Futbol vs. Alzheimer

In einer der letzten Rasenfunk-Episoden (ab 2h13m43s) sprach man am Ende über eine Aktion, die mir sehr gut gefällt und die vielleicht auch in Deutschland etwas mehr Aufmerksamkeit verdienen würde.

Futbol vs Alzheimer, von der spanischen Zeitschrift Libero.

Kurz zusammengefasst: Man bringt bei Alzheimer-Patienten mit Fußball-Bildern aus ihrer Vergangenheit ein paar schöne oder zumindest interessante Erinnerungen zurück.
Etwas ausführlicher könnt Ihr das in diesem Video nachempfinden:

In jener Rasenfunk-Episode wurde anschließend nach den Momenten in der eigenen Fankarriere gefragt, an die man sich selbst vielleicht im Alter (im Idealfall: gerne) zurückerinnern würde. Und natürlich auch dann, wenn man nicht an Alzheimer erkrankt ist.

Vielleicht hilft dieser Artikel, das Projekt bekannter zu machen, vielleicht fand ich auch einfach nur die Idee schön, mir selbst meine eigenen Erinnerungen auszumalen.
Ich will hier auch keine Stöckchen verteilen, aber wenn der Ein oder Andere diesen Beitrag aufgreift und schreibt, an welche Momente er selbst sich einst erinnern möchte, so würde mich dies natürlich freuen.

Also: Hier meine Top 3 – Erinnerungen an Fußball-Momente.
(Stand März 2016)

Top 3) – Die magischen Minuten von Barcelona

Hier landet tatsächlich ein Moment außerhalb des Stadions.
Es geht um den 26.Mai 1999, der Ort des Spiels ist Barcelona, das Camp Nou. Es war das Finale der Champions League, Manchester United FC und der FC Bayern München trafen aufeinander.
Ich war zu dieser Zeit Fan/Sympathisant/wasauchimmer von Manchester United, da ich in den Jahren zuvor zweimal bei einem Austausch des Werder-Fanprojekts mit Leeds United teilgenommen hatte und in diesem Zusammenhang ein Heimspiel von ManUtd eben das erste Spiel war, welches ich live auf der Insel sehen durfte.
Coca-Cola Cup, irgendeine frühe Runde gegen Bright & Hove Albion. Old Trafford. Beeindruckend, bleibend.
Eric Cantona spielte noch bei Leeds, wechselte dann aber bald zu ManUtd. Ich las über die Busby Babes, besuchte das Vereinsmuseum und war zu dieser Zeit auch ziemlich beeindruckt von der in England schon damals vorhandenen Merchandise-Palette.
Die letzte Meisterschaft war Ewigkeiten her.

So wurde ich dann, aus meiner Sicht naheliegend, Mitglied beim “German Reds”-Fanclub, Vereinsmitglied, sammelte Loyalty Points (um an Tickets für Topspiele heranzukommen) bei Spielen wie bei Sturm Graz oder ähnlichen Touren.

Für das Finale in Barcelona bewarb ich mich natürlich auch um Karten, “Aussichtslosigkeit” war aber (zurecht) selten treffender definiert worden und mein Budget im 3.Lehrjahr ließ es dann auch nicht zu, einfach nur so dort hin zu fliegen.

Dementsprechend sammelte ich “Mit-Sympathisanten” um mich, beneidete die Fanclub-Mitglieder die Tickets bekamen und wählte als Ort der Spielverfolgung meinen damaligen Lieblings-Pub im Bremer Steintor.
Ich war früh genug da um zumindest noch einen mittelprächtigen Stehplatz zu erhalten, das Spiel wurde dann auf Riesen-Leinwänden übertragen.

Und natürlich sind es die letzten Minuten, die bei Bayern-Fans noch heute Schmerzen verursachen, bei mir damals aber natürlich ungläubigen Jubel auslösten. Um es mal vorsichtig zu formulieren: Der Pub explodierte.

Und auch, wenn Personenkult beim FCSP eher nicht so hoch gehalten wird und Fangesänge in England nicht mehr das Niveau von früher haben sollten, so sind es doch immer noch zwei eher profane Gesänge, die ich von diesem Abend in Erinnerung habe:

Who put the ball in the Germans net? Ole Gunnar Sjolskjaer!” und ein schriftlich eher langweiliges aber umso inbrünstiger vorgetragenes
Ooooooooooooooh, Teddyteddy – Teddyteddyteddyteddy SHERINGHAM!“.

Danach ereilte mich dann irgendwann das Schicksal des Erfolgs, denn United wurde erfolgreicher und erfolgreicher, doch mit Erfolg kann ich als Fan nicht so richtig umgehen.
Doch noch heute beobachte ich den Verein natürlich mit Sympathie, auch wenn mein Herz nicht mehr wirklich dran hängt.
Trotzdem waren diese wenigen in Minuten in Barcelona, die ich aus großer Entfernung verfolgte, ganz sicher ein Highlight meiner Fankarriere.

Top 2) Der Kutzop-Elfer & Die Sportschau-Konferenz

Wo Licht ist, ist auch Schatten, erneut ist der FC Bayern beteiligt.
Ja, jenes “Plock” an den Pfosten an einem Dienstag Abend im April 1986 im Bremer Weserstadion, als Michael Kutzop den SV Werder zur Meisterschaft schießen hätte können.

Tat er nicht – und bekanntlich kam es noch schlimmer, denn Werder verlor am 34.Spieltag dann doch noch die Meisterschaft. Ich war zehn Jahre alt, für eine Fahrt zum Auswärtsspiel nach Stuttgart noch zu klein und die Sportschau hatte eine Konferenzschaltung “re-live” angekündigt. Der neueste heiße Shice damals, nannte nur eben noch niemand so.
Und während ich den ganzen Tag in meinem Zimmer die Zeit totschlug und 18.00h herbeisehnte, betrat irgendwann nach 17.15h meine Mutter das Zimmer und begrüßte mich, wenig einfühlsam, mit den Worten “Na, Vizemeister?”
Selten war ein verzweifelter Schmerzensschrei meinerseits lauter und überraschter gewesen.
Aber: Aus Schmerzen lernt man, auch dieses Erlebnis war sicher prägend für meine Fankarriere.
(Übrigens habe ich dieses Trauma schon einmal etwas ausführlicher im Blog zu verarbeiten versucht.)

Top 1) UEFA-Cup Finale in Sevilla: FC Porto – Glasgow Celtic FC

Und abschließend ist auch mein Top 1 – Erlebnis (sportlich) ein eher trauriges, denn es endete mit einer Niederlage.

Und doch war diese Tour ganz sicher ein Erlebnis, welches so lange an Eins bleiben wird, bis der FC St.Pauli dann doch mal ein Europapokalspiel erreichen wird.

Wir hatten uns relativ früh im Wettbewerb um Finalkarten in Sevilla gekümmert, zu diesem Zeitpunkt noch im Glauben, Liverpool könnte es schaffen. Doch Liverpool scheiterte an Celtic und tatsächlich wurde dann wahr, was wir uns kaum zu erträumen gewagt hatten: Celtic kam ins Finale – und wir waren dabei.

Die Celtic-Fans bekamen für ihren Auftritt später sogar den Fair-Play-Award von UEFA und FIFA und “The Bhoys from Seville” wurde ein eigener Wikipedia-Eintrag und sogar ein eigener Film wurde darüber gedreht (Teil 1 auf YouTube).
80.000(!) sollen in Sevilla gewesen sein, wohl bis heute die größte Auswärtsfan-Zahl bei einem Vereinsspiel. Und es passten ja nur ca. 52.000 Zuschauer ins Stadion, einige davon ja auch für den FC Porto.

Es war einfach nur unglaublich.
Am Tag vor dem Spiel gaben “Charlie & the Bhoys” ein Konzert in einem Park und wir trafen ein paar ältere Herren, von denen einer ein Plastik-Känguru auf den Schultern trug. Wie sich herausstellte, kamen sie tatsächlich aus Australien und waren ohne Tickets angereist. Und wir… ja, wir hatten Tickets in der Tasche.
Doch für die Jungs war das auch gar kein Thema. Hier dabei zu sein, sagten sie, sei ein absolutes Highlight, ganz unabhängig von Tickets.

Das Erlebnis im Stadion war dann ebenfalls fantastisch, drei Viertel strahlten in grün-weißen Hoops, die Tore von Henrik Larsson lösten Gefühlsexplosionen aus – und am Ende hat es dann leider doch nicht gereicht.

Es gäbe noch tausend Dinge mehr, die man von diesen Tagen erzählen könnte – doch an dieser Stelle beende ich das, um auf ein Format hinzuweisen, was ein ganz ähnliches Ziel wie dieser Blogpost verfolgt und wo ich all dies zu diesem Spiel schon einmal in Worte gefasst habe, im Gespräch mit Andreas Thies bei “Das Spiel meines Lebens” auf meinsportradio.de. // Frodo

P.S. Es fehlen die St.Pauli-Momente?
Ja, natürlich.

  • Der Aufstieg gegen Homburg, inkl. Platzsturm und Angst den Aufstieg zu verlieren
  • Der Aufstieg in Nürnberg
  • Der Aufstieg in Fürth
  • Der Derbysieg am 16.Februar 2011
  • Weltpokalsiegerbesieger
  • Die Bokal-Serie

Ich hätte mich schwer getan, diese Erlebnisse in ein Ranking zu bringen.
Aber sollte ich mich im Alter irgendwann an Fußballmomente zurückerinnern wollen, so gehören auch diese ganz sicher dazu.

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Eine Antwort auf Futbol vs. Alzheimer

  1. Stefano sagt:

    Hallo, mein Lieber! Erstmal danke für diesen Artikel und dann danke für das oben eingebettete Video, welches ab 6:13 min. meinen Lieblingsjubel von Arjen Robben zeigt. War ein toller Abend, im Old Trafford! 😉

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