Die drei ??? und das Rätsel der fünf Schlösser

Von Schokotalern, Tennisbällen, Fahrradschlössern und Transparenten

50 + 1 muss bleiben!
Foto: “unserekurve.de” (mfG)

Gegen einen möglichen Investoren-Deal bei der DFL und für eine Neuabstimmung der Vereine diesbezüglich, gibt es seit Wochen Fanproteste in fast allen Stadien und bei nahezu jedem Spiel. Und auch reichlich Spielunterbrechungen. Teils standen die Partien auch kurz vor dem Abbruch.
Mit 32 Minuten beim Spiel der Volxparkler in Berlin ist dieses Match bislang Spitzenreiter der Spielunterbrechungen. Zählt man alle bisherigen “Protest-bedingte” Minuten zusammen, ergibt sich bestimmt ein kompletter Spieltag aller Partien der ersten drei Ligen. Ist das gewollt?

Immerhin wird “sky” dadurch gezwungen länger live zu übertragen, was den Pay-TV-Sender sicherlich nicht wenig Kohle kostet. Andererseits nerven ja schon die teils minutenlangen VAR-Pausen und eigentlich will man als Fußballfan ja Fußball sehen. Ob im Stadion, in der Kneipe oder Zuhause. Sich in dieser Sache wirklich zu positionieren, fällt vielen derzeit nicht so leicht.

Am Sonntag (04.02.24) erdummdreistete sich Sport1-Chefredaktionsmitglied Eric Seemann in der semiprofessionellen Talkshow “Doppelpass” auf seinem Haussender nicht, die Proteste der Fans als “maßlos übertrieben” abzutun. Er verstehe nicht, warum die “Ultras Spielabbrüche provozieren, obwohl sie doch eigentlich Fußball sehen wollen”. Zudem sei das “eine absolute Minderheit, die sich nicht das Recht nehmen darf, dem zahlenden Publikum den Nachmittag zu vermiesen”. Und polterte weiter: “Da sind ja auch Familien im Stadion oder andere Menschen, die noch Termine haben”. Alles klar, Digger. Dann mal fix los zum nächsten polemisch-populistischen TV-Auftritt…

Scheiß DFL, da sind sich die meisten einig. Foto: http://www.arigrafie.de

Es ist Sonntagabend und der Spieltag ist vorbei. Mein Puls schlägt relativ ruhig. Dann aber lese ich den Absatz oben nochmals (den ich gestern bereits geschrieben habe) und – zack ist der Halsschlag wieder bei knapp 1910 beats per minute.
Dieser ober erwähnte Herr Seemann hat so mal rein gar nichts kapiert! Selbst als Stefan Effenberg ihm echt gute Argumente entgegen brachte, tat der Sport1-Mensch das als “populistische Meinungsmache” ab. (Mit solchen Worten sollte man allgemein, aber gerade in diesen Wochen und Monaten echt vorsichtig umgehen…!). Aber er ist eben Kategorie: Vollpfosten.

Der per Stream zugeschaltete “11 Freunde”-Chef Philipp Köster bezog klar Stellung. Eine Woche später brachte Jost Peter, Sprecher von “Unsere Kurve”, es leider nicht ganz so auf den Punkt, auch weil er ständig aus dem Studio unterbrochen wurde. Beide verdeutlichten aber, dass es um einen fairen und inhaltsvollen Dialog gehen muss.
Eine interessante Anmerkung kam seitens Studiogast Simon Rolfes, Geschäftsführer Sport bei Bayer Leverkusen. Sinngemäß sagte er: “In allen Vereinen sind in den letzten Jahrzehnten Investoren eingestiegen. Ob nun als Werbepartner auf dem Trikot oder der Bande. Stadien wurden auch nicht nur mit Mitgliedsbeiträgen ausgebaut. Auch da gab es Geld von Außen”. Die DFL und eine Investoren-Milliarde für 20 Jahre Vermarktungsrechte ist aber schon was anderes, als wenn “Elektro-Meier & Sohn” dem TSV Lensahn eine umweltfreundlichere Öko-Beleuchtung für die Kabinen finanziert.

“BAFF” (Bündnis Aktiver Fußballfans), “Unserekurve”, “F_in” (Frauen im Fußball), “FC Play Fair” und “Queer Football Fanclubs”, hatten zu diesem Wochenende angekündigt, die Proteste gegen die DFL auszuweiten.
Und genau das passierte! Ich bekam noch eine Nachricht aufs Smartphone: “Das kann ja ein heiterer Spieltag werden”, und dementsprechend kaufte ich rechtzeitig ein. Denn Nachspielzeiten wurden eingeplant. Und diese gab es auf fast allen Plätzen reichlich.

… ohne Worte…
Bastelarbeit: Hossa

Und auch teils mit sehr kreative Aktionen. Aktenzeichen XY Ungelöst präsentiert: “Die drei ??? und das Rätsel der fünf Schlösser”. Ganz ehrlich: Wie geht so etwas? Da sind Zäune, Ordner und sonstiger Stuff. Wie können da vier Leute unbemerkt aus der Nordkurve in den Innenraum gelangen und diese (zugegebenermaßen recht zierlichen) Fahrradschlösser an den Tornetzen und Pfosten befestigen … und unerkannt entkommen? (Foto gibt es auf SPON). Immerhin waren die “Tatort-Reiniger” dann im Volxpark ja sehr FLEXibel… Hätten sie aber gar nicht gemusst, denn die Lösung war im Stadion zu sehen (siehe unten).
Es gab im TV irgendwo einen ganz kurzen Ausschnitt der Tor-Winkel-Kamera (im ZDF-Sportstudio oder im Sportclub auf N3?), in dem eine schwarze Kapuze (mit Mensch inside) für zwei Sekunden zu sehen ist. (Wird bestimmt bald bei Aktenzeichen XY zu sehen sein).
Dennoch: Chapeau! Ich erinnere noch eine Aktion am Millerntor gegen “DSF” und Montagsspiele: Ein Transpi sollte mit Hilfe von mit Helium gefüllten Ballons vor die Kameras des Senders steigen, um die Übertragung zu behindern. Leider entpuppte sich der Besenstiel als Transpi-Halter als zu schwer. Try. Error. Learn. Try again.

Andere Aktionen waren aktuell eher semioptimal und teils gar komplett kontraproduktiv! “Der Kind im Fadenkreuz”. Die Akustiker machen ja nun auch in Brillen, und ich sah dann auch erstmal nur ein durchgestrichenes Doppel-Monokel. Sich darüber aufzuregen, ist einfach “echt voll Moppelkotze!” (Copyright: “Die Sendung mit dem Klaus” bei Extra3). Wobei “Moppelkotze” auch ein norddeutsches Gericht “mit nicht genau bestimmter Rezeptur” sein kann, wie Wikipedia behauptet.

Tapete in der Süd. Foto: arigrafie

Zurück zum Thema und der zentralen Forderung auf auch unserekurve.de: “Wir fordern die DFL-Führung auf, endlich die Proteste in den deutschen Stadien ernst zu nehmen und in daraus folgender Konsequenz umgehend eine offene und damit transparente Neuabstimmung zum DFL-Investoren-Deal einzuleiten. Alleine, um die konsequente Einhaltung und Achtung der 50+1 Regel unter Beweis zu stellen, ist eine Neuabstimmung alternativlos“.

Auf sportschau.de heißt es: “Die Stimmung ist bei fast allen Erst- und Zweitliga-Vereinen angespannt wie nie zuvor. Tennisbälle und Schokotaler fliegen überall auf den Rasen, weiterer, lauterer, kompromissloserer Protest gegen den Einstieg eines externen Geldgebers bei der DFL ist längst ausgemachte Sache. Ich bin mir sicher: An diesem Wochenende werden wieder Spiele unterbrochen werden, denn die DFL hat kein Angebot gemacht, das nur ansatzweise verhandelswert wäre“, so Thomas Kessen, einer der Sprecher des Bündnisses “Unsere Kurve”.

Und um nochmals auf den eingangs erwähnten Eric Seemann und dessen “Argument” zurück zu kommen, dass es nur eine kleine Minderheit sei, folgt hier das Gegenargument: “Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass sich nur ein Bruchteil der Fans gegen den DFL-Investoren-Einstieg und vor allem dessen Zustandekommen positioniert. Der Protest wird bundesweit getragen und das Zustandekommen der Zwei-Drittel-Mehrheit mit Vehemenz in Frage gestellt. Ein weiteres Aussitzen der Proteste ist keine Option. Je länger die Proteste ignoriert werden, desto geschlossener werden wir für eine Neu-Abstimmung einstehen”. (Dass es sich außerdem mitnichten um eine Minderheit handelt zeigt eine Umfrage des Spiegels.)

Die öffentlichen Positionierungen einiger Vereinsvertreter die diese Meinung teilen, werden natürlich ausdrücklich begrüßt. Tja, und wie verhält sich denn unser FC St. Pauli aktuell zu diesem Thema? Auf der offiziellen Homepage ist dazu seit Wochen leider nichts zu finden.
Und meine Meinung? – Das Recht auf Protest ist klar definiert. Eingriff in den Spielbetrieb auch. Geldgeile Investoren, die aus Geld noch mehr Kohle machen wollen, sind genauso unerwünscht wie Spiele am Dienstagmittag um 11 Uhr 30 oder ein Pickel am Arsch.
Ich wünsche mir für weitere Proteste kreative Aktionen. Das mit den Schlössern um Tornetz und Pfosten war schon genial. Aber beim erwischt werden eben auch Stadionverbot verdächtig. Hier noch die Lösung aus dem Volxpark:

Foto: Nordtribüne

Der Kampf geht weiter!
// Hossa
P.S.: Ein möglicher Investor ist bereits zurückgetreten: Blackstone. Protest wirkt!

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Ein Kommentar

  1. meine Hoffnung: massive Spielabbrüche. Meine Vermutung: Protest ebbt ab, DFL spielt auf Zeit, alle sind gelangweilt und nehmen es hin

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