„Ich habe mir meine Auslösung verdient“

Thees Uhlmann hat eine neue Platte, die ziemlich gut ist. Und er hat eine Menge zu erzählen – über Arschlöcher in Kneipen, Fannähe und seinen Wunsch nach internationalem Fußball am Millerntor

Von Sebastian

Du hast dir für deine neue Platte fast sechs Jahre Zeit gelassen. Was hat sich inzwischen bei dir geändert bzw. wie hast du dich verändert?

Jede Menge. Ich merke die fortgeschrittene Zeit vor allem an meiner Tochter. Sie ist jetzt 12 und versteht inzwischen ganz genau, was ich mache – und sie findet es peinlich. Mit sieben oder acht wäre das vielleicht noch überlebensgroß gewesen. Bei meiner letzten Platte war sie bei meinem Konzert in Köln dabei und ist nach einer Stunde einfach eingeschlafen. Weil der Altvordere steht da oben rum, schwitzt und grölt und es interessiert sie nicht.

Auch die Welt ist inzwischen eine andere. Was hat dich zuletzt besonders beschäftigt?

Vieles. Obama, Nirvana, Maueröffnung. Wo ist denn das alles geblieben? Das hat doch alles ganz gut geklappt. Aber man weiß ja: Es gibt da draußen etwa 30 Prozent, die sich freuen, wie sich die Welt in den letzten Jahren verändert hat. Früher waren die unsichtbar. Da waren das vielleicht fünf Arschlöcher in der Kneipe, die rumgelabert haben, bis der Wirt gesagt hat: „Jetzt haltet mal die Schnauze, ihr vertreibt die Gäste“. Jetzt bleiben die zuhause und tummeln sich in Facebook-Gruppen. Und da ist es ja so: Man bekommt nicht den Applaus für den schönsten Gedanken, sondern für den extremsten. Und das ist in der Psyche des Menschen nicht vorgesehen und es löst keine politischen Konflikte.

Ich finde, „Junkies und Scientologen“ ist insgesamt keine kuschelige Platte geworden. Ich höre da überall zwischen den Zeilen Trauer, Verlustschmerz, bestenfalls Dann-eben-nicht-Trotz heraus. Täuscht das oder machst du gerade harte Zeiten durch?

Es interessiert mich nicht mehr, wie es mir geht. Ich weiß mit 45, wer ich bin, was ich nicht kann, aber auch, was ich kann. Mein Ego hat sich seit meinem 40. Geburtstag mehr und mehr abgemeldet. Mich interessiert das Wohlergehen meiner Tochter, meine Mutter soll noch 20 Jahre leben, meinem Freundeskreis soll es gut gehen und die Kunst muss stimmen, da will ich an die dunklen Plätze. Der Rest juckt mich nicht groß.

Foto: Ariane Gramelspacher

Würdest du dich als politischen Künstler bezeichnen?

Nein. Es gibt Leute wie Markus Wiebusch, für die war Politik von Anfang an ein Motor, um überhaupt mit Musik anzufangen. Bei mir war das anders. Ich wollte Musik machen, weil mir langweilig war. Ich habe privat eine politische Meinung, aber auf der Bühne passt das für mich nicht.

Du warst im Sommer mit dem FCSP in den USA. Der Verein zeigt sich da sehr fannah. Warum geht das dort und bei uns nicht mehr?

Das muss man verstehen. Wenn ich ein Konzert in der Großen Freiheit spiele, bin ich auch nicht fannah. Das ist einfach zu viel Masse. Bei kleineren Konzerten ist das einfacher. Außerdem darf man nicht vergessen: Im Gegensatz zu Ralph Gunesch und Fabian Boll ist das eine andere Generation von Fußballern. Die sind teilweise noch so wahnsinnig jung. Da ist es doch klar, dass die es auch mal verkacken, wenn 29.000 ihr Wochenendwohl von denen abhängig machen. Der Fußball ist weiter professionalisiert worden. Vielleicht können die jungen Spieler mit der Liebe der Fans auch gar nicht umgehen. Es kann ja auch eine Last sein, für St. Pauli zu spielen. Vielleicht spielt man dann beim SV Sandhausen entspannter.

Wie sehr prägt das Fansein deinen Alltag?

Vom psychischen her wird es immer schwieriger. Beim Spiel gegen Dresden (3:3 nach 3:0-Führung) habe ich erst gesaugt, dann gewischt, dann war ich einkaufen. Dann habe ich gearbeitet und beim Ticker nicht auf „Aktualisieren“ gedrückt. Dann doch und das 3:3 gesehen. Da habe ich dann alleine in meiner Wohnung rumgeschrien. Das war richtig scheiße. Und immer taucht dann die Frage auf: Warum hast du eigentlich kein Hobby, das dich glücklich macht. Um das klarzustellen: St. Pauli ist für mich ein absoluter Sehnsuchtsort, aber ich bekomme so selten eine Auslösung.

Aber ist es nicht auch ein bisschen reizvoll: unerfüllte Sehnsüchte, immer knapp daneben. Das kann doch eine Fanliebe auch stärken.

Ich bin jetzt aber auch schon ganz schön alt. Ich habe mir meine Auslösung verdient.

Was ist denn die Auslösung?

International spielen. Aufstieg erste Liga und dann so wie Mainz oder Freiburg. Das muss doch mal klappen.

Sorgst du dich auch manchmal um den FC St. Pauli?

Manchmal habe ich Angst, dass die Geschichte zu Ende erzählt ist, dass Fußball an sich nahezu zu Ende erzählt ist. Der Sport ist extrem maskulin, also in den Ultras-Kurven. Und Männerkult finde ich extrem bedrohlich. Sowas sorgt mich. Wobei: Dass die Dresdner beim Auswärtsspiel am Millerntor schon vor der Halbzeit die Klos in ihrem Block komplett zerstört haben, amüsiert mich wieder. Stell dir mal vor: Die kippen sich die ganze Anfahrt lang Bier und Weinbrand rein wie die Behämmerten und demolieren dann die eigenen Klos. Da fällt mir nichts zu ein.

Foto: Ariane Gramelspacher

Wie stehst du zum HSV? Hat der Club bei dir zuletzt an Sympathien gewonnen?
Mir hat gefallen, wie sich breite Teile des Umfelds in der Jatta-Sache positioniert haben. Ansonsten nicht. Aber ich bin es satt, mich als St. Pauli-Fan überdie Misserfolge des HSV zu definieren.Für einen 45-Jährigen ist das nicht adäquat.

Hat der sportliche Erfolg Einfluss auf deine Identifikation mit dem Team.

Nein. Er hat nur Einfluss auf meine Seele. Und übrigens: Ich liebe Mats Møller Dæhli.

Was ist denn für uns drin diese Saison?

Ich möchte an meinem Geburtstag am 16. April wissen, dass wir nicht absteigen. Dann bin ich zufrieden.

Eine letzte Frage noch in eigener Sache: Du warst lange Zeit Teil unserer Redaktion. Wird es in Zukunft wieder einen Thees Uhlmann-Text im Übersteiger geben?

Ich brauche nur einen Anruf und die Zusage, dass keiner sauer ist, falls ich den Redaktionsschluss versäume. Dann gerne. Der Übersteiger hat mich ans Schreiben gebracht. Ich bin und bleibe Fan.

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