Spiele boykottieren – Polizeieinsätze bezahlen

Zwei Themen dominieren aktuell die Diskussionen unter dem Sammelbegriff “Fußballfan”. Die WM hingegen ist größtenteils abgehakt, auch wenn vorgestern ein bisschen Wehmut aufkam, als durchsickerte, dass James Rodriguez die Offerte des FC St.Pauli trotz deutlich höherer Bezüge ausschlug, um zu Real Madrid zu gehen. “Aufgrund des besseren Wetters!“, wie er unserer Redaktion mitteilte. Es gab schon schlechtere Begründungen, sei es ihm gegönnt.

Nun aber, die zwei Themen:

  1. Fanboykott

Den Anfang machte Eintracht Braunschweig, deren Ultras ihre Nicht-Anreise zu RB Leipzig mit (geforderten) kombiniertem Rudelgucken publik machten. (Das Rudelgucken wird zumindest der Verein übrigens nicht organisieren.)
Die Ultras des VfR Aalen zogen nach, harte Zeiten für den Leipziger Gästeblock.

Kann man machen, zeugt zumindest von Konsequenz.
Muss man aber nicht, es sei denn man boykottiert ebenso konsequent die Auswärtsspiele in Wolfsburg, bei Leverkusen, in Hoffenheim oder ca. so ziemlich allen anderen Vereinen in Liga 1-3, den FC St.Pauli eingeschlossen.

Ja, es gibt selbstredend Unterschiede zwischen (z.B.) uns und RBL und das ist auch gut so. Aber die Unterschiede zwischen vielen anderen Vereinen und RBL sind gering, der Sponsor ist wichtig und (zumindest bedingt) auch einflußreich, es ist nur noch ein winziger Unterschied zu RBL, welche sich lediglich mehr oder weniger geschickt an den Grenzen der 50+1 Regel entlanghangeln. Diese Regel wird zwar international geschätzt und als vorbildlich betrachtet, sie ist aber eben auch so schwammig bis interpretierbar formuliert, dass sie genug Schlupflöcher bietet. Wäre sie dies nicht, würde sie wohl vor einem ordentlichen Gericht gekippt. Martin Kind lässt grüßen.

Ist RBL also “das Böse”? Klar, kann man so sehen.
Im Gegensatz zu den drei oben genannten Vereinen aber hat man zumindest eine fußballverrückte Großstadt, in der man nach Leistungsfußball lechzt. Und in Anbetracht der erst recht kurzen Laufzeit des Projekts sind auch Stimmung und Zuschauerzahl durchaus beachtenswert.
Ist RBL also “total toll”? Natürlich nicht, im Gegenteil. Ich finde die doof. Find ich aber ca. 30 andere Vereine in Liga 1&2 auch, was mich trotzdem nicht daran hindert gerne den FC St.Pauli auf ein Auswärtsspiel dorthin zu begleiten. Und ehrlich gesagt arbeite ich mich auch lieber verbal in dieser Leipziger Arena an den dortigen Heimfans ab, als beispielsweise am Wolfsburger Tennispublikum.
(Ja, dieses YouTube-Video der RBL Capos hatte was unfreiwillig komisches. Aber würden sich mehr Gruppen trauen sowas zu veröffentlichen, würde das bei denen kaum anders sein.)

Will sagen: Ich mag RB Leipzig genauso wenig wie ich die meisten anderen Vereine im Deutschen Profifußball mag. Wäre ja aber auch blöd, wenn es anders wäre, denn die Zeit ermöglicht es einem ja meist eh nur, einen Verein (so richtig intensiv) gut zu finden. Dies bleibt für mich der FC St.Pauli, und das ist auch gut so.
Bei allen anderen Vereinen ist es mir relativ egal, wie die strukturell aufgestellt und organisiert sind. Mir ist die Form des e.V., wenn sie denn so gelebt wird, absolut sympathisch. Aber wenn es stattdessen eine AG oder GmbH oder KGaA ist, so what? Ist nicht mein Verein, die Uhr wird sich in dem Punkt nicht zurückdrehen lassen. Sollen die machen was sie wollen, ich sehe lieber zu das mein Verein ein e.V. mit Mitbestimmung bleibt, solange dies noch geht.
Und Chancengleichheit? Haha, da kann man beim FC Bayern, dem BVB und S04 im Vergleich zum (z.B.) FC St.Pauli auch nicht von reden. Und die boykottiere ich ja auch nicht. (Ebensowenig wie die Braunschweiger es taten.)

Dürfen die Braunschweiger und Aalener Fans denn aber ihre Auswärtsspiele boykottieren? Natürlich dürfen sie das, freies Land und so. Muss ich nicht richtig finden, ebenso wenig wie sie meine Meinung gut finden müssen. Braunschweig und Aalen finde ich übrigens genauso doof wie RB Leipzig, interessiert aber wahrscheinlich auch niemanden.
Meinetwegen darf RB Leipzig auch gerne gleich in die 1.Liga durchrutschen, stört mich nicht. Man kann es langfristig wahrscheinlich eh nicht verhindern. Und noch lieber sähe ich sie wieder absteigen, aber auch das gilt für Braunschweig genauso.

Nächster Boykott:
Der Fanclub Sankt Pauli Mafia fährt nicht zum Montagsspiel in Fürth. Eine gänzlich andere Nummer, ganz andere Begründung.
Der Protest richtet sich nicht gegen den anderen Verein, sondern gegen die Ansetzungspolitik der DFL. Zurecht.

Wichtigster Punkt aus meiner Sicht:
Bei der Veröffentlichung der Spielpläne hieß es vollmundig seitens der DFL, dass ja auch die Faninteressen bei der genauen Terminierung eine Rolle spielen würden.
Nun, wenn der FC St.Pauli seine bisher terminierten drei Auswärtsspiele am Freitag in Aalen (637km), Montag in Fürth (601km) und Freitag in Aue (518km) bestreiten darf, sind besagte Faninteressen wohl nicht allzu wichtig gewesen.
(Kilometerangaben von Grenzenlos St.Pauli)

Von der irgendwann mal angestrebten “300km-Regel”, nach der Spiele am Freitag und Montag (sowie im Idealfall auch Sonntag) nur zwischen zwei Vereinen stattfinden sollten, die maximal 300km voneinander entfernt sind, ist man damit zumindest schon mal weit weg. Nämlich zweimal sogar mehr als 300km, einmal nur knapp drunter.

Bringt der Boykott denn was?
Wenn es bei der SPM als einzigem Fanclub bleibt, sicher nicht.
Und wenn sich USP dem anschließt?
Auch nur bedingt, denn die Geschichte der Montagsspiel-Proteste hat gezeigt, dass es selten registriert wird, wenn man etwas NICHT tut. Und gänzlich leer wird der Block leider nicht bleiben, nur das wäre nämlich wirklich ein starkes Zeichen. Ansonsten schweigt Sport1 es verständlicherweise tot, in den anderen Medien wird es kaum erwähnt.

Selbst im Gespräch mit Fußballfans kommen dann oft Hinweise wie “Aber dann kann es doch jeder im TV sehen!” oder “Montags als Heimspiel find ich sogar toll!“.
Klar, kann man so sehen. Menschen im Schichtdienst würden sich vielleicht sogar über eine Anstoßzeit von 3.00h früh am Mittwoch freuen, ebenso der asiatische TV-Markt.
Nur: Im Fokus sollte hier immer noch derjenige stehen, der auch wirklich ins Stadion will. Sowohl Heim- als auch Auswärtsfan. Und da gilt für den Großteil eben immer noch: Wochenende rulez! Und wenn es schon nicht Samstag, 15.30h sein kann, dann ist der Freitag für die meisten eben immer noch mit weniger zu nehmendem Urlaub verbunden als der Montag.
Ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass das DSF Sport1 bei einem festen “Samstagabendspiel” deutlich schlechtere Quoten hätte als jetzt am Montag. Aber wir werden es wohl leider nicht mehr herausfinden.

Trotzdem ist der Boykott ein Zeichen. Je nach dem wie viele Gruppen und Personen sich dem Boykott anschließen, wird es mehr oder weniger eindrucksvoll, wahrscheinlich ist es aber am Ende eher ein Ausdruck der Hilflosigkeit, mit der man als Fan diesen Entwicklungen gegenübersteht.
Für’s Protokoll: Ich fahre an einem Montag eh nicht nach Fürth, mit oder ohne Boykott.

2. Polizeieinsätze bezahlen

Eine Geschichte, die einen inzwischen ähnlich langen Bart hat wie die Proteste gegen die Montagsspiele. Das Land Bremen hat also gefordert, die Vereine (bzw. die DFL) mögen doch bitte die Kosten für die Polizeieinsätze bei den Bundesligaspielen übernehmen.

Die Forderung kocht seit Jahren immer mal wieder hoch, wird dadurch aber nicht sinnvoller. Um es mal mit der populistischen Einfachheit eines Rainer Wendt zu formulieren: (Bitte entschuldige den Vergleich, @vauder)

1,4 Millionen Euro im Jahr. Sehr wahrscheinlich wird sich Bremen hierbei nicht trauen, eine Erstattung der gesamten Summe zu fordern. Aber ganz ehrlich: Wenn es dann auch “nur” noch um einen Teilbetrag gehen wollte, wie leicht wird diese Rechnung in der Luft zerrissen, indem man Gegenrechnungen aufmacht? Ein einfaches Beispiel dazu, ebenfalls von Twitter:

 

Ja, Lohnsteuer, zahlen die Arbeitnehmer, nicht der Verein, dies ist der verkürzten Kommunikation auf Twitter geschuldet. Aber ähnliche Rechnungen mit anderen “Einnahmequellen” des Bremer Finanzamts mit direkterem Bezug zum SV Werder Bremen dürfte sich jeder zusammenreimen können.

Und der Fußball bewegt derart viel Geld (und damit auch Steuergeld) nur so lange, wie er das absolute Non Plus Ultra in der öffentlichen Wahrnehmung ist. Solange er dies ist, zieht er eben auch Menschen zum Liveerlebnis an. Solange er dies tut, wird es Straftaten geben. Mal mehr, mal weniger – mal provoziert, mal nicht.
Solange es aber (wie im ersten Tweet aufgezeigt) die Polizei ist, die selbst über die Art und die Notwendigkeit des Personals und der Einsatzhärte entscheidet, ist eine Kostenerstattung kaum sinnvoll.

Der DFB hat nun ebenfalls reagiert und Bremen die Austragung des Länderspiels gegen Gibraltar entzogen. Dies klappt natürlich nur, da Bremen bisher als Einziger vorgeprescht ist. Auch wenn sich die anderen Bundesländer bisher eher defensiv äußern, bleibt es natürlich auch hier spannend, wie sich das langfristig entwickelt.

Und ein zusätzlicher Aspekt: Ich mag mir auch nicht ausmalen, was passiert, wenn die DFL bzgl. der Bundesligaspiele auf das schmale Brett kommen sollte, zu sagen:
“Mir doch egal, dann bleibt weg, wir machen das mit privaten Ordnungsdiensten!”
Ein Desaster, das wäre noch schlimmer.

Davon ab: Ähnliche Forderungen beim Oktoberfest oder dergleichen sucht man bisher noch vergeblich. (Nicht, dass sie da berechtigter wären…)

Bleibt also nur zu hoffen, dass das Thema lediglich ein Füller für das Sommerloch ist und alsbald wieder verschwindet. // Frodo

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5 Kommentare zu Spiele boykottieren – Polizeieinsätze bezahlen

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  3. goodsoul sagt:

    “Man kann es langfristig wahrscheinlich eh nicht verhindern”

    Solch ein widerlichers Argument hier zu lesen ueberrascht mich sehr. Auch wenn es wahr sein koennte 🙁

    RBL hat fuer mich eine Grenze ueberschritten und ich freue mich ueber jeden Boykott den es dagegen gibt.

    • Frodo sagt:

      Danke, das war deutlich. 🙂

      Lass es mich so formulieren: Ich sehe keinen Unterschied, zwischen dem was VW, SAP, Bayer, Audi, Telekom, Gazprom oder e-on bei anderen Vereinen tun, und dem, was RedBull hier macht. RB macht es nur “konsequenter”, also weniger heimlich, und versteckt sich nicht hinter einem angeblichen Sportsponsoring, was immer so ein bißchen nach selbstloser Unterstützung klingt.
      In diesem Zusammenhang ist auch das resignierte “kann man nicht mehr stoppen” zu verstehen. In unserer sozialromantischen Vorstellung erhoffen wir uns natürlich, dass die Spieler irgendwann wieder für St.Pauli auflaufen, weil es hier (remember Wunderelf) die beste Wurst gibt. Tun sie aber nicht, sie kommen wegen dem fünfstelligen Gehalt. Kommt das zusammen, weil wir so viel Eintritt zahlen und so schön singen? Nein, weil die Telekom (Congstar) einen guten Teil dessen finanziert. Hat Congstar bei uns Einfluß auf irgendwas? Nein, zumindest nicht unmittelbar.
      Hat die Telekom/Audi/Adidas Einfluß bei Bayern? Ja, durch die gekauften Anteile.
      Welches der beiden Modelle finde ich schöner? Unseres.
      Welches ist das Modell der Zukunft? Tja… wohl leider nicht unseres, so sehr ich es mir auch wünschen würde.
      Ist es ein großer Unterschied zwischen unserem Modell und RBL? Ja.
      Ist es ein großer Unterschied zwischen FCB und RBL? Nicht mehr so groß, RBL versteckt sein Interesse an Imagegewinn/Werbung nur nicht ganz so elegant hinter dem Schein eines vermeintlichen Sportvereins. Und noch ein Schritt mehr: Während die oben genannten Firmen (bis auf SAP) ihr Geld ausschließlich in den Lizenzspielerbereich ballern, schafft RBL Strukturen, auch für den Nachwuchsbereich.
      Klar, mit Interesse für den Lizenzbereich, ohne auch noch was für den Breitensport zu tun… Wie gesagt, weniger heimlich halt.
      Ich schreie nicht “Hurra!” über die Entwicklung, ich erfreue mich nicht am Erfolg von RBL. Aber ich bin mit 38 Jahren inzwischen wahlweise so ermüdet vom jahrelangen Kampf für Faninteressen oder eben Altersmilde geworden, dass ich RBL eher desillusioniert zur Kenntnis nehme.
      Und wenn man wirklich doch noch kämpfen will, was mir ja grundsätzlich sympathisch ist, so doch bitte lieber wie Hansa Rostock, die mit 6.000 Zuschauern da die Hölle entfachen, als die 150 Aalener, die jetzt boykottieren. Ich hoffe jedenfalls stark, dass sich USP (und alle anderen Gruppen) bei uns klar für den Rostocker Weg entscheiden. (Das ich sowas mal schreiben würde…)

  4. astro sagt:

    Spitzfindigkeit: Lohnsteuern fallen zwar beim Arbeitnehmer an, aber letztlich werden sie in der Unternehmung unter Mitwirkung des Arbeitnehmers erwirtschaftet. Letztlich stecken sie also im Block “Personalkosten” mit drin und es ist fair, auch diese als Rückfluss aus der Unternehmung an das Land zu sehen.
    Insbesondere, da einige der Hauptverdiener “alternativlos” sind: in fast allen Branchen findet ein Mitarbeiter ggf. wieder woanders einen Job, wenn Werder aufhören würde, als Profi-Club zu existieren, wären die entsprechenden Steuereinnahmen auf Dauer weg.

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