Der Antrag

Die Meldung des KICKER gestern Abend war dann ja doch ein kleiner Aufreger. Der FC St.Pauli hat (bereits am 10.November) einen Antrag an die DFL gestellt, dass auf der DFL-Mitgliederversammlung am 2.Dezember folgendes beschlossen wird: Vereine, die dank Ausnahmegenehmigung von der sonst gültigen “50+1 Regel” befreit sind, werden von den Erlösen aus der zentralen Vermarktung (TV, Spielball etc.) ausgeschlossen.

Konkret würde dies bedeuten, dass die 100%igen Bayer- und VW-Töchter Leverkusen und Wolfsburg sowie die im Besitz von Hopp befindliche TSG Hoffenheim nicht mehr an den TV-Erlösen partizipieren.
Zur Erklärung: Diese schlüsseln sich aus der 5-Jahres-Wertung der DFL auf, in denen die letzten fünf Saisons summiert werden, wobei die aktuellen Jahre jeweils schwerer ins Gewicht fallen. Außerdem, dies könnte später noch interessant werden, sind diese Tabellen für die 1. und 2.Liga getrennt. Der Tabellenletzte der 1.Liga in dieser Wertung (dieses Jahr Darmstadt 98) bekommt also immer mehr Geld als der Tabellenerste in Liga 2, auch wenn dieser weniger Punkte aus den letzten fünf Jahren erzielt haben sollte.

Der Aufschrei war erwartbar und erfolgte jetzt in Form eines gemeinsamen Schreibens der drei Vereine, ergänzt durch die vorauseilende Solidarität von Hannover 96, für die ab 2017 auch eine Ausnahmegenehmigung auf Anfrage erteilt werden könnte, da Martin Kind dann 20 Jahre als Sponsor fungiert, was Voraussetzung für die Ausnahme ist.
Schon auch erstaunlich, wie einig man sich dann plötzlich in solchen Fällen ist. Nicht.

In Anbetracht der Tatsache, dass eine (wie auch immer geartete) “gerechtere” Verteilung der (insbesondere) TV-Gelder seit Jahren zu den Diskussionsfeldern innerhalb der DFL gehört, durchaus ein smarter Move des FC St.Pauli, offensichtlich initiiert von Andreas Rettig, der sich in seiner Funktion bei der DFL in den letzten Jahren sicher auch schon häufig Gedanken rund um die Thematik gemacht haben wird und im Zweifel auch schon viele informelle Gespräche mit anderen Vereinen geführt haben dürfte.
Es ist also kaum zu erwarten, dass St.Pauli mit dem Vorschlag im Regen stehen wird, auch wenn das Schreiben der anderen vier Vereine dies versucht so darzustellen.
Auch eine Aufkündigung der Solidargemeinschaft, wie im Schreiben mehrfach betont, ist hier nicht wirklich zu sehen, vielmehr haben besagte Vereine ja durch die Ausnahmegenehmigung selber schon den Weg beschritten, auch wenn dies in den Fällen Bayer und VW eher historisch gewachsen ist.

Man wird den Antrag also wohlwollend “smart und geschickt” nennen können, umgekehrt aber auch “populistisch und nicht zu Ende gedacht“,  je nach Sichtweise und Vereinsbrille. Denn ähnlich wie bisherige Forderungen wie die Verteilung nach Zuschauerzahlen oder Einschaltquoten hat natürlich auch dieser Antrag Schwächen und nicht die eine goldene Lösung, bei der alle Hurra schreien. Allerdings ist Andreas Rettig clever genug, um beide Sichtweisen bedacht zu haben, ich unterstelle ihm hier also schon bewusstes Kalkül, dafür ist er gerade in dieser Thematik viel zu bewandert um irgendwas halbgares einzureichen, ohne sich mit möglichen Alternativen für die Diskussion als solche gewappnet zu haben.
Und zu einer solchen Diskussion gehört eben auch, erst mal mit der Maximalforderung an den Start zu gehen und die Medien einzubinden.
Dem KICKER liegen sowohl der Antrag des FC St.Pauli als auch das Schreiben der vier anderen Vereine (19.November, Donnerstag) vor, es ist also davon auszugehen, dass diese ein mindestens ebenso großes Interesse an einer öffentlichen Diskussion haben.

Kurz zu den bisherigen Diskussionen:
Eine Verteilung nach Zuschauerzahlen (wahlweise Gesamt- oder nach Auswärtsfans) ist schwammig und manipulierbar, wird außerdem durch regionale Faktoren und immense Kilometerunterschiede oder durch die Schwierigkeit der Anstosszeiten teilweise ausgehebelt.
Einschaltquoten unterliegen ebenfalls der Schwierigkeit der Ansetzung, denn natürlich ist ein Einzelspiel hier mit mehr Zuschauern ausgestattet als eine Partie mit drei-vier Parallelspielen.
Und bei diesem Antrag? Es ist objektiv klar bemessen, wer eine Ausnahmegenehmigung hat und wer nicht, klar. Allerdings wäre dann jetzt die Diskussion zu eröffnen, was z.B. RB Leipzig (Red Bull) oder den FC Bayern (mit seinen “strategischen Partnern” Adidas, Allianz und Audi) von den genannten Vereinen unterscheidet.
Klar, beide sind ein eingetragener Verein und auf dem Papier erfüllen sie die 50+1 Regel.
Sollte der Antrag aber durch gehen, ist davon auszugehen, dass es lediglich neue Möglichkeiten geben wird, die Regel kreativ zu umgehen, vielleicht finden sogar Leverkusen und Wolfsburg dann Mittel und Wege, nach außen hin diese Regel wieder neu zu erfüllen.
Ein (nach außen) kommunizierter Ausstieg von VW wäre aktuell vielleicht sogar ein Königsweg für beide Seiten.

Auch schwierig ist es natürlich, wenn die Vereine komplett von den TV-Geldern ausgeschlossen werden, denn natürlich gehören sie weiterhin zum “Gesamtkonstrukt” und sind im Paket TV-Vermarktung ja enthalten. Man müsste ihnen dann ja konsequenterweise einräumen, sich selbst zu vermarkten, alles andere ist schwer vermittelbar. Dies würde aber auch bei Vereinen wie Bayern oder Dortmund eventuell Begehrlichkeiten wecken, die man so als anderer Verein auch eher nicht wollen dürfte.

Noch nicht online zu finden, aber im Print, beschreibt der KICKER daher bereits auch eine Variante des Antrags, den der FC St.Pauli auf der Versammlung abstimmen lassen möchte: Statt die Vereine ganz von den Geldern auszuschließen, werden sie für jede Saison mit Punktabzügen bestraft. In der Geld-Tabelle, wohl gemerkt, nicht im Liga-Betrieb, klar.
Und damit komme ich zurück zu obiger Anmerkung, dass die Tabellen für beide Ligen getrennt geführt werden. Denn wenn dies beschlossen werden würde, würde sich für den FC St.Pauli (aktuell) keinerlei Vorteil ergeben, da die drei/vier betroffenen Vereine allesamt in einer anderen Liga (sprichwörtlich) unterwegs sind.

Unterm Strich ist der Antrag also durchaus clever, weil er die Diskussion neu entfacht, kurz bevor der nächste TV-Deal Tatsachen für die nächsten Jahre schaffen wird. Ob er die Verteilung dieser Gelder noch beeinflussen wird, selbst wenn man ihn annimmt, ist zwar ungewiss, aber er schafft die Grundlage für Diskussionen.

Und er zeigt das auf, was man sich seit der Neuwahl des Präsidiums beim FC St.Pauli und erst Recht nach der Verpflichtung von Andreas Rettig auf die Fahnen geschrieben hatte und von außen auch erhoffen konnte: Der Verein ist nicht mehr die Realitätsfremde Fundamentalopposition aus dem “Freudenhaus der Liga”, sondern man versucht ernsthaft und konstruktiv an den Gegebenheiten des Profigeschäfts mitzugestalten. Und man hat mit Rettig jemanden im Boot, der Gehör findet im Profifußball (No offense, Martin Kind).
Am Ende kommt dieser Antrag wahrscheinlich so nicht durch, vielleicht auch der angedeutete Alternativvorschlag nicht, aber es kommt Bewegung in ein festgefahrenes System, welches vielleicht in der aktuellen Auslegung nicht mehr ganz zeitgemäß ist.
Dass die davon Profitierenden daran festhalten wollen ist klar, allerdings ist es sehr fraglich ob sie dafür eine Mehrheit finden werden.

Man darf gespannt sein, in welche Richtung sich die Diskussion entwickelt und wie eine neue Lösung am Ende aussehen wird. Viel zu verlieren hat der FC St.Pauli dabei nicht wirklich, auch wenn dies von den anderen Vereinen so dargestellt wird. Er kann aber einiges gewinnen. // Frodo

P.S. Es gab im Verlauf des Tages dann viele mehr oder weniger qualifizierte Äußerungen dazu. Der Verein reagierte dann auch, mit einem Tweet:

Links:
Magischer FC – Blog (inkl. 1860-Bericht)
effzeh.com
– Die WELT
NDR
Tagesspiegel
– Spiegel Online
– TAZ

Dieser Beitrag wurde unter Verein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten auf Der Antrag

  1. Curi0us sagt:

    Danke für den Artikel.

    Ich finde spannend, dass in “Kommentaren im Internet” schon recht häufig “Dummheit und Naivität” bei St. Pauli vermutet wird. Gerade durch die Personalie Andreas Rettig gehe ich davon aus, dass hier sehr geplant und klug vorgegangen wurde. Oke Göttlich hat ja schon angedeutet, dass die Verbandsarbeit durch Andreas Unterstützung deutlich gewonnen hätte – auch was Absprachen mit anderen Vereinen angeht. Ich gehe daher wirklich davon aus, dass es zumindest ausreichend “Mitstreiter” gibt, was dieses Thema angeht.

    Übrigens auch mal wieder bezeichnend, dass das Thema nicht durch den Antrag(steller) öffentlich gemacht wird, sondern durch die Reaktion der Antraggegner. Parallelen zur Refugees/Boulevardpresse-Story von neulich sind sicher kein Zufall.
    Bin sehr neugierig, wie das ganze ausgeht.

    Darüberhinaus freue ich mich fast noch mehr darüber, dass der FC St. Pauli eben versucht gestalterisch zu wirken, anstatt nur mit am Tisch zu sitzen und sich bestenfalls mal durch eine unpopuläre Gegenstimme oder Enthaltung bemerkbar zu machen.

    Ich weiß, warum ich hier stehe. Mal wieder.

  2. Arne sagt:

    Ich könnte mir auch vorstellen, dass es sich hier um ein geschicktes taktisches Manöver handelt, um die Diskussion zur Verteilung der TV-Gelder neu zu beleben. Schon im TAz-Salon Anfang des Jahres herrschte große Einigkeit zwischen HSV, Werder und uns, die Tv-Gelder nach einem anderen Schlüssel (einschalquote) zu verteilen.
    Der ehemalige Präsident vom VfL Osnabrück, Dirk Rasch, hat sich in seinem lesenswerten Buch “Rettet den Fußball” dafür stark gemacht, die TV-Gelder gleichmäßig auch alle Profivereine zu verteilen. Das wäre für mich der beste Vorschlag. auf jeden Fall ist die Diskussion eröffnet.
    Arne

  3. Pingback: München ist keine Reise wert (und DFL-Gedöns) » Magischer FC | Ein Sankt-Pauli-Blog

  4. Pingback: Der FC St. Pauli macht den Watzke | rotebrauseblogger

  5. Pingback: ÜBERSTEIGER #122 erscheint Sonntag gegen den Glubb | Übersteiger-Blog

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.