Euro 2012: Gr.D – Frankreich (Teil 2)

Le Foot

Was sagen wir zu unserem Nachbarn, wenn es um Fußball geht? Rivalität? Nö, die haben wir mit England oder Holland. Sympathie? Den meisten Deutschen gelten die Franzosen als zu arrogant. Also sind uns die Franzosen als Fußballer im Prinzip wohl eher egal, sie gelten jedoch fast immer als ernstzunehmender Gegner.

Fußball in Frankreich ist beliebt, aber es gibt andere Sportarten, die in einigen Regionen noch deutlich populärer sind. Zum Beispiel Radsport, Rugby etc.

Und doch schaffen es die Franzosen regelmäßig, Ausnahmefußballer hervorzubringen. Und nur ganz selten gelingt es, aus diesen eine Mannschaft zu formen.

Zweimal zu meinen Lebzeiten gelang dies und es waren zwei ganz große Teams.
Anfang der 1980er Jahre (ich langweile jetzt niemanden mit Toni gegen Battiston) mit Platini, Tigana, Fernandéz und Giresse und in den späten 1990er Jahren mit der französischen Jahrhundertelf um Zinedine Zidane, Djorkaef, Desailly, Deschamps, Blanc, Henry, Trezeguet, Dugarry, Lizarazu und und und.

Aber auch dazwischen haben die Franzosen irre Fussballer produziert. Man denke nur an Ginola, Papin, Cantona oder Anelka. Und doch waren die Trainer nur selten in der Lage, diese herausragenden Einzelkönner zu zähmen. Sie alle spielten bei den großen Clubs Europas und kaum kamen sie zusammen, ging nicht mehr viel. Bekloppte wie Cantona verabschiedeten sich dann auch mal gleich direkt von den Bleus. Alles gipfelte 2010 in Südafrika in der Streikposse. Nun ist das erste Turnier danach und alle sind gespannt, wie es laufen wird. Auch dieses mal haben sie einige Ausnahmefußballer in ihren Reihen. Über Ribéry muss man nicht viel sagen und ein Benzema dürfte auch vielen aus Madrid bekannt sein. Und dann??? Einiges tummelt sich in England, Spanien oder Italien. Viele noch unerfahrene Nationalspieler. Der Schnitt in 2010 wurde gemacht und ein Ribéry ist nun le Chef! Und die Quali war gut (vier Gegentore). Man darf auf ein interessantes Turnier der Nachbarn gespannt sein.

Was aber macht Frankreich aus?
Es ist ein seltsames Land voller Widersprüche. Normandie und Côte d’Azur haben ungefähr so viel gemein wie Finnland und Marokko. Nordische Schroffheit mit schlechtem Wetter, die Provence mit Hügeln und Wein, die Atlantikküste mit Arcachon, der Campingplatz wo irgendwie jeder schon mal war, die Pyrenäen, L’Alsace, die Arbeiterstadt Marseille und eine der schönsten Städte der Welt, um die sich in Frankreich alles dreht: Paris.

Paris, je t’aime

Der Putz bröckelt jedoch. Die Preise sind hoch, die Lebenshaltung kaum tragbar und die bezahlbaren banlieus werden anstrengend, weil unsicher. Frankreich hat Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien. Viele Nordafrikaner, die wie bei uns auch nur wenig Geld und keine Perspektive haben. In den Vorstädten entstehen Sozialisationen mit eigenen Gesetzen. Anspieltip hierfür:

La Haine (1995) (dt. Titel Hass) von Mathieu Kassovitz

httpv://www.youtube.com/watch?v=UCBsB-2npNI

Oder 10 Jahre früher:  Le Thé au harem du Archimède (Tee im Harem des Archimedes) von Mehdi Charef.

http://www.toutlecine.com/film/videos/0001/00012420-le-the-au-harem-d-archimede.html

Interessant, dass ein Großteil der französischen Nationalspieler – wie auch in unserer Nationalmannschaft – migrantischen Hintergrund hat. Dort gerne gesehen, im Alltag dann doch  den üblichen Rassismen ausgeliefert. (Im aktuellen Kader der deutsche Nationalelf: Özil, Klose, Podolski, Khedira, Boateng, Gündogan und Cacau)

Exkursende! Der Parises Charme bröckelt. Subkulturen haben es schwer in einer Welt des Mainstreams und Paris versucht sich seit einigen Jahren herauszuputzen, um noch attraktiver für Touristen zu werden. Zweifellos ist die Seine-Metropole immer noch eine der schönsten Städte der Welt und doch wirkt vieles mittlerweile etwas künstlich und einige Prachtstraßen sind bestimmt durch Virgin-Stores und Fastfood-Ketten.

Gleichwohl sich bei uns hartnäckig die Gerüchte halten, dass Pariser nur französisch sprechen und Ausländer eh blöd, Deutsche sogar verabscheuungswürdig finden, habe ich persönlich immer wieder genau das Gegenteil erlebt. Das gesprochene Englisch ist sicherlich alles andere als perfekt, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft habe ich in dem Land und speziell in dieser Stadt jedoch immer als sehr angenehm empfunden. In Frankfurt am Bahnhof oder in einem Berliner Taxi fühle ich mich verlorener.

Fußballerisch ist Paris Entwicklungsstadt. Zwar gibt es mit Paris St. Germain einen international bekannten und auch durchaus erfolgreichen Club. Dieser wurde aber erst 1970(!) gegründet und ist eine Retortengeburt. Bekannte Spieler des traditionsfreien Clubs waren z.B. Nicolas Anelka, Youri Djorkaeff, David Ginola, Gabriel Heinze, Bernard Lama, Leonardo, Jay-Jay Okocha, Pauleta, Ricardo, Ronaldinho, Juan-Pablo Sorin, George Weah und Christian Wörns. Die Geschichte des Clubs lässt den Stellenwert erahnen, der Fußball in Paris einnimmt. Bitte immer hübsch erfolgreich und glatt.

Aux Armes

Der größte Kontrast zum alles vereinenden Paris ist sicherlich die Hafen- und Arbeiterstadt Marseille. Diese hat mit Olympique dann auch den zuletzt wohl größten Club hervorgebracht. Dort wird sich ggf. am meisten gegen den Einfluss der Seinemetropole auf nahezu das gesamte Leben des zentralistischen Frankreichs gewehrt und der Stolz auf Marseillaise, Olympique und die eigene sehr nordafrikanisch beeinflusste Arbeiterkultur ist sehr ausgeprägt. Nicht zuletzt der französische Hip-Hop hat hier einen Nährboden und mit IAM einen seiner bekanntesten Vertreter.

Anspieltip: IAM – La Fin de leer Monde (2006)
httpv://www.youtube.com/watch?v=o34Y3vRnBRw

Das am Millerntor gesungene kriegerische Anstoßlied “Aux-Armes” findet dann auch in Marseille seinen Ursprung:

httpv://www.youtube.com/watch?v=buycTTQFo-M

Spieler, die OM mitprägten waren z.B. Fabian Barthez, Laurant Blanc, Alen Bokšić , Éric Cantona, Didier Deschamps, Didier Drogba, Christophe Dugarry, Andreas Köpke, Jean-Pierre Papin, Franck Ribéry, Jean Tigana, Rudi Völler, Chris Waddle und George Weah. Ein kleines Who’s Who des internationalen Fussballs der letzten Jahrzehnte.

httpv://www.youtube.com/watch?v=DAcAe9c6j8M

Es gäbe natürlich noch über nahezu jede Region Frankreichs einiges zu erzählen. Ich will es mit den beiden Gegenpolen Paris und Marseille belassen und noch ein wenig über meine Wahrnehmungen zu Kultur, Land und Leute sabbeln.

Ich mag Frankreich. Sie haben die bürgerliche Gesellschaft erfunden und dann eben jenen, der diese Werte in die Welt raus tragen wollte, mal eben zum Kaiser gekrönt. Sie haben eine Nationalhymne voller Gewalt und revolutionärem Eifer. Am 14. Juli läuft La Grande Armée auf und zeigt Waffen und Gerät. Daneben haben sie die besten Weine und die schönsten Käsesorten erfunden und mit der französischen Revolution die moderne Küche ins Volk gebracht, da die königlichen Köche nach 1789 arbeitslos wurden und Restaurants in Paris eröffneten. Sie essen Froschbeine und Innereien und es schmeckt auch noch. Sie sind irrsinnig stolz und keiner weiß so genau auf was eigentlich. Seit Napoléon haben sie so gut wie jeden Krieg verloren gerieren sich aber immer als Weltmacht. Exakt vor 200 Jahren haben Sie vor Moskau so was von aufs Maul bekommen und haben Napoleon zwei Jahre später doch noch mal zurück geholt um dann gegen Wellington und Blücher ihr Waterloo zu erleben.

http://www.dailymotion.com/video/xobhy_tchaikovsky-overture-1812_music

Sie haben zusammen mit Italien das Savoir Vivre (dort La dolce Vita) erfunden und sind doch immer unzufrieden. Wenn sie streiken werden Manager an Heizungsrohre gekettet und gleichzeitig wählen sie mit Le Pen einen Vollasi. Sie krönen revolutionäre Kaiser und revoltieren gegen sie. Sie gründen die Kommune und krönen einen Napoléon nach dem anderen.

Sie sind die einzigen, die in Europa noch als Kulturnation durchgehen können, nachdem sich Italien vor 20 Jahren davon verabschiedete. Sie haben Louis de Funés auf der einen und Alain Resnais auf der anderen Seite, Belmondo füs Grobe und Piccoli fürs Feine, die Nouvelle Vague und so was wie die Taxi-Taxi-Filme, Brigitte Bardot und Catherine Deneuve und Asterix und Obelix. Sie sind Europas letzte Filmnation (Nein, Deutschland gehört nicht dazu. Nein, Tatort ist kein Film!). Sie sind widersprüchlich, komplex, bekloppt und sympathisch unsympathisch.

Meine französischen Lieblingsfilme:

Le grande bouffe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_gro%C3%9Fe_Fressen

L’année derniére à Marienbad:
http://de.wikipedia.org/wiki/Letztes_Jahr_in_Marienbad

Le Samouraï:
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_eiskalte_Engel

Repulsion:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ekel_%28Film%29

Irréversible
http://de.wikipedia.org/wiki/Irreversibel_%28Film%29

Le Feu Follet
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Irrlicht

Jules et Jim
http://de.wikipedia.org/wiki/Jules_und_Jim

Alphaville
http://en.wikipedia.org/wiki/Alphaville_%28film%29

À bout de souffle
http://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Fer_Atem

Bande à part
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Au%C3%9Fenseiterbande

Le Mépris
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Verachtung

Trois Couleurs. Bleu
http://de.wikipedia.org/wiki/Drei_Farben:_Blau

Vivre sa vie: Film en douze tableaux
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Geschichte_der_Nana_S
.

……

Sie haben mit Camus und Sartre den Existenzialismus erfunden und Atombomben im Pazifik gezündet und sie haben Chansons!!

Jacque Brel (ja, ich weiß, ist Belgier…trotzdem), Edith Piaf, Gilbert Bécaud, Juliette Gréco, Georges Brassens, Charles Aznavour, Jacques Dutronc undundund

Jacque Brel (1964): Jef
httpv://www.youtube.com/watch?v=T4Mx8AN0GF4

Sie haben den Tour L’eiffel und die hässlichsten banlieus Europas. Sie haben die Pariser Oper und Le Corbusier:
http://www.digischool.nl/kleioscoop/le_corbusier.htm

Sie haben Coco Chanel und Christian Dior und die Pariser sind neben den Römern die wohl bestgekleidetsten Leute auf der Welt. Und sie haben immer Mut, Mut etwas neues zu probieren, Mut zur Avantgarde, Lust an Kultur, Lust auf Experiment und sie scheitern immer wieder hochdramatisch an sich selber.

Traditionell drücke ich den Franzosen bei jedem Turnier einen kleinen Daumen mit und wenn sie dann gewinnen, kann man sie nicht mehr ertragen. Mein Herz gehört der portugiesischen Nationalmannschaft (hauptsache, wir schlagen die Deutschen), aber wenn Frankreich was reißt bin ich nicht böse drum. Allez les bleus! // Gastartikel von Mirco Hölling

Ein Stück Frankreich in Hamburg gibt’s bei folgenden Adressen:
La Mirabelle:
http://www.la-mirabelle-hamburg.de/

Der gemütliche Klassiker in HH. Das Menü, die Weine und vor allem der Käsewagen!!

Piment
http://www.restaurant-piment.de/

Sterneküche von Wahabi Nouri mit viel Experiment und marokkanischem Einschlag. Ein Erlebnis!

Le Canard Nouveau
http://www.lecanard-hamburg.de/

Tolle Sterneküche von Ali Güngörmüs. Noch mehr orientalisches als im Piment. Trotzdem geht das Le Canard noch als Franzose durch.

Le Plat du Jour
http://www.leplatdujour.de/

Das unschlagbar günstige 3-Gänge-Menü für 29,- EUR ist der perfekte Einstieg in die französische Bistro-Küche in rummeliger Atmo.

Restaurant Marseille
http://www.restaurant-marseille.de/

Die Bouillabaisse à la Altona muss man gegessen haben

Weiterhin empfehlenswert:
Bistro le Souterrain
http://www.bistrot-le-souterrain.de/

Brasserie Cassis
http://www.brasserie-cassis.de/

Brasserie La Provence
http://www.brasserie-laprovence.de/

Chez Bernard la Cuisine du Soleil
http://chezbernard-restaurant.de/

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7 Kommentare zu Euro 2012: Gr.D – Frankreich (Teil 2)

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  2. Und wer oder was war für die Retortengeburt von PSG verantwortlich?

  3. Mirco Hölling sagt:

    Letztlich wurde PSG von Sponsoren gegründet und ging aus einem Vorstadtclub hervor. Selbts der Modedesigner Daniel Hechter übernahem in den ersten Jahren das Präsidentenamt. PSG ist bei seiner Gründung also alles andere, als ein Fussballclub der Fans, sondern eher eine empfundene Notwendigkeit einiger Celebs, in der Hauptstadt doch bitte einen erfolgreichen Club zu haben.

  4. flotzge sagt:

    wunderbarer artikel …

    ein weiterer teil frankreich in HH ist Le Tarterie in Sankt Pauli …
    Lecker und gemütlich und einen Chef der das Herz braun weiß hat …

  5. Mirco Hölling sagt:

    Moin Flotzge,

    merci beaucoup!

    Du hast sowas von recht. Die Tarterie ist absolut klasse und muss erwähnt werden. Ich hab wohl getüddelt:

    http://www.qype.com/place/1829198-Tarterie-St-Pauli-Hamburg

  6. Danke sehr, interessant. Interessant im Fussball auch der Vergleich Paris – London.

    Sollte man PSG also wie RB Leipzig betrachten …

  7. Carsten sagt:

    Sehr schönes und umfangreiches Frankreich-Portrait. Zu PSG fällt mir noch ein, dass da in den 80ern und 90ern Canal+ eine sehr große Rolle spielte und auch aus dieser Zeit her die heute große Rivalität zwischen Marseille und PSG herrührt. Diese wurde mit von den Vorständen beider Vereine aus finanziellen Gründen forciert, um mit der Vermarktung der Spiele ordentlich Kasse zu machen. Bei Marseille war damals der Bernhard Tapie Vereinschef, wohl in etwa mit einem Jean Löring bei Fortuna Köln zu vergleichen, allerdings in größeren Dimensionen.

    Merci für diesen Beitrag!

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