22.Spieltag (H) – Karlsruher SC

Sollte man demnächst mal praktisches Anschauungsmaterial für die Verwendung von „sich befreit fühlen“ suchen, so wäre Videomaterial vom Montagabend aus dem Millerntor hierfür sicher geeignet, zumindest wenn man es mit Team Braun-Weiß hielt.
Von Anfang an eine breite Brust, die spätestens mit dem Führungstreffer auch alle Ketten sprengte und den Karlsruhern nonverbal zu verstehen gab, dass hier heute Abend nichts zu holen sein würde.

Es begann alles noch mit einer leichten Nervosität beim ÜBERSTEIGER-Verkauf, ob denn das angetackerte Konfetti vielleicht schon bei Hells Bells geworfen werden sollte, falls es danach nichts mehr zum Jubeln geben sollte.
Mein Standardsatz beim Verkauf war jedoch ein optimistisch serviceorientiertes:
Hier, mit Konfetti in der Tüte. Bitte zum geeigneten Zeitpunkt ekstatisch in die Luft schleudern. Vorher öffnen!
Letzteres haben offensichtlich nicht alle mitbekommen, wir brauchen nächstes Mal also doch eine Gebrauchsanweisung (Symbolvideo).

Vielfach wurde auch gefragt, ob denn da Gras drin sei… nun, verkaufsfördernd wäre dies wohl, den seit Jahren feststehenden Preis von 1,60€ könnte die Redaktion aber wohl dann nur schwer halten.
Immerhin einmal fragte mich auch jemand, was er mit dem Kondom denn machen solle. Festgetackerte Kondome, eine Marktlücke.
Nach dem Spiel lief der Verkauf übrigens auch noch mal deutlich besser, Siege ziehen Euch also offensichtlich das Geld leichter aus der Tasche.
Geänderter Verkaufsspruch:
Hier, mit Konfetti. Kannste auf dem Heimweg nochmal so richtig eskalieren!

Zurück zum Sport:
In der Anfangsphase war der KSC noch ebenbürtig, doch während wir in der Hinrunde viele „50/50-Zweikämpfe“ (Zitat Mirko Slomka) noch verloren, so waren diese an diesem Abend meist zu unseren Gunsten beendet worden. Oder die KSC-Defensive offenbarte schlicht falsche Laufwege oder generell falsche Entscheidungen, so auch beim 1:0.

Aus dem Block 1 & 2 gab es übrigens viele komische Blicke in Richtung Mats Møller Dæhli ob dessen Jubel, denn schließlich hatte doch Cenk Sahin das Tor erzielt.
Dachten viele, so auch ich.
Den vom Innenpfosten zurückspringenden Ball hatten die meisten schon drin gesehen – und in besagter Hinrunde wäre er wahrscheinlich einfach irgendwohin gesprungen, aber sicher weder ins Tor noch zu einem unserer Spieler… oder der hätte dann im Abseits gestanden und sich beim Torabschluss noch dazu schwer verletzt.

Aber diese Zeiten sind vorbei, es läuft neuerdings bei uns.
Ja, da war noch die ein oder andere Karlsruher Chance, doch irgendwie hatte man an diesem Abend das Gefühl, die Mannschaft hätte komplett Felix Felicis getrunken (Ja, googelt das notfalls), da konnte einfach nichts mehr schief gehen.
Und im Zweifel war dann eben dort immer noch Philipp Heerwagen. Wir hatten es im MillernTon ja schon mehrfach thematisiert, inzwischen sehen es wohl auch die Medien so: Wenn nichts außergewöhnliches mehr passiert, spielt er bis zum Saisonende durch. So leid es mir für Robin Himmelmann tut. Und ich hoffe, dass er das dann irgendwie runterschluckt, zur neuen Saison steht er dann wohl auch wieder im Kasten.

Die zweite Hälfte war dann pure Magie, wie man sie aus den letzten Jahren meist nur am letzten Heimspieltag kannte, wenn es oft um nichts mehr ging und die Mannschaft losgelöst von Ergebnisdenken wilde Sau spielen konnte und die Gegner das mangels Eigeninteresse zuließen.
Das zweite Tor war für mich schon die Entscheidung, wenn dann natürlich direkt hinterher die Treffer drei und vier fallen dann bricht natürlich alles auseinander. Beim KSC war dies die (ernsthafte) Gegenwehr, bei uns der unbedingte Wille weiterzumachen. Er wich dem eingangs erwähnten Gefühl von Befreiung.

Schon nach dem 3:0 gab es zaghafte „Nur noch fünf!“-Rufe aus dem Block 1, spätestens nach dem 5:0 waren die „Nur noch drei!“-Rufe dann wohl auch flächendeckend zu hören, zumindest wurden Rettig und Lienen in den Interviews nach dem Spiel drauf angesprochen. In Zeiten, wo man dem Support generell oft mangelnde Spielbezogenheit vorwirft, erfreut man sich ja auch an solchen Kleinigkeiten, auch wenn dies nun sicher kein Kandidat für den Pulitzer-Preis ist. Machte trotzdem Spaß.

Der Rest war ein großes Fest, immer wieder ungläubige Blicke auf die Anzeigentafel. Smartphones machten Fotos eben jener und riefen schon während des Spiels deutlich häufiger als sonst die Blitztabelle auf.

Und einen Punkt- und Torgleichen Verein in so einem Spiel eben nicht nur um drei Punkte sondern auch um zehn Tore zu distanzieren… ja, kann man mal machen.

Nach dem Spiel wurden die Karlsruher Spieler dann am Gästeblock mit Schimpf, Schande und Bierbechern empfangen – und zwar so, dass auch unsere Spieler dies durchaus mitbekamen, ebenso wie der Rest des Stadions.
Während dies bei unseren Jungs wohl den ein oder anderen „Aha“-Effekt hatte, reagierte das Millerntor ganz wunderbar und applaudierte den KSC-Spielern zunächst, rief deren Vereinsnamen und zeigte mit einem „Ihr seid besser, als der hsv!“ dann auch noch den Humor, der einem im Fall des Sieges sicher auch einfach leichter von der Hand geht.
Ich hab keinerlei Stellungnahmen von Karlsruher Spielern zu der Thematik gefunden, aber im Zweifel würden die wohl zukünftig bei einem finanziell ähnlichen Angebot beider Vereine lieber zu uns kommen.
Vermute ich zumindest.

Die vielbeschriebenen zehn Punkte aus diesen vier Spielen haben uns also in so früh nicht zu erhoffende Sphären der Tabelle gespült, es sind nun sogar schon zwei Punkte Puffer zum Relegationsplatz. (Und man stelle sich vor, wir hätten in Bielefeld in den letzten zwanzig Minuten weiter Fußball gespielt… naja.)

Man kann nun also am Samstag nach München fahren und muss zumindest nicht auf Teufel-komm-raus stürmen, sondern kann die heimstarken Löwen erst mal machen lassen und im besten Falle auskontern. Und wenn da am Ende ein Punkt bei runterfällt, dann geht das Leben immer noch weiter.

Trotzdem ist das ganze natürlich auch trügerisch: Nach dem Spiel im Stadion des FC Bayern kommen mit Union und Hannover zwei Topteams der Liga, danach geht es nach Aue.
Wenn sich das Schicksal wieder dreht und wir vier Mal verlieren sollten – nun, dann geht der Hintern aber wieder komplett auf Grundeis.

Aber: So wird es ja nicht kommen. Alles wird gut. // Frodo

Links:
Bilder und Bericht: Stefan Groenveld, “Land in Sicht
Bilder und Bericht Zaphod Beebleblox: “Willkommen im Sahin-Express
Bilder und Bericht: FCSP South End Scum (English)
Bilder und Bericht: FCUM A.D. (English)
Bericht Nice Guys: “Senf dazu #33
Bericht KonBon “Noch 20 Punkte…

 

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6 Kommentare zu 22.Spieltag (H) – Karlsruher SC

  1. Sebastian sagt:

    Das erste Tor hat man im TV auch erst bei der Zeitlupe gesehen.Wir dachten auch,Sahin wäre der Torschütze.

  2. Pingback: Matchday 22: FC Sankt Pauli – Karlsruher SC 5-0!!! | FCSP Athens South End Scum

  3. Stefan sagt:

    Ich wollte nach dem 1:0 auch unbedingt die Wiederholung in der Halbzeitpause im Presseraum sehen. Zwar war mir klar, warum Møller Dæhli jubelte – ich saß ja auch vor der Haupt – aber ich hatte gedacht, er hätte im Abseits gestanden. Er wohl auch, denn sein Jubel wurde von mehreren ungläubigen Blicken Richtung Schiedsrichter unterbrochen. 😉

  4. Roland sagt:

    Schön auch wenn man noch ausm Millerton im Ohr hat, wie schlecht der Blick aus Rainer’s Sprecherkabine ist, mensch ganz sicher eingecenkt gesehen hatte (von Block 1 aus) und dann die Durchsage hört… Solche Geschichten schreibt nur der Fußball!

  5. Pingback: Nur noch 20 Punkte zur Aufstiegsrelegation! FC St. Pauli gewinnt gegen den KSC! | KonBon Blog

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