Kein Millerntor dem DFB

Hahaha, was hab ich heute morgen noch milde gelächelt, als mich der KleineTod fragte, ob mein “Der DFB trainiert gerüchteweise am Millerntor!” denn wohl ernst gemeint sei. Er würde dies schon problematisch finden, schließlich könnte (z.B.) bei einem öffentlichen Training ja unser Stadion mit Nazi-Stickern beklebt werden.

Da ich die typischen Event-Nationalmannschaftstraining-Besucher als diesbezüglich unverdächtig angesehen habe, hab ich das eher abgetan und gedacht: Lass uns doch ein bißchen gute Miene zum DFB machen, und vielleicht gibt es ja sogar ein wenig Miete.

Ernsthaft: Selten so Naiv gewesen, mea culpa.
Oder, je nach Sichtweise: Selten dem DFB so dankbar!

Der Reihe nach. Auf Facebook ging ein Foto online, welches Jogis Jungs beim Trainieren am Millerntor zeigte. Die Werbebanden mit dem DFB-Grün abgeklebt, wie es Usus ist, Werbebanden der üblichen DFB-Werbepartner gut erkennbar. So weit, so unkritisch. Aber: Auch der große Spruch, der die neue Gegengerade nun schon länger ziert, gemalt von Fans in Eigenregie, unterstützt vom Verein, war teilweise abgehangen. Statt “Kein Fussball den Faschisten!” stand dort nur noch: “Kein Fussball”.
Der Fanclub-Sprecherrat verlinkte dies als erste größere Gruppe auf Facebook (leider inzwischen gelöscht, siehe weiter unten), auch auf stpauli.nu wurde das Foto verlinkt, mit mehr als passendem Text dazu und los ging der Shitstorm.

Kein Fussball den Faschisten - Foto von Peter Boehmer

Kein Fussball [den Faschisten] – Foto mit freundlicher Genehmigung von Peter Boehmer

Auf Facebook und Twitter wurde das DFB-Team mit “höflichem Unverständnis” übergossen, mehr als zurecht. Den Vogel schoß dann der Twitter-Account der Nationalelf ab:

Klingt ein bißchen nach den Borg:
“Wir sind der DFB – Widerstand ist zwecklos – Sie werden assimiliert neutralisiert werden.”
Ja, wenn es nicht so traurig wäre. Passt natürlich super, so eine Neutralisierung von Faschismus. Klasse auch, dass “Kein Fussball” stehen zu lassen, schließlich befindet man sich ja grad in Hamburg…

Wie das ganze mit “Zeig Rassismus die Rote Karte!” oder ähnlichem vereinbar ist, ob die UEFA künftig auch nur noch “Say no” statt “Say no to racism!” sagen wird, all dies fragte sich nicht nur Ralph Gunesch:  

(Nachtrag, 22:45h: Auch zum Julius-Hirsch-Preis passt es nicht so richtig, oder, DFB? Danke an @JoaBothe für den Link)

Ernsthaft, lieber DFB. In Spanien fliegt eine Banane aufs Feld, der Spieler nimmt sie, isst sie auf, eine Solidaritätswelle ohne Gleichen schwappt durch Europa, überall lassen sich Fußballer mit Bananen fotografieren… und Ihr klebt eine Aussage ab, als Deutscher Sportverband, die sich von Faschismus distanziert?
Wie merkbefreit kann man denn sein?

Lt. publikative.org sind DFB-Veranstaltungen “ohne politische Statements” abzuhalten. Wenn man das doch nur 1978 in Argentinien auch schon so konsequent gehalten hätte.

Kritik kann man dann natürlich auch am FC St.Pauli üben, wenn dieser das tatenlos hin nimmt.
Ich gehe mal davon aus, dass im Vertrag mit dem DFB sinngemäß stand, dass Werbung zu überkleben sei, der Verein aber natürlich nicht davon ausging, dass das auch diesen Spruch betreffe. Ähnliches lässt sich ja aus oben verlinktem Text und den Kommentaren von stpauli.nu lesen, wenn dort erst mal bei den Überklebenden noch gerätselt wurde, ob der Spruch denn nun dazugehöre oder nicht.

Nun sind bei uns die Wege glücklicherweise immer noch recht kurz, daher erreichte auch ich Pressesprecher Christoph Pieper per SMS, der mir mitteilte, dass der Verein bereits dran sei. Mehr sehen wir dann hoffentlich morgen.
Der DFB mag von dem heftigen Gegenwind in seinem Wolkenkuckucksheim etwas überrascht worden sein, unserem Verein wäre dies sicher bewusst gewesen, wenn man davon bereits vorab gewusst hätte.
(Btw: Es muss ja nur bei uns trainiert werden, weil der hsv es nicht geschafft hat direkt abzusteigen, sonst müsste man den Rasen drüben ja nicht für die Relegation schonen.)
Insofern bin ich guter Dinge, dass dies spätestens morgen früh geklärt wird und man den Spruch dann auch wieder komplett lesen kann.

Es gibt so Dinge, die sind so bescheuert, die wird man kaum vorab besprechen bzw. vertraglich festhalten. Oder soll zukünftig in den Verträgen bei einer Vermietung auch stehen, dass man keine FreiWild-Fahnen in den Rasen rammen darf? Nein, einige Dinge verbietet der gesunde Menschenverstand. So dermaßen bekloppt kann man kaum denken, und insgeheim hoffe ich auch, dass selbst beim DFB ein überaus großer Teil dies so sieht und es lediglich die sinnlose Einzeltat von wenigen Vollpfosten war, ohne sich abzusprechen.

Doch vielleicht liege ich damit auch falsch, denn nach einigen Postings zum Thema begann der DFB wohl auszukreisen. Die Facebook-Postings, die besagtes Foto enthielten, wurden “nach Meldung” von Facebook gelöscht. Inzwischen sind zumindest einige davon wieder da, ein “Geschmäckle” bleibt.

In diesem Sinne, ein herzliches: Lautern & der Deutsche Fußball Bund! #FCKDFB // Frodo

Nachtrag, 13.5., 12.00h:
Der Schriftzug ist wieder vollständig sichtbar, der Verein hat eine Stellungnahme für heute angekündigt.

13.30h:
Der Fanclub-Sprecherrat hat sich in einem Offenen Brief an den DFB gewandt, den wir gerne 1:1 so unterzeichnen.

16:00h:
Wer sehen will, wie man sich als DFB-Pressesprecher so richtig zum Löffel macht, der folge Jens Grittner auf Twitter. Nicht mal richtig lesen kann er, denn da steht “den” statt “für”.
Daher ein umso größeres Danke an den FC St.Pauli für diese deutlichen Worte.

19.10h:
Mittags war ich bei sport1.fm zu Gast und sprach mit Oliver Faßnacht über das ganze Desaster. Den Mitschnitt des Gesprächs findet Ihr hier beim MillernTon.

Mittwoch, 19.00h
Tja, kaum wratet man zwei Tage, schon rührt sich der DFB. Immerhin, Fehler eingestehen kann auch nicht jeder.

Mehr zum Thema:
– Lichterkarussell: “DFB <neutralisiert> Millerntor
– Dinge, die da sind: “Troll Dich, DFB
– Süddeutsche: “DFB neutralisiert Protest
– Spiegel Online: “DFB neutralisiert antifaschistisches Banner
(Naja… “Banner” trifft es aber nicht so recht.)
– Tagesschau: “PR-Desaster am Millerntor

 

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22 Kommentare zu Kein Millerntor dem DFB

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  2. Peng sagt:

    Danke für den Artikel. Eine Kritik dennoch: Nicht alles ist heutzutage ein Shitstorm. Der Begriff passt eher für Schmutzkampagnen, wird medial aber mittlerweile für alles was es in die Twittercharts bringt genutzt. Was ist aus dem guten, alte Sturm der Entrüstung geworden?

    • Frodo sagt:

      Ja, guter Punkt.
      Wobei mich die Verwendung eines englischen Wortes hier mehr ärgert, als das ich es inhaltlich falsch finde. Aber ich werde beim nächsten Mal dran denken, Danke.

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  6. Hach! sagt:

    Hey, liebe Pauli-Superduper-Sonderfans! Ich habe da mal einen Vorschlag: Schreibt doch einfach das nächste Mal “Kein Fußball den Rassisten” auf euer Spruchband. Wäre das vielleicht eine gute Idee? Kennt ihr möglicherweise den Unterschied zwischen Fachismus und Rassismus gar nicht?
    Ich finde so ein Plakat zwar total bekloppt, weil Rassisten und Faschisten viel mehr verwehrt werden sollte als nur Fußball, aber gut. Ich bin ja als Nicht-Paulianer auch automatisch nur ein Event-Besucher.
    Aber vielleicht hilft ja folgender Denkanstoß auch euch ein wenig:
    Die FIFA (nicht der DFB, von dem nebenbei bemerkt auch der FC St. Pauli ein Teil ist, ihr beschimpft euch also selbst) hat die Regel aufgestellt, dass der Fußball sich grundsätzlich aus der Politik heraushält und sich die Politik aus dem Fußball herauszuhalten hat. Und das ist auch gut so. Fußballfzntionäre und -profis sind nämlich keine Politiker und haben in der Regel keine passende Ausbildung genossen.
    Um hier nicht in irgendwelche doofen Grauzonen zu geraten, den Vorwurf zu ernten, mit zweierlei Maß zu messen bzw. die politischen Ansichten von Funktionären oder ihrer Geldgeber doch noch irgendwie beworben werden, hat man sich folgerichtig zu einer Zero-Tolerance-Herangehensweise durchgerungen. Keine politischen Parolen. Ende aus, Micky Maus. Nummer sicher. Um so verständlicher bei Begriffen wie Faschismus, die sich einer ganz konkreten Definition entziehen.
    Wer hier Sonderrechte für sich beabsprucht, wer den Unterschied zwischen Rassismus und Faschismus ignoriert und wer vor allem glaubt, ein popeliges Banner bei einem einzelenen Training der Nationalmannschaft wäre viel toller und wichtiger als die groß angelegten Anti-Rassismus-Kampagnen der großen Verbände, der ist ein größenwahnsinniger Egomane. Oder wie es auch genannt wird: St. Pauli-Fan.
    Also nehmt euch bitte nicht so wichtig. Danke.

    • Frodo sagt:

      Lieber “Hach!”,
      vielen Dank für Deinen wertvollen Beitrag, noch ein schönes Leben.

      • wtf sagt:

        Toleranz, Frodo, Toleranz… Andere Meinungen zulassen und so…
        Um gleich mal eins klar zu stellen: Ich bin ein total unpolitischer Mensch, was aber nicht bedeutet, dass ich Rassismus gut heiße, ganz im Gegenteil! In meinen Augen ist jede extreme Denkweise eine Falsche, egal in welche Richtung sie geht oder welche Ideen sie verfolgt.
        Ich bin in diesem Fall aber voll und ganz auf der Seite von “Hach!”. Nur mal angenommen bei einem anderen Verein – der sich ebenso viel oder wenig politisch zeigt wie der FC St. Pauli (bzw. seine Anhänger) – mit einem Hang zur rechten Szene und nicht zur linken wie in Hamburg, hat einen Schriftzug auf dem steht “Kein Fußball den Kommunisten!” Soll dieser dann auch stehen bleiben?
        Die Frage ob so eine Aussage stehen bleiben darf, kann oder muss, sollte nie gestellt werden. Der DFB muss sich bei nicht-eigenen Aktionen neutral zeigen, weil er sonst jedesmal eine große Recherche betreiben müsste wer oder was wirklich dahinter steckt. Wenn sich im Nachhinein z.Bsp. herausstellt, dass die Hälfte der Fans, die den Schriftzug gemalt haben zu den “Steinewerfern” am 1. Mai gehören, dann ist der Aufschrei auch gleich wieder groß – und das ist keine Unterstellung von mir, lediglich ein erfundenes Beispiel! Damit dürfte der DFB nämlich auch nicht hausieren gehen.
        Es gibt also sehr wohl einige Gründe, weshalb sich der DFB grundsätzlich IMMER von politschen Aussagen (zu denen “Faschisten” definitv gehört), die er selbst nicht mitträgt, neutral halten sollte.

        • Frodo sagt:

          Es ist wichtig für die Aussage, gegen Faschismus zu sein, wer sie gemalt hat? Klingt mir etwas zu konstruiert.
          Und Dein “Kommunismus”-Beispiel diskutiere ich gerne, wenn es denn derart prominent in einem Stadion prangt in dem der DFB zu trainieren gedenkt.

    • Timo sagt:

      Einer mehr, der es eben nicht kapiert hat. Naja, macht (fast) nichts, sonst wäre es ja auch langweilig. Könnte jetzt lange Schwallern, wie sehr Du Dir selbst widersprichst, aber man merkt am Text, es ist vergebene Mühe. Bleib also in DEINER Welt und lass uns unsere!
      Forza!

    • dietmar jezior sagt:

      Ach Hach,
      “Fußballfzntionäre und -profis sind nämlich keine Politiker und haben in der Regel keine passende Ausbildung genossen.”
      Da könnte ich Dir aber viele nennen. Wo macht mensch denn eine Ausbildung zum Politiker? Ist das jetzt ein Lehrberuf und nur noch Qualifizierte dürfen ihre meinung kundtun?
      Nicht nur “KEINEN FUSSBALL DEN FASCHISTEN” sondern ein kräftiges “SCHLAGT DIE FASCHISTEN WO IHR SIE TREFFT.”

  7. Gehacktes sagt:

    “Wir empfehlen Ihnen daher, Ihren Wunsch entweder rechtzeitig vor einem Länderspiel an den entsprechenden DFB-Landesverband heranzutragen, am besten schriftlich auf offiziellem Vereinspapier zu Händen des jeweiligen Geschäftsführers, Adressen der Verbände im Bereich Regional- und Landesverbände, oder über http://www.mcdonalds.de zu gehen.”

    Quelle: http://www.dfb.de/index.php?id=511204

    so ist das nämlich. Hach, mir wird schlecht.

  8. Chr. Ditsch sagt:

    Sehr geehrter Herr Niersbach,
    wenn sie Besuch bekommen, lassen Sie den Besuch alles was ihm nicht gefällt abdecken oder verstecken? Den röhrenden Hirsch, die Eichenholz-Schrankwand oder was immer bei Ihnen im Wohnzimmer so ist.
    Gewiss nicht.
    Warum aber nimmt der DFB sich das Recht heraus, sich Stadien nach eigenem Gutdünken umzugestalten, wenn dort Aussagen zu lesen sind mit denen Sie oder Ihre Organisation nicht zufrieden sind. Sie wissen, dass der FC St. Pauli ein Verein mit klar antifaschistischer Haltung ist. Sie wissen, dass das dort im Stadion für jeden Mensch zu lesen ist – “Kein Fußball für Faschisten”.
    Sie sind zu Gast (wenn auch zahlender) in unserem Stadion und lassen erstmal das wofür unser Verein steht abhängen. Gelinde gesagt, das ist eine Frechheit!
    Wenn Ihnen Meinungsäußerungen in Stadien nicht passen, gehen Sie und Ihre Organisation doch da hin, wo solch Ungemach nicht zu finden ist. Mir fällt spontan Quatar oder Brasilien ein. Dort finden Sie bestimmt entsprechende Rahmenbedingungen und garantiert keine Meinungsäußerung die Ihnen nicht passt.
    Dass Sie mit Ihrer Organisation für “Toleranz” und “gegen Rassismus” stehen, das glaubt Ihnen, zumindest im Millerntorstadion, kein Mensch mehr. Diese Aktion beim Training Ihrer Mannschaft ist ein Schlag ins Gesicht aller Menschen die sich gegen Rassismus engagieren! Ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die Opfer rechter Gewalt wurden und der Angehörigen der Überlebenden!
    Tun Sie und Ihre Organisation all denen einen Gefallen und entschuldigen Sie sich für diese Aktion und verstecken sich nicht hinter peinlichen DFB-Regularien.
    Mit erbosten Grüßen, Chr. Ditsch

  9. Banana Joe sagt:

    Tauscht die Faschisten gegen Rassisten aus und der DfB kann eigentlich nichts mehr gegen die Aussage sagen. Faschismus ist eine politische Ideologie, Rassismus ideologieübergreifende Idiotie. Es gibt mehr als genug Beispiele von Rassisten, die per definitionem keine Faschisten sind. Nehmen wir mal die Amerikanische Regierung mit ihren Rassengesetzen bis in die 60er, das südafrikanische Arpardheitsregime oder der antisemitische Stalinismus. nichtsdestotrotz: Schäm Dich, DfB.

  10. umsturzvegan sagt:

    Ein Verband der nach wie vor die Peco Bauwens Medaille an Schiedsrichter vergibt und dies trotz der sogenannten “Sieg Heil Rede” Bauwens (1. DFB Präsident nach dem 2. Weltkrieg) 1954 und seiner stramm nationalistischen Haltung, der hat aus der Geschichte nichts gelernt!

    Jemand sollte den DFB mal “neutralisieren” … dämliche Wortwahl.

  11. Pingback: FCSP 2-2 Aue, 11.05.2014 Wer es nicht fühlt… « Sankt Pauli Province Fanatics

  12. jmk sagt:

    Dem Grittner Leseschwäche unterstellen, aber in obigem Text Grammatik und Rechtschreibung vergewaltigen.

  13. Pingback: “Kein Fussball den Faschisten” T-Shirt | Übersteiger-Blog

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