Ohne Liebe keinen Fußball

Unter dem Titel „Fußballromantik – nichts als Nostalgie?“ trafen sich auf der Eröffnungsveranstaltung von Fußball und Liebe, das Festival von 1910 e.V. am Donnerstag hochkarätige Fußballfunktionäre und Fans zu einer Podiumsdiskussion.

Unter der souveränen Leitung von Christoph Nagel (1910 e.V., Viva St. Pauli-Schreiber und Buchautor) war sich das Podium aus Andreas Rettig (scheidender DFL-Geschäftsführer), Axel Hellmann (Finanzvorstand von Eintracht Frankfurt), Sandra Schwedler (FCSP-Aufsichtsratsvorsitzende), Michael Oenning (ehemals Trainer 1. FC Nürnberg und HSV), Stuart Dykes (FC United Manchester) und Wolfgang Niedecken (BAP und bekennender 1.FC Köln-Fan) schnell einig, dass Fußball ohne Romantik keinen Bestand hat. Oder in den Worten von Andreas Rettich, Fußball sei für ihn zu Beginn ein schöner Nachmittag mit Freunden im Stadion seines Lieblingsclubs, Pappbecher, Bratwurst und Bier gewesen. Für Wolfgang Niedecken geisterte Hans Schäfer durch sämtliche Radioberichte über Fußball, egal ob als Torschützenkönig der Oberliga West oder als Nationalspieler. Er war für Klein-Wolfgang wie Tarzan oder Elvis. Daher konnte der spätere Rockstar nur 1. FC Köln-Fan werden, obwohl sein Nachbar der berühmte Präsident von Fortuna Köln Jean Löring war.

Wolfgang Niedecken - (c) Arne Andersen

Wolfgang Niedecken – (c) Arne Andersen

Alle waren sich auch einig, dass eine Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen zerbrechen kann, die Liebe zum Lieblingsverein aber ewig hält. Allerdings kann diese Liebe auch Risse bekommen, wie Stuart Dykes ausführte. „Sein“ Manchester United verwandelte unter dem US-amerikanischen Investor Glazer die Fans zu Kunden. Bier und Fahnen waren nicht mehr erlaubt, Sitzplätze Pflicht, die Dauerkarte wurde für den normalen Fan fast unerschwinglich.
Das Durchschnittsalter der Dauerkartenbesitzer liegt bei ManUtd bei 51 Jahren, Tendenz steigend. Junge Fans im Stadion – Fehlanzeige. Diese von Profitinteressen verschmähte Liebe führte dazu, dass Dykes mit Freunden einen neuen Fußballclub gründete: FC United Manchester. Der Bericht von Dykes war für mich der Höhepunkt der Veranstaltung. Als neu gegründeter fanbasierter Club griff er auf die Anfänge des Vereinswesen zurück. Über 300 Volunteers sorgten an den Spieltagen für einen reibungslosen Ablauf. Die Ticketpreise seien moderat und die Preise für die Dauerkarten könnten die Fans selbst festlegen (Als Minimum gelten 80 Pfund). Zwar sprachen in der Schlussrunde einige Diskutanten vom zunehmenden Einfluss von Fans auf die Vereine, doch was diese Fankultur für Deutschland und auch für den FC St. Pauli bedeutet, wurde leider nicht vertieft.

v.l.n.r.: Rettich, Oenning, Hellmann, Schwedler, Nagel, Niedecken, Dykes

v.l.n.r.: Rettig, Oenning, Hellmann, Schwedler, Nagel, Niedecken, Dykes – (c) Arne Andersen

In einem wichtigen Diskussionsbeitrag beklagte sich Oenning über den zunehmenden Druck gerade auch für die Trainer. Es gelte das hire and fire – Prinzip und häufig würden neue Trainer nicht nach der Philosophie – soweit sie denn eine haben – eines Clubs ausgesucht, sondern die Auswahl hafte einer gewissen Beliebigkeit an. Auch beklagte er, dass zu wenig für die Identifikation der Spieler mit den Vereinen getan werde.
Wolfgang Niedecken zeigte Verständnis für die jungen wechselwilligen Spieler, denn sie hätten häufig nur zehn Jahre in ihrem Beruf und müssten eben auf Vertrag und Geld schauen, dennoch sei er beeindruckt gewesen von Christian Springer, der 1995 -1998 neunzig Spiele beim FCSP bestritt und dann nach Köln wechselte. Obwohl er dort bis zum Karierende 2006 blieb, war er immer noch mit dem Herzen auf St. Pauli.

In der Schlussrunde ging es noch einmal ums Geld. Man würde sich auch nicht gegen Geldgeber – so Dykes – wenden, aber hier gelte: Jeder habe nur eine Stimme im Verein, egal ob er 200 oder 2 Mio. Pfund investiere. Unisono beklagten sich alle Podiumsgäste über den zunehmenden Kapitalisierungsdruck, Rettig machte sich noch einmal für die 50+1 Regelung stark, die die DFL auch gegenüber einer Klage von Hannover 96 Präsident Kind verteidigt habe. Hellmann (Eintracht Frankfurt) sprach davon, man dürfe nicht alles kapitalisieren. So würden erhöhte TV-Gelder bei ihnen z.T. den Fans für verbilligte Dauerkarten zurückgegeben. Zwar war man sich in der Ablehnung von dem Geschäftsmodell RB Leipzig (Fußballclub übernehmen/gründen, um ein Produkt zu protegieren) einig. Insgesamt blieb hier die Diskussion aber im Vagen. Dykes unterschied zwischen kapitalbasierten und fanbasierten Fußballclubs, ob auch erstere (gute Investoren) den Zwang zur Kapitalisierung aufhalten, blieb offen.

Wolfang Niedecken fasste die Diskussion an diesem Punkt treffend zusammen. „Kapitalismus ist Verdrängungswettbewerb. Jeder muss entscheiden, wie weit er das mitmachen will.“

Gerade der letzte Teil erinnerte mich an das durch Reich-Ranicki abgewandelte Brecht-Zitat: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ // arne

Link:
Bericht auf der Vereinshomepage

 

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