24.Spieltag (H) – Arminia Bielefeld und das Süd-Dilemma

FC St.Pauli – Arminia Bielefeld 0:1 (0:1)
Tor: 0:1 Giovanni Federico (33.)
Gelb-Rot: Florian Lechner (90. +3)
Zuschauer: 19.901 (ausverkauft)

Es ist Dienstagmittag, zwei Tage nach dem Spiel. Doch die Zeit zum sacken lassen wollte ich dem Wochenende erst mal geben. Nachdem ich ja für Kaiserslautern einen 3:0 Auswärtssieg voraus gesagt hatte, den ich mir mehr selbst einreden wollte als wirklich dran zu glauben, war ich hingegen wirklich absolut sicher, dass wir die Arminia besiegen werden und sich die Mannschaft für das mehr als unglückliche 0:1 im Hinspiel revanchiert.

Hat nicht sollen sein, stattdessen gab es nahezu eine Kopie des Hinspiels, doch dazu in ein paar Absätzen mehr.

Beginnen würde ich gerne mit dem eigentlichen Aufreger des Wochenendes: Dem Dauerkarten- Saisonkartenverkauf für die Südkurve. Wer jetzt fragend die Augenbrauen hoch zieht, kann hier noch mal alles zum Konzept der Süd nachlesen: http://www.ab-in-den-sueden.org/suedkurve.html
Und wer darüber nichts mehr lesen will, scrolle weiter bis zum nächsten Fettdruck.
Das wichtigste:

  • Es gibt kein Vorkaufsrecht (Ausnahme für DK-Besitzer aus der alten Süd)
  • Es gibt 2.000 Saisontickets (first come, first serve)
  • Um sich überhaupt anstellen zu können, muss man im Vorfeld einen Zettel aus dem Fanladen oder der Süd abgeholt haben
  • Dann gibt es einen Termin rund um ein Heimspiel, der früh genug bekannt gegeben wird, an dem dann jeder auftauchen muss, Bestellungen gibt’s nicht.
  • Wenn man an dem Termin nun unaufschiebbares vorhat (Australien-Urlaub, eigene Hochzeit, sonstiges) steht es natürlich jedem frei, einen Vertreter zu schicken, auf dessen Namen dann allerdings auch die Karte läuft. (Dieser Punkt steht so natürlich nirgends, ergibt sich aber logischerweise beim drüber nachdenken.)
  • Darüber hinaus gibt es dann zu jedem Heimspiel 600 Einzeltickets

Das System gibt es seit vorletzter Saison, der Vorverkauf damals konnte noch alle Interessenten befriedigen. Klar war, dass es dieses Jahr enger werden würde, nicht zuletzt dank dem sportlichen Erfolg der Mannschaft und der Chance auf die erste Liga. Man kann jetzt sicher den ein oder anderen Punkt an diesem System bemängeln, doch ein faireres System gibt es zumindest meiner Meinung nach nicht.
Der ein oder andere mag sich fragen, warum es kein Vorkaufsrecht für bisherige „Dauerkarten“inhaber gibt, daher ein kurzer Exkurs in meine Interpretation dieser Bedingung: Es handelt sich um eine „selbstverwaltete“ Kurve. Der Fanladen und USP verwalten die Kartenverteilung und haben daher auch das Recht, diese Bedingung aufzustellen. Mag wie gesagt komisch klingen, ist aber historisch gewachsen, denn hier sieht man die direkte Folge des Lerneffekts aus Block 1, formerly known as Singing Area. Dieser Block wurde anfangs auch vom Fanladen verwaltet, als vor zig Jahren einmal die Stimmung immer schlechter zu werden drohte. Es sammelte sich fortan ein sangesfreudiges Völkchen geballt dort oben und sorgte für immens besseren Support… ausgestattet mit Vorkaufsrecht. Ich habe selbst auf genug Block 1 Versammlungen gesessen und mitdiskutiert, schon nach 2-3 Jahren regte sich der erste Protest gegen immer mehr Schweiger, die da oben nur die Vorzüge der Sitzplätze genossen, sich aber (auch dank zunehmendem Alter oder Verlagerung des eigenen Blicks auf das Fandasein) eben mit der Zeit etwas ruhiger verhielten als am Anfang und den Support immer mehr wieder dem Stehplatzbereich der Gegengeraden überließen. Doch diese Einsicht hatten die wenigsten und selbst wenn, wollte man eben den eigenen Komfort (Stehen, überdacht, Gelegenheit kurz vor Anpfiff zu erscheinen oder auch jederzeit problemlos Bier holen oder aufs Klo gehen zu können. Folglich hatte sich die Singing Area irgendwann selbst überlebt, die Luft war raus, Support musste wieder von woanders her kommen.

Um gleiches zu vermeiden geht es nur ohne Vorkaufsrecht. Jedes Jahr wieder muss der-/diejenige an einem Tag im Jahr einen (gehörigen) Mehraufwand leisten und sich recht früh am Stadion einfinden, um die Karte für die neue Saison zu erhalten. Klar, damit ist nicht sichergestellt, dass es sich ausschließlich um MeistersängerInnen und Leute die „abgehen“, wie USP so gerne schreibt, aber es ist zumindest eine Möglichkeit, die diejenigen belohnt, die den größten Einsatzwillen zeigen. So weit, so gut.
Ich selbst habe für mich irgendwann die Konsequenzen aus Block 1 gezogen und sitze nun schon seit einigen Jahren bequem (und immer noch sangesfreudig) im Block 2 und werden dieses auch ganz sicher nicht mehr verlassen, solange die Gegengerade noch steht. Also kann ich relativ emotionslos einen Blick auf das werfen, was sich am Samstag dann zugetragen hat.

Die ersten völlig verrückten standen wohl schon am späten Freitagnachmittag an, der Startschuss sollte wohlgemerkt am Samstag um 12.00 Uhr erfolgen. Es sollte sich herausstellen, dass man bereits um spätestens 08.00 Uhr in der Schlange stehen musste, wenn man noch eine Karte bekommen wollte. Wäre ja okay, nur leider ist das nur die halbe Wahrheit, denn viele Leute hielten Plätze für Freunde oder gar ganze Freundeskreise frei, die sich dann mehr oder weniger schamlos in die Schlange reindrängelten. Das darf natürlich nicht passieren, doch die Frage ist ja, wie man das vermeiden will? Ein ähnliches Problem gab es ja bereits beim Verkauf der Karten für das Pokalspiel bei Werder. Und hier zeigt sich sicher auch, dass es sich bei der Fanszene St.Paulis eben nicht um die heile Welt handelt, sondern um ein Spiegelbild der Gesellschaft, die eine gewisse Ellenbogenmentalität erfordert und Dreistigkeit oft siegen lässt. Wünschenswert wäre sicher gewesen, die Schlange hätte hier sich selbst reguliert und die „Drängler“ rausgeschmissen, nur leider lässt sich das an der heimischen Tastatur dann sicher leichter formulieren als in der Realität umsetzen, je nach Gruppengröße.
Ich finde das Konzept der Süd und auch das komplette Procedere der Kartenvergabe nach wie vor richtig und gut, und ebenso bin ich mir sicher, dass es für diese Problematik im nächsten Jahr von der Organisationsgruppe eine Lösung geben wird. Sei es ein „Abstempeln“ der Zettel morgens um 09.00 Uhr oder etwas Ähnliches. Bitter und scheiße für die, die Samstag anstanden, keine Frage. Für die, die die Schuld daran aber alleine bei USP und Fanladen suchen, sei gesagt, dass auch genug USPler sich ganz brav anstellten und dann leider leer ausgingen. Und natürlich sind nicht alle 2.000 Neu-Südler jetzt drängelnde Unmenschen, wie man einigen Diskussionen auf Stammtischniveau bereits entnehmen konnte.
Nicht zu vergessen bei der ganzen Diskussion: Das Hauptproblem bei der ganzen Geschichte bleibt das mangelnde Kartenangebot bzw. die hohe Nachfrage… und da kann keiner was für.

Wer sich dazu einen Blog durchlesen möchte, in dem eine der vergeblich Anstehenden schreibt, dem sei der SantaPauli Blog empfohlen, auch wenn ich inhaltlich teilweise anderer Meinung bin. Eine andere (und mir inhaltlich nähere) Sichtweise gibt es am Anfang des Blogs des Fanclubs Breitseite. Alternativ kann man sich natürlich auch dem völligen Wahnsinn des St.Pauli Forums hingeben, wo es ab Seite 21 los geht und die Diskussion natürlich wie immer bei solchen Themen schnell aus dem Ruder läuft.

Gut, dann wäre da noch das Spiel gegen Bielefeld. Wie schon gesagt, dumm gelaufen. In der ersten Hälfte eigentlich ein klassisches 0:0. Bielefeld mit ein-zwei kleinen Chancen, wir ebenso, mit dem Unterschied das deren Ding eben drin war. In Hälfte zwei dann ein deutliches Chancenplus bei uns und das gute alte „Der Schiri ist Schuld!“-Spiel.

Nach Ansicht der TV-Aufzeichnung muss ich zumindest teilweise Abbitte leisten, die Note 1,5 für den Schiri kann ich allerdings nicht teilen. Zum einen hätte ein Handspiel von Pavel Fort zum Elfer führen müssen (ein weiteres Handspiel war sicher keine Absicht) und zum anderen hätte Mijatovic nach dem Bodycheck an der Mittellinie gegen Sako zwingend Orange sehen müssen. Wie sagte doch mein geschätzter Kollege „Hollywood“: „Wenn der das mit Naki macht, steht der nie mehr auf… aber so ein Kickboxer wie Sako schüttelt sich eben einmal und dann geht’s weiter!“ Ob man da jetzt gelb oder rot ziehen muss, ist sicher diskutabel, aber gar keine Karte?! Unfassbar… und spätestens bei dem Foulspiel an der 16er-Linie gegen Richie Sukuta-Pasu, wo er dann wirklich die gelbe Karte bekommt, wäre er dann geflogen. Dieses Foul war übrigens wirklich außerhalb des Strafraums, also ebenfalls kein Elfer. Die gelb-rote gegen Lechner war dann lt. Kicker „hart, aber vertretbar“, wobei dann eine Oscar-Nominierung für den Bielefelder zwingend in die gleiche Einschätzung gehören müsste. Insbesondere für Lelle tut es mir furchtbar leid, denn neben Boll war er einer der Besten an diesem Tag, sehr schade. Aber ob nun vertretbar oder nicht: Es geht einfach gar nicht, dass nach dem Spiel Gegenstände auf den Schiri geschmissen werden. Umso schlimmer, wenn dies mehrheitlich aus der ach so erwachsenen Gegengeraden kommt, die sonst ja immer gern verächtlich die „USP Kiddies“ belächelt. Benedikt Pliquett lief vor dem Schiri und den Regenschirmen her, aber die lieben Herren Vollbesoffskis scheinen nicht mal ihn erkannt zu haben. Arschgeigen! Mal ehrlich, was soll so was? Wird er das Spiel noch mal anpfeifen, wenn er getroffen wird, weil ihm dann die Erleuchtung kommt? Kann man als erfolgreicher Werfer am Montag in der Schule / vor den Kollegen / in der Mensa / auf dem Arbeitsamt onanieren und zeigen, dass man den Größten hat, weil man den Schiri erwischt hat? Arm, ganz arm. Man kann nur diverse Dankesbotschaften an die Unfähigkeit guten Zielens und die Ordner mit den Regenschirmen schicken, dass da nichts Schlimmeres passiert ist. Und noch mal: Ich schreie auch gerne und laut und bepöbel den Schiri nach Kräften, dass gehört sicher zum Spiel dazu.., aber mit Gegenständen werfen ist nun echt Schwachmatentum hoch zehn, dass sollte inzwischen eigentlich jedeR begriffen haben.

Bleibt abschließend der Blick auf die sportliche Zukunft: Logga bleiben! Man kann nicht erwarten, dass wir da verlustpunktfrei durch die Saison marschieren. Unterm Strich hat die Mannschaft bisher zweimal klar die Grenzen aufgezeigt bekommen, beides Mal gegen Lautern. Alle anderen Spiele waren im Großen und Ganze okay, und genauso wenig wie wir nach den 5:0 und 4:0 Siegen in Aachen und Karlsruhe schon aufgestiegen waren, haben wir den Aufstieg jetzt durch die zwei Niederlagen verdaddelt. Es sind noch zehn Spiele, wir haben drei Punkte Vorsprung, da sollte man die Kirche mal im Dorf lassen.

Klar, neun Punkte auf Bielefeld nach dem Spiel wären schöner gewesen, aber ist halt nicht so. Sonntag bei den Löwen kann man den nächsten Schritt machen, doch selbst bei einer erneuten Niederlage wäre man immer noch Dritter… die Ausgangssituation würde man sich anderswo gerne wünschen, nachzufragen in Cottbus, Aachen, Karlsruhe und… genau, auch in Bielefeld! Der Verlust von Platz Zwei ist sicher schade, aber zum einen kann der Dusel von Ausgburg nicht ewig halten und zum anderen will ich eh lieber Relegation spielen, ich steh auf so was! // Frodo

P.S. Und bei der ganzen Aufregung fast vergessen: Scheiß Wetter zum ÜS-verkaufen!!! Hefte gibt es noch im Fanladen zu erwerben, eine kleine Vorschau ist hier online.

P.P.S. Ein Hamburger Boulevard-Blatt schrieb wohl davon, dass die eigenen Fans das Team ausgepfiffen hätte, sogar während des Spiels… keine Ahnung wo Stefan Krause (den ich ansonsten sehr schätze) das gehört haben will. Für mich war die Stimmung einigermaßen gut und von Pfiffen gegen das eigene Team hab ich nun wirklich gar nichts mitbekommen, höchstens gegen den Schiri und die zeit-schindenden Bielefelder.

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