Mäßiger Zweitligist trotzt Branchenprimus

Am Donnerstag machte eine Meldung die Runde, die in den meisten Medien mit dem Zusatz „Überraschung“ versehen wurde:
Die DFL-Mitgliederversammlung (= bestehend aus den Vereinen der 1. und 2.Liga) spricht sich für die Beibehaltung der „50+1-Regel“ aus.

Diese Meldung wurde (zurecht) in den sozialen Netzwerken gefeiert und darf ganz sicher als „Schritt in die richtige Richtung“ gesehen werden, wie es der Präsident des FC St.Pauli, Oke Göttlich, formuliert.
Leider ist es in der heutigen Zeit ja oft schwierig, mehr als nur die Überschrift zu vermitteln – und so ging dann oft unter, dass dies natürlich kein Sieg für die Ewigkeit ist, sondern nur der Beginn einer neuen, wohl aber zielgerichteten und hoffentlich konstruktiven Diskussion, wie „50+1“ für die Zukunft sinnvoll und Rechtssicher aufgestellt werden kann. Eine „Grundsatzdebatte“ soll folgen.

„Dennoch müssen wir uns natürlich Gedanken machen, wie wir zukünftig die Regel rechtssicherer machen. Auch dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen und die zukünftige Entwicklung nicht ignorieren.“
Andreas Rettig

Nun wurde diese Meldung eben oft verkürzt, es gab einige gute und auch weniger gute Kommentare dazu, aber eigentlich hätte man nun konstruktiv nach vorne blicken können.
Wäre da nicht… tja, der Branchenprimus aus München, der nun am allerwenigsten Sorgen um die eigene Wettbewerbsfähigkeit haben sollte.
Karl-Heinz Rummenigge gab dem Kicker ein Interview, welches für das erwartbare Echo sorgte:

„Es befremdet mich, dass ein Zweitligist, der nach meinem Kenntnisstand noch nie in einem europäischen Wettbewerb mitgespielt hat (der FC St. Pauli, d. Red.), auf einmal nicht nur eine so prominente, sondern auch dominierende Rolle einnimmt.“
Kicker

Vorab: Auch nach unserem Kenntnisstand spielte der FC St.Pauli noch nie in einem europäischen Wettbewerb. Und wir bedauern dies sehr.

Ansonsten zeigt dieses Zitat ein sehr eigenes Demokratieverständnis, kennt man sonst so fast nur von Horst Seehofer & Co.
Ein Antrag auf einer Mitgliederversammlung, eingebracht von einem Mitglied, angenommen von 18 der 34 Anwesenden, bei nur vier Gegenstimmen.

„Ich habe grundsätzlich kein Problem mit der 2. Liga. Sie ist Bestandteil der DFL. Die Zweitligisten müssen sich nur etwas realistischer einschätzen.“
Süddeutsche Zeitung, 1.Dezember 2015

Wer hat’s gesagt? Der Kalle, natürlich. 2015 schon, seitdem gärt es wohl in ihm.

Warum genau aber ist denn der FC Bayern so hinterher, eine Änderung der bestehenden Regel herbeizuführen? Die nationalen Meisterschaften gibt es im Abo jetzt meist schon im März oder April, in der Champions League läuft es auch (den Titel dort kann man eh nie garantieren) und auch das Verkaufen von Anteilen an Audi, Adidas und die Allianz stellte ja bisher kein großes Problem dar.
Okay, die internationale Wettbewerbsfähigkeit, mal wieder.

Wenn dieses doofe 50+1 endlich weg ist, werden der BVB, Schalke, RaBa und viele andere endlich zu voller Größe aufgehen und sich nicht mehr von Teams aus weniger einflussreichen Ländern aus der Champions League schmeißen lassen?
Und im ausführlicheren Interview im Print-Kicker äußert Rummenigge dann auch noch die Hoffnung, dass es dann auch national endlich wieder spannender werden würde, auch er wünsche sich wieder packende Duelle um die Meisterschaft, so wie es sie früher mit Gladbach, später mit unserm Nachbarn oder Werder und in den letzten Jahren mit dem BVB gab.
Spötter könnten entgegnen, dass dafür das Wegkaufen der besten Spieler der innerdeutschen Konkurrenz wenig zielführend ist, aber einen diesbezüglichen Antrag zu stellen traute sich bisher nicht mal der FC St.Pauli.

Das alles also klappt, wenn man den Markt öffnet? Champions League Titel und spannende Meisterschaftskämpfe?
Eine Garantie dafür gibt es nicht. Einen Beweis dagegen natürlich auch nicht.
Aber die Zeichen aus England sind nun nicht ausschließlich Positiv, insbesondere mit dem Blick abseits der absoluten Topteams. Ein absolut empfehlenswerter Offener Brief dazu aus England erschien kürzlich bei 11Freunde.

Ist es also zielführend, wenn ein Vertreter des unumstritten führenden Deutschen Vorzeigevereins sich in einer Stellungnahme dazu herablässt, einen aktuell über 25 Tabellenplätze schlechter stehenden Verein als „mäßigen Zweitligisten“ zu bezeichnen? Nur, weil man in einer demokratischen Abstimmung (deutlich) unterlegen war?
Es erinnert schon etwas an die Sichtweise der Bayern auf Schiedsrichterfehlentscheidungen. Diese gehören immer dann zum Fußball dazu, wenn sie zugunsten der Bayern ausfallen, sind andererseits aber ein Skandal wenn es mal gegen die Bayern geht.

Wie geht es weiter?

Zielführender wäre es natürlich gewesen, den Blick nach vorne zu richten und sich konstruktiv Gedanken zu machen, wie es denn jetzt konkret mit „50+1“ weitergehen soll.

Welche Maßgaben sind erhaltenswert?
Welche sind davon auch Rechtlich sauber durchzuhalten?
Wo braucht es Absprachen innerhalb der Liga, mit Verbänden (UEFA & FIFA)?
Wo stößt man evtl. mit EU-Recht aneinander?
Wie muss man zukünftig mit aktuellen Ausnahmen (Leverkusen, Hoffenheim, Wolfsburg) umgehen?
Wie kann man de facto vorherrschende kreative Umgehungen (RaBa) vermeiden?
Wie ist der Einfluss von Investoren (Ismaik, Kühne) so zu beschneiden, dass diese nicht alleine schon durch die Drohung vom Ziehen des Steckers über Wohl und Wehe des Vereins entscheiden und dann eben doch direkten Einfluss haben?
Wie geht man mit dem großen Thema „Football Leaks“ um, wie mindert man den Einfluss von Spielerberatern und verhindert so einen viel größeren Schaden pro Verein, als es die Mitgliederführung alleine je könnte?

Alles Fragen, auf die es so schnell keine und wohl erst Recht keine leichte Antwort geben dürfte. Aus diesem Grunde wurde ja auch die Grundsatzdebatte beantragt und jetzt hoffentlich angestoßen.

Bleibt zu hoffen, dass auch Karl-Heinz Rummenigge sich jetzt mal wieder etwas beruhigt und dann zum konstruktiven Teil übergeht.
Für den Anfang könnte er die taz lesen, alles weitere wird sich dann mit der Zeit ergeben, hoffentlich. // Frodo

P.S.: Der Verein hat sich zu Karl-Heinz Rummenigge jetzt auch in einer Stellungnahme umfassend geäußert:

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