Begräbnis mit Totenkopf

Wer St. Pauli-Teammanager Christian Bönig und andere Verantwortliche des FC St. Pauli vor der Pressekonferenz am Millerntor ins Gesicht sah, wusste Bescheid: Die Zeit war gekommen, etwas mitzuteilen, nämlich den Abschied von Trainer Holger Stanislawski.

Im überfüllten Presseraum am Millerntor reihten sich mehr als ein Dutzend Kameras auf, Dutzende Journalisten und Wegbereiter des St. Pauli-Urgesteins aus dem Club verbrauchten den Sauerstoff schnell, so dass bereits eine angemessene Gruft-Athmosphäre herrschte, als Stanislawski das Wort ergriff. Langsam, leise und liebevoll sprach er über seinen Verein, den FC St. Pauli, den er nach im Sommer nach 18 Jahren verlassen wird. Es war ein braun-weißes Begräbnis, in dem Stanislawski viel von Abschied, Verlust und Tod sprach, über Liebe, Freundschaft und Familie. Der Termin heute sei für ihn wie der Gang neben dem Sarg seiner Mutter, die kürzlich verstorben ist.

In den vergangenen Jahren habe er sehr viel Positives erlebt bei St. Pauli, neue Freunde gewonnen, aber eben auch Erfahrungen gemacht, auf die er habe verzichten können: Stanislawski berichtete, wie er neben dem Krankenbett seines ehemaligen Spielers Andreas Biermann stand, der sich das Leben nehmen wolle. Er litt mit den Fans, als einer der ihren in Aachen von einer Tribüne stürzte und sich lebensgefährlich verletzte. Er sei nun in einem Alter, so Stanislawski, in dem man sich über Grundsätzliches im Leben Gedanken mache. Er wolle sein kurzes Gastspiel auf dieser Welt nutzen, um die Dinge zu tun, die er machen wolle – obwohl er nun erneut ein Stück Familie verlieren werde.

Stanislawski sucht eine neue Herausforderung – und wird sie wohl auch finden: In Hoffenheim kann er sich in einem übersichtlichen und funktionierenden Umfeld auf den Fußball konzentrieren. Der FC St. Pauli ist das Gegenteil von dem: Komplex, bunt und laut, ein Stück weit noch immer chaotisch, trotz der Professionalisierung, die in den vergangenen Jahren erreicht wurde. Man merkt: Obwohl Stanislawski den Verein liebt – er hat ihn auch ausgelaugt. Der scheidende Trainer würdigte seine Mitstreiter im Verein, besonders seine Co-Trainer Andre Trulsen sowie Kape Nemet – und natürlich die Fans, die den Verein mit Leben erfüllten. Auch wenn der FC St. Pauli ihm noch ein „überragendes Angebot“ vorgelegt habe, wie der 41-Jährige betonte, werde er nun gehen, denn die Zeit sei einfach gekommen für eine Veränderung.

Noch einmal versicherte Stanislawski mit brüchiger Stimme, er werde immer den Totenkopf und den Verein im Herzen tragen – und Niemand zweifelte an seinen Worten. Nach 40 Minuten sagte Stanislawski – wie es sich für einen echten Hamburger gehöre – einfach „Tschüß“.
Für Pressekonferenzen und Begräbnisse eher ungewöhnlich: Er wurde mit einem langen Applaus verabschiedet.
//Gastartikel von Patrick Gensing, der Text wurde auch bei NDR.de veröffentlicht, mit freundlicher Genehmigung des Autors für den Übersteiger freigegeben.

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2 Kommentare zu Begräbnis mit Totenkopf

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