Ene mene miste, es rappelt in der Kiste

FC Kilia Kiel : FC St. Pauli 0:4 (0:0)
Tore:
0:1 Boll (54.), 0:2 Kurt (56.), 0:3 Buchtmann (88.), 0:4 Gregoritsch (89.)
Aufstellung: 1. Halbzeit: Pliquett – Nehrig, Ziereis, Kalla, Schachten – Kurt, Kringe, Thy, Maier, Rzatkowski – Nöthe
2. Halbzeit: Pliquett – Schindler, Gonther, Thorandt, Halstenberg – Boll, Kurt, Bartels, Daube, Buchtmann – Gregoritsch

Vorbereitungsspiele sind langweilig. Es fehlt ihnen der Wettkampfcharakter. Wie der Name „Testspiel“ eben sagt, wird einiges ausprobiert und die neuen Spieler sollen sich an einander gewöhnen. Warum ich mir dennoch vor jeder Saison ein bis zwei dieser Muster ohne Wert anschaue hat zweierlei Gründe. Zum ersten gilt es als Fußball-Junkie irgendwie die Sommerpause zu überbrücken. Zum zweiten bin ich jedes Jahr aufs Neue gespannt, einen ersten Eindruck der Neuzugänge zu erhaschen.

Gerade in diesem Jahr wecken unsere Neuzugänge eine lange nicht mehr dagewesene Euphorie. Schließlich schnüren mit Nehrig, Nöthe, Rzatkowski und Verhoek gestandene Profis für uns ihre Buffer. Dazu gesellen sich mit Halstenberg, Maier, Gregoritsch, Ziereis und Kurt einige hoffnungsvolle Talente.

Somit erforderte es keine große Überredungskunst meines Kumpels Björn, mich vom Besuch des ersten Auftritts unseres magischen FCs vor der Tür meiner mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Heimat zu überzeugen.

Gestern Abend ging es also gegen den aktuellen Kreisligisten FC Kilia Kiel. Der Traditionsverein aus der Landeshauptstadt strebt mit kräftiger Unterstützung einer neu gegründeten Investorengruppe und einem Kooperationsvertrag mit den Footballern der Baltic Hurricanes zurück zu altem Glanze. Denn mittlerweile haben Vereine wie der TSV Kronshagen oder die TSG Concordia Schönkirchen aus den Randbezirken oder den umliegenden Dörfern dem ehrwürdigen Klub den Rang abgelaufen.

Auf dem Weg zurück zur Nummer 2 in Kiel soll auch ein rundumerneuertes Stadion helfen, das ca. 5.000 Zuschauern Platz bietet. Ob dieses Argument dann aber einen Eintrittspreis von 22,- (!) € für einen Sitzplatz rechtfertigt, scheint auch den Veranstaltern Zweifel bereitet zu haben. Somit wurden die Preise kurzerhand gesenkt und für im Vorverkauf erworbene Tickets gab es an der Abendkasse die Differenz zurück. Trotzdem fand ich auch die 16,- € für einen Sitz- beziehungsweise 11,- € für einen Stehplatz noch recht happig. Zumal die „neue“ Kampfbahn dann auch für die erste Ernüchterung des Abends sorgte. Denn neben der alten, denkmalgeschützten Tribüne, einem hässlichen Quader, der über keine besonders ästhetischen Applikationen verfügt, standen dort drei relativ lieblos drapierte Stahlrohrtribünen – ähnlich dem Provisorium, das fast zwei Dekaden unsere Gegengerade schmückte.

Die erste Darbietung auf dem Rasen boten dann die Cheerleader der Baltic Hurricanes, die dann noch einen weiteren Auftritt in der Halbzeitpause haben sollten. Unabhängig von jeglicher moralischer Diskussion, ob es sein muss, dass Frauen mit einer sportlichen Darbietung den eigentlichen Männerwettkampf einrahmen, geht mir dieses Puschelgeschwenke zu amerikanischer Jinglemusik einfach auf den Sack.

Aber dann rollte endlich der Ball. Und damit erlebte ich die zweite Ernüchterung. Unsere Halbgötter in Braun-Weiß schienen sich einen Wettstreit zu liefern, wer den spektakulärsten Fehlpass spielen konnte oder den ansehnlichsten Schienbeinroller hinbekommt. Einzig Schachten und Kringe konnte man so etwas wie Normalform attestieren. Exemplarisch sei eine Szene aus der zweiten Spielminute geschildert, als Schnecke Kalla völlig unbedrängt einen Ball auf die Tribüne zimmerte. Junge, das Ding ist wie oben erwähnt denkmalgeschützt! Nun will ich nicht zu streng sein, schließlich hatten die Jungs vorher erst zwei- oder dreimal miteinander trainiert, aber gewisse Grundfertigkeiten erwarte ich auch in dieser Situation von einem Profi. Zur Verdeutlichung ziehe ich mal einen hinkenden Vergleich heran. Man stelle sich einen Maurer vor, der sich schützend vor seinen Kollegen stellt, weil dieser nicht in der Lage ist, den Mörtel auf der Kelle zu halten: „Gib dem man noch `n büschen Zeit, der war gerade drei Wochen im Urlaub“. Alles klar? Folgerichtig kamen wir in der ersten Hälfte nicht über einen mageren Lattentreffer hinaus und gingen mit einem enttäuschenden 0:0 in die Pause.

Sebastian Schachten vor der Dorfidylle

Sebastian Schachten vor der Dorfidylle

In der Halbzeit wurde kräftig durchgewechselt und so standen zum Anpfiff der zweiten 45 Minuten neun neue Akteure auf dem Rasen. Besser wurde es indes nicht. Wieder waren es mit Boll und Buchtmann zwei „Alte“, die wenigstens ein bisschen was auf die Reihe bekamen. Da mittlerweile auch die Gastgeber eifrig getauscht hatten und nicht mehr mit der besten Mannschaft auf dem Feld standen, fiel nach dem ersten ansehnlichen Angriff in der 54. Minute tatsächlich das 0:1 durch Boller. Zwei Minuten später erhöhte der junge, bis dahin aber eher glücklos agierende Kurt durch eine Einzelaktion auf 0:2. Danach dauerte es fast bis zum Abpfiff, ehe Buchti, wie er liebevoll von Schindi gerufen wird, und Gregoritsch den 0:4 Endstand herstellten. Begleitet wurden alle Tore von kleinen Jingles, deren schönster zum 0:3 eingespielt wurde: „Ene meine miste, es rappelt in der Kiste.“

Es ist schon erstaunlich, wie der Fußball es schafft binnen anderthalb Stunden meine Euphorie in Ernüchterung zu wandeln. Gut, es war nur das erste Testspiel und die Realität wird irgendwo zwischen diesen 90 Minuten liegen. Dennoch bedarf es bis Mittwoch einer erheblichen Leistungssteigerung, um einer handfesten Blamage zu entkommen. Denn dann wartet mit dem Husumer SV gar ein Verbandsligist.  // Troll

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