Wir segeln nach Utopia

(dieser Text erschien bereits im Print-Übersteiger, Ausgabe 117, am 28.Oktober 2014)

Ein bisschen fühlt man sich derzeit wie im Song von C.I.A., der in der Überschrift zitiert wird – Thomas Meggle Cheftrainer, Fabian Boll Co-Trainer bei der U23, mit Oke Göttlich ein designierter Präsident, der erstmals tatsächlich aus der aktiven Fanszene kommt. Dazu Vizepräsidenten mit Gegengeraden-Geruch und ein Aufsichtsrat, der in großen Teilen ebenfalls Auswärtsfahrten nicht nur aus Erzählungen kennt. Alles zu schön, um wahr zu sein?

Am 4. November habt Ihr eine weitere Gelegenheit, den FC St. Pauli vor seiner nächsten Etappe besser kennenzulernen. Das designierte Präsidium um Oke Göttlich stellt sich im Ballsaal vor, neben ihm selbst noch seine ausgewählten Vizepräsidenten Thomas Happe, Reinher Karl, Joachim Pawlik und Jochen Winand. Vier Auserwählte von etwa 20 Personen, mit denen Göttlich insgesamt intensiv gesprochen haben soll.

Mit der neuen Zusammensetzung in Präsidium, Aufsichtsrat und Trainerteam eröffnet sich für den Verein tatsächlich der Weg, den man sich als Fanszene wohl schon immer erträumt hat. An den entscheidenden Hebeln sitzen fast ausnahmslos Personen, die den Verein jahrelang auf den Tribünen oder dem Rasen begleitet haben, lediglich Michael Meeske und Rachid Azzouzi sind da noch „extern“ in entscheidender Funktion tätig, was vielleicht dann auch ganz gut ist.

Beginnen wir mit einem Blick auf die neue Vorzeigeperson: Finn Oke Göttlich. Geboren 1975 in Barmbek, groß geworden in Wilhelmsburg. Nach dem Abitur in St. Peter-Ording absolvierte er ein Sportstudium in Köln. Während der Zeit an der Nordsee pendelte er regelmäßig nach Hamburg und lernte da auch Jan Müller-Wiefel kennen, seines Zeichens bekanntlich Macher des „PiPa Millerntor“-Fanzines, an dem Oke dann bis zur 40. und letzten Ausgabe im April 1998 ebenfalls mitwirkte. Er spielte selber Fußball, war als Jugendlicher Deutscher Meister im Strandsegeln, spielte Beachvolleyball – und saß bei den Spielen am Millerntor auch zeitweise in den Bäumen hinter der Nordkurve.
2002 ging es, nach seinem beruflichen Abstecher in den Breisgau, zurück nach Hamburg, als CvD zur TAZ. Durch Hintergrundrecherchen für die TAZ bekam der Sportjournalist auch erste Einblicke in die Arbeit unseres Vereins hinter den Kulissen. Vielleicht ein erster Moment, sich darüber Gedanken zu machen, was man alles besser machen könnte, um sich anders darzustellen als der übliche „Männer, Hinterzimmer, Zigarrenrauchatmosphäre – Verein“, wie er es einmal formulierte.
2004 gründete er – nachdem bereits vier Jahre zuvor sein nonplace-Label (mit Burnt Friedman) das Licht der Welt erblickt hatte – dann finetunes, einen digitalen Musikvertrieb für kleinere Plattenlabels, was zu einer Erfolgsgeschichte wurde. Beim FC St.Pauli engagierte er sich gleichzeitig stark in der AFM, machte das Young-Rebels-Magazin und ist vielen auch als einer der Spieltagsmoderatoren des AFM-Radios bekannt. Die Heimspiele verfolgt er mit seiner Dauerkarte im Block 1 der Gegengerade, bei einigen immer noch als „Singing Area“ bekannt.

Er wurde im März vom Aufsichtsrat kontaktiert, nachdem es in den letzten Jahren immer schon mal Anfragen für eine Kandidatur für den AR selbst gab. Ein Zeitpunkt, der sicher viele überraschte, denn in der Fanszene herrschte das Gefühl vor, mit Stefan Orth jemanden auf dem Chefsessel zu haben, mit dem es größtenteils ganz gut lief, den man notfalls auch geschickt zu der ein oder anderen Handlung bringen konnte. Trotzdem hatten viele das Gefühl, „ihren“ FC St. Pauli zu verlieren. Ein Verein, der immer öfter nur noch reagierte; der Trainer holte, die nicht zum Verein passten, der auch sonst in vielen Dingen nur noch angepasst war und der Gefahr lief, das Besondere zu verlieren. Zeit also für einen Aufbruch zu neuen Ufern. Neben Oke Göttlich wurde mit weiteren Personen gesprochen, nach ÜS-Informationen war eine davon Nils Conrad, einer der Geschäftsführer der Hamburger Werbeagentur CGT. Am Ende fiel das Votum des AR aber einstimmig aus. Ein Präsident mit Fanzine-Erfahrung und erfolgreich im Kampf gegen die scheinbar Übermächtigen, wenn auch bisher nur aus der Musikindustrie – kann man sich eine Utopie besser vorstellen?

(von links: Oke Göttlich, Thomas Happe, Jochen Winand)

(von links: Oke Göttlich, Thomas Happe, Jochen Winand)  – Foto: Stefan Groenveld

Kommen wir zu den vier Personen, die Oke Göttlich als Vizepräsidenten vorschlägt und mit denen Göttlich sich bereits seit zwei Monaten regelmäßig trifft – mindestens wöchentlich. Zunächst fällt auf, dass erneut keine Frau dabei ist. Es wurde eine Vielzahl von Personen angesprochen, darunter waren auch zwei Frauen, die aber dann aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Verfügung standen.
Der erste Name, der schon vor einiger Zeit durchsickerte, war Benjamin Adrion, dem ÜS-Leser sicher als Ex-Spieler und Gründer von Viva con Agua bekannt. Benny war sogar dem Aufsichtsrat bereits als Kandidat vorgestellt worden, musste dann aus ausschließlich persönlichen Gründen nachträglich leider absagen. Dass dieser einem neuen Präsidium sicherlich sehr gut zu Gesicht gestanden hätte, belegte er zuletzt auch mit einem Satz, der eventuell genau das auf den Punkt bringt, was in Zukunft wieder besser bei unserm FC zur Geltung kommen könnte: „Ich glaube, dass dieser Verein viel mehr repräsentieren kann als nur Fußball.“ Aber gänzlich aus der Welt ist Herr Adrion ja nun nicht, und der FC St.Pauli wird durchaus noch die eine oder andere Präsidiumswahl vor die Brust bekommen…

Lass uns von hier abhau’n
Lass uns uns’re eigene Welt bau’n

Tatsächlich zur Wahl stehen:
Joachim Pawlik, 49 Jahre alt, ehemaliger Spieler des FC St.Pauli, Unternehmensberater und mit Know-How in Eignungs- und Leistungsdiagnostik. Verglichen mit dem bisherigen Präsidium wohl jemand, der am ehesten die Rolle von Bernd-Georg Spies ausfüllen wird. Und zwar den positiv besetzten Part aus der Zeit vor seiner JHV-Rede, nach der man bei ihm das Gefühl hatte, nicht mehr so richtig zu wollen oder zu dürfen. Auch für die Zertifizierungsprozesse könnte Pawlik der richtige Mann sein oder um bestimmte Arbeitsabläufe in der Zusammenarbeit vorzugeben.

Jochen Winand (63) verfügt über gute Kontakte in die Wirtschaft und dürfte der Mann für das Zahlenwerk werden. Außerdem verfügt er, nach seinem Rücktritt als Vorstandsvorsitzender bei der Süderelbe AG, über die notwendige freie Zeit, was besonders anfangs ein großer Vorteil sein dürfte. Gleichzeitig ist Winand der Einzige, der Göttlich nicht schon vorher persönlich bekannt war, sondern ihm über Tjark Woydt vorgestellt wurde. Wie der ÜS in Erfahrung bringen konnte, ist Winand nur deshalb als „erster Nachrücker“ im Team, weil eben Adrion absagen musste.

Tom Happe (50), Finanzexperte, im Verein und Fanszene aber so verwurzelt, dass er diesen Part eher Winand überlassen dürfte und sich stattdessen mit Göttlich um die Vereins- und Gremienarbeit kümmern wird. Happe soll nach unseren Informationen auch derjenige gewesen sein, mit dem Göttlich bereits gemeinsam dem einen oder anderen Vereins- und Fangremium die Aufwartung gemacht hat.

Reinher Karl (45), Rechtsanwalt unter anderem für digitale Rechteverwertung und Oke Göttlich bereits seit vielen Jahren bekannt, im Präsidium sicher schwerpunktmäßig für die juristische Beratung vorgesehen.

Tom Happe und Reinher Karl sind beide seit über 20 Jahren Dauerkarten-Inhaber und gerade der etwas älteren Fanszene und rund um den Block 1 sehr gut bekannt. Der Stallgeruch im neuen Präsidium ist also auf breiter Basis vorhanden, trotzdem ist es auch so aufgestellt, „notfalls im Rathaus auf Augenhöhe mit den Regierenden zu verhandeln“, wie es Insider formulieren.

Welche neuen Ufer sind es also, wohin will man mit diesem Schiff segeln, wo liegt Utopia?
Holger Stanislawski sagte kürzlich in einem Interview, dass auch der FC St. Pauli aufpassen müsse, nicht zu einem ganz normalen Verein zu werden. Und darum geht es. Das neue Präsidium wird sich auch daran messen lassen müssen, das Besondere wieder zu beleben. Den Verein aus seiner oftmals auseinanderdriftenden Realität zwischen Millerntor, Brummerskamp und Kollaustraße wieder zu einen, wieder die Heimat im Stadtteil, am Millerntor, greifbarer zu machen. Das „Wir-Gefühl“ auch auf der Geschäftsstelle wieder in den Vordergrund zu rücken. Ein Leitbild zu schaffen, auf das alle St. Paulianer wieder so richtig Bock haben, ganz egal ob als Angestellter, Profifußballer, Ehrenamtlicher, Gelegenheitsfan, Auswärtsfahrer oder eben Präsidiumsmitglied. Klingt klasse, klingt nach Utopie.

Es könnte darum gehen, den Verein auch selbstständiger zu machen, indem man den Mitarbeitern Wege aufzeigt und ihnen den Mut zu mehr Verantwortung verschafft. Ein Arbeiten, welches der bisherigen Philosophie von Oke Göttlich entsprechen würde und für unseren – in dieser Beziehung doch sehr konservativen – Verein eine ziemliche Kehrtwende darstellen würde. Nicht mehr alles durch mehrfache Kontrollen und Genehmigungsverfahren bremsen und verlangsamen, sondern Eigenverantwortung stärken und „Fehler machen“ auch erlauben. Auch hier: Chance und Risiko, denn dies setzt Vertrauen voraus, welches missbraucht werden könnte.
Konsequent zu Ende gedacht bedeutet dies, dass der sportliche Leiter Rachid Azzouzi und der Geschäftsführer Michael Meeske an entscheidender Position sitzen und es nicht mehr für alles sperrige Abstimmungsprozesse mit dem Aufsichtsrat und dem Präsidium geben muss. Beiden müssen aber klare Leitlinien vorgegeben werden, die die Philosophie des Vereins beinhalten, vorgegeben vom Präsidium, gelebt von allen. Die Schaffung dieser neuen Wege, Leitlinien und Arbeitsabläufe, mit den notwendigen Kontrollmechanismen dürfte eines der ersten, wenn auch nicht schnellsten Projekte der neuen Amtszeit werden.

Stichwort Trainerscouting: Bisher gab es da oft nur Aktionismus, wenn das Kind bereits im Brunnen lag, man hatte teilweise das Gefühl, dass dann eben transfermarkt.de nach verfügbaren Trainern abgesucht wurde. Mit dem Wechsel zu Thomas Meggle scheint da jetzt ein Wechsel im Denken eingetreten zu sein, doch auch hier wäre eine frühzeitige Planung für die Zukunft nicht verkehrt, denn auch Meggi wird, so sehr wir uns das auch wünschen, sicher nicht ewig bleiben. Und was wird dann, wenn der DFB oder Barcelona ruft?

Und es packt mich eine Sehnsucht
Die sich ihren eigenen Weg sucht

Wie man hört, wenn man ganz tief in den FC St. Pauli hineinhorcht, tritt das neue Präsidium dafür an, wieder mehr miteinander zu reden, als übereinander. Mit den offiziellen Gremien, mit den Abteilungen, mit den inoffiziellen Medien – ohne auf jeden Pups des Boulevards reagieren zu wollen – wie beispielsweise auch dem Ständigen Fanausschuss. Es dürfte dem Team um Göttlich darum gehen, wieder die Suche nach gemeinsamen Lösungen voranzubringen, eine gemeinschaftliche Idee zu entwickeln. Auch ein Punkt des bisherigen Präsidiums dürfte ausgebaut werden: Das Bilden von Ausschüssen, wie es aktuell bereits mit dem Finanzausschuss gemacht wurde. Gremienübergreifendes Know-how, was gleichzeitig dazu führt, frühzeitig die Abteilungen und Gremien abzuholen und (womit wir wieder beim Segeltörn wären) ins Boot zu holen. Seit April arbeitet Göttlich intensiv an den Vizebewerbungsgesprächen, Gesprächen mit Mitarbeitern und externen Begleitern des Vereins – wie der ÜS von verschiedenen Personen erfuhr. Und er soll positive Eindrücke hinterlassen haben…

Auch das Thema Ausgliederung steht auf der Agenda – oder eben auch explizit nicht. Liest man in den wenigen bisherigen Statements zwischen den Zeilen, greift auf zurückliegende Gespräche mit Oke Göttlich zurück und recherchiert im Umfeld des designierten Vereinsvorsitzenden, so kommt man zu folgender These: Die Stärke des FC St. Pauli ist die basisdemokratische Art und Weise, eine romantische, utopische Identität von Fußball im professionellen Rahmen zu repräsentieren. Ein rein kapitalmarktorientierter Verein wird nicht das Ziel dieses Präsidiums sein, da man sich so nur kurzfristig mit den frischen Geldmitteln ein angenehmeres Wirtschaften ermöglicht, dafür aber langfristig den Wünschen und dem Willen der Investoren unterwirft. Aber: Der Wettbewerb im Profifußball steigt schnell und rapide, nur über sehr gutes Scouting und das gezielte Rauskaufen von interessanten Spielern aus Vereinen/Verträgen bleibt man wettbewerbsfähig, da die Ablösesumme oft niedriger ist als das Handgeld, welches ein ablösefreier Spieler kassiert. Umgekehrt muss es Ziel des FC St. Pauli sein, die brachliegenden Einnahmequellen zu erschließen – in erster Linie sind damit die Transfererlöse gemeint –, mit denen wir unsere in den letzten Jahren hervorragende Nachwuchsarbeit vergolden könnten, wenn die Spieler schon nicht zu halten sind. Der Wettbewerb wird rustikaler, man muss sich vorbereiten auf einen Profifußball in einer Form des Turbokapitalismus. Schaut man sich Göttlichs Firmenvita an, so sieht man die Antwort auf eine Frage: Wie kann man Klein- und Mittelständler gegen Firmen wie Apple, Google und Amazon repräsentieren und wie kann man da ein Erfolgsrezept entwickeln? Wohl auch deswegen hat ihn der Aufsichtsrat ausgewählt, weil dies auch übertragbar auf den FC St. Pauli ist. Das Modell Rasenball Leipzig ist, aus rein wirtschaftlicher Sicht, hervorragend. Gleichzeitig verkörpert es all das, was man beim FC St. Pauli hoffentlich nie erleben wird. Hier gilt es für das Präsidium möglichst schon Lösungen zu finden, ehe das Problem Ausgliederung überhaupt an den Verein herangetragen wird, womit wir wieder bei Agieren statt Reagieren wären.

 

Stell dir vor es wäre wahr 
Stell dir vor, wir wärn schon da 

Wo geht der Weg also hin? Erreichen wir Utopia? Oder kommen wir zumindest etwas näher ran?
Machen wir uns nichts vor, am Ende entscheiden die Kleinigkeiten im Bereich der Lizenzmannschaft. Da springt der Ball nach einem Schuss von Sobiech aus dem Gewühl in der Nachspielzeit an den Pfosten – und von da? An den Rücken des Verteidigers und ins Tor? Oder ins Seitenaus? Kleinigkeiten, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden, die zu einem großen Teil immer noch von Glück und Zufall geprägt sind. Mit diesem Präsidium, der zu erwartenden Besetzung des Aufsichtsrats (Doppel-Interview mit den beiden Kandidatinnen in dieser Ausgabe) und dem aktuellen Trainerteam sind wir jedenfalls so fannah aufgestellt wie noch nie. Dies ist nichts Schlechtes, im Gegenteil, zumal es bei allen beteiligten Personen erst mal die fachliche Qualifikation ist, die sie für das Amt befähigt, dann aber auch schon das braun-weiße Herz.
Der Verein steht an einer Schwelle, auf die die gesamte Fanszene seit Ende der 80er Jahre langsam hingearbeitet hat. Die Punks von damals sind die Banker von heute, um das alte Klischee nochmal hervorzukramen. Und wenn Alles, neben der fachlich guten Arbeit, auch noch von einem winzigen bisschen Glück und gutem Willen begleitet wird, dann kann sich dieser Verein in den nächsten Jahren erfolgreich für die Zukunft aufstellen und seine Identität bewahren – vielleicht sogar noch etwas schärfen.

Dies ist ausdrücklich frei von der Ligazugehörigkeit gemeint, aber wenn dann über die Liga oder den Pokal irgendwann doch mal eine Busfahrt zum internationalen Pflichtspiel in Aserbaidschan dabei herausspringt, dürfte wohl auch der zukünftige Herr Vereinspräsident – so er denn gewählt wird – dieses nur allzu gerne im Fanladen seines Vertrauens buchen. // Frodo & Ronny

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2 Kommentare zu Wir segeln nach Utopia

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