Respekt, Digga!

Dieser Artikel erschien bereits im Print-Übersteiger #117, am 22.08.2014.

Respekt! Wir alle verlangen ihn, erwarten ihn und wir reagieren meist sehr angegriffen und empfindlich, wenn er ausbleibt. Er wird in etlichen Songs thematisiert und ist Teil der Sprache einiger Jugendszene geworden. Gefühlt war er nie so sehr beschworen und gleichzeitig scheinbar so absent wie heute…..

Ob das wirklich so ist oder wie immer früher eben alles besser war, vermag ich nicht zu beurteilen. Einen respektvollen Umgang miteinander stelle ich an vielen Stellen gleichwohl derzeit halt nicht fest. Und interessant ist, dass viele Leute Respekt einfordern, jedoch meist nur den Respekt für ihre eigene Person oder ihr Tun und Denken meinen. Respekt zu GEBEN wiederum scheint unpopulärer denn je. Respekt als Einbahnstraße….

Wutbürger

Vielmehr mutet es an, dass je zynischer, brutaler, unerbittlicher und strikter, desto cooler. Menschlichkeit und Wärme zu zeigen, ist hippie. Dann bist Du Gutmensch.

Cool und lässig, schlagfertig und distanziert…. über den Dingen. So soll es sein. Was man sich an Emotionen leisten darf: Wütend sein, sich aufregen. Das gehört mittlerweile dazu. Und in der Wut sich übertreffen mit hasserfüllten und teilweise menschenverachtenden Aussagen. Männlichkeitsgehabe! Pimmelfechten!

Ob im Straßenverkehr, am Stammtisch, in Stadien, im Beruf, im Alltag, in sozialen Netzwerken und in Kommentarspalten zu Presseartikeln. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich nur nicht mehr….

Ingo Zamperoni’s Smile

Beispiele? Weisst Du noch? Halbfinale EURO 2012 in der Ukraine / in Polen? Die DFB-Elf spielt gegen Italien. Zur Pause steht es 0:2 für Italien und es kommt die Tagesschau. Ingo Zamperoni verliest die Nachrichten und wagt es, bei der Meldung zum Italienspiel, zu lächeln.

Er lächelt, sonst nichts. Grund genug für tausende von Deutschen einen Shitstorm sondergleichen gegen die ARD abzusetzen. Was der sich denn einbilde. Er soll mal Respekt haben gegenüber dem Land, in dem er lebt. Dass man aber auch ihm gegenüber Respekt aufbringen könnte?

WM 2010 in Südafrika. Die DFB-Elf tritt leider mal wieder gegen Portugal an (denen ich – wenn überhaupt –  meist die Daumen halte). Portugal verliert wie immer und hunderte von Deutschen, die das Spiel im Portugiesenviertel sahen, dort bei Portugiesen zu Gast waren, portugiesischen Vinho oder portugiesisches Sagres trinken, portugiesischen Bacalhau genießen, rennen hinterher grölend durchs Viertel und singen zur Melodie von „When the Saints…“: “Ihr seid grün, ihr seid rot, ihr seht aus wie ein Idiot!”.
Der Sieg reicht nicht, es muss eine Demütigung werden!

Passt zu Gaucho-Gate? Lächerlich… ja irgendwie schon. Diesem peinlichen Ballermann-Kapitel der deutschen National-Elf der Männer wurde wohl wirklich zu viel Bedeutung beigemessen. Und doch… nicht die Berichterstattung über den würdelosen Song ist das Phänomen, sondern die empörten Shitstorms, die sich danach an die “Lügenpresse” richten. Wären sie sachlich? Alles gut. Nein, sie sind überwiegend beleidigend und hetzen gegen die Journaille, die es wagt, “Spielverderber” zu sein. Kaum ein Posting in diversen Sozialen Netzwerken oder den Homepages der Presse, die nicht mit “Armes Deutschland” oder “Gutmenschen” und “linksgrün versiffter gleichgeschalteter Presse” beginnen oder enden. Durch “Fakt ist….” Wird belegt. Beleidigungen und empörtem Entsetzen, dass man ja nun nicht mehr den Gegner beleidigen dürfe. Übertriebene Empörung auf Seiten der Kritiker am Tanz? Vermutlich schon, aber die Reaktionen sind das eigentliche Phänomen. Man hat Jahre auf diesen Titel hingefiebert und nun ist alles dahin, weil 10 Zeitungen einen Tanz verurteilen? Wo sind Selbstironie und Humor? Mein Kurvennachbar und ein famoser Mensch, der Blogger Erik Hauth, schrieb sehr klug.

Er möchte nicht der “hässliche Deutsche” genannt werden, aber anstatt sich schön zu machen, kämpft er verbissen darum, hässlich sein zu dürfen.

German Angst

Was geht hier schief mit unserem “entspannten Partypatriotismus”? Und warum findet er nur zur WM der Männermannschaft statt? Korsos bei Europameisterschaftstitel der U19 vier Wochen später? Nix! Frauen-WM? Ist halt was für Männer, heißt es dann gerne. Goldmedaille für Dressurreiter? Schwul! Geht es um Fußball oder doch um mehr? Um Identität, Stolz und den ganzen Scheiss?

Özil ist nur dann gut fürs Team, wenn er liefert, ansonsten “wie der schon aussieht oder über den Platz trabt!”. Genauso Boateng, der mehr als nur einmal “Bruder Leichtfuß” genannt wurde. Weil er PoC ist? Führt man so etwas in Diskussionen an, kann man durchaus was erleben. Da wird man vom vaterlandsloser Gesellen zum Spielverderber (“man wird doch einmal vier Wochen Fußball gucken dürfen, ohne ständig an so etwas denken zu müssen”) oder einfach durchbeleidigt.

Man wird doch einmal im Jahr ein Arschloch sein dürfen, oder was? Will man eigentlich immer Arschloch sein, traut sich aber nicht? Ist es zum Turnier gesellschaftlich akzeptiert, weil dann so viele draußen Arschlöcher sind?

Eine Schülerin fordert beim Spiel gegen Ghana über Twitter zur Halbzeit “Hoffentlich sterben paar Schwarze mitten auf den Spielfeld an AIDS” (sic!).
Sind natürlich immer Einzelfälle. Die Schülerin hat sich authentisch entschuldigt, interessanter waren die Reaktionen. Shitstorm. Wieder! Zehntausende. Nun sei auch mal gut, das kann ja in der Spannung des Spiels mal rausrutschen. Echt? DAS?

Aber auch die Empörung über die Verteidigung der Urheberin dieses Tweets schoss deutlich übers Ziel. Bomber Harris solle mal die Kartoffeln wieder wegbomben. Wäre mal Zeit.
Bitte, was geht da schief in den Köpfen?

Ein Schland-Mob überfällt direkt nach dem Finale das Shebeen wo harmlos Fußball geschaut und gegrillt wird. Aber die Party darf nicht verdorben werden. Deshalb waren das ja nun HSV-Hools. Mit Deutschland hat das ja nix zu tun. Immer wie es gerade passt.

Patriotismus ist der kleine Bruder von Nationalismus und alle Formen von Verteidigung desselben gehen schief. Verfassungspatriot, okay. Nationalpatriot? Stolz? Der Schritt in bedenkliche Ecken ist dann schnell getan. “Dummheit und Stolz wachsen aus dem selben Holz“ sagte meine Oma. Und Omi hatte immer recht!

Übrigens: Nur weil andere Menschen von hier oder aus anderen Nationen sich nicht benehmen können, heißt das nicht, dass man das auch darf. “Aber Kevin-Tobias hat zuerst mit Matsche geschmissen!

Würde und Größe entstehen durch Disziplin und Respekt, nicht durch Copy & Paste von Scheiße. Wenn alle falsch parken, ist es nicht plötzlich erlaubt… Und wann wurde mal ein Arschloch bewundert (oh halt, Putin…)?

Kleiner Einschub: Wenn zur WM geböllert wird, ist‘s ne tolle Partynacht, im Rest des Jahres schimpfen die gleichen Idioten auf div. Ultraszenen und bezeichnen sie als “sogenannte Fans” oder “Randalierer” und ein Bengalo sind sofort “Ausschreitungen”. Mal Silvester am Hafen gewesen? Die Vögel schießen ihr Zeug direkt über Köpfe ab. Coole Party. Kein Wendt motzt.  Machen es Ultras geplant, mit Leuchtfeuerwerk und nicht Raketen oder Böllern, in ihren eigenen Reihen, in ihren Kurven, denkt wieder keiner an die Kinder.

Wo sind die Mechanismen, die uns sagen, dass man Dinge nicht tut? Wo ist das eigene Störgefühl. Was macht uns so viel Spaß, zu verletzen und Menschen abzuqualifizieren? Oder gar sie physisch zu verletzen? Wo ist die Empathie? Das was uns vom Tier unterscheidet?

Ich bin ratlos und wittere einen unfassbar großen Minderwertigkeitskomplex. Das “Wir sind wieder wer…” treibt wohl vieles um. Warum ist das so wichtig, “wer” zu sein. Ich bin doch wer, weil ich hier gerade schreibe, weil ich lebe, esse, trinke, gesellig bin und liebe. Und nicht weil andere ein Fußballspiel gewinnen, welches mein Leben nicht beeinflusst oder ich gar irgendwen oder irgendwas hasse. Immer auf der Suche, nach einem dem es besser geht und der das nicht verdient hat… Özil, Boateng, Gomez… Sind auch immer alle “überschätzt“. Die Bio-“Weißen” dagegen meist nicht so…

War es nicht das Privileg des Bürgertums, des Konservativismus, Respekt einzufordern? Disziplin und Umgangsformen? Ggf. manchmal etwas unauthentisch, aber das Gerüst gab einen moralischen Kompass mit. Ein “das macht man nicht” muss nicht immer nur restriktiv sein, es kann auch stützen. Und nun? Orientierungslosigkeit, Sarrazin, man wird doch wohl mal sagen dürfen, “Fakt ist…” und AfD-Weisheiten, die alle immer mehr in die Mitte der Gesellschaft rücken. Vor der NPD habe ich keine Angst, vor wutbürgerlichen AfDlern viel mehr. Sie höhlen unser Wertesystem aus. Ein guter Mensch ist mittlerweile ein Schimpfwort und sich selbst als  Pazifisten bezeichnende Menschen gehen als Querfront mit Neurechten für Putin demonstrieren. Ist klar!

Am meisten erschreckend ist für mich die Unerbittlichkeit, das Unversöhnliche. Als wenn riesige Verletzungen vorliegen? The good old german Angst?

Ganz brandaktuell: Nahost und Ukraine,
Da wissen wir Bescheid und interpretieren jedes Ereignis so, dass es in unser Weltbild passt. Anti-Putin. Pro-Putin, Anti-USA, Anti-Israel, Antisemitisch, Anti-Muslimisch und was weiß ich. Erstaunlich. Wirklich erstaunlich, wie wir derartig komplexe Umstände und historische Entwicklungen mal eben in Gänze erfassen können. Keine Ahnung, aber sofort ne Meinung. Und wenn Fakten kommen, die nicht passen? Propaganda!

Koalitionen aus interessanten Gruppierungen auf allen verfügbaren Seiten, die eines eint: Kein Respekt, keine Empathie. Weder vor Menschen, noch vor Themen. Der Gegner ist immer ein Monster, Vergehen der eigenen Seite sind immer Einzelfälle und im Prinzip ja verständlich, weil Kevin-Tobias schließlich zuerst mit Matsche geschmissen hat. Die sind auch sonst nie da. Kommt einem bekannt vor, oder?

Linksversifftes Zeckenpack

Und bei uns?
Da ist immer alles super. Wir sind ja die linken lustigen „Paulis“. Immer respektvoll und  moralisch. SA-Vergleiche bei der “Bullen-aus der-Kurven”-Diskussion? Unerbittlich und unversöhnlich. Die Süd bezeichnet die Cottbusser als Nazis (die haben SIEG HEIL bei uns in der Kurve hochgehalten!!) und das Stadion pfeift unsere eigenen Jungs aus? Bei der Kassenrolle? Knast wurde gefordert. Lebenslanges Stadionverbot. Wegen einer Kassenrolle, die Teil einer Choreo war! Für einen Jugendlichen, der sich selber stellte. Fast jede einigermaßen kontroverse Diskussion in unseren eigenen Foren rutscht auf bedenkliches Niveau und zu den großen Länderturnieren bekleckern sich nicht alle St. Paulianer mit Ruhm. Auch beim Davidwachenüberfall, bei, Schweinske-Cup und bei der Demo am 21.12. letzten Jahres gibt es viele aus unseren Reihen, die keine Ahnung haben, aber sofort ne Meinung. Und es wird immer fröhlicher gepfiffen, wenn das Spiel unserer Mannschaft nicht gleich tiki-taka-abgeht. Und was das “Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus” St. Pauli jüngst und immer mehr zu Verhalten in unseren Kurven äußern muss, stimmt einen auch bedenklich.

Andreas Biermann

Und ein St.Pauli-Thema mit leider aktuellem Bezug: Der arme Andreas Biermann hat nun seinem schweren Leben mit 34 Jahren ein Ende bereitet. Möge es dort, wo auch immer er ist, nun besser für ihn sein.

Wer weiß es noch? Februar 2009. Heimspiel gegen Greuther Fürth. Andreas Biermann in der Startelf. Das erste und einzige Mal in jener Saison. Schon zur Pause steht es 0:2. Biermanns Spiel ist glücklos und fehlerbehaftet. Nun folgt das, wie ich es empfand: Das Stadion sucht einen Schuldigen und findet ihn in Biermann. Es wird geschimpft, lautstark nach seiner Auswechselung verlangt und als er kurz vor der Halbzeit verletzungsbedingt (!) raus musste, sehr deutlich und betont erleichtert applaudiert.

Hysterisch? War doch ganz anders? Mag sein. Es gibt aber mindestens einen Menschen, der es so empfand. Mich.

Wer schließt aus, dass es noch einen zweiten gab? Und wer schließt aus, dass dieser zweite vielleicht ausgerechnet Andreas war? Wer schließt aus, dass solch ein Verhalten von sonst so treuen Fußballfans ein Mosaikstück auf seinem Weg zu der aktuellen tragischen Entwicklung war? Dass wir ihn nicht stützten? Dass wir den Erfolg über Menschlichkeit stellten? War es so? Haben wir Schuld? Beantworte Du!

Und denk daran, wenn jemand die Mannschaft auspfeift oder mal wieder Kalla beschimpft. Wir wissen nicht, wie diese Menschen das aufnehmen. Muss ich Mitleid haben mit einem “mehrfachen Millionär, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat?” Na klar. Remember Biermann oder Enke. Weil es Menschen sind. Muss ein Arbeits- und Obdachloser vor Dir keinen Respekt haben? Für ihn bist Du der Millionär!

Was will ich sagen: Sei Dir bewusst, was Du tust, wenn Du Menschen beschimpfst und abqualifizierst!

Face the Facts

Aber man wird doch noch… Ja, seine Meinung darf man natürlich sagen. Erst recht bei uns. Man darf auch diskutieren und auch leidenschaftlich oder gar grimmig. Aber bewertet werden sollten die Aussagen von Menschen und ihre Handlungen, nicht der Mensch an sich. Und schon gar nicht Menschengruppen. Der Italiener, der sich immer hinschmeißt, der Pole, der immer klaut, der arrogante Franzose etc. Nicht mal im Spaß!!

Sind alle Muslime an Al Quaida oder Hamas schuld? Sind die meisten Deutschen dann auch schuld, was die USA machen? Oder Russland? Sind schließlich alles Christen.

Was bin ich? Ab wann bin ich Deutsch? Meine Vorfahren sind Hugenotten, also Franzosen, die durch den ollen Fritz vor 300 Jahren nach Pogromen in Frankreich nach Preußen rein gelassen wurden. Wenn die in Deutschland viel, viel länger lebenden Juden für Israel verantwortlich sind, muss ich jetzt hoffen, dass François Hollande keine Scheiße baut, weil der Mob dann mich beschimpft? Oder gilt das nur für Juden und Muslime?

Wir fordern immer gerne Differenzierung und …eben Respekt, wenn es um uns geht. Wir müssen ihn aber auch geben. Dann verdienen wir ihn.

Don’t judge a book by it’s cover

Bewerten wir das, was ist und nicht das, was das Monster in unseren Köpfen draus macht. Bewerten wir immer nur Worte und Taten. Und wirklich nur diese. Ganz pur. Und interpretieren diese nicht um dann beleidigt zu sein über unsere eigenen Gedanken.

Fragen wir nach, wie etwas gemeint ist. Immer wieder. W-Fragen (Wieso? Wie genau soll das gehen? Wie stellst Du Dir das vor? Was passiert dann?). Nachfragen. Nicht lospoltern! Die mit den kruden Gedanken entlarven sich beim Nachfragen meist selber sehr schnell, verheddern sich und machen sich lächerlich. Solche Aussagen dann stehenlassen. Die sprechen für sich selber. Beurteilen wir erst dann, wenn wir verstanden haben. Und das Verstehen bereichert. Wir haben dann weniger Streit!

Respekt bedeutet, sich in andere Personen und ihre Sichten der Dinge hineinzuversetzen. Das muss nicht immer gelingen, aber der Versuch ist nicht nur nett, sondern auch bereichernd, denn man lernt etwas und sieht viele Dinge aus anderen Perspektiven und letztendlich dann auch viel entspannter.

Ich kann es auch noch nicht, aber ich versuche es. Ich möchte nämlich irgendwann ein Humanist sein. Ein Gutmensch.

Forza St. Pauli – Wir sind die Guten! // Mirco

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10 Kommentare zu Respekt, Digga!

  1. Respekt scheint man sich offensichtlich nur noch über Leistung oder Härte verdienen zu können. Das ist nicht nur ein Trugschluss sondern gefährlich. Respekt sollte sich aus sich selbst heraus begründen und ähnlich der Menschenwürde bedingungslos für jeden gelten. Insgesamt fehlt es im gesellschaftlichen Diskurs an Differnezierung und der Bereitschaft unterschiedlicher Standpunkte und Interpretationsmöglichkeiten ins eigene Weltbild zu integrieren. Ich halte diesen Trend für wenig überraschend, da viele Leitmedien genau dieses Verhalten vorleben. Nicht ohne Grund hat der Programmbeirat der ARD die Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt scharf kritisiert. Es geht eben nicht darum, dem Leser die Basis für eine Meinungsbildung zu liefern, sondern darum bestimmte Paradigmen und Lesarten zu propagieren. Warum sollte das beim Sport, speziell bei der WM anders sein? Das Bild von der fröhlich feiernden Partygesellschaft wird in allen Facetten gemalt und propagiert. Alles was nicht passt wird halt nicht berichtet. Fatal, denn so kommt es gar nicht erst zu einer Debatte über korrektes Verhalten von Fans und Spielern. Im Gauchogate-“Skandal“ gab es meines Erachtens nur zwei Lesarten: Scheißegal oder Katastrophe. Grautöne suchte man meist vergebens. Das ist doch exemplarisch. Respektvoll sollte man sich auch der Wahrheit gegenüber verhalten und die ist halt meist komplexer als man denkt. Nur wenn man seinem Gegenüber im Diskrus mit Respekt begegnet und dessen Sichtweisen ernst nimmt, wird man sich ihr nähern können.

    I.d.S.

    Jonny Jonas

  2. omenanto sagt:

    GROSSARTIGST !!!

  3. schoessow sagt:

    Respekt für diesen Text. Ich reise beruflich sehr viel durch die Welt und habe auch so meine Schwierigkeiten alles zu verstehen. Jetzt bin ich gerade in Kairo und habe mehrere Stunden über Mursi, IS usw. diskutiert. Langsam weiss ich nicht mehr was richtig und falsch ist. Trotzdem glaube ich auch, dass der Respekt ein wichtiges Mittel ist um die Welt richtig zu verstehen.

    Denkt mal an den Abschuß der MH 17 über der Ukraine. Warum wissen wir nicht was passiert ist? Ich bin sicher alles wurde auf irgendwelchen Awacs Kameras aufgezeichnet. 300 unschuldige Menschen sind tot und uns wird nicht erzählt wer dafür verantwortlich ist. Das zeigt mir nur, dass wir genauso Spielball unserer Propanda sind wie alle anderen.

  4. Mary Hörny sagt:

    … das ist das Beste, was ich seit langem gelesen habe – meine Hochachtung!

  5. Michael Diekert sagt:

    Respekt, Digga!

  6. Eva sagt:

    Wer Özil und Boateng kritisiert ist Rassist?

    Meine Güte, merkst du nicht, dass das Blödsinn ist?

  7. Toby sagt:

    Guter Artikel. Dass es v.a. die Spalter sind, die fatalerweise in der Öffentlichkeit größtenteils den Ton angeben, ist wirklich ein Problem, das nicht oft genug angesprochen werden kann. Doch kein Kommentar ohne ABER. Du sprichst u.a. folgende Situation aus der letzten Saison am Millerntor an:

    “Die Süd bezeichnet die Cottbusser als Nazis (die haben SIEG HEIL bei uns in der Kurve hochgehalten!!) und das Stadion pfeift unsere eigenen Jungs aus?”

    Es ist nicht völlig klar, aber ich interpretiere Deine Worte so, dass Du der Meinung bist, die Beschimpfung der Süd Richtung Gästefans war OK, die Pfiffe dann aber ein Beispiel für fehlenden respektvollen Umgang.
    Da kann ich nicht zustimmen. Für mich war die respektlose Aktion bereits, den gesamten Gästeblock, der ja vorher klar adressiert wurde, mit “Nazischweine” zu beschimpfen. Ich habe dann “buh” Richtung Süd gerufen (kann leider nicht pfeifen 🙁 ), da ich sagen wollte: “Bullshit!” Natürlich müsste das differenzierter diskutiert werden (und ich bin mir sicher, dass die anschließenden Forensdiskussionen, welche ich mir grundsätzlich erspare, von allen Seiten gruselig geführt wurde), aber das ist in der Situation im Stadion einfach erstmal nicht möglich. Wenn jemand scheiße erzählt, ist es für mich OK, zu antworten (oder die Antwort zu erhalten), “Alter, Du laberst scheiße”. Solange ich damit nicht den/die Menschen an sich abqualifiziere, sehe ich darin auch noch kein Zeichen fehlenden Respekts. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass z.B. im Anschluss gleich “USP raus” oder so etwas skandiert wurde. Für mich ging es einzig darum, mitzuteilen, “Das war ein Scheißspruch von Euch”. Wie jetzt die Motive der anderen, die gepfiffen haben, aussahen, kann ich natürlich nicht sagen. Da waren sicher auch die üblichen Nasen mit dem Weltbild “Südkurve = USP = scheiße” -> “Hurra, ich kann endlich mal wieder meinen Unmut gegen die loswerden!” dabei. Ich schließe aber nicht aus, dass die
    Pauschalisierung aus der Süd auch manch anderen und vielleicht sogar gar nicht so Wenige unter den Pfeifenden genervt hat.

    “Aber bewertet werden sollten (…) schon gar nicht Menschengruppen.”
    “Sind alle Muslime an Al Quaida oder Hamas schuld?”

    Verallgemeinerungen wie “die Italiener”, “die Franzosen” und “die Afrikaner” sind also schlecht.
    Aber DIE Cottbusser haben schließlich bei uns in der Kurve nen Nazispruch hochgehalten (wie schlimm das ist, wird v.a. durch die gleich 2 Ausrufezeichen verdeutlicht). Wohlgemerkt war das eine Gruppe von Cottbus-Fans zwei Jahre zuvor. Und die anderen Cottbus-Fans sind natürlich mitschuldig, also irgendwie auch Nazischweine?
    Damit kann ich absolut nichts anfangen. Bei St. Pauli wird einfach ebenfalls von zu vielen gerne pauschalisiert. Gerade beim Blick Richtung Osten der Republik hört man von so manchem St. Pauli-Fan ganz schön Gruseliges. Ebenfalls Cottbus-Fans waren übrigens 2009 schonmal zu Gast. Als ein bisschen Pyro aus dem Gästeblock geflogen kam (nicht cool, aber auch nichts Wildes) kamen zu den üblichen Pfiffen auch noch “Nazis raus”-Rufe. Hatte zwar keinerlei Zusammenhang mit dem gerade Geschehenen aber bei den Ossis wird das schon seine Berechtigung haben, scheinen sich viele gedacht zu haben.
    Die Antwort der respektvollen, differenzierten St. Pauli-Fans auf Fanszenen, in denen rechtsextreme und andere problematische Gruppen Einfluss haben, sollte in meinen Augen nicht sein, “Scheiß Hansa Rostock” und “Cottbusser Nazischweine” zu brüllen. Viel schöner fände ich es, wenn sich z.B. linke Hansa-Fans der Solidarität der St. Pauli-Fans sicher sein könnten, was ich aber derzeit bezweifel. Stattdessen können sich Erstere am Millertor darauf einstellen, mit den anderen in einen Topf geworfen zu werden.

    Du schreibst selbst, dass es auch unter den St. Pauli-Fans unschöne Entwicklungen und Äußerungen gibt. Dennoch hielte ich es für falsch und auch nicht weiter hilfreich, jetzt den Auswärtsblock von St. Pauli pauschal als “homophobe Sexisten” zu beschimpfen (z.B. an der AJK 😀 ).

    Wie schon geschrieben, dennoch ein guter, wichtiger Artikel. Ich schließe auch mit Deinen schönen Worten:
    “Wir fordern immer gerne Differenzierung und …eben Respekt, wenn es um uns geht. Wir müssen ihn aber auch geben.”

    • Mirco sagt:

      Hallo Tobi, vielen Dank für Deine Einwürfe. Achillesferse meines Kommentars erkannt und reingestochen. 😉

      Da gibt es gute Argumente für diverse Sichten. Ich erkläre Dir gerne meine.

      Ich bin heute jedoch ein bisschen in Zeitnot, werde aber gerne in den nächsten Tagen eine replique liefern. Bis dahin bitte Geduld. Liebe Grüße Mirco

      • Max sagt:

        Ich danke dir, Mirco, für den inspirierenden Artikel und Toby für die – meiner Meinung nach sehr berechtigten – Einwände. Schwarz-Weiß denken und das runterbrechen auf simple Parolen, die man nachgröhlen kann, sind nicht ausschließlich die Probleme von Wutbürgern etc., sondern auch bei uns vorhanden.

        Ein großer Teil (hier muss ich natürlich auf meine begrenzte Möglichkeit, alles zu überblicken hinweisen), der während der WM für die Mannschaft des DFB war, hat das – in meiner persönlichen Wahrnehmung – mit Anstand und Respekt für den Gegner gemacht. Das Problematische an Massenphänomenen ist halt immer, dass diejenigen, die sich nicht Verhalten und ihre ideologische Gülle, bzw. ihr Machoverhalten an den Tag legen, von den Anderen nicht angegangen werden, weil sie ja die gleichen Farben tragen. Und das macht diese Ereignisse und den von dir angesprochenen “Partypatriotismus” so gefährlich.

        Dass es bei uns auf der anderen Seite einige Leute gibt, die jeden, der für das DFB-Team die Daumen drückt, Nationalismus vorwerfen, ist aber ebenso respektlos. Genauso wie die grundsätzliche Stigmatisierung Ostdeutschlands, die in einigen Köpfen bei uns leider immernoch vorherrschend ist (bitte nicht auf die Cottbus-Geschichte beziehen!). Auch das Verhalten gegenüber Schiedsrichtern, die nach meinem Empfinden immer häufiger Ausgepfiffen werden (wo ich mir Beispielsweise selbst an die Nase packen muss!) und sich Geschmacklosigkeiten anhören müssen, müssen wir überdenken.

        Ich glaube nicht, dass das “Forza St. Pauli – Wir sind die Guten!” aus dem Grund richtig ist, dass unsere Positionen und Handlungen einwandfrei sind, sondern weil wir versuchen, uns, und unser Umfeld in ihren Handlungen und Denken positiv zu beeinflussen.

        Es wird vereinzelt immer negative ausfälle geben – auch bei uns -, aber nur weil das so ist, müssen wir uns damit nicht zufrieden geben. Je häufiger wir die Augen aufmachen, und schlechtes nicht einfach so hinnehmen, desto stärker sind wir auf dem Weg zum “guten Menschen”, auch wenn mir der Begriff nicht gefällt, da er eine Überlegenheit gegenüber anderen symbolisiert, die ich für mich selber ablehne.

        Insgesamt zeigt dein Artikel – was mich sehr froh macht -, dass es in unserem Umfeld Leute gibt, die den Kopf auch beim Fußball nicht ausschalten und auch zu Selbstkritik und !wirklichen! Diskussionen, die mehr sind als das an den Kopf werfen von Beleidigungen, fähig sind.

        Danke dafür, auf 3 Punkte gegen Union, diggi =)

        ps. Ich geh mit diesem Kommentar natürlich nur auf einen Teil deines Artikels ein. Mit den Dingen, auf die ich nicht eingehe, bin ich komplett einverstanden. Ich schreibe dir das so, weil für mich kritische Kommentare häufig so wirken, als würde man den ganzen Artikel kritisieren, was ich doof finde, weil ich ja nicht nur Sachen kritisch kommentieren will, die ich komplett ablehne.

  8. Mirco sagt:

    Kurz zu Eva: Weder ich noch irgendein Kommentator schrieb das, was Du unterstellst. Das hat auch mit mangelndem Respekt zu tun, wenn man Menschen Dinge unterstellt und Aussagen verkürzt, damit sie ins eigene Weltbild passen. So verkauft Sarrazin Bücher und die AfD gewinnt Wahlen.

    Und nun zu Euch anderen: Ja, Tobi, ich kann Deiner Argumentation richtung der Ereignisse um das Cottbus-Spiel gut folgen. Ich verstehe auch, dass man diese Auffassung haben kann.

    Ich selber hätte mir ggü. den Cottbussern (zu denen komme ich gleich noch) eine intelligentere Aktion gewünscht. Diese war schlicht und – tatsächlich – pauschalierend. Es war aber keine andere da. Ich hatte auch kein Transpi vorbereitet und viele wussten oder wissen ggf. gar nicht, wie schlimm die Fanszene in Cottbus war und streckenweise noch ist. Somit blieb nichts außer Nazischweine. Das ist schwach, ironiefrei und ein bisschen unter unserem Niveau. Sich dann aber durch Pfiffe gegen die Süd mit einer sehr rechtsoffenen Fanszene quasi zu solidarisieren, weil diese von der Süd (nicht nur USP) verbal angegangen wird, ging mir auch zu weit. Mein Mitleid mit den Cottbussern hält sich in Grenzen.

    Ich möchte etwas plakativ Mann zitieren: Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt

    In Cottbus herrschte eine Dekade lang die offen rechtsradikale Gruppierung Inferno. Von Verein oder Fanszene passierte nichts. Regelmäßig tourten die durch die Republik und ihre politisch eindeutigen Banner verschandelten diveres Stadien. Ich habe keine Distanzierung erfahren oder spätere Entschuldigungen, nachdem der gesamte Gästeblock Sieg Heil auf Doppelhaltern in unserem Stadion hoch hielt. Es wurde mindestens gedulded, vielleicht sogar klammheimlich begrüßt (jetzt unterstelle ich). Zumindest passierte nichts…. Erst als der Druck von außen immens wurde, ließ sich der Verein zu einem Verbot von Inferno hinreißen. Der Druck kam jedoch nicht von innen.

    Und daher: Ja, es werden ggf. auch die falschen von uns als Nazischweine bezeichnet worden sein. Aber die meisten, die es da nun erwischte haben mind. geschwiegen, toleriert oder gar gutgeheißen, dass offene Nazis in ihren Reihen machen konnten, was sie wollten. Ursache und Wirkung. Wir tolerieren solche Leute um der Toleranz willen?

    Daher entscheide ich mich bei einem Theme wie Nazis dann auch dafür, dass als Ausnahme mal incorrect gehandelt werden darf. Frei nach Mann! Ich verstehe aber andere Haltungen, halte sie aber für gefährlich. Keine Toleranz der Intoleranz.

    Wer jahrelang so etwas wie Inferno duldet, ist ein Mittäter!

    Wer übrigens auf Schland steht, ist kein Nazi. Zumindest nicht automatisch. Völlig richtig, Max.

    Und wer heute noch wirklich den Osten als automatsich rechts tituliert, hat sich mit Fussballfanszenen und unseren eigenen Freundschaften nicht beschäftigt:

    Babelsberg
    Roter Stern Leipzig
    Chemie
    als Beispiele….

    Hinzu kommen Mannschaften wie Aue oder Union, wo nicht alles passt, man sich aber meist respektvoll begegnet (bei Union zuletzt nicht so schöne Tendenzen). Auch ggü Dresden gibt es sehr viele differenzierte Ansichten innerhalb unserer Szene.

    Zu den Bösen gehören eben Cottbus und auch Rostock, Lok oder Chemnitz, aber auch Aachen, Braunschweig, Mannheim oder Essen. Und mit wie vielen Ostvereinen hat man einfach ein ganz normales Verhältnis. Bspw. Jena oder Magdeburg damals zum Aufstieg. Völlig ohne Emotionen. Da sehe ich mittlerweile ga nicht mehr so viele Menschen bei uns, die den Osten in Bausch und Bogen verdammen. Aber das ist wohl auch Wahrnehmung.

    Ich danke Euch beiden und allen anderen für das sehr schöne Feedback. Bedeutet mir wirklich viel. Ich kann mit einem solchen Kommentar auch aufgrund von Längenlimitierungen eines Printprodukts nicht alle Aspekte abdecken und einiges gerät naturgemäß zu kurz oder kann nicht in die absolute Detailitiefe abtauchen. Ich sage auch niemandem, was er zu tun oder zu lassen hat. Wir sind alle erwachsen und entscheiden selber. Handeln hat aber Folgen und als Erwachsener muss ich mit den Folgen leben oder Handlungen eben lassen. Mehr bei sich mal gucken und nicht immer, ob andere Schuld sind. Und ich werden noch 10000 DInge falsch machen, de ich hinterher bereue. Aber wenn ich das tue und einen Diskurs darüber führe, dann sindwir die Guten. Und Gut meine ich, Toby, hier wirklich im Besten Sinne für gut und nicht sich über andere stellend. Wenn man sich das zumindest vornimmt, ist schon viel gewonnen….

    In dem Sinne allen einen schönen Feiertag

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