Antrag auf einer Mitgliederversammlung, eingebracht von einem Mitglied, angenommen von 18 der 34 Anwesenden, bei nur vier Gegenstimmen.

“Ich habe grundsätzlich kein Problem mit der 2. Liga. Sie ist Bestandteil der DFL. Die Zweitligisten müssen sich nur etwas realistischer einschätzen.”
Süddeutsche Zeitung, 1.Dezember 2015

Wer hat’s gesagt? Der Kalle, natürlich. 2015 schon, seitdem gärt es wohl in ihm.

Warum genau aber ist denn der FC Bayern so hinterher, eine Änderung der bestehenden Regel herbeizuführen? Die nationalen Meisterschaften gibt es im Abo jetzt meist schon im März oder April, in der Champions League läuft es auch (den Titel dort kann man eh nie garantieren) und auch das Verkaufen von Anteilen an Audi, Adidas und die Allianz stellte ja bisher kein großes Problem dar.
Okay, die internationale Wettbewerbsfähigkeit, mal wieder.

Wenn dieses doofe 50+1 endlich weg ist, werden der BVB, Schalke, RaBa und viele andere endlich zu voller Größe aufgehen und sich nicht mehr von Teams aus weniger einflussreichen Ländern aus der Champions League schmeißen lassen?
Und im ausführlicheren Interview im Print-Kicker äußert Rummenigge dann auch noch die Hoffnung, dass es dann auch national endlich wieder spannender werden würde, auch er wünsche sich wieder packende Duelle um die Meisterschaft, so wie es sie früher mit Gladbach, später mit unserm Nachbarn oder Werder und in den letzten Jahren mit dem BVB gab.
Spötter könnten entgegnen, dass dafür das Wegkaufen der besten Spieler der innerdeutschen Konkurrenz wenig zielführend ist, aber einen diesbezüglichen Antrag zu stellen traute sich bisher nicht mal der FC St.Pauli.

Das alles also klappt, wenn man den Markt öffnet? Champions League Titel und spannende Meisterschaftskämpfe?
Eine Garantie dafür gibt es nicht. Einen Beweis dagegen natürlich auch nicht.
Aber die Zeichen aus England sind nun nicht ausschließlich Positiv, insbesondere mit dem Blick abseits der absoluten Topteams. Ein absolut empfehlenswerter Offener Brief dazu aus England erschien kürzlich bei 11Freunde.

Ist es also zielführend, wenn ein Vertreter des unumstritten führenden Deutschen Vorzeigevereins sich in einer Stellungnahme dazu herablässt, einen aktuell über 25 Tabellenplätze schlechter stehenden Verein als “mäßigen Zweitligisten” zu bezeichnen? Nur, weil man in einer demokratischen Abstimmung (deutlich) unterlegen war?
Es erinnert schon etwas an die Sichtweise der Bayern auf Schiedsrichterfehlentscheidungen. Diese gehören immer dann zum Fußball dazu, wenn sie zugunsten der Bayern ausfallen, sind andererseits aber ein Skandal wenn es mal gegen die Bayern geht.

Wie geht es weiter? weiter

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Serie: Die TV – Gelder im Deutschen Fußball, Teil 4 von 4

Die Fünf-Jahres-Wertung, wörtlich genommen

(Die ersten drei Artikel dieser Serie erschienen im Print-ÜS 124.
Teil 1, Teil 2 und Teil 3 haben wir bereits veröffentlicht, heute kommt eine ergänzende Zahlenspielerei hinzu.
Wer den ÜS gedruckt oder als PDF bestellen möchte, findet hier alles Wissenswerte.
Außerdem sei ergänzend das Rasenfunk-Tribünengespräch zum Thema TV-Rechte empfohlen.)

Letzter Teil dieser Serie, inhaltliches/argumentatives kommt heute nicht mehr hinzu, die bisherigen Artikel haben das Thema schon sehr kompetent und ausführlich aufgearbeitet, es gibt lediglich einen netten Nebenaspekt, der zu einer kleinen Zahlenspielerei führt.

Vor kurzem gab es einen Termin beim FC St.Pauli für “klassische” Medien, ebenso wie für Fan-Medien, wo etwas informell mit Andreas Rettig und Thomas Meggle geplaudert werden konnte. Rettig stellte hierbei einige Zahlen und Zusammenhänge dar, die erklären sollten, warum der FCSP entgegen landläufiger Meinung nicht in Geld schwimme und eben auch nicht auf Knopfdruck per übersichtlicher Investition den Aufstieg in Liga 1 in der nächsten Saison garantieren könne.

Ich will das gar nicht im Detail auseinanderpulen, in Internet-Diskussionen entwickeln sich “die Halstenberg-Millionen” ja inzwischen zu einem ähnlichen Mythos wie einst die “Häßler-Millionen” beim 1.FC Köln, aber zumindest einen Punkt würde ich als Zahlenspielerei gerne mal aufgreifen:

Die 5-Jahres-Wertung der TV-Gelder.

Die grobe Idee dahinter dürfte dem interessierten Leser einigermaßen deutlich sein, daher nur nochmal grob die Kurzform:
Es gibt einen großen Topf an Geld aus der Inlandsvermarktung, welcher anteilig ca. im Verhältnis 80:20 zwischen Liga 1 & 2 aufgeteilt wird. Den Schlüssel für diese Verteilung liefert jene 5-Jahres-Wertung, welche strikt getrennt für die Vereine beider Ligen ausgewertet wird. Hierbei gibt es für die Tabellenposition Punkte, welche für die letzten fünf Saisons mit absteigendem Faktor rückwirkend multipliziert werden.

Sehr viel ausführlicher und detaillierter kann man das auf fernsehgelder.de nachlesen, gleichzeitig die Quelle der gleich folgenden Zahlen.

Dem geneigten Fan ist grob bewusst, dass es in Liga 1 immens mehr Geld gibt als in Liga 2. Die sportlich erfolgreicheren Vereine bekommen natürlich ebenfalls mehr Geld, beides logisch und nachvollziehbar.

Andreas Rettig wählte an jenem Abend eine Darstellung, die dann doch etwas ungewohnt war: Er warf für die sportlichen Kontrahenten des FC St.Pauli mal die Einnahmen aus dieser Inlandsvermarktung, summiert aus den letzten fünf Jahren, an die Wand. Das sieht man so zusammengefasst sonst auch nicht.

  • Hannover 96: ca. 125 Mio €
  • VfB Stuttgart: ca. 108 Mio €
  • 1.FC Nürnberg: ca. 67 Mio €

Es folgen Braunschweig, Fürth, Düsseldorf und Kaiserslautern mit Werten zwischen 44 und 48 Mio €, ehe unser Verein auftaucht:

  • FC St.Pauli: ca. 37 Mio €

Nun ist natürlich jede Statistik nur so gut wie derjenige, der sie zu seinen Gunsten anwendet. Und natürlich bringt es Hannover 96 auch herzlich wenig für die kommende Saison, wenn man in der Vergangenheit jährlich das 3-4fache an TV-Geldern gegenüber dem FC St.Pauli bekam, da dieses Geld in großen Teilen durch höhere Gehälter und Kosten in Liga 1 auch gleich wieder investiert wurde.

Trotzdem haben Vereine, die volle fünf Jahre in Liga zwei gespielt haben, noch eine relativ geringe Streuung, wenn man dies beispielweise mit dem FC Bayern und Eintracht Frankfurt vergleicht, die  beide fünf Jahre in Liga 1 kassierten und durch ca. 64 Mio € getrennt sind. Aus Sicht der Eintracht hat der FC Bayern also grob 50% mehr alleine aus der Inlandsvermarktung der TV-Gelder kassiert.
(Jaja, hier gerne gedanklich ein Louis de Funes-GIF einsetzen…)
Und da sind weitere Einnahmen aus der Champions League ja auch noch nicht enthalten. Natürlich soll dies keine Kritik an der Situation sein, der FC Bayern hat es sich ja auch absolut verdient mehr Geld zu bekommen als Eintracht Frankfurt.
Um daher etwas mehr auf Augenhöhe zu suchen: Auch Mainz 05 hat 28 Mio € mehr erhalten als die Eintracht.

Und da ja immer so viel Wert darauf gelegt wird, wie solidarisch die 1.Liga gegenüber der 2.Liga doch ist, muss man sich immer wieder vor Augen halten, dass diese Solidarität vor Jahren nahezu eingefroren wurde: Die Einnahmen des VfL Wolfsburg sind in den letzten fünf Jahren von 16,7 Mio € auf aktuell 34 Mio € gestiegen. Bei Bayern ging es von 25,8 Mio € auf 39,8 Mio €.
Und sollte dies einer auf den gestiegenen Erfolg zurückführen: Auch der Nachbar aus Stellingen kann sich auf 26,9 Mio € statt 18,2 Mio € freuen.
Für Kaiserslautern ging es in der gleichen Zeit von 7,7 Mio € auf 9 Mio €, für den FC St.Pauli von 6,1 Mio € auf 7,6 Mio €, lediglich für damalige Liga-Neulinge wie Union oder Sandhausen sind deutlichere Zuwächse zu verzeichnen.

Und was hierbei nicht vergessen werden darf:
Es geht lediglich um die Einnahmen aus der Inlandsvermarktung, die sprunghaft gestiegenen Einnahmen aus der Auslandsvermarktung gehen (ob zurecht oder nicht sei dahingestellt) nahezu komplett an der 2.Liga vorbei und lassen die Schere immer weiter auseinander driften.

Bitte alles wertfrei nehmen, es ist lediglich die Beschreibung des Ist-Zustands.
Was bei diesen Zahlen noch beachtet werden muss:

  • Wichtigster Punkt, daher nochmal:
    Die Zahlen der Auslandsvermarktung sowie Einnahmen aus den UEFA-Wettbewerben fehlen, die Differenz zwischen 1. und 2.Liga ist de facto also noch wesentlich größer als es hier erscheint.
  • Einnahmen aus der 3.Liga und Regionalliga fehlen ebenfalls, sind aber tendenziell auch zu vernachlässigen, anteilig.
  • alle Zahlen gemäß fernsehgelder.de, manuell und nach bestem Wissen und Gewissen übertragen. Auf ähnlichen Seiten findet man ggf. auch leicht abweichende Beträge.
    Sollten Euch Fehler auffallen, Danke ich natürlich für jeden Hinweis.
  • Die unten drunter pro Saisonspalte aufgeführten Durchschnittswerte sind natürlich mit großer Vorsicht zu genießen, da hierbei die Vereine ja wild durch die Ligen gemischt werden.
  • weiter

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    Serie: Die TV – Gelder im Deutschen Fußball, Teil 1 von 4

    Unbenannt

    Seid umschlungen, Milliarden …

    Entwicklung und Verteilung der TV-Einnahmen im europäischen Vergleich

    (Dieser Artikel erschien mit zwei weiteren im Print-ÜS 124. Die weiteren Artikel sowie eine ergänzende Zahlenspielerei werden wir in den nächsten Tagen hier veröffentlichen.
    Wer den ÜS gedruckt oder als PDF bestellen möchte, findet hier alles Wissenswerte.
    Außerdem sei ergänzend das Rasenfunk-Tribünengespräch zum Thema TV-Rechte empfohlen.
    P.S.: Teil 2, Teil 3, Teil 4)

    Über das letzte Jahr hinweg gab es wenige Themen, die öffentlich und DFL-intern so heiß diskutiert wurden wie die künftige Verteilung der TV-Einnahmen. Befeuert wurden die Debatten durch die Rekordsummen, die die Premier League aus der Vergabe ihrer TV-Rechte erzielen konnte. Seit die englischen Milliarden drohen und zugleich der nächste Geldregen im eigenen Hause lockt, haben sich tiefe Gräben aufgetan, nicht nur zwischen Bundesliga und 2. Liga, sondern auch innerhalb der Ligen selbst. Während die Sorge der Bayern vor allem ihrer eigenen „internationalen Wettbewerbsfähigkeit“ gilt, beschwören Vereine wie Eintracht Frankfurt, Werder Bremen oder die Relegationsmeister aus der Vorstadt die Bedeutung der von ihnen angeblich verkörperten „Tradition“ und wollen die in barer Münze vergütet wissen. Jeder Verein will ein möglichst großes Stück vom Kuchen haben – oder zumindest verhindern, dass die Stücke der anderen noch dicker werden …

    Um die Hintergründe besser zu verstehen, lohnt der Blick in die Historie und das europäische Umfeld: Man mag es kaum glauben, aber direkt nach ihrer Gründung 1963 musste die Bundesliga für Fernsehberichte von ihren Spielen zunächst einmal bezahlen. Erst ab 1965 zahlten die Sender, anfangs knapp 650.000 DM. Bis vor dreißig Jahren hatte die Bundesliga – es gab in Deutschland noch kein Privatfernsehen – kaum nennenswerte TV-Einnahmen. Noch für die Saison 1987/88 lag der Betrag, den die öffentlich-rechtlichen Sender überwiesen, umgerechnet unter 10 Mio. EUR. Auch mit „Anpfiff“ und „ran“ dauerte es noch bis Mitte der 1990er-Jahre, bis die Schallmauer von 100 Mio. EUR pro Jahr durchbrochen wurde. Der nächste große Sprung erfolgte zur Saison 2000/01 durch den Deal mit der Kirch-Gruppe: Erstmals wurden alle Spiele im Pay-TV live übertragen und die Einnahmen stiegen auf weit über 300 Mio. EUR. Übrigens sicherten sich die Bayern schon damals mit der Drohung, aus der Zentralvermarktung auszusteigen, eine Extraportion. Kirch versprach ihnen per Geheimvertrag den Ausgleich der ihnen entgehenden, möglichen Erlöse aus der Direktvermarktung. Vereinbart war ein Gesamtvolumen von ca. 100 Mio. EUR bis 2005, von denen aufgrund der Kirch-Pleite letztlich nur etwa 20 Mio. flossen…
    Ab 2006 nahm die Bundesliga dann über 400 Mio. EUR pro Saison ein und mit dem seit 2013 gültigen TV-Deal erhöhten sich die jährlichen Erlöse aus der nationalen TV-Vermarktung auf weit über 600 Mio. EUR.

    Einnahmen und „Sozialgefälle“ der europäischen „Big Five“ im Vergleich

    Damit lag die Bundesliga, was die Einnahmen aus der Inlandsvermarktung anging, zur Saison 2013/14 ungefähr auf einem Niveau mit der französischen Ligue 1 und der spanischen Primera División, aber deutlich hinter der italienischen Serie A oder gar der Premier League, die auf dem heimischen Markt fast das Doppelte an TV-Geldern erlöste. Zählt man die Auslandsvermarktung hinzu – traditionell die Achillesferse der Bundesliga –, so war es sogar das Dreifache. In der Gesamtbetrachtung hatte dann auch die spanische Liga rund 200 Mio. mehr, die Serie A etwa 300 Mio. EUR.

    Wichtig ist ja aber nicht allein, wieviel Geld reinkommt, sondern vor allem, wie es aufgeteilt wird. Gemäß der immer sehr lesenswerten „Annual Review of Football Finance 2015“ des Beratungsunternehmens Deloitte lag das Verhältnis zwischen dem an TV-Geldern „reichsten“ bzw. „ärmsten“ Klub in der Saison 2013/14 in Italien bei 5,3:1, in Frankreich bei 3,4:1 und in der Premier League bei 1,6:1. Die Bundesliga arbeitete offiziell mit einem Schlüssel von 2:1. Das größte Gefälle zwischen den Klubs gab es bisher in Spanien, wo Real Madrid und der FC Barcelona extrem von der dortigen Einzelvermarktung profitierten und zuletzt jeweils ca. 140 Mio EUR pro Saison erlösten. Das Gefälle zwischen ihnen und den Klubs mit den geringsten TV-Einnahmen lag 2013/14 laut der erwähnten Studie bei 7,4:1.

    Die sportlichen Ergebnisse der Saisons 2010/11–2014/15 in Spanien, Deutschland und England zeigen, dass es zumindest eine gewisse Relation zwischen diesen Verteilungen und dem Liga-Geschehen gibt. Der jeweilige spanische Meister machte in diesen Jahren im Durchschnitt 2,67 Punkte pro Spiel und hatte am Saisonende 3,51 mal so viele Punkte wie der Tabellenletzte. In der Bundesliga waren es nur 2,45 Punkte und ein Faktor von 3,15. Die Premier League war am engsten beieinander: 2,39 Punkte, bei einem Faktor von 3,01. In dieser Saison, in der viele englische Vereine schon im Vorgriff auf den neuen Deal agiert haben, hat Leicester City vier Spieltage vor Schluss einen Schnitt von nur 2,15 Punkten und nur 2,5 mal so viele Punkte wie der Vorletzte, Newcastle – das in Trümmern liegende Aston Villa muss man rausrechnen. Bayern: 2,6 Punkte, Faktor 2,9 auf den Vorletzten, 3,7 auf den Letzten. Während die Premier League also womöglich noch enger zusammenrückt, entwickelt sich die Bundesliga scheinbar in Richtung spanischer Verhältnisse. Maybe money matters …

    Entwicklung ab der kommenden Saison

    Zur nächsten Saison kehrt man in Spanien nun aber nach langen Verhandlungen zur Zentralvermarktung zurück, die sogar gesetzlich geregelt ist. Das Verhältnis zwischen „reich“ und „arm“ in Sachen TV-Gelder wird auf max. 3,5:1 oder sogar noch weniger gesenkt. Durch diesen Schritt steigen die Gesamteinnahmen aus der nationalen und internationalen Vermarktung deutlich: Für die nächste Saison kann La Liga mit 1,7 Mrd. EUR rechnen. Die französische Ligue 1 fällt weiter zurück: Sie erlöst von 2016 bis 2020 national „nur“ 726 Mio. EUR pro Saison und aktuell 32,5 Mio EUR für die internationalen Rechte (ab 2018 mind. 80 Mio. EUR). Die Serie A hat noch bis 2018 über die Summe von 943 Mio. EUR abgeschlossen, kommt aber mit 186 Mio. EUR aus der internationalen Vermarktung auf etwas über 1,1 Mrd. EUR pro Saison. Die Bundesliga erlöste in der Saison 2015/16 aus Inlands- und Auslandsvermarktung zusammen 850 Mio. EUR. Nun will man zumindest Italien überflügeln: Das Ziel ist, ab 2017 pro Saison eine Milliarde Euro für die nationalen Fernsehrechte zu kassieren und die 150 Mio. EUR, die man aktuell international erwirtschaftet, weiter zu steigern. Viel Geld, und auch im europäischen Vergleich nicht schlecht, könnte man meinen. Hinzu kommt, dass die Bundesliga durch ihre hohen Einnahmen insbesondere im Bereich Werbung und Sponsoring die Einnahmenachteile im TV-Bereich bisher noch immer einigermaßen ausgleichen konnte (siehe Abb.).

    Doch wie es immer so ist: Man guckt vor allem dorthin, wo die noch Reicheren sitzen, in diesem Fall also nach England. Im Februar 2015 gab die Premier League bekannt, dass sie aus der nationalen Vermarktung ihrer TV-Rechte für die drei Saisons 2016–19 etwa 5,1 Mrd. GBP einnehmen würde. Ein Jahr später wurden die englischen Erstligisten dann informiert, dass ihnen die internationale Vermarktung zusätzliche 3,2 Mrd. GBP einbringen würde. Zu aktuellen Kursen bedeutet das umgerechnet eine Gesamteinnahme von etwa 10,4 Mrd. EUR, also fast 3,5 Mrd. EUR pro Saison, mehr als doppelt soviel wie in Spanien und ungefähr dreimal mehr, als die deutschen Vereine ab 2017 erwarten können. Unabhängig vom sonstigen sportlichen Wert des englischen Fussballs: Besser als aktuell auf der Insel kann man das Milliardenspiel nicht spielen …

    „Equal share“ oder „Einer gegen Alle“?

    Kein Wunder also, dass die Verantwortlichen in den deutschen Klubs angesichts des Premier League-Deals schnell unruhig wurden und meinten, man müsse noch einmal darüber reden, wie die TV-Gelder in Deutschland verteilt werden. Die einen – insbesondere natürlich die Bayern – sorgen sich darum, den finanziellen Anschluss an die europäischen Top-Klubs zu verlieren. Die anderen, eh schon abgehängt, fürchten um die letzten Reste ihrer nationalen Wettbewerbsfähigkeit. Beide Positionen sind durchaus verständlich, denn wie man sie auch dreht und wendet: die Decke bleibt zu kurz. Das Glück des einen ist offenbar nur auf Kosten der anderen zu haben. Könnte man meinen.

    Erstaunlicherweise ist es vor allem die Premier League selbst, die das Gegenteil vormacht. In den deutschen Medien wird die dortige Verteilung allgemein ungefähr so kommuniziert: gleichmäßige Verteilung von 50 % der Einnahmen, Vergabe von jeweils 25 % nach sportlichem Erfolg (Platzierung letzte Saison) und TV-Interesse (Anzahl der Live-Spiele letzte Saison). Diese Angaben machte bspw. auch der „Kicker“ (Ausgabe v. 22.2.2016), der die Verteilung innerhalb der Bundesliga mit 65 % Sockelbetrag und 35 % sportlicher Erfolg (letzte fünf Saisons) angab und den Sockelbetrag als den im europäischen Vergleich höchsten bezeichnete. Betrachtet man nur die Verteilung der TV-Gelder aus der Inlandsvermarktung, wäre das sogar richtig. Allerdings übersehen der „Kicker“ und andere Medien geflissentlich zwei wesentliche Aspekte: Erstens den hohen Anteil von fast 40 %, den die Erlöse aus der Auslandsvermarktung an den Gesamteinnahmen der Premier League ausmachen, und zweitens die Art, in der diese verteilt werden. Die Premier League verteilt nämlich die gesamten Einnahmen aus der Auslandsvermarktung gleichmäßig an ihre Mitglieder. Alles in allem gehen also über 69 % ihrer Gesamteinnahmen als „equal share“ zu gleichen Teilen an die teilnehmenden Vereine. Dieser „equal share“ liegt künftig bei ca. 100 Mio. EUR und sorgt dafür, dass die Höhe der an den Meister bzw. den Letzten der Tabelle ausgezahlten Fernsehgelder nur um einen Faktor von etwa 1,6 abweicht. In der Saison 2014/15 lag er sogar bei nur 1,53.

    Schaut man nun noch einmal genauer in die Bundesliga, so wurde bpsw. für die Saison 2015/16 nur ca. ein Drittel der Einnahmen aus der internationalen Vermarktung gleichmäßig verteilt: Jeder Bundesligist erhielt 2,5 Mio. EUR. Der Rest ging an die Vereine, die in den letzten fünf Jahren an den Wettbewerben der UEFA teilgenommen hatten, wobei die Höhe der Zahlung vom Klub-Koeffizienten abhing. Resultat: Bayern München erhielt 31,5 Mio. EUR aus den internationalen Erlösen und damit insgesamt fast 72 Mio. EUR aus den Fernsehgeldtöpfen der DFL. Bezieht man die internationalen TV-Gelder mit in die Berechnung ein, so liegt der „equal share“ der Bundesliga eben nicht bei 65 %, sondern bei etwa 57 %, und das Verhältnis zwischen den Bayern und den Darmstädtern, die aktuell am wenigsten TV-Gelder erhalten, bei 3,2:1.

    Die Bundesliga ist also bei genauer Betrachtung schon jetzt fast bei dem Faktor angelangt, der in Spanien künftig maximal erlaubt ist. Die Schere geht in Deutschland doppelt so weit auf wie in England und die Bayern genehmigen sich bereits jetzt ein wesentlich größeres Stück vom Kuchen, als in aller Regel suggeriert wird. Da erscheint es doch ein wenig unangemessen, wenn Rummenigge sich beschwert, dass die Interessen seines Vereins nicht genügend berücksichtigt würden, und mit der Aussage, dass die Bayern per Direktvermarktung 200 Mio. EUR erzielen könnten, die Kanonen gegen den Rest der Liga in Stellung bringt. Ob die Bayern einen solchen Schritt wirklich gehen würden, ist natürlich fraglich. Vor allem geht es ihnen – wie schon seinerzeit im Zusammenhang mit dem Kirch-Deal – wieder einmal darum, mithilfe dieser Drohung auch unter dem Dach der gemeinsamen Vermarktung soviel wie irgend möglich für sich selbst herauszuschlagen.

    Womöglich müsste man allerdings auch in München vielmehr darüber nachdenken, ob die deutlich gleichmäßigere Verteilung innerhalb der Premier League eine der Ursachen für ihre enormen Vermarktungserfolge sein könnte. Offenbar war das die Erkenntnis, zu der die Analyse des Premier League-Deals in Spanien geführt hat: Gemeinsame Vermarktung und Solidarität mit den anderen Vereinen der eigenen Liga dient mittel- und langfristig den Interessen auch der reichen Klubs mehr als eine immer weiter aufgehende Kluft zwischen „arm“ und „reich“.

    Eine Erkenntnis, die sich auch auf andere Felder als den Fussball übertragen ließe … // Slarti

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