Die Kassenrolle – Teilerfolg vs. Noch ein weiter Weg

Das wichtigste machte gestern Nachmittag recht schnell die Runde: Der Wurf der Kassenrolle im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt hat keinen Teilausschluß von Zuschauern zur Folge.

Der Vorfall damals ist in diesem Blog (und an vielen anderen Stellen)  lang und breit erzählt worden, das Unverständnis über das erste Urteil ebenso artikuliert.
Nach den ersten Forderungen des DFB Kontrollausschuß muss man den Weg des Vereins mit den erfolgten Einsprüchen als Erfolg bezeichnen: von zunächst ca. 13.000 ausgesperrten Stehplatzbesuchern über 5.800 Stehplätze bis hin zu eben Niemandem, umgewandelt in 50.000,-€ Geldstrafe.

Diese 50.000,-€ sind immer noch eine absolute Unverschämtheit für den Vorfall, auch und insbesondere, wenn man ihn in Relation zu anderen “Gewalttaten” von Fußballfans setzt, selbst in der kruden Gerichtswelt des DFB, keine Frage.
Während man aber in den letzten Jahren bei solchen Urteilen mit einem sofort ehrfurchtsvoll niederknieenden Verein rechnen musste, der dankbar jedes noch so weltfremde Urteil annahm, so hat man sich dieses Mal gewehrt und den Weg durch die DFB-Instanzen angetreten, insbesondere beim zweiten Gang auch angetrieben von sanftem Druck aus der Fanszene.
Dafür “Danke!“, denn aus Fansicht ist hier das schlimmste Urteil abgewendet worden.

Heute schob der Verein dann noch einen Appell nach.

Diese grobe Zusammenfassung ist auch schon bei Anderen nachzulesen, allerdings jeweils mit verschiedenen, lesenswert gesetzten Schwerpunkten, u.a.:

Anton Nachreiner – Justizgott

Ich möchte mich hier im Folgenden zunächst dem Herrn Anton Nachreiner widmen, seines Zeichnes Vorsitzender des DFB-Kontrollausschuß und früher mal Fußballprofi.

Inzwischen ist er nicht etwa irgendein Quereinsteiger mit Laienwissen in Rechtssprechung, sondern beendete wegen dem Jurastudium sogar seine Profilaufbahn und ist Direktor am Amtsgericht Deggendorf. (Quelle: Wikipedia)

Und als solcher gab er nun ein Rechtsverständnis zum Besten, welches einen nur noch spucken lässt:
“Wir müssen gewisse Pauschalisierungen vornehmen, sonst kommen wir unserer Arbeit nicht mehr nach. Würden wir uns in jedem Fall um alle Hintergründe kümmern, können wir den Kampf gegen die Dinge, die in den Stadien passieren, aufgeben. Eigentlich betreiben wir hier ja nur noch eine Verwaltung von Unrecht.”
[Wenigstens der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, Götz] Eilers meinte dazu in seinem Urteil: “Wir teilen nicht die Auffassung, dass Individualitäten zu vernachlässigen sind.” (Abendblatt)

Ja, wo käme man denn da auch hin, wenn man jetzt plötzlich Fallbezogen urteilt? Echt total rührig diese Story von dem Jungen, aber, wie Nachreiner ja richtig fragt: “Warum werfen Sie denn nicht zur anderen Seite?” Genau!? Das Leben kann ja so einfach sein!?
Ist schon doof, dass dieses Urteil jetzt den nächsten Lebensabschnitt des reuigen und geständigen “Sünders” ruinieren würde, wenn sein Präsident Martin Kind heißen würde, der bekanntlich nur zu gerne jede Strafe an den Verursacher 1:1 durchreichen würde; aber was kann denn  der Kontrollausschuß dafür?

Da kann man doch bitte nicht so genau hinschauen und Einzelfallbezogen urteilen!?
Sich für Hintergründe interessieren?!
Nee, das geht nun wirklich nicht. Dazu ist so ein Kontrollausschuß ja schließlich auch nicht da, sondern… naja, für irgendwas wird der schon da sein.

Solange “Gericht” auch nur entfernt etwas mit “Gerecht” zu tun haben will und solange der DFB dies für seine Verhandlungen auch nur annähernd in Anspruch zu nehmen meinen darf, ist der Herr Nachreiner sicher in seiner Rolle als Vorsitzender des DFB-Kontrollausschuß nicht mehr tragbar, wir fordern für ihn einen Teilausschluß, denn auch wir verwalten hier ja nur das Unrecht.

Bleibt nur zu hoffen, dass er ein solches Rechtsverständnis nicht auch in seinem Amtsgericht anwendet.

Und wie weiter?

Wäre die Welt immer gerecht und fair, so müsste man jetzt den nächsten Schritt gehen und die nächste Instanz anrufen. Nach meinem Laienverständnis ist die Geschichte beim DFB mit diesem Urteil durch, der Weg müsste also jetzt nach Lausanne zum Internationalen Sportgerichtshof gehen.

Wenn man die Argumentation des Herrn Nachreiner mit ins Feld führt, der ja mehr oder weniger schon “Hilfe, ich bin überfordert!” in die Journalistenblöcke diktiert hat, so dürfte dies sogar ganz erfolgsversprechend sein, in jedem Fall aber würde man einen Präzedenzfall schaffen, der den DFB dann im Zweifel zwingen würde, seine willkürlichen Urteile mal in einen festen Strafenkatalog zu packen.

Ob der Verein dazu bereit ist? – Ich glaube nicht.
Ob es sinnvoll wäre? – Ich bin mir unsicher.

Sinnvoller wäre, insbesondere nach den Meldungen der letzten Tage, dass die Vereine der (Minimum) ersten drei Ligen sich mit der DFL zusammensetzen (auch wenn die 3.Liga offiziell zum DFB gehört) und mit einer Stimme auf den DFB zugehen, im Idealfall schon mit eigenen Lösungsvorschlägen.

Im zuge dessen sollte auch die Pyro-Debatte neu aufgenommen werden, es müssen sich alle Beteiligten (DFB, DFL, Vereine, Polizei, Fans) an einen Tisch setzen und sich konstruktiv mit Lösungen beschäftigen, die eine wie auch immer geartete legale Möglichkeit entwickeln. Denn mit einem weiteren “Es ist verboten, also ist es verboten!” wird man an der bestehenden Situation (nämlich: Es wird unkontrolliert gezündelt) nichts ändern können.
Dies beinhaltet Zugeständnisse auf allen Seiten, auch bei den Fans, aber dazu waren diese ja auch bereit.

Der Appell

Der oben verlinkte Appell des Vereins ist von der Intention her verständlich und vielleicht auch dem Druck des DFB geschuldet. Schade allerdings, dass darin im besten Boulevard-Stil mit Zahlen gearbeitet wird, die im positivsten Fall in einem falschen Kontext erwähnt werden.

“Das werfen von Gegenständen und Zünden von Pyrotechnik hat den Club in dieser Saison rund 500.000 Euro gekostet.”

Soweit nicht von der Hand zu weisen, wenn man aber noch falsch frankierte Briefumschläge sowie nicht zurück gebrachte Pfandflaschen hinzunähme, wäre man vielleicht auf eine noch höhere Summe gekommen.
Will sagen: Der Pyroanteil an dieser Summe (mal gänzlich ungeachtet ihrer juristischen Berechtigung, womit wir aber wieder beim DFB wären) beläuft sich auf 2,2% (3.000,-€ für Pyro in Braunschweig sowie 8.000,-€ für Pyro in Rostock). Sie setzt sich fast komplett aus dem Spiel in Lübeck (durch den Bierbecherwurf von der Haupttribüne in der letzten Saison) und dem jetzigen Kassenrollen-Urteil zusammen, außerdem gab es noch einen weiteren Wurf eines Bechers gegen einen Schiedsrichter beim Spiel gegen Aue (8.000,-€)

Natürlich ist jede Strafe eine zuviel, dieses Hindrehen von Zahlen nach dem Motto “Was nicht passt, wird passend gemacht!” trübt aber etwas das Gesamtbild der letzten Monate. Wären es wirklich “nur” die 11.000,-€ Pyro-Strafen, wären diese kaum der Rede wert und mehr oder weniger aus der Portokasse des Vereins zu entrichten, wahlweise auch gerne auf den Kartenpreis aufzuschlagen.
Denn: Bei normalerweise ca. 408.000 Zuschauern (17 Heimspiele a’ 24.000) pro Saison (die neue Gegengerade noch nicht eingerechnet) wären dies ca. 2-3 Cent pro Einzel-Ticket bzw. ca. 50 cent pro Dauerkarte.
Ich glaube, die jährlichen Preiserhöhungen fallen in den meisten Fällen höher aus.
(Ich hatte mich hier zunächst bös verrechnet und war von wahnwitzigen 37 cent pro Einzelkarte ausgegangen…) // Frodo

 

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5 Kommentare zu Die Kassenrolle – Teilerfolg vs. Noch ein weiter Weg

  1. headnut sagt:

    Amtsrichter sind normalerweise immer Herren über Leben und Tod und haben alle ihr eigenes Landrecht. Sagt das juristische Nähkästchen. Da passt der schon sehr gut hin. Und da wird er genauso agieren… Leider (beides)

    • Frodo sagt:

      Danke… also aufpassen, wer derzeit einen Umzug plant, dass man den Ort weiträumig umzieht.

  2. Jekylla sagt:

    Also doch nach Cannes.

    • Frodo sagt:

      Cannes, Lausanne, hauptsache Italien.
      Wenn der Verein das macht, würde ich mich sehr freuen, ich verstehe aber auch wenn sie es nach Abwägung von Vor- und Nachteilen lassen und sich stattdessen nach gemeinsamen Lösungen mit den anderen Vereinen umsehen.

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