Gegengerade – Filmkritik II

Wir hatten direkt nach der Premiere in Saarbrücken schon mal eine Kritik hier im Blog, außerdem im ÜS 102 auch eine im Heft.
Da erstere den (durchaus interessanten) Blick von außen durch einen Fan des 1.FC Saarbrücken hatte und letztere platztechnisch begrenzt war, hier nun auch von mir meine Meinung zum Film, nachdem ich ihn jetzt endlich mal sehen konnte:

Es wurde schon viel geschrieben, bisher wenig positives. Auch ich werde den Film sicher nicht in Oscar-Reichweite schreiben, allerdings ist mein Anspruch bei Fußball-Filmen so gering, dass ich nicht viel mehr erwartet habe, als nun auch zu sehen war. Dementsprechend fällt mein Fazit auch nicht so schlecht aus.

Die Handlung
Es geht in erster Linie um drei Jungs (Magnus, Arne und Kowalski) und einen Kiosk-Besitzer, allesamt St.Pauli-Fans. Magnus (Timo Jacobs) ist Blankeneser Yuppie-Sohn mit Hang zum Autos anzünden, Stehplatz Gegengerade. Kowalski (Dennis Moschitto) symbolisiert das typische St.Pauli-Arbeiter-Klischee als Automechaniker und Südsteher, Arne (Fabian Busch) filmt die beiden in der Aufstiegssaison und erhofft sich die große Karriere als Regisseur, während er unter den Dreien eher die Rolle des belächelten Mitläufers einnimmt. Der Kioskbesitzer (Mario Adorf) ist sowas wie die Vaterfigur, macht nebenbei Boxtraining mit den Jungs in der Ritze und unterhält einen (fiktiven) Kiosk auf dem Gelände des ehemaligem “real” an der Feldstraße.
Nebenbei werden noch die Figuren eines schmierigen Yuppie-Immobilienhais (großartig eklig: Moritz Bleibtreu), dessen Assistentin und gleichzeitig Freundin des Zündlers, einem manipulativem Staatsanwalt (ebenfalls schön gemein:Dominique Horwitz) und eines im Stadtteil ansässigen Arztes (Claude-Oliver Rudolph) angerissen, aber eben nicht wirklich zuende gezeichnet.

Alles läuft auf den letzten Saisonspieltag zu, an dem St.Pauli den Aufstieg schaffen soll, nebenbei gibt es noch zwei Polizisten die Kowalski wg. Brandsätzen in seinem Auto verhaften wollen, die sein Magnus dort versteckt hält.
Soweit die Rahmen-Handlung, der Rest des Films zeigt einige Atmo-Bilder mit (textlich und melodisch korrekten) Fangesängen, Torjubel, Pyros und allem, was der Stadionbesuch sonst noch so bietet. Nebenbei verprügeln die drei Jungs noch vier Nazis und am Ende scheppert es in einer großen Schlägerei mit ner anderen Gruppe, wo wenigstens einer der Nazis auch wieder zu sehen ist, bevor die Polizei dann angestachelt vom Staatsanwalt grundlos mit Teleskopstangen auf wehrlose Fans einprügelt und den Kiosk von Mario Adorf abfackelt.

Also wie im wahren Leben? Die letzte Worte im Abspann lauten:

„Kein Fußbreit den Faschisten!
A.C.A.B!“

Politisch also schon mal die richtige Tendenz, ob man in der zweiten Zeile das erste A nun voll unterstützt oder einschränkt ist dafür ja erst mal unwichtig. Und dass Polizisten den Film nicht sonderlich toll finden, kann ich schon nachvollziehen. Aber Fußballfans finden diverse Darstellungen in den Medien auch nicht toll, denn die Darstellungen im Boulevard sind teilweise noch viel weiter weg von der Realität als dieser Film.

Wer den Film anschaut, um ein exaktes Abbild der St.Paulianischen Fan-/Ultraszene zu erhalten, wird enttäuscht. Die Gegenfrage sei aber erlaubt, wie dieses Abbild denn aussehen sollte. Wenn aber einer der wichtigsten Dialoge direkt vor einer großen „Helft dem Fanladen!“-Tapete gedreht wird, kann man dem Film ein Bemühen um Authentizität zumindest nicht gänzlich absprechen.

Verpasste Chancen

Ich habe mich zumindest 90 Minuten lang recht nett unterhalten gefühlt, nicht mehr, nicht weniger. War es eine verpasste Chance? Wenn ja, worauf denn?
Es ist ein Spielfilm, kein Dokumentarfilm. Wer wirklich etwas über die Fan- und Ultraszene des FC St.Pauli lernen will, dem sei einfach der regelmäßige Besuch der Spiele, des Stadtteils und des Fanladens empfohlen, dafür braucht es sicher keinen Spielfilm.

Schade finde ich lediglich, dass Frauen nur in Form der stets bereiten Prostituierten oder wahlweise der zickigen Freundin dargestellt werden, zumindest letztere hätte man auch hier etwas besser in die Handlung integrieren können, erstere dafür gerne weglassen. Besagte Freundin ist nämlich zwar bei einem Immobilienhai angestellt und dementsprechend auf erfolgsabhängige Provision angewiesen, hat aber doch so ihre Vorbehalte gegen die Gentrifizierung. Hätte man mehr draus machen können.

Und natürlich wurde das ein oder andere interessante Thema angerissen (Gentrifizierung, Auto-Feuerteufel, Polizeigewalt, Mutter verzweifelt am sie ignorierenden Sohn etc.) und fiel dann doch der Kürze des Films zum Opfer, ohne auch nur annähernd zuende erzählt zu werden oder zumindest eine profunde Diskussionsgrundlage für das Gespräch nach dem Film zu bieten, zumindest wenn man nicht eh schon im Thema ist.
Auch Claude-Oliver Rudolph ist wohl dem Regisseur so lange auf die Nerven gegangen, bis dieser ihn endlich in den Film ließ… anders kann ich mir seine Rolle nicht erklären, denn auch wenn er recht regelmäßig zu sehen ist, so würde die Handlung zu 100% genauso funktionieren, wenn er gar nicht da wäre, er ist einfach nur überflüssig.

Wer also Fußballfilme generell gerne sieht, wird von diesem nicht enttäuscht werden, wenn man sich frei machen kann von dem Gedanken, dass dies ein Film “über die Fan-/Ultraszene des FC St.Pauli” ist, denn dies ist er sicher nicht. Wer bisher schon Fußballfilme immer scheiße fand, weil sie so derbe überzogen und Klischeebeladen sind, sollte auf diesen eher verzichten, er würde sich nur bestätigt sehen. // Frodo

P.S. Und natürlich ist so ein Film noch ne Spur lustiger, wenn man zumindest ein paar (Neben-)Darsteller regelmäßig aus Fanladen oder Stadion kennt.

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Ein Kommentar zu Gegengerade – Filmkritik II

  1. Frank sagt:

    100% Zustimmung. Guter Film, aber nicht als Lehrmaterial geeignet. 🙂 Danke für Deine Kritik über den Film.

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