Kinonächte am Millerntor – in diesem Sommer ohne Kino 3001

Ich hatte in den letzten Tagen immer mal wieder Werbung auf Facebook für „Sommerkino am Millerntor“ gesehen und mich noch gewundert, dass es irgendwie anders aussah als sonst. Wirklich gestolpert darüber war ich aber auch nicht.

Heute kam dann die Aufklärung, gleichzeitig auch ein ziemliche Überraschung:
Der langjährige Partner, das 3001 Kino, wird die beliebten Filmnächte in diesem Jahr nicht anbieten, stattdessen wurde das Millerntor aus „wirtschaftlichen Gründen“ an einen Mitbewerber (die Outdoor Cine GmbH, die u.a. auch das Open Air Kino im Schanzenpark veranstaltet) vermietet.

Die Stellungnahme des 3001 Kino dazu, findet ihr hier.

Die Filmnächte am Millerntor wurden durch das 3001 Kino zehn Jahre lang veranstaltet, man war auch in der „RETTER“-Zeit für den Verein da. Darüber hinaus ist man ein im Stadtteil fest verwurzeltes und beliebtes Programm-Kino, welches sich seine Nische fernab des Mainstream gesucht und gefunden hat, was in Zeiten von SuperHD- und 3D-Kinos sicher nicht die einfachste Spielwiese ist.
Und nun kommt ausgerechnet der FC St.Pauli, bekanntlich „non established“, und ballert in bester Gentrifizierungsmanier wegen ein paar Euros eben diesen Partner aus dem Stadion, um ihn durch eine andere Firma zu ersetzen?

Simpel gesagt: Ja, so ungefähr zumindest.

Wie ich in einem Telefonat mit Vereinspräsident Oke Göttlich feststellen durfte, lässt es sich tatsächlich erst mal so zusammenfassen, auch wenn die Beweggründe dahinter natürlich um Einiges komplexer sind.
Und ob das Team bei besagter Outdoor Cine GmbH nun das personifizierte Böse ist, kann ich nicht beurteilen, in der Filmwelt stecke ich nun wahrlich nicht drin. Immerhin ist unter den Medienpartner auf der Website aber auch das Hinz&Kunz und das Open-Air Kino im Schanzenpark hatte ich bisher tendenziell eher positiv in Erinnerung.

Der zeitliche Ablauf gestaltete sich jedenfalls ungefähr wie folgt:
Der Verein (bzw. zunächst die Service GmbH) bekam von den Betreibern des Open Air Kino im Schanzenpark unaufgefordert ein Angebot zugeschickt, welches unterm Strich eine Mehreinnahme in Höhe eines fünfstelligen Betrages garantierte.

In der aktuellen Situation des Vereins, in der ein Abstieg in die 3.Liga ja nicht ausgeschlossen werden konnte (und kann), muss der Verein sich gegenüber dem Aufsichtsrat und dem Betriebsrat natürlich für seine finanziellen Entscheidungen rechtfertigen, ist seinen Mitarbeitern (und dem Erhalt derer Arbeitsplätze) gegenüber verpflichtet und muss nach Erlössteigerungen und Kostensenkungen suchen, so Göttlich.

Und nun kommt eben der Moment, wo man für sich entscheiden muss, in welcher Situation der Betrag aus Verpflichtung gegenüber dem Stadtteil (und in diesem Fall ja auch einem langjährigen Partner) wichtiger ist als das Geld, wo vielleicht auch die finanzielle Grenze für solche Entscheidungen liegt.
Wahrscheinlich wäre bei fast allen anderen Vereinen der ersten drei Ligen so eine Entscheidung genauso ausgefallen, es hätte nur danach sich niemand beschwert.
“That’s business!”, oder so.
Nun ist der FC St.Pauli eben nicht “jeder andere Verein” und daher ist es auch gut, wichtig und richtig, dass das 3001 Kino sich öffentlich geäußert hat. Und insbesondere ein Satz steht in der Äußerung, der einen aufhorchen lässt:

Trotz persönlichen Anschreibens von Vorstand, Präsidium, Aufsichtsrat und Ehrenrat haben wir bis heute keinerlei Reaktion auf unsere Briefe bekommen.

Das klingt allerdings sehr scheiße und passt gar nicht, insbesondere nach zehn erfolgreichen gemeinsamen Durchführungen. Damit konfrontiert gesteht Oke Göttlich dann auch unumwunden einen großen Fehler ein: Mitte April hatte man eine ausführliche Erklärung gegenüber dem 3001 Kino verfasst, abgestimmt… und, wie sich dann erst heute herausstellte, versehentlich nicht abgeschickt.
Darf nicht passieren, insbesondere in so einer sensiblen Sache? Ja, stimmt. Sieht auch der Verein so.
Ist trotzdem passiert.
Inzwischen ist der Brief dann wohl unterwegs, das Kind liegt aber natürlich schon im Brunnen.

Geändert an der sachlichen Entscheidung hätte es auch nichts, für mehr Verständnis beim langjährigen Partner hätte man so aber vielleicht zumindest sorgen können.

Und die Entscheidung an sich?
Tja, wer will das beurteilen? Ab welcher Summe ist so eine Entscheidung vertretbar, wenn unterm Strich Arbeitsplätze im Verein dadurch gesichert werden können, zumindest anteilig? Und mit dem großen Blick aufs Ganze, natürlich in Kombination mit vielen anderen Entscheidungen in ähnlicher Größenordnung, jede für sich vielleicht mit “Ach, sind doch nur xx.xxx €”? Wie viel Verantwortung trägt der Verein für Unternehmen im Stadtteil, wie existenziell ist die Veranstaltung für das Kino?

Unterm Strich bleibt, dass die Filmnächte des 3001 Kino eine liebgewonnene Einrichtung am Millerntor waren, die es in diesem Sommer so nicht mehr geben wird, bzw. von einem anderen Anbieter kommen.
Der Eintrittspreis für Vollzahler bleibt mit 8,-€ gleich, der Preis für Ermäßigte steigt allerdings von 5,-€ auf 7,-€.

Das konkrete Programm ist noch nicht veröffentlicht, bisher steht nur “Honig im Kopf” als erster Film an, der mit dem Thema Alzheimer zumindest nicht das Klischee des Popcorn-Kinos erfüllt, Til Schweiger hin oder her.

Es muss nun (wie jedes Jahr) jeder für sich entscheiden, ob und wie oft man das „Sommerkino am Millerntor“ besucht. Alternativ freut sich das 3001 Kino sicher über jeden Besucher, egal zu welcher Jahreszeit.
Und vielleicht bleiben wir ja drin, rocken nächstes Jahr Liga UND Pokal und in einer perfekten Welt würden sich beide Kinos dann im Sommer 2016 vielleicht sogar die Veranstaltung teilen.

Man wird ja noch träumen dürfen, gerade beim Thema Film. // Frodo

Links:
Kiezkicker
St.Pauli Blog im Abendblatt

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Kinonächte am Millerntor – in diesem Sommer ohne Kino 3001

  1. Kiezkickerde sagt:

    Danke für deine “Printzine” – mäßige Nachrecherche, die dann ja grob das bestätigt, was ich in http://www.kiezkicker.de/kiezkicker/2015/filmnaechte-am-millerntor-ohne-die-macher-wtf-fcsp/ mutmasste – steigende Preise. Und zwar ausschließlich für diejenigen, die wenig Geld zur Verfügung haben, während man es sich mit den Gentrifizierern 😉 nicht verderben möchte – ich mein, eine Preissteigerung von 5 auf 7 Euro ist nicht ohne. Klar ist das immer noch günstiger als in den großen Kommerz-3D-Surroundmultiplexkinos – aber trotzdem ist das nun in etwa das, was man als Hartzer pro Tag zur Verfügung hat. Hätte man eher die Vollzahlerpreis auf das Niveau von Cinemax und Co. heben können, hätte da vermutlich niemanden gestört, die üblichen 13 Euro zu bezahlen – wäre denen sicherlich nicht mal aufgefallen, dass Freiluftkino von Stadtteilkinos auch günstiger sein kann, um einigermaßen kostendeckend zu sein.

    Und zum Thema “Brief vergessen abzuschicken” sage ich besser nichts. Was mir passieren würde, wenn ich das ggbf. vergessen würde, wäre ggbf. eine Absenkung vom Existenzminimum auf Existenzminimum-30%.
    Da muss man ja glatt schon froh sein, dass es nur ein so verhältnismäßig unwichtiger Brief war – und nicht bloß so Dinge wie die Lizensierungsauflagen. Arghs, was für ein Dilitantismus. Wie kann man vergessen, einen Brief abzuschicken?!? Wie? Haben die keinen “Postausgang”, wo die dann halt drin liegen?

    “Honig im Kopf” ist Popcornkino. Nicht wegen Til Schweiger, sondern weil es halt längere Zeit im Popcornkino lief. Ein guter Film – der aber _sicher_ bald auch im TV zu sehen sein wird. Wegen dem gehe ich, wie ich schon bei mir schrieb, sicher nicht in ein OpenAirKino, zahl da 8 Euro für, dann noch 3, 4 Euro für ein Getränk – sondern warte halt darauf, ihn mir in der Glotze anzusehen.
    Ja, klar ist Kino auch ein Erlebnis für sich – aber das hebe ich mir bei den wenigen Kinobesuchen, die ich mir pro Jahr gönnen kann (“gönnen” nicht nur aus finanziellen Gründen) sicher eher für Filme auf, die ich auf absehbare Zeit _nicht_ im Fernsehen sehen werde können. Und ich glaube nicht so wirklich daran, dass die jetzigen Betreiber da für mich passende Filme im Programm haben werden – wenn ich mir in Erinnerung rufe, was von denen im Hotelvorgarten vom Mövenpick gezeigt wurde.

    Nein, das passt so nicht, und mir hat es die Vorfreude auf sommerliches Freiluftkino im Millerntor heute komplett versaut. Das wird nicht mehr meine Lieblingsveranstaltung in der Sommerpause werden.

  2. Sven sagt:

    Outdoorcine ist vermarktungsseitig deutlich aktiver aber das macht sie nicht zum RB Leipzig für Cineasten. Nur die ermäßigten Tickets zu erhöhen wäre dann allerdings richtig dämlich von der Signalwirkung.

    @kiezkicker: Dafür, dass Möwenpick ein Hotel in den Hinterhof des Schanzenkinos gebaut hat, können die doch nichts. Die waren ja zuerst da. Das Programm des Schanzenkinos hat sicher einen niedrigeren bolivianisches Autorenkino Anteil, hatte aber auch Überschneidungen in den Filmen in den letzten Jahren.

  3. Pingback: Filmnächte am Millerntor - ohne 3001-Kino

  4. Kiezkickerde sagt:

    Sven: Natürlich können die nichts dafür, weiss ich doch auch. Aber ein wenig polemisieren wollte ich halt doch. 😮
    ——-
    Übrigens zum “Der Verein (bzw. zunächst die Service GmbH) bekam von den Betreibern des Open Air Kino im Schanzenpark unaufgefordert ein Angebot zugeschickt” steht das im St. Pauliblog vom Abendblatt, auf dem du hier nun verlinkst, ein klein wenig anders, nämlich so, dass der FC St. Pauli auf die Kinomacher aktiv zuging. Das ist was anderes, als auf ein unverbindliches Angebot der Kinomacher zu reagieren.

Kommentare sind geschlossen.