hsv, Werder, FC St.Pauli – die große Einheit?

Anm. der Redaktion: Dieser Text erschien am Wochenende bereits in unserer Ausgabe 119. Leider gab es hierbei einen ärgerlichen Fehler: Wir haben unserem Präsidenten, Oke Göttlich, folgenden Satz in den Mund gelegt: “Investoren finden wir auch nicht uncool.” Tatsächlich sagte er: “Sponsoren finden wir auch nicht uncool.”
Tja, der Teufel steckt im Detail und natürlich ist die Aussage eine gänzlich andere. Hierfür bitten wir um Entschuldigung.
Hier nun die überarbeitete Version, mit dem korrekten Zitat.

 

Clubs, Kunden, Investoren – wohin geht der Profifußball?“, unter diesem Titel hatte Mitte Februar die TAZ zu ihrem monatlichen Salon ins Schanzenviertel  eingeladen. Auf dem Podium saßen Dietmar Beiersdorfer (HSV), Marco Bode (Werder Bremen), Christian Brehm (Rote Kurve Hannover) und Oke Göttlich.

Ausgangspunkt der Diskussion zunächst auf dem Podium war die Frage, wie sich die Liga zu den Werksvereinen (Leverkusen, Wolfsburg), den von Unternehmen gepushten 2.Liga-Clubs wie Ingolstadt (Audi) oder RB Leipzig (Red Bull) und Investoren à la Hopp (Hoffenheim) und Kind (Hannover) verhalten sollte.

Dietmar Beiersdorfer bezeichnete sich als „Fußball-Romantiker“, der die Raute im Herzen trage, andererseits müsse man an Geldmittel rankommen, um der weltweiten Konkurrenz, besonders aber der englischen Premier League etwas entgegenzusetzen. Angesichts der Tatsache, dass er als Sportdirektor für Red Bull Salzburg und bei Zenit St. Petersburg tätig war, nahmen ihm die meisten ZuhörerInnen den Romantiker nicht ab. Es war bei ihm eher die Enttäuschung, angesichts des sportlichen Niedergangs nicht mehr (Stichwort: After Eight) bei den ganz Großen mitzuspielen, die ihn veranlasste davon zu sprechen, dass es schwierig sei, Geldmittel aufzutreiben. Sein Romantikerherz wird von Kühne bezahlt, der den Namen des Stadions für vier Jahre kauft und es wieder in Volkspark-Stadion umbenennt. Beiersdorfers Aussage, man müsse den Fußball allen offenhalten, gilt besonders den Investoren; die Vereinsmitglieder haben keinen Einfluss mehr, die Fans blieben zum Teil auf der Strecke, wie er angesichts des Auszugs der Fangruppierung „Chosen Few“ zugeben musste.

Marco Bode erschien da schon ehrlicher. Als Nachfolger von Willy Lemke gab auch er den Sozialdemokraten, der sich für einen sozialen Kapitalismus (in Bodes Worten: soziale Marktwirtschaft) aussprach. Deswegen könne er sich vorstellen, dass Werder auch viele kleinere Investoren ins Boot holen könne. Die Nachfrage aus dem Publikum, ob es ein Genossenschaftsmodell sei, überging er mit einem Lächeln. Auch der Name „Weser-Stadion“ sei nicht unbedingt tabu, auch wenn er momentan dank eines langfristigen Sponsors (EWE: regionales Stromunternehmen) gesichert sei. Werder hatte übrigens schon 2003 seinen Profibetrieb ausgegliedert in die SV Werder Bremen GmbH & Co. KG aA, auf die der Gesamtverein aber tendenziell Zugriff hat. Angesichts des wirtschaftsschwachen Einzugsgebietes von Werder konnte Bremen auch in seinen besten Jahren Bayern und anderen Vereinen in der 1.Liga nicht finanziell das Wasser reichen. Durch gutes Scouting und entsprechende Nachwuchsarbeit konnte der Verein von der Weser jahrelang an der Spitze der 1. Bundesliga mithalten. Mit diesem Image eines Davids spielte er sich in die Herzen der Fans, die ihm auch in schlechten Zeiten die Treue hielten. Angesichts des finanziellen Aufrüstens der Mateschitzs, Hopps sowie großer Unternehmen, musste Bode eingestehen: „Manchmal bin ich ratlos, wie es mit Werder in dieser Situation in der Bundesliga weitergehen soll.

Hörgeräte-Präsident Martin Kind von Hannover 96 gab sich in dieser norddeutschen Elefantenrunde nicht die Ehre. Stattdessen bekannte sich Christian Brehm von der Roten Kurve, Hannover 96 Supporters Club, resignierend dazu, dass er die Spiele der 1. Mannschaft nicht mehr besuche, sondern zur U23 gehe. Kind verweigere den Fans jegliche Mitbestimmung und werde 2017 – ähnlich wie Hopp jetzt – Hannover 96 übernehmen mit der Ausnahmeregelung für langjährige Investoren zur 50+1-Vorschrift.

Wer nun dachte, dass sich Oke deutlich gegen Beiersdorfer und Bode positionierte, sah sich getäuscht: „Sponsoren finden wir auch nicht uncool.“ Man würde bei der Auswahl der Sponsoren darauf achten, dass sie zum FCSP passen, wie Congstar (ohne den Namen allerdings zu nennen), der zwar Tochterunternehmen der Telekom, aber eben nicht Marktführer sei. Das Marktprofil des Unternehmens und das von St. Pauli müssten zusammenpassen, nicht Platzhirsch, sondern aufstrebend. Dass Sponsoren und Verein zusammenpassen müssten, dem stimmten auch Bode und Beiersdorfer zu. Bei Werder kam es allerdings beim Einstieg vom Massentierhalter „Wiesenhof“ zu deutlichen Fanprotesten; der Umweltbotschafter Werders, Jürgen Trittin, trat zurück: „Lebenslang Grünweiß – kein Tag Wiesenhof“. Da Werder aber teilweise seine Sponsorenrechte an den Sport-Vermarkter Infront (Chef: Philippe Blatter, ein Neffe des FIFA-Präsidenten) abgegeben hat, waren die Möglichkeiten des Vereins sehr begrenzt.

Beim Organisationsmodell eines Fußballclubs sprach sich Oke nicht eindeutig für das Vereinsprinzip aus. „Das Modell des HSV ist demokratischer als das Vereinsmodell von RB Leipzig.“ Ich weiß nicht, ob es an seiner Grippe lag, die unseren Präsidenten dazu brachte, statt unser Mitbestimmungsmodell für Mitglieder zu propagieren, Cholera und Pest miteinander zu vergleichen (und sich dann für die Pest zu entscheiden). Immerhin warnte er vor einem weiteren Fortschreiten des Investorenmodells, an dessen Ende ein „Closed Shop“ stehe, wie in amerikanischen Profiligen, in denen der Investorenschutz keinen Abstieg mehr vorsehe.

Was hat der Verband mit unserem Wettbewerb vor?“ fragte Oke und sprach sich deutlich gegen eine weitere Aufweichung der 50+1 Regel à la Hoffenheim und bald Hannover aus. Einigkeit herrschte auf dem Podium auch, als unser Präsident den Modus der bisherigen Verteilung der Fernsehgelder nach Tabellenstand kritisierte. Die Reichen wie Bayern werden noch reicher, Neuaufsteiger haben finanziell das Nachsehen, er schlug ähnlich wie Beiersdorfer ein Modell vor, in dem die Einschaltquoten/Akzeptanz durch Fans die entscheidende Rolle spielt.

Zu Plänen der DFL angesichts der finanziellen Chancen auf dem internationalen Markt den Spiel“tag“ weiter auszuweiten, nahm Oke keine Stellung, vermutlich entweder weil Europa momentan kein Thema für den FCSP ist oder weil der 2.-Liga-Spieltag schon Montagsspiele kennt.

Die Diskussion um Investoren, Profifußball und Verein waren damit zwar für den Abend beendet, sie muss aber dringend auch bei uns weitergeführt werden. // arne

 

Kommentar eines Profi-Romantikers

Ich selber bin in den 50er und 60er Jahren mit der Oberliga Nord groß geworden. Zwar gab es auch dort gelegentlich Spielerwechsel, aber wenn man sich für einen Verein entschieden hatte, blieb man dort, zum Broterwerb ging man alltags einem Beruf nach, Fußball war eine Feierabendbeschäftigung. Die Trikots waren keine Werbeartikel und veränderten sich über Jahrzehnte kaum. Fußball-Romantiker trauern diesen Zeiten immer noch nach. Ich kann sie gut verstehen, und manche ehemaligen St.Pauli-Fans haben die Konsequenzen gezogen und besuchen jetzt die Spiele von Altona 93 in der Oberliga Hamburg, wo sich auch andere Traditionsvereine wie Victoria oder BU tummeln.

Doch wenn ich hochklassigen Fußball sehen will, dann komme ich um den bezahlten Fußball nicht herum, dann muss ich mich auch als Linker den Gesetzen des Kapitalismus unterwerfen. Insofern hat Oke natürlich recht, wenn er davon spricht, auch der FC St. Pauli finde Sponsoren nicht uncool. Mir ist es ebenso zu wenig wie sein Spruch vom passenden Marktprofil zwischen Sponsor und Verein. Denn selbst der Kapitalismus bietet gewisse Spielräume. Ähnlich wie der Verein sich eine Stadionordnung gegeben hat, die deutlich Position bezieht, erwarte ich auch ein entsprechendes Committment für den Umgang mit den Sponsoren. Eine Druckerei, die auch Naziflyer druckt, taugt eben so wenig als Sponsor wie Unternehmen, die soziale Standards umgehen oder an Kinderarbeit verdienen. Hier müssten soziale und ökologische Kriterien formuliert werden, die den Geist des Vereins widerspiegeln. Dazu würde auch gehören, dass wir unsere Markenrechte nicht an Vermarkter abtreten, denn dies birgt die Gefahr, dass wir – ähnlich wie Werder – einen Sponsoren à la Wiesenhof aufoktroyiert bekommen.

Gleichzeitig sollten sich die Fans und Vereinsmitglieder noch stärker in Angelegenheiten der DFL einmischen. Das Modell der Vergabe der Fernsehgelder gemäß dem Motto „Die Reichen werden noch reicher!“ muss einem Vorschlag weichen, in dem die Traditionsvereine stärker berücksichtigt werden. Ebenso muss sich der Verein zusammen mit seinen Fans gegen eine weitere Aufsplitterung des Spieltages aus Geschäftsinteressen an Fernsehrechten aussprechen. Schon jetzt stehen sich bei Freitags- und Montags-Spielen Kommerz und Fan-Interessen diametral gegenüber. Welcher Fan geht noch ins eigene Stadion oder fährt gar zu Auswärtsspielen, wenn es der DFL gefällt für chinesische Kooperationspartner Spiele um 8.00 Uhr morgens anzupfeifen, weil es dann in China 15.00 Uhr ist. Die Vision vom durchkommerzialisierten Fußball ohne Fans nur für Kunden und Investoren ist nicht die unseres Vereins. // arne

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